Die Brüder Grimm haben Jura studiert – und nebenbei die Germanistik erfunden. Was wäre heute aus ihnen geworden? Teil 19 einer Serie über Studenten von früher.

Es waren einmal zwei Brüder, der eine hieß Jacob, der andere Wilhelm, und weil die beiden unzertrennlich waren, nannte man sie einfach "die Gebrüder Grimm". In der elterlichen Wohnung im hessischen Steinau schlafen sie gemeinsam in einem Bett. Und später, als Wilhelm 1803 seinem Bruder zum Studium nach Marburg folgt, bewohnen sie ein gemeinsames Zimmer in einem Fachwerkhaus in der Barfüßerstraße 35.

Die Brüder unternehmen alles gemeinsam. Sie studieren dasselbe Fach, nämlich Jura, weil das der verstorbene Vater so gewollt hätte. Zur Motivation hat er seinen Söhnen eine Sammlung von Gerichtsurteilen vererbt. Sie sitzen nebeneinander im Hörsaal, sie lesen dieselben Bücher, nur Notizen macht sich jeder selbst. Einmal fährt Jacob mit seinem Professor nach Paris , um in der Nationalbibliothek wissenschaftliche Quellen zu studieren. Kaum hat er Marburg verlassen, schickt ihm Wilhelm einen Brief hinterher: "Wie Du weggingst, da glaubte ich, es würde mein Herz zerreißen." Und auch Jacob kann nicht ohne Wilhelm: "Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, dass mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben könnte." Das klingt dramatisch wie im Märchen, dabei bleibt Jacob nur wenige Monate fort. Die Brüder beschließen, sich nie mehr zu trennen; selbst nach Wilhelms Heirat wohnen sie weiter unter einem Dach.

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Man kann nur spekulieren, was die beiden zu so engen Gefährten gemacht hat. Vielleicht ist es die gemeinsame Trauer über den frühen Tod des Vaters. Oder das Gefühl, als Kinder aus armem Elternhaus unter den wohlhabenderen Kommilitonen als Außenseiter zu gelten. Die Witwe Grimm muss die Immatrikulation der beiden Söhne "unterthänigst" beim Landgrafen erbitten, weil ein Studium eigentlich nur bis zur siebten Stufe in der feudalen Rangordnung vorgesehen ist – die Grimms gehören zur achten Stufe. Die Erlaubnis wird "gnädigst ertheilt". Für den Unterhalt während des Studiums muss eine Tante aufkommen. Möglicherweise ist es auch ihre Gegensätzlichkeit, die die Brüder aneinander bindet. Jacob wird schon zu Schulzeiten "der Alte" genannt, pedantisch korrigiert er in seinem Poesiealbum die Eintragungen von Freunden. Im Studium bewahrt ihn die leere Haushaltskasse "vor mancher zerstreuung". Wilhelm hingegen ist geselliger, "auch musik zu hören machte ihm grosze, mir nur eingeschränkte lust", schreibt Jacob später über ihn.