Eignungstests Wie gut bin ich wirklich?

Intelligenz, Sprachgefühl, Persönlichkeit - alles wird heute penibel vermessen. Warum Tests so beliebt sind und worauf sie trotzdem keine Antworten geben.

Durch schlechtes Abschneiden in Tests sollte man sich nicht entmutigen lassen.

Durch schlechtes Abschneiden in Tests sollte man sich nicht entmutigen lassen.

Wer sich an der Universität des Saarlandes zum Deutschlehrer ausbilden lässt, muss sich einem ungewöhnlichen Test unterziehen. "Als der Herbststurm die Erde mit Hagelschloßen peitschte, erhielt er die Schreckensbotschaft", lesen die Studenten in einen Telefonhörer hinein. "Fassungslos suchte er einen Anfang, aber da war kein Lichtschein. Ein Bündel Mensch von schwefliger Gischt als Spielball hin und her geschleudert." Dem geradezu Stormschen Redefluss lauscht am anderen Ende ein Band, das später ausgewertet wird. Mit dem Test soll geprüft werden, ob die Stimmen der Studenten sich später im Chaos einer dreißigköpfigen Schulklasse werden durchsetzen können.

Immer im Mai und im November ist im Südwesten Deutschlands Testsaison für BWL-Aspiranten. Die Abiturienten, die zu Hunderten über Diagrammen und Texten brüten, wollen nicht etwa an eine exklusive Privathochschule oder gar zum Studieren ins Ausland. Sie hoffen, dass ihr Testergebnis ihnen bessere Chancen bei den Fachhochschulen in Pforzheim, Heilbronn oder Albstadt-Sigmaringen verschafft.

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Den Masterplatz für BWL an der LMU München wiederum erringt man nur, wenn der "Score" im GMAT, dem vor allem in den USA und Großbritannien verbreiteten General Management Admission Test, stimmt.

Die deutschen Hochschulen haben die Tests entdeckt. Es testen nicht mehr nur Mediziner, sondern auch Kommunikationswissenschaftler und Romanisten, Anglisten und Psychologen, Ökonomen, Ingenieure und Pädagogen. Baden-Württemberg verdonnert von 2011 an alle Bewerber für zulassungsbeschränkte Fächer entweder zum Auswahlgespräch oder zum Test. Und die Begabtenförderer der Studienstiftung des deutschen Volkes wollen, dass sich Bewerber vom nächsten Jahr an selbst vorschlagen können – auf der Grundlage eines Testes, der zurzeit erprobt wird. Der könnte eine große Dynamik entwickeln. "Wenn erst mal ein zuverlässiger Begabungstest vorliegt, werden sich die Universitäten die Finger danach lecken", prophezeit Gerhard Teufel, der Generalsekretär der Studienstiftung.

Per Test vermessen Hochschulen Abiturienten. Per Test vermessen Personalchefs Absolventen. Man sollte meinen, die Studenten hätten Tests gründlich satt. Doch die "Generation Pisa" scheint selbst vom Testvirus erfasst zu sein. Durch den "Studenten-Pisa" getauften Wissenstest des Spiegels klickten sich über eine halbe Million Menschen. Zum Spielplatz der Selbstvergewisserung hat sich das soziale Netzwerk Facebook entwickelt. Fast täglich sehen Studenten in den Statuszeilen ihrer Freunde neue Selbsttests auftauchen: "Wie Dieter Bohlen bist du? Wie viel weißt du über die Simpsons? What World Leader are you?« Bis hin zur selbstironischen Übersteigerung der Testo- manie: "Which Facebook Quiz are you?« Wir werden zu Voyeuren in eigener Sache, und der Computer ist unser Komplize.

Fragt sich: Woher kommt diese Testbegeisterung? Müssen sich Studenten vor dem Röntgenblick der Tester fürchten? Kann man Menschen überhaupt vermessen, kartieren und berechnen? Und wie ernst soll man Testergebnisse nehmen?

Warum Faszinieren uns Tests?

Auf die Frage, warum das Testen derart in Mode ist, gibt es banale Antworten (Menschen vergleichen sich gerne) und juristische Antworten (die Unis dürfen das jetzt), technische Antworten (das Internet macht es möglich) und organisatorische Antworten (Unternehmen müssen die Bewerberflut kanalisieren). Der Kern ist jedoch ein anderer. Tests passen vor allem deshalb so gut in die Zeit, weil die Deutschen misstrauisch geworden sind, misstrauisch gegenüber den Abschlüssen ihrer eigenen Schulen und Hochschulen und misstrauisch gegenüber dem eigenen Können. Wer heute studiert, kennt es nicht anders. In der Schule war er vielleicht bei einer Pisa-Runde dabei, an der Uni hört er, er absolviere mit dem Bachelor ja nur ein Schmalspurstudium, um dann nach dem Examen bei der Bewerbungstour seinen Abschluss anzupreisen. Professoren misstrauen dem Urteil der Lehrer, Chefs misstrauen Uni-Examen.

Leser-Kommentare
  1. Endlich hat mal breitgefächerte Plattform ausgesprochen, was sich viele nicht zu sagen trauen: Tests sind so relativ! Meine Erfahrung lehrt mich, sehr sensibel die Frage nach dem "wie gut bin ich wirklich" auszuwerten. Denn es kommt immer wieder auf den Zusammenhang an. Und Fachbegriffe gehören übersetzt, Grafiken erklärt und ungewünschte Ergebnisse so gedeutet, dass Chancen entstehen, aber keine Depressionen ausgelöst werden. Ich wünsche mir weniger Testgläubigkeit, mehr Gnade der Psychologen und mehr Lockerheit bei Teilnehmern - dann sind Tests in allen Bereichen der Bildungs- und Arbeitswelt ein probates Mittel um sich besser kennen zu lernen.

  2. Die Leute sind ja eher arbeitsfaul. Entweder findet man die Tests in entsprechenden Büchern oder bekommt sie von höheren Semestern. Auch für die überschätzten Assessment Center kann man sich vorbereiten. Das Problem bei der Geschichte ist, dass Rankings die Relevanz verschieben. Sie gaukeln vor, bestimmte Faktoren seien wichtig, andere nicht. Man optimiert sich dann auf diese Faktoren hin, um besser im Ranking dazustehen, ohne konkret etwas verbessert zu haben. Siehe Unis und Uni-Rankings, bei denen die Zeit ja auch gern mitmacht.

  3. zu solchen Unfug sagen? Tests abgeschafft? Es gibt Bereich, da ist D Spitze, aber sicher nicht dort, wo regelmäßig die Leistung nicht überprüft wird

  4. Hier wird schon lange alles getestet...

    GCSE... AS-level, A2-Level...

    Und das Ergebnis:
    Das Land geht vor die Hunde...

    (von Deutschland nach England umzuziehen war ein großer Fehler - nach dem Bachelor bin ich hier raus)

    • Manu84
    • 01.12.2009 um 9:37 Uhr
    5. Mensa

    Da gibts doch auch diesen Möchtegernhochbegabtenverein, der asich mit seiner Intelligenz aufplustert. Und damit prahlt, dass alle Mitgleider ja den IQ-Test bestanden hätten und damit wesentlich intelligenter seien als ihre Mitmenschen. Und damit ganz deutlich zeigen, dass sie nur unsicherer sind; wer wirklich intelligent ist, hat es nicht nötig, sich so einem Verein anzuschließen und weiss auch, dass prahlen mit der eigenen Intelligenz eventuell auch zu Neid führt. Und weiss auch, dass jeder irgendwann auf 130 IQ-Punkte kommt, wenn er die Tests nur ordentlich übt.

  5. 6. Pisa

    Leider wird die Pisa Studie immer und immer wieder als "Paradebeispiel" angeführt. Dabei ist doch (zumindest bzgl. der ersten Pisa-Studie) längst bekannt, dass die Kriterien tendenziös gewählt waren und bei der statistischen Auswertung handwerkliche Fehler gemacht wurden. Schade, dass dermaßen unzuverlässige Daten immer noch bemüht werden...

  6. 7. Also

    mir wurde mein ganzes Leben lang immer nur gesagt, wie doof ich bin, jedenfalls in Deutschland. Das fing in der Grundschule an mit dem Musiklehrer, der mich aus dem Unterricht geworfen hat, weil ich angeblich seine schönen deutschen Volkslieder zu schlecht singen würde. Meine Grundschullehrerin hat mich ständig wegen zu schlechter Grammatikkenntnisse nachsitzen lassen. In Mittel- und Oberstufe interessierte sich niemand wirklich dafür, ob man was gelernt hat oder nicht. Und an der Uni war es besonders perfide: da wurde einem nie mitgeteilt, was man für eine Prüfung wirklich lernen mußte! Die Noten wurden dementsprechend als willkürlich empfunden, ob Note 1 oder Note 4, konnte man weder vorher prognostizieren noch hinterher begründen...
    Erst an einer amerikanischen Uni hab ich dann gelernt, dass es auch anders geht...

  7. "Selbst der beste Test weiß nicht alles. Ein Test, der die Eignung fürs Medizinstudium misst, verrät nicht, ob jemand später ein guter Arzt sein wird."
    Das stimmt. Das tut aber auch kein Abiturdurchschnitt, etc. Im Grunde kann die Universalisierung solchen Ansprüchen generell nicht gerecht werden, denn es ist ja das Individuum, das am Ende die Leistungen erzielen soll.
    Da stoßen die Test dann auch auf ihre Grenzen, denn sie versuchen Normen für etwas zu schaffen, für das es keine allgemeingültigen Normen gibt. Was ist gut? Was ist wichtig für den späteren Job? All das sind doch teilweise oder gänzlich subjektive Wahrnehmungen, die man selbst, aber auch der Professor oder spätere Arbeitgeber individuell stellt und bewertet.

    Natürlich können Tests dabei unterstützend sein, aber eben nicht als nec plus ultra. Der Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten dabei ja sehr ausführlich und ausgiebig. Wichtig finde ich es aber - wie auch erwähnt, aber ich stelle es nochmal heraus -, dass natürlich ein Unterschied zwischen den Facebook- und Freizeittests besteht, die auf eine angebliche Persönlichkeitsidentifizierung abzielen (fast schon Orakel- und Horoskopgleich), und solchen, in denen die Leistung von einer Stunde manchmal maßgeblich für den späteren beruflichen und persönlichen Werdegang sind. Druck und Spaß sind dabei ja ganz unterschiedliche Motivatoren.

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