ZEIT Campus Literaturwettbewerb Mi-Ma-Mondgesicht
Im Schrank waren keine Monster, unterm Bett war alles ruhig, und auch im Spiegel schaute Mie nur Mie entgegen. Mie hieß in vollständig: Mie Ma, und wenn ein Formular "Name, Vorname" forderte, durfte sie immer Ma, Mie hinschreiben, und dann fröhlich in sich hinein kichern. Mie wollte heute gerne Freunde finden, einen kleinen Kakao in der Cafeteria trinken und vielleicht ein Buch in der Bibliothek anfassen – eines auszuleihen traute sie sich noch nicht. Mie fühlte sich froh.
Ihre kleine Wohnung mit Balkon knarrte freudig, als Mie sich vor den Spiegel stellte und winzige Marienkäferohrringe anlegte. Innen war es so warm, dass beim Öffnen der Fenster die Luft nach draußen flimmerte. Mie dachte: Wie in der Wüste. Vielleicht bin ich eine Fata Morgana.
Geboren: 1982 in Gelnhausen
Studium: Germanistik, Sozialwissenschaften und Anglistik an der Universität Duisburg-Essen
Jasamin Ulfat hat bereits als Übersetzerin gearbeitet und mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Derzeit macht sie ihren Magister und arbeitet als studentische Hilfskraft in der Germanistik.
Auf der Straße war es kalt, und Mie zog ihren kleinen Damenmantel fester um die schmale Taille. Gestern war alles gut verlaufen, sie hatte sich in ein Seminar gesetzt, hatte sich einen Schokoriegel in der Cafeteria gekauft, und hatte einen Bus nach Hause gefunden. Einen Kakao konnte sie gestern noch nicht trinken, weil sie zu schüchtern war, um die großen lauten Kaffee-Automaten zu belästigen. Sobald die Milch aus den harten Eisendrüsen wütend herauszischte, schaute Mie fasziniert auf dieses große Meisterwerk, dessen Herr sie werden sollte. Zu Hause schließlich hatte sie sich Gedanken darüber gemacht, hatte eine Beschreibung im Internet gefunden und jeden Schritt des Kakao- oder auch Kaffeebestellens erarbeitet. Heute endlich schritt Mie trippelnd voran, wich einzelnen Passanten aus, die sie nicht zu sehen schienen. Mie war froh, unsichtbar zu sein. Sichtbar wollte sie erst in der Universität werden.
Die Universität hatte eine große goldene Tür mit wunderschönen kleinen Sonnen darauf. Ein Thorsten von gestern hatte gesagt, das sei gar kein Gold, nur angemalt. Mie hatte sich gefreut. Wenigstens klaut dann niemand die Universität, dachte sie. Das wäre nämlich eine schreckliche Sache, wenn die Universität auf einmal wegen des Goldes geklaut würde.
Neben Mie rauschten Bäume, und sie fühlte sich sicher. Wenn Bäume rauschen, wachen die Ahnen, hatte Mies Vater einmal gesagt, und Mies Vater hatte immer Recht. Jeden Tag war er früh morgens auf das unheimliche schwarze Meer hinausgefahren, und jeden Abend müde, aber glücklich, zurückgekehrt. Er hatte dann nach Salz und frischer Luft gerochen, Mie in seine starken Arme geschlossen und "Hoi, hoi" gerufen.
Nur einmal nicht. Einmal war er einfach fortgeblieben. Mie hatte mit einer Kerze am Fenster gestanden und gewartet. Aber nirgends war eine Spur von ihm. Als das heiße Wachs auf ihre Hand tropfte, löschte sie sehr langsam das Licht. Von da an hasste Mie "Die Ausnahme von der Regel". Wenn die Ausnahme von der Regel eintreten konnte, dachte Mie, nützte die Regel auch nichts mehr. Ihr Vater kam nicht wieder, und deshalb war es egal, dass er sonst immer wiedergekommen war. Mie hasste das Meer.
In der Religion mit dem langhaarigen Mann konnte man auf Wasser gehen. Mie mochte die Religion mit dem langhaarigen Mann – er sah immer nett aus. Sogar beim Sterben hatte er noch anderen Menschen geholfen. Und obwohl sein Vater der Erschaffer allen Lebens war, hatte er trotzdem immer mit den Kindern gespielt, mit denen sonst keiner spielen wollte. Und er warf keine Steine. Mie fand das alles sehr vernünftig. Bestimmt hätte der langhaarige Mann auch mit der kleinen Fischerstochter Mie gespielt.
Die Straßen voller Kopfsteinpflaster trugen Mie schnell hierhin und dorthin. Mies kleine, kalte Nase wurde rot, das fühlte sie, und versuchte mit den Augen daraufzuschauen. Das gelang ihr nicht. Heute konnte jedoch nichts ihre Laune verderben. Im Schaufenster eines Kinderladens grinste ein großer zotteliger Bär mit honigbraunen Knopfaugen liebevoll in ihren Ausschnitt. Mie lachte und schämte sich ein wenig. Der zottelige Bär wusste bestimmt nicht, was ein Ausschnitt war. Mie wusste es eigentlich auch nicht, aber viele Männer hatten ihr oft genau dorthin geschaut und manchmal dachte Mie, diese Männer suchten vielleicht ihr Herz um sie besser zu verstehen. In dem Restaurant, indem sie abends tanzte, steckten die Männer ihr oft Geld dorthin. Am Anfang hatte Mie das Geld zurückgeben wollen, aber der dicke Boss hatte gesagt: "Biste dumm? Behalt das ma!" Seitdem steckte Mie das Männergeld zuhause in eine kleine, rostige Dose, denn sie wurde den Gedanken nicht los, dass all diese Männer eines Tages wiederkommen würden, um ihr Geld zu holen. So lange wollte Mie darauf aufpassen. Sie war ein bisschen stolz auf das Vertrauen, das all diese Menschen hier in diesem fremden Land in sie zu haben schienen.
Vor ihr, auf dem großen Marktplatz, fing die Kirche an zu läuten. Sie ruft ihre Freunde nach Hause, dachte Mie. Einmal war sie hineingeschlichen, hatte durch die bunten, dicken Fenster nach draußen in die Sonne geschaut und dem langhaarigen Mann ein paar Karamelbonbons vor die Füße gelegt. Weil sie so klein war, hatte niemand sie gesehen, und weil das viele Schleichen sie durstig gemacht hatte, freute sie sich umso mehr, als am Ausgang der großen Kirche eine kleine Schüssel mit Wasser auf sie wartete. Der langhaarige Mann war wirklich nett. In einem besonders kühnen Moment hatte sie sich in einem kleinen Laden das Buch des langhaarigen Mannes gekauft. Die Geschichten über das Mädchen, dass einem König den Kopf abgeschlagen hatte, mochte Mie besonders gern. Sie war einfach in sein Lager gegangen und hatte ihn mit seinem eigenen Schwert enthauptet. Mie wusste, dass das nicht so einfach sein konnte, und sie fragte sich, ob der König danach wie das Huhn umher gerannt war, das Mie einmal getötet hatte. Einmal war Mie in ein Museum gegangen und hatte sich das Bild des Mädchens angeschaut. Im Museum gab es viele alte Bilder von Mädchen. Mädchen, die im Getümmel Fahnen tragen, Mädchen die in schönen Gärten sitzen, Mädchen, die ihre Kinder stillen. Fast alle Frauen trugen einen großen Ausschnitt, so wie Mie beim Arbeiten.
Mie wusste, dass sie nur noch um die Ecke gehen musste, und dort endlich ihre geliebte Universität stand. Jeden Tag blieb sie genau hier stehen und freute sich. Was war es doch für ein Wunder, dass die kleine Mie Ma hier in dieses große, wunderschöne Gebäude gehen durfte, und wer weiß: irgendwann würde sie vielleicht sogar etwas ganz Kluges sagen und alle anderen Studenten würden aufstehen und klatschen und sagen: "Gut gemacht, Mie!" Mies Bauch begann, wie verrückt zu kribbeln.
Mit geschlossenen Augen lief sie um die Ecke, sie kannte den Weg auswendig, sie musste nicht einmal blinzeln. Endlich, nach einer Ewigkeit wie ihr schien, öffnete sie die Augen. Das gleißende Licht der Sonne blendete sie ein wenig. - Nichts. Der Platz, auf dem vorher die Universität gestanden hatte, war nur eine Straße. Eine Kreuzung und ein Einkaufshaus und drei Bäckereien und eine Fußgängerampel und eine Bank. Mie rieb sich die Augen. Wo war sie? Wo war die Universität? Mie begann zu rennen. Sie lief die Straßen entlang, rannte über die Kreuzung, achtete nicht auf Autos, auf Fußgänger, auf Männer, Frauen oder Hunde. Jemand bellte sie böse von der Seite an. Es war ihr egal.
Endlich, nach mehreren Stunden ängstlichen Suchens, gab Mie auf. Sie hatte es immer befürchtet. Irgendein Schurke hatte die Universität geklaut und wollte jetzt die schönen goldenen Türen in der Welt verkaufen. Sie hoffte, er würde an den Türen ersticken.
Mie war auf ihre kleinen Knie gesunken. Der Boden fühlte sich kalt und viel zu hart an. Sie schluchzte. Sie wusste, dass sie nun nie mehr zu einer Vorlesung gehen konnte. Vielleicht, dachte Mie traurig, ist es jetzt Zeit ein Baby zu bekommen. Mie schloss die Augen und konzentrierte sich. Nach ein paar Minuten spürte sie, wie ihr flacher Bauch langsam ein wenig runder wurde. Sie würde ihren Sohn Jesus nennen.
- Datum 04.12.2009 - 19:00 Uhr
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sehr sehr nette geschichte ... wenn ich ein kleines mädchen hätte dann würd ich ihr diese geschichte vorlesen ... DANKE
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