Studium Praktikum als Selbsterfahrungstrip

Kann ich Nein sagen? Traue ich mich, interessante Aufgaben einzufordern? Im Praktikum lernt man vor allem über sich selbst, findet ZEIT Campus-Redakteurin Nadja Kirsten.

Manche Unternehmen haben Praktikanten für Projekte fest eingeplant

Manche Unternehmen haben Praktikanten für Projekte fest eingeplant

"Sie sind faul, hassen Ihre Kommilitonen und schrecken vor allem Neuen zurück? Dann werden Sie Praktikant bei uns!" Diese Anzeige müsste man schalten, als Mittel gegen das ermüdende Déjà-vu, das jeden Leser von Praktikumsausschreibungen unweigerlich ereilt. Gesucht wird dort stets und immer der "leistungsstarke, engagierte Teamplayer". Das ist ungefähr so aussagekräftig wie eine Kleinanzeige mit dem Text "Suche tolles Auto, das gut fährt". Vielleicht ist es aber auch gut so, denn so bleibt im Ungefähren, was im Konkreten ernüchternd wirken würde: warum Unternehmen Praktikanten wirklich brauchen.

Es gibt drei Gründe, Praktikanten einzustellen. Den ersten könnte man als das Beckenbauer-Motiv bezeichnen, das Motto lautet: Schaun mer mal. Man weiß zwar noch nicht, was der Praktikant genau arbeiten soll und schon gar nicht, wer ihn betreuen wird, aber eine Arbeitskraft vorrätig zu haben, hat schließlich noch nie geschadet.

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Bei der zweiten, der Dankeschön-Variante, wird der Praktikant hingegen oft angelächelt. Er wurde für ein Projekt in die Firma geholt und muss zu einem festen Zeitpunkt Ergebnisse liefern. Lächeln tun dabei diejenigen Kollegen, die sonst die Arbeit selber hätten machen müssen. Das Lächeln erstirbt übrigens zuverlässig, sobald der Praktikant es wagt, sie mit Detailfragen zu behelligen. Die dritte Variante ist vor allem in Großkonzernen zu finden: das Big-Brother-Praktikum, auch bekannt als Praktikantenprogramm. Jede Station, jedes Bewertungskriterium ist festgelegt, und das Auge des Personalers wacht streng über der Studentenschar, die durch die Versuchsanordnung zieht.

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Man könnte nun beim Beckenbauer-Praktikum verzweifelt den Monitor anstarren, sich beim Dankeschön-Praktikum grämen, dass andere die spannenderen Sachen machen, und beim Big-Brother-Praktikum unter der permanenten Bewährungsprobe ächzen. Könnte man. Sollte man aber nicht. Denn das hieße, zu vergessen, was ein Praktikum immer sein sollte und auch immer sein kann: ein Selbsterfahrungstrip. Traue ich mich, interessante Aufgaben einzufordern? Kann ich Nein sagen, wenn ich mit Arbeit überschüttet werde? Wie komme ich damit klar, ständig unter Beobachtung zu stehen? Diesen wichtigen Fragen kann man im Praktikum nachgehen, live, gefühlsecht und in Farbe. Dabei wird man oft feststellen, dass es mehr ehrliches Interesse und Unterstützung für Praktikanten gibt, als es auf den ersten Blick scheint.

Wer das alles hinter sich hat, steht im Beruf und braucht oft bald selbst einen Praktikanten. Aber was schreibt man bloß? "Suche Studenten, der mir lästige Aufgaben abnimmt und nicht nervt"? Nein, dann doch lieber: "Sie sind leistungsstark, motiviert und teamorientiert...?

 
Leser-Kommentare
  1. Diese "Praktikaschleifen" findet man nicht umsonst fast ausschließlich in bestimmten Branchen und in Biografien mit bestimmten Verläufen. Wer "irgendwas" aus "irgendeinem" Grund studiert und das am besten nur mittelmäßig abgeschlossen hat, muss sich nicht wundern, wenn er oder sie von Praktikum zu Praktikum tingelt.

    Man nennt das "Markt". Wo es tausende anderer gleich Un- oder Falschqualifizierter Bewerber gibt, sind solche prekären Beschäftigungsverhältnisse vorprogrammiert. "Irgendwas mit Medien" halt. Und um den Ausbeutern in den Agenturen und Redaktionen mal die Meinung zu geigen und einfach "nö" zu sagen, das traut sich heute leider niemand mehr.

    (Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion /ft)

    • eras
    • 09.11.2009 um 19:07 Uhr

    Wahrscheinlich nicht, denn sonst wüssten Sie, dass die Praktikantenschleife sich in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit für fast jeden dreht - unabhängig von Qualifikation, Notendurchschnitt und Motivation. Man kann es in Zeiten des Jobmangels halt mit den Leuten machen. Das gilt übrigens nicht nur für studierte Praktikanten, sondern auch für viele nichtakademische Berufe. Im Bereich "irgendwas mit Medien" gibt es sicherlich die schlimmsten Zustände (sogar bei den satt finanzierten Öffentlich-Rechtlichen), aber auch Juristen, Architekten und Ökonomen sind betroffen.

    Vergütung gibt es so gut wie nie. Und das bei Arbeitstagen, deren Länge einen an die Zeiten der industriellen Revolution erinnert (12-15 Stunden sind keine Seltenheit). So subventionieren letztendlich oft die Eltern der Studenten/Bewerber für eine Quasi-Arbeitsstelle in einem gutgehenden Unternehmen. Eine Mindestvergütung für Praktikanten würde viele dieser Ausbeutungsverhältnisse beseitigen und neue Vollzeitstellen schaffen. Aber da weigert sich die Politik - die Jungen haben halt keine Lobby in diesem Land (im Gegensatz zu den Arbeitgebern).

    Wer einfach "Nö" sagt, wird übrigens achselzuckend aussortiert. Gibt ja genug andere. Ohne rechtliche Rückendeckung ist man da machtlos. Mitspielen oder Hartz4 - so sieht die Wahl aus.

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    Die "Praktikantenproteste" in Deutschland (es gab da auch mal ein paar Demos / Aktionen) fanden meiner Erinnerung 2006/2007 statt und damit in einer wirtschaftlichen Boomphase. An "diesen Zeiten" kann es also schonmal nicht liegen.

    Und ja, ich habe studiert und 2003 (wie die meisten mir bekannten Kommilitonen im technischen / betriebswirtschaftlichen Bereich) sogar inmitten der damals sog. "Stagnation" einen Job gefunden. Kein Praktikum.

    Meiner Beobachtung nach trifft dieses Praktikantenlos fast ausschließlich "irgendwas mit Medien"-Leute, Sozial- und Geisteswissenschaftler, Sprachis. Dass das nicht abwegig ist zeigt ein Blick in die Statistik zur Akademiker-Arbeitslosigkeit bzw. auch in die Vergütungsstudien diverser Quellen.

    Die "Praktikantenproteste" in Deutschland (es gab da auch mal ein paar Demos / Aktionen) fanden meiner Erinnerung 2006/2007 statt und damit in einer wirtschaftlichen Boomphase. An "diesen Zeiten" kann es also schonmal nicht liegen.

    Und ja, ich habe studiert und 2003 (wie die meisten mir bekannten Kommilitonen im technischen / betriebswirtschaftlichen Bereich) sogar inmitten der damals sog. "Stagnation" einen Job gefunden. Kein Praktikum.

    Meiner Beobachtung nach trifft dieses Praktikantenlos fast ausschließlich "irgendwas mit Medien"-Leute, Sozial- und Geisteswissenschaftler, Sprachis. Dass das nicht abwegig ist zeigt ein Blick in die Statistik zur Akademiker-Arbeitslosigkeit bzw. auch in die Vergütungsstudien diverser Quellen.

  2. "Generation Praktikum" ist der zauberbegriff. Sicher mag es die im Artikel angesprochenen Gründe 1 bis 3 irgendwo geben - insbesondere Grund 2, aber der Hauptgrund Nr. 4 fehlt völlig - und das sicher ganz absichtlich:

    Die durchaus meisten Praktikanten haben genügend Fähigkeiten, Ausbildung, Grundwissen, um praktisch vom 2. Tag an vollwertige Arbeit für lau oder zu einem Spottgeld zu erbringen gegenüber einer regiulären Arbeitskraft. Dabei wird Ihnen immer wieder gerne eine spätere Übernahme in Aussicht gestellt, die aber dummerweise aus irgendwelchen "Sachzwängen" dann doch nicht stattfindet, sondern ein(e) neue(r) Praktikant(In) auf den noch warmen Stuhl kommt.

    Was man über sich selbst lernen kann, wäre die Erkenntnis wie weit man sich erniedrigen kann in der trügerischen Hoffnung auf einen festen Job, der einem immer wieder verlogen als Mohrrübe vor die Nase gehalten wird, damit man weiter macht und für lau Profit bringt, bis der Vertrag ausgelaufen ist.

  3. Ich möchte meine eigene persönliche Erfahrung gegen den Gemeinplatz der Generation Praktikum stellen und auch vehement widersprechen, dass man diese "Prakitkantenschleifen" nur in gewissen Branchen treffe.

    Ich studiere eine Ingenieurswissenschaft und bin noch vor meinem Studium in Kontakt mit einem großen Landwirtschaftsmaschinenhersteller kommen. Selbst damals als "Nicht-Student" wurde mein Praktikum selbstverständlich gut und fair vergütet.
    In dieser Zeit habe ich die Chance bekommen eigene Projekte zu verwirklichen und diese vorzustellen. Dies hat den Verantwortlichen gefallen, so dass ich ohne Übergang eine Anstellung als sog. >>Werkstudent<< bekommen hatte. Die Konditionen als Werkstudent waren und sind ausgezeichnet, dies liegt auch daran, dass das große Tarifverträge der IG Metall darunter liegen.
    Mittlerweile setzte ich mein Studium im Ausland mit Unterstützung des selbigen Unternehmens fort.

    Ich persönlich habe nur positive Erfahrung gemacht und kann das Lied der ausgebeuteten Praktikanten nicht mit anstimmen im Gegenteil es zeigt sich, dass "Big Brother" vor allem eine Chance auf mehr ist!

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    ich absolviere derzeit ein interessantes Praktikum bei einem grossen Elektronikherseller in den Niederlanden (daher die fehlenden Umlaute) und teile die Erfahrungen von General123

    Davon abgesehen finde ich den Artikel ziemlich lauwarm. Die Hauptaussagen finden sich ja schon im Untertitel, neues kommt im Text nicht dazu.
    Ich lese dieses Ressort als Betroffener sehr gerne, aber wenn die paar Zeilen Kratzen an der Oberflaeche als Arbeit anerkannt werden, dann gute Nacht Johanna.
    Der Artikel liest sich eher wie ein Vorwort zum eigentlichen Inhalt...der dann aber wegbleibt.

    Etwas mehr Muehe bitte!

    ich absolviere derzeit ein interessantes Praktikum bei einem grossen Elektronikherseller in den Niederlanden (daher die fehlenden Umlaute) und teile die Erfahrungen von General123

    Davon abgesehen finde ich den Artikel ziemlich lauwarm. Die Hauptaussagen finden sich ja schon im Untertitel, neues kommt im Text nicht dazu.
    Ich lese dieses Ressort als Betroffener sehr gerne, aber wenn die paar Zeilen Kratzen an der Oberflaeche als Arbeit anerkannt werden, dann gute Nacht Johanna.
    Der Artikel liest sich eher wie ein Vorwort zum eigentlichen Inhalt...der dann aber wegbleibt.

    Etwas mehr Muehe bitte!

  4. ich absolviere derzeit ein interessantes Praktikum bei einem grossen Elektronikherseller in den Niederlanden (daher die fehlenden Umlaute) und teile die Erfahrungen von General123

    Davon abgesehen finde ich den Artikel ziemlich lauwarm. Die Hauptaussagen finden sich ja schon im Untertitel, neues kommt im Text nicht dazu.
    Ich lese dieses Ressort als Betroffener sehr gerne, aber wenn die paar Zeilen Kratzen an der Oberflaeche als Arbeit anerkannt werden, dann gute Nacht Johanna.
    Der Artikel liest sich eher wie ein Vorwort zum eigentlichen Inhalt...der dann aber wegbleibt.

    Etwas mehr Muehe bitte!

  5. Die "Praktikantenproteste" in Deutschland (es gab da auch mal ein paar Demos / Aktionen) fanden meiner Erinnerung 2006/2007 statt und damit in einer wirtschaftlichen Boomphase. An "diesen Zeiten" kann es also schonmal nicht liegen.

    Und ja, ich habe studiert und 2003 (wie die meisten mir bekannten Kommilitonen im technischen / betriebswirtschaftlichen Bereich) sogar inmitten der damals sog. "Stagnation" einen Job gefunden. Kein Praktikum.

    Meiner Beobachtung nach trifft dieses Praktikantenlos fast ausschließlich "irgendwas mit Medien"-Leute, Sozial- und Geisteswissenschaftler, Sprachis. Dass das nicht abwegig ist zeigt ein Blick in die Statistik zur Akademiker-Arbeitslosigkeit bzw. auch in die Vergütungsstudien diverser Quellen.

    Antwort auf "Haben Sie studiert?"

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