Fotografiestudium Teil einer Jugendbewegung

Julian Röder reist um die Welt und fotografiert junge Demonstranten. Im Interview erzählt er, was ihn an Protestkultur so fasziniert.

Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm

Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm

ZEIT CAMPUS: Herr Röder, Sie fotografieren Demonstrationen auf der ganzen Welt. Was finden Sie daran so interessant?

Julian Röder: Ich wollte schon immer Teil einer Bewegung sein. In den Neunzigern war ich enttäuscht von meiner Generation, weil sie so unpolitisch war. Große Demonstrationen gab es keine, nur die Love-Parade, bei der alle auf die Straße gingen, aber niemand an etwas glaubte. Die Band Tocotronic sang damals: "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein, ich möchte mich auf euch verlassen können." Genauso fühlte ich auch.

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ZEIT CAMPUS: Und dann?

Röder: Dann schwappte Ende der Neunziger die Anti-Globalisierungs-Bewegung aus den USA nach Europa. Ich wusste: Da will ich dabei sein!

ZEIT CAMPUS: Weil Sie irgendwo dazugehören wollten?

Röder: Nicht irgendwo. Ich konnte mich mit dieser Bewegung wirklich identifizieren. Ich war acht Jahre alt, als die Mauer fiel, und habe zuvor in der DDR gelebt. Das hat meinen kritischen Blick auf den Kapitalismus geprägt.

ZEIT CAMPUS: Wenn Sie bei den Demos dabei sind, sind Sie dann Beobachter oder Demonstrant?

Röder: Beides. Als Fotograf will ich aber in erster Linie der Chronist dieser Bewegung sein.

ZEIT CAMPUS: Waren Sie seitdem auf allen großen Kundgebungen dabei?

Röder: So ziemlich. 2001 fuhr ich nach Genua, wo die Proteste gegen den G-8-Gipfel stattfanden. Ich war fasziniert von dem Gemeinschaftsgefühl, aber auch schockiert von der Gewalt der Polizei. Später reiste ich zu Protesten in die ganze Welt – nach Japan, Schottland, Frankreich, Italien, Tschechien und Großbritannien.

ZEIT CAMPUS: Demonstrieren Deutsche eigentlich anders als Japaner?

Röder: Ja. In Deutschland haben Proteste eine lange Tradition. Das merkt man daran, wie gut die Polizei organisiert ist, mit Wasserwerfern und Einsatzkommandos. In Japan ist das anders. Dort stellt man sich nicht öffentlich gegen den Staat, deswegen waren die Demonstrationen eher klein. Es gab auch keine Spezialeinheiten, sondern nur Verkehrspolizisten, die sich gegenüber den Demonstranten freundlich und höflich verhalten haben. Gleichzeitig sind die Strafen in Japan viel höher als bei uns, wenn man gegen das Versammlungsrecht verstößt.

ZEIT CAMPUS: Viele dieser Proteste haben Geschichte geschrieben, zum Beispiel Genua. Wie hat es sich angefühlt, dort mitzulaufen?

Röder: Es lag eine Aufbruchsstimmung in der Luft. Endlich gab es eine Bewegung, die ihrem Unbehagen gegenüber der Wirtschaftspolitik Ausdruck verlieh. Außerdem hatten wir ein konkretes Ziel, das jeder verstehen konnte, nämlich die Belagerung oder Überwindung der Barrieren, die von den Polizisten zur Abschirmung aufgebaut wurden.

ZEIT CAMPUS: Hat sich die Art zu demonstrieren mit den Jahren verändert?

Röder: Ja. Die Protestkultur hat sich zum Positiven verändert. In den Achtzigern dominierte der Schwarze Block die meisten Demonstrationen, das sind Vermummte, die nur auf Krawall aus sind. Heute gibt es zum Beispiel die "Tutti Bianchi" in Italien. Die sind weiß oder bunt gekleidet und leisten nur passiven Widerstand. Andere drücken ihren Protest mit Krachmusik aus, so wie die Schotten, die ich fotografiert habe.

ZEIT CAMPUS: Warum gehen eigentlich immer nur junge Menschen auf Demonstrationen?

Röder: Vielleicht, weil Jugendliche nach der Schule viel mehr Freiheiten haben als Erwachsene. Sie haben noch die Kraft und die Zeit, sich zu engagieren. Ich kenne ein Lied, da heißt es in einer Zeile: "Junge, wer mit zwanzig kein Anarchist gewesen ist, aus dem wird nie ein guter Demokrat!"

ZEIT CAMPUS: Ist der Protest auch Teil einer Spaßkultur? Die Bilder aus Heiligendamm erinnerten teilweise an ein Zeltfest.

Röder: Darf Protestieren etwa keinen Spaß machen? Spaß und Politik schließen sich doch nicht aus. Außerdem ist der Spaß ein Weg, sich von der Griesgrämigkeit der Altlinken zu befreien.

ZEIT CAMPUS: Ihre Bilder wirken jedenfalls idyllisch.

Röder: Das kann sein. Ein Freund meinte sogar mal zu mir, dass die Bilder aussähen wie aus einer Jeanswerbung. Das war aber als Kompliment gemeint. Denn vielleicht kommen dann auch mehr Leute zur Demo.

Julian Röder, 28, hat Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig studiert. Seit zwei Jahren arbeitet er in Berlin. Seine Demobilder hat er auch schon in Heiligendamm ausgestellt. Mehr von seinen Arbeiten finden sich auf seiner Homepage: www.julianroeder.com

 
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