Biologiestudium Mit lautlosen Killern im LaborSeite 2/2

In der Nacht vorher habe ich ruhig geschlafen, denn meine Kollegin sagt mir erst morgens, dass es heute so weit ist. Ich folge ihr in den Keller, sie verschwindet hinter der Schleusentür. Ich ziehe meinen Schutzanzug an, bin etwas aufgeregt. Ich will keinen Fehler machen, der Anzug muss richtig sitzen, um mich wirklich schützen zu können. Kontrolle im Spiegel, beim zweiten Versuch verrutscht nichts mehr. Der Anzug ist jetzt dicht verschlossen, über einen Schlauch wird Luft hineingeblasen. So atme ich nicht die Luft aus dem Labor ein, und der Überdruck verhindert, dass Viren durch eventuelle Risse in den Anzug gelangen können. Ein Luftschlauch hängt im Umkleideraum, ein zweiter ist im Labor, in der Schleuse dazwischen aber muss ich mit der Luft auskommen, die den Anzug füllt.

Vielleicht ist das der schlimmste Moment, diese 20 Sekunden ohne Atemluft. Die Viren machen mir eigentlich keine Angst. Ich habe das Gefühl, sie zu kennen. Ich beeile mich. Tür Nummer eins: öffnen, durchgehen, schließen. Es wird heiß im Anzug. Tür Nummer zwei, Tür Nummer drei, dann bin ich durch. Der Schlauch rastet ein in der Deckenstation, die Luft rauscht laut an meinem Ohr vorbei, ich atme tief durch. Ich schaue meiner Kollegin bei ihrer Arbeit über die Schulter, mehr darf ich am ersten Tag noch nicht machen.

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Drei Tage später mein erster eigener Versuch: In einer Plastikschale wachsen gezüchtete Fledermauszellen, ich gebe in Flüssigkeit gelöste Ebolaviren hinzu, um nach einer Stunde, einem Tag, zwei Tagen zu messen, ob sich das Virus vermehrt hat. Die Handgriffe kenne ich auswendig, im Schutzanzug aber bewege ich mich wie ein Michelin-Männchen. Jede Bewegung erfordert Kraft, jedes Feingefühl geht verloren. Als ich mir im Labor das dritte Paar Handschuhe überziehe, vergesse ich das Puder. Es sorgt dafür, dass das dritte Paar leichter über das zweite gleitet – ohne Puder stehen die Handschuhfinger jetzt einen Zentimeter über. Ich hole die Zellen aus einem Brutschrank auf die Werkbank und öffne dann den Tiefkühlschrank, wo das Ebolavirus in kleinen Plastikröhrchen lagert. Ich öffne das Röhrchen mit den kaum beweglichen Handschuh-Fingern, sauge die Flüssigkeit mit einer Pipette auf und spritze sie auf die Zellen.

Meine Hände haben noch nie so gezittert. Der erste Schritt klappt gut. Eine Stunde später aber muss ich die Flüssigkeit aus der Zellkultur mit der Pipette aufsaugen und in ein kleines Plastikröhrchen umfüllen. Der Schweiß läuft mir über den ganzen Körper, die Luft rauscht. Aber ich treffe, die Probe ist gerettet. Die Anspannung lässt nach. Und dann wird mir klar: Das war’s. Mein erster Versuch. Ich öffne die Labortür und dusche im Anzug in einer Säurelösung, um sicherzugehen, dass keine Erreger nach draußen gelangen.

Dustin Hoffman gewinnt in letzter Minute ein Gegenmittel aus dem Blut eines Affen, die Bürger der Kleinstadt sind gerettet. Er ist der Held, großer Jubel, Ende. Als ich aus der Schleuse trete, bin ich bloß nass geschwitzt, erschöpft und ein bisschen stolz. Einen Abspann wie im Film gibt es nicht, meine Forschungsarbeit fängt ja auch erst richtig an.

Protokoll: Simon Kerbusk

 
Leser-Kommentare
  1. Man gewinnt eine andere Perspektive zur medizinischen Forschung, wenn man bedenkt, daß am Ende wohl 95 % der Weltbevölkerung aus wirtschaftlichen Gründen nicht an den Ergebnissen teilhaben, sondern mit Homöopathie, Bachblüten und anderer billiger Scharlatanerie abgespeist werden.

    Oh, ich vergaß, die Aufklärung ist ja gottlob überwunden. In unserer Zeit der neuen $piritualität ist es ja die "Menschlichkeit" und nicht die Wirkung der Medizin, was zählt. Nieder mit den Laborfrankensteins! Lang lebe das Gesundbeten!

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    ... Herr Westerwald! Viel Glück und Erfolg wünsche ich Frau Muth. Das sind die wahren Helden unserer Tage, sie gehören ins Rampenlicht, als Gegengewicht zu den neuen Medizinheiden.

    ... Herr Westerwald! Viel Glück und Erfolg wünsche ich Frau Muth. Das sind die wahren Helden unserer Tage, sie gehören ins Rampenlicht, als Gegengewicht zu den neuen Medizinheiden.

  2. ... und viel zu kurz.

    Sowas könnte man doch hier ruhig öferts bringen.

  3. ... Herr Westerwald! Viel Glück und Erfolg wünsche ich Frau Muth. Das sind die wahren Helden unserer Tage, sie gehören ins Rampenlicht, als Gegengewicht zu den neuen Medizinheiden.

    Antwort auf "cui bono?"
  4. super sache - spannend und vorbildlich für junge mädchen in ihrer berufswahl. ich nehmen an die dame hat medizin oder biologie studiert? mehr davon!

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