Wie klingt sie, die Gegenwart, in größeren und kleineren Städten, zwischen Hörsälen und WGs, U-Bahnsteigen und Nachtclubs? Wer sind die Menschen, die durch sie hindurchlaufen oder für einen Moment stehen bleiben, was passiert oder passiert nicht, was wird erträumt oder gefürchtet? Es ist die Literatur, die davon erzählen kann – und ganz besonders sind es die jungen Stimmen.

Damit ihre Geschichten, die in der Bibliothek, in Uni-Literaturkursen oder nachts am Schreibtisch entstehen, nicht ungelesen in der Schublade bleiben, haben wir 2009 zum ersten Mal den ZEIT CAMPUS-Literaturwettbewerb ausgeschrieben. Das Thema: "Ein Grund, nicht in die Vorlesung zu gehen". 1121 Kurzgeschichten gingen bis Ende Juni 2009 in der ZEIT CAMPUS-Redaktion ein; einen ganzen Sommer lang haben wir uns durch komische und nachdenkliche, exzessive und traurige Texte gelesen, um die besten 21 der Jury zur Endentscheidung vorzulegen.

Die gefeierten Autoren Ulla Hahn und Feridun Zaimoglu, die Germanistik-Professorin Sandra Richter und unser Kolumnist "Professor Fritz" Breithaupt wählten unter dem Vorsitz des langjährigen ZEIT-Literaturchefs Ulrich Greiner die drei Besten aus, die auf der Frankfurter Buchmesse geehrt wurden: Thomas Lisowsky, 22, aus Chemnitz, und Cordula Simon, 23, aus Graz, teilen sich den ersten Platz. Der Jury gefielen ihre beiden Texte so gut, dass sie zwei erste Preise vergeben wollte. Drittplatzierte ist Lucy Astner, 27, aus Hamburg.

Lisowsky besticht durch die Aggressivität der Sprache, mit der sich sein Protagonist dagegen stemmt, dass im Studentenalltag heute alles berufsqualifizierend sein muss. In Simons nach allen Regeln der Kunst konstruierter Kurzgeschichte glaubt eine Studentin in Odessa daran, dass die wahre Liebe unsterblich macht. Und Astner schickt ihre Protagonisten mit der Leiche einer alten Dame auf den Weg nach Brasilien. Ihre Kurzgeschichten finden Sie in der ZEIT CAMPUS-Ausgabe 1/10.

Aber was ist mit den übrigen? Mit den anderen Texten der Shortlist, denen in vielen Fällen nur wenig zur Platzierung gefehlt hat? Auch sie sind viel zu lesenswert, als dass wir sie Ihnen vorenthalten wollten. Deswegen haben wir diese Plattform zum Entdecken und Schmökern geschaffen: mit 21 Geschichten vom Campus, die so facettenreich sind wie das Studentenleben selbst.

Da ist der Araber Salak, der alles tut, um nicht als Terrorist wahrgenommen zu werden. Da ist die kleine Asiatin Mie Ma, die zu schüchtern ist, die großen lauten Kaffee-Automaten zu belästigen. Eine Studentin probt, Streber- und Revoluzzertum zu einem perfekten Studentenleben zu verschmelzen; ein Sprayer überzieht nachts die Stadt mit seinen Botschaften. Und zwei Jurastudenten erleben die Apokalypse kurz vorm Staatsexamen... ach, lesen Sie einfach selbst!