ZEIT Campus Literaturwettbewerb Mi-Ma-MondgesichtSeite 2/2

Vor ihr, auf dem großen Marktplatz, fing die Kirche an zu läuten. Sie ruft ihre Freunde nach Hause, dachte Mie. Einmal war sie hineingeschlichen, hatte durch die bunten, dicken Fenster nach draußen in die Sonne geschaut und dem langhaarigen Mann ein paar Karamelbonbons vor die Füße gelegt. Weil sie so klein war, hatte niemand sie gesehen, und weil das viele Schleichen sie durstig gemacht hatte, freute sie sich umso mehr, als am Ausgang der großen Kirche eine kleine Schüssel mit Wasser auf sie wartete. Der langhaarige Mann war wirklich nett. In einem besonders kühnen Moment hatte sie sich in einem kleinen Laden das Buch des langhaarigen Mannes gekauft. Die Geschichten über das Mädchen, dass einem König den Kopf abgeschlagen hatte, mochte Mie besonders gern. Sie war einfach in sein Lager gegangen und hatte ihn mit seinem eigenen Schwert enthauptet. Mie wusste, dass das nicht so einfach sein konnte, und sie fragte sich, ob der König danach wie das Huhn umher gerannt war, das Mie einmal getötet hatte. Einmal war Mie in ein Museum gegangen und hatte sich das Bild des Mädchens angeschaut. Im Museum gab es viele alte Bilder von Mädchen. Mädchen, die im Getümmel Fahnen tragen, Mädchen die in schönen Gärten sitzen, Mädchen, die ihre Kinder stillen. Fast alle Frauen trugen einen großen Ausschnitt, so wie Mie beim Arbeiten.

Mie wusste, dass sie nur noch um die Ecke gehen musste, und dort endlich ihre geliebte Universität stand. Jeden Tag blieb sie genau hier stehen und freute sich. Was war es doch für ein Wunder, dass die kleine Mie Ma hier in dieses große, wunderschöne Gebäude gehen durfte, und wer weiß: irgendwann würde sie vielleicht sogar etwas ganz Kluges sagen und alle anderen Studenten würden aufstehen und klatschen und sagen: "Gut gemacht, Mie!" Mies Bauch begann, wie verrückt zu kribbeln.

Mit geschlossenen Augen lief sie um die Ecke, sie kannte den Weg auswendig, sie musste nicht einmal blinzeln. Endlich, nach einer Ewigkeit wie ihr schien, öffnete sie die Augen. Das gleißende Licht der Sonne blendete sie ein wenig. - Nichts. Der Platz, auf dem vorher die Universität gestanden hatte, war nur eine Straße. Eine Kreuzung und ein Einkaufshaus und drei Bäckereien und eine Fußgängerampel und eine Bank. Mie rieb sich die Augen. Wo war sie? Wo war die Universität? Mie begann zu rennen. Sie lief die Straßen entlang, rannte über die Kreuzung, achtete nicht auf Autos, auf Fußgänger, auf Männer, Frauen oder Hunde. Jemand bellte sie böse von der Seite an. Es war ihr egal.

Endlich, nach mehreren Stunden ängstlichen Suchens, gab Mie auf. Sie hatte es immer befürchtet. Irgendein Schurke hatte die Universität geklaut und wollte jetzt die schönen goldenen Türen in der Welt verkaufen. Sie hoffte, er würde an den Türen ersticken.

Mie war auf ihre kleinen Knie gesunken. Der Boden fühlte sich kalt und viel zu hart an. Sie schluchzte. Sie wusste, dass sie nun nie mehr zu einer Vorlesung gehen konnte. Vielleicht, dachte Mie traurig, ist es jetzt Zeit ein Baby zu bekommen. Mie schloss die Augen und konzentrierte sich. Nach ein paar Minuten spürte sie, wie ihr flacher Bauch langsam ein wenig runder wurde. Sie würde ihren Sohn Jesus nennen.  

 
Leser-Kommentare
  1. sehr sehr nette geschichte ... wenn ich ein kleines mädchen hätte dann würd ich ihr diese geschichte vorlesen ... DANKE

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