Manchmal, erzählt Lisa Waimann, seien Studenten zu ihr in das kleine Asta-Büro gekommen, um zu fragen, ob sie Seminare in asbestbelasteten Hörsälen schwänzen dürften – aus Angst vor Lungenkrebs. Die Bielefelder Asta-Vorsitzende wusste dann auch nicht so genau, was sie sagen soll. »Ich finde es selbst besorgniserregend, für meine eigene Gesundheit.«

Auf dem Bielefelder Campus gehört die Angst vor Asbest mittlerweile zum Alltag. In den Bibliotheken der Juristen, Sozialwissenschaftler und Mathematiker dürfen sich Studenten maximal vier Stunden am Tag aufhalten. In Nebenräumen saugen Arbeiter derweil asbestverdächtigen Staub von Büchern. Bielefeld ist keine Ausnahme, auch in Hamburg und Bremen stecken Asbestfasern in einigen Gebäuden. In Bonn, Gelsenkirchen und Münster wurde der krebserregende und weltweit verbotene Weichmacher PCB in der Raumluft nachgewiesen. Und an der RWTH Aachen sind gleich drei Gifte zu finden: Asbest, PCB und Aldehyde.

Mitunter führt das zu grotesken Studienbedingungen: In Bonn wurde Schwangeren davon abgeraten, bestimmte Gebäude zu betreten. Überall stehen Luftreiniger, die 24 Stunden am Tag laufen und schon zweimal in Brand gerieten. Der Informatikprofessor Peter Martini berichtet, dass im Blut seiner Mitarbeiter PCB-Werte gemessen wurden, »die um den Faktor fünf bis zehn über Normal lagen«. Seither ist er in Sorge.

Es ist ein historisches Unglück, dass viele Universitäten ausgerechnet in den sechziger und siebziger Jahren errichtet wurden, in einer Zeit also, in der Giftstoffe wie Asbest und PCB noch bedenkenlos verbaut wurden. In den achtziger Jahren war die Aufregung um die Asbestgefahr groß. Heute interessiert sich kaum noch jemand für das Thema, und für Grundsanierungen fehlt das Geld.

Fragt man die Hochschulen, wie sie die Gefahr einschätzen, wiegeln die meisten von ihnen ab. Aachen will die belasteten Gebäude bald abreißen und bis dahin Aufregung vermeiden. Bonn will weiter auf Luftwäscher setzen. Bremen argumentiert, der Asbest sei von einer weniger gefährlichen Sorte. Hamburg und Bielefeld verweisen auf niedrige Messergebnisse. Genau die können aber trügerisch sein, sagt Andrea Tannapfel, Pathologin der Uni Bochum. »Es gibt keine Grenzwerte bei Asbest.« Mit anderen Worten: Schon eine einzige Faser kann Lungenkrebs auslösen.