Gebrüder GrimmGeschwisterliebe unter Brüdern

Die Brüder Grimm haben Jura studiert – und nebenbei die Germanistik erfunden. Was wäre heute aus ihnen geworden? Teil 19 einer Serie über Studenten von früher. von 

Jacob Ludwig Karl Grimm (1785 - 1863) and Wilhelm Karl Grimm (1786 - 1859)

Gebrüder Grimm: Jacob Ludwig Karl und Wilhelm Karl  |  © General Photographic Agency/Getty Images

Es waren einmal zwei Brüder, der eine hieß Jacob, der andere Wilhelm, und weil die beiden unzertrennlich waren, nannte man sie einfach "die Gebrüder Grimm". In der elterlichen Wohnung im hessischen Steinau schlafen sie gemeinsam in einem Bett. Und später, als Wilhelm 1803 seinem Bruder zum Studium nach Marburg folgt, bewohnen sie ein gemeinsames Zimmer in einem Fachwerkhaus in der Barfüßerstraße 35.

Die Brüder Grimm

Namen: Jacob (1785 bis 1863) und Wilhelm Grimm (1786 bis 1859)
Studium: Rechtswissenschaften
Abschluss: Jacob bricht das Studium ab, habilitiert sich aber 1830; Wilhelm macht Examen; beide werden Professoren
Besondere Vorkommnisse: teilen ihr Leben lang ein Arbeitszimmer
Beruf: Literaturwissenschaftler
Wichtigste Auszeichnung: etliche Ehrendoktorate; Vorsitz der ersten Germanistenversammlung (Jacob)

Die Brüder unternehmen alles gemeinsam. Sie studieren dasselbe Fach, nämlich Jura, weil das der verstorbene Vater so gewollt hätte. Zur Motivation hat er seinen Söhnen eine Sammlung von Gerichtsurteilen vererbt. Sie sitzen nebeneinander im Hörsaal, sie lesen dieselben Bücher, nur Notizen macht sich jeder selbst. Einmal fährt Jacob mit seinem Professor nach Paris , um in der Nationalbibliothek wissenschaftliche Quellen zu studieren. Kaum hat er Marburg verlassen, schickt ihm Wilhelm einen Brief hinterher: "Wie Du weggingst, da glaubte ich, es würde mein Herz zerreißen." Und auch Jacob kann nicht ohne Wilhelm: "Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, dass mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben könnte." Das klingt dramatisch wie im Märchen, dabei bleibt Jacob nur wenige Monate fort. Die Brüder beschließen, sich nie mehr zu trennen; selbst nach Wilhelms Heirat wohnen sie weiter unter einem Dach.

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Man kann nur spekulieren, was die beiden zu so engen Gefährten gemacht hat. Vielleicht ist es die gemeinsame Trauer über den frühen Tod des Vaters. Oder das Gefühl, als Kinder aus armem Elternhaus unter den wohlhabenderen Kommilitonen als Außenseiter zu gelten. Die Witwe Grimm muss die Immatrikulation der beiden Söhne "unterthänigst" beim Landgrafen erbitten, weil ein Studium eigentlich nur bis zur siebten Stufe in der feudalen Rangordnung vorgesehen ist – die Grimms gehören zur achten Stufe. Die Erlaubnis wird "gnädigst ertheilt". Für den Unterhalt während des Studiums muss eine Tante aufkommen. Möglicherweise ist es auch ihre Gegensätzlichkeit, die die Brüder aneinander bindet. Jacob wird schon zu Schulzeiten "der Alte" genannt, pedantisch korrigiert er in seinem Poesiealbum die Eintragungen von Freunden. Im Studium bewahrt ihn die leere Haushaltskasse "vor mancher zerstreuung". Wilhelm hingegen ist geselliger, "auch musik zu hören machte ihm grosze, mir nur eingeschränkte lust", schreibt Jacob später über ihn.

Das Studium ist alles andere als märchenhaft: Im Hörsaal notieren die Brüder lateinische Definitionen, um sie daheim auswendig zu lernen. Das ändert sich erst, als sie Friedrich Carl von Savigny kennenlernen. Der Juraprofessor und spätere preußische Justizminister lässt sich die Hausarbeiten der Brüder in seine Mansardenwohnung in der Ritterstraße bringen. Dort entdeckt Jacob auf einem Bücherbrett die Sammlung von Minneliedern aus dem schwäbischen Zeitpunkte – im mittelhochdeutschen Original. Obwohl er Mühe hat, sie zu verstehen, ist er fasziniert.

In dieser Zeit zieht Clemens Brentano in die Reitgasse Nummer sechs – nur 300 Meter von den Grimms entfernt. Savigny macht die Studenten mit dem Dichter und dessen Frau bekannt; bald sind die Brüder häufige Gäste, diskutieren über Literatur, Poesie – und deutsches Liedgut. Anders als Brentano, der die Volkspoesie für seine eigene Dichtung verwendet, haben die Grimms keine Ambitionen als Literaten. Ihnen liegt das Dokumentarische, das gewissenhafte Aufzeichnen von Geschichten. In ihrer Freizeit sehen sie alte Manuskripte durch und notieren akribisch die Märchen, die Freunde ihnen erzählen. Frau Holle. Rapunzel. Schneewittchen und die sieben Zwerge. Mit ihrer wissenschaftlichen Genauigkeit werden sie zu Mitbegründern der Germanistik. Jacob bricht bald sein Studium ab und arbeitet zunächst in der kurfürstlichen Verwaltung; Wilhelm macht Examen, Asthma und Herzbeschwerden aber hindern ihn daran, eine Stelle anzutreten. 1812 veröffentlichen sie den ersten Band der Kinder- und Hausmärchen – eines der erfolgreichsten deutschen Bücher aller Zeiten.

Und wenn sie nicht gestorben wären? Wahrscheinlich würden sie Maschinenbau in Frankfurt studieren; das ist solide, vernünftig und nicht zu weit von zu Hause. In einem Blog dokumentierten sie die SMS-Kultur der Gegenwart; Wilhelm würde Kontakte knüpfen, Jacob die Kurznachrichten abtippen. Ein Facebook-Profil teilten sie sich. Jacob würde auf Studentendemos sprechen – und zum Bachelor dasselbe sagen wie zum Studium 1831: "es entspringt aus den vielen studienvorschriften, wenn sie durchzusetzen sind, einförmige regelmäszigkeit, mit welcher der staat in schwierigen hauptfällen doch nicht berathen ist. es ist alles zu viel vorausgesehn und vorausgeordnet, auch im kopf der studierenden."

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Leserkommentare
  1. Hallo, Zeit?
    Wie kann man BEI IHNEN einen Artikel über die Grimms so plakativ betiteln, dass jeder denken muss: "Huch, waren die Gebrüder etwa schwul?" ???
    Entweder kann der Autor sich nicht vorstellen und uns Lesern transportieren, wie es sich vor 200 Jahren angefühlt hat, als Angehöriger des "achten Ranges" zu studieren, oder der Artikel ist wieder ein blöder Lückenfüller, der eine möglichtst große Leseranzahl haschen soll. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

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