Theologiestudium Zum ersten Mal die Weihnachtspredigt haltenSeite 2/2

Glockengeläut! Mein Herz schlägt. Ich stehe in der Sakristei und versuche mich zu sammeln, aber es nützt nichts. Ich gehe jetzt da raus. Ich trete vor den Altar und begrüße die Gemeinde. Ich höre mir selbst zu, wie ich von der Sehnsucht nach Frieden auf der Welt und in unseren Herzen spreche. Bei meinen ersten Predigten war ich entsetzt, wie wenig Reaktion die Gemeinde zeigt. Da hatte ich Lacher eingebaut – und niemand lachte. Ich zweifelte an meinem Humor. So geht es mir jetzt wieder. Ich schaue in die Gesichter und denke: Ist das Schwachsinn, was ich da erzähle? Finden die mich total doof? Meine Stimme ist klar und ruhig, aber meine Hände zittern. Alle können sehen, wie der schwarze Ordner in meinen Händen tanzt. Erst nach dem ersten Lied und dem ersten Gebet beruhige ich mich.

Mittlerweile weiß ich, dass der Eindruck von der Kanzel aus trügt. Die meisten Leute sind nicht so gelangweilt, wie es mir von dort scheint. Viele kommen nach dem Gottesdienst zu mir, sie wissen, dass ich in der Ausbildung viel Feedback brauche, um mich entwickeln zu können. Ich kriege sie inzwischen sogar schon zum Schmunzeln.

Um 19 Uhr ist mein Gottesdienst vorbei. Die Aufregung fällt ab, ich bin erledigt. Habe ich wirklich etwas in ihren Herzen bewegt? Ich weiß es nicht, ich kann ja nicht hineinsehen. Wenn, dann war ich es nicht allein, dann war der Heilige Geist mit im Spiel. Später gehe ich noch in die Mitternachtsmesse. Es ist ein Weihnachten der Selbsterfahrung: Im kommenden Jahr werde ich all die Einsamen besser verstehen, von denen wir Christen an Heiligabend so oft sprechen.

 
Leser-Kommentare
    • Frankz
    • 23.12.2009 um 11:53 Uhr

    Eine schöne Erzählung und ein schönes Bekenntnis. Ihren Glauben kann ich nicht ganz teilen, aber ich höre Sie sehr gern zu.

  1. Ich glaube, die Gemeinde inklusive der Weihnachstchristen ist nur über eine tolle Prdigt zu erreichen. Leider können dies nur wenige Pastoren, viele verfallen leider in allzu gewohnte Sprechstile. Sicher, das Pastorale und der Inhalt muss gewahrt werden und die Kirche soll auch nicht jede "Mode" mitmachen, ein guter Pastor sollte aber seine Predigt nutzen.
    Ich kenne da ein kerniges Beispiel, das sich rumgesprochen hat und die Kirche des Pastors platzt aus allen Nähten! Dabei liegt es wohl an seiner Predigt, weil er die Menschen erreicht und da abholt wo sie stehen, aber auch mit markigen Worten nicht spart! Übrigens nicht wie ein amerik. TV Prediger!
    So fing mal eine Weihnachtspredigt an mit "Immer derselbe Mist, quakende Kinder, ein schiefer Baum und die geliebte Schweigermutter motzt!", alle Lachen und müssen im nä. Moment wieder erkennen, dass sie mittendrin stehen in diesem "Zauber" und dann erzählt er den Weihnachtschristen es gäbe mehr als nur diesen Pflichtbesuch ohne Kirchensteuer! Das kommt an, den weich gespülte Worte gib t es zuhauf in der Politik, die Menschen brauchen mal jemanden, der sich traut, die Kanzel ist ein Ort dafür!
    Jeder nickt bei den Worten, des kernigen Landpastors aus dem Norden!
    Auch er vergisst die Religion nicht, führt seine Exegese auf das wirklich Wichtige hin. Aber eben nicht in diesem scheinbar pastoralen Ton einer Teestubenpredigt, die jeder kennt.
    Aber man muss wohl anerkennen, dass nicht jeder Pastor auf der Kanzel was taugt...

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  • Serie Das erste Mal
  • Quelle ZEIT CAMPUS 01/2010
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  • Schlagworte Theologie | Kirche | Protestantismus
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