So kommt man ins Gespräch

ZEIT CAMPUS: Herr Willemsen, Sie gelten als Meister der Konversation. Worüber sprechen Sie mit Menschen, die Sie nicht kennen?

Roger Willemsen: Meistens über ein Thema, bei dem ich Gemeinsamkeiten vermute. Außerdem konzentriere ich mich auf das, was mir am Gegenüber schön erscheint. Menschen sollten sich öfter Angenehmes sagen und Konventionelles vermeiden.

ZEIT CAMPUS: Nennen Sie mal ein Beispiel.

Willemsen: Ich habe mal einen Mann angesprochen, der auffälliges Brusthaar hatte. Ich sagte als Erstes: Mann, haben Sie Haar! Das war ein wenig intim, aber es hat funktioniert.

ZEIT CAMPUS: War das angenehm für Ihr Gegenüber?

Willemsen: Für diesen Mann, dem ich Humor zutraute, war es zumindest erträglich. Unterhaltungen, die in der Kühnheit geboren sind, sind zumindest nicht langweilig. Es ist gut, zu Beginn des Gesprächs eine unausweichliche Frage zu stellen, weil das eine klare Antwort provoziert. Und sei es eine brüskierte Antwort.

ZEIT CAMPUS: Worüber redet man mit Menschen, an denen man nichts spannend findet?

Willemsen: Am besten über das, wovon sie etwas verstehen. Neulich saß ich mit Bankern zusammen. Das interessanteste Gespräch war das über Geld.

ZEIT CAMPUS: Und worüber sprechen Sie gern?

Willemsen: Ich versuche stets, Einsamkeit zu überbrücken, indem ich Gemeinsamkeit herstelle. Und sei es, dass ich sage: Jenes Hotel in Sydney ist ein Ärgernis. Und dann beschreibe ich die Form der Handtuchhalter. Dann habe ich etwas Spezifisches gesagt und bin mit meinem Gefühl des Missfallens nicht mehr alleine. Das Reden über Klischees hingegen ist deshalb so trostlos, weil es einen vereinsamt. Denn da gibt man nichts von sich selbst preis.

ZEIT CAMPUS: Waren die Handtuchhalter in Sydney denn wirklich schrecklich?

Willemsen: Ja, aber nicht so schrecklich wie die zu einem gleichschenkligen Dreieck gefalteten Toilettenpapierspitzen. Da muss ich immer daran denken, wie Wanderarbeiter sich abmühen, um uns das Herausziehen von Toilettenpapierblättern zu erleichtern.

ZEIT CAMPUS: Worüber reden Menschen am liebsten?

Willemsen: Die meisten finden sehr bald einen Weg, um über sich selbst zu sprechen. Gesprächspartner wollen häufig, dass man ihnen eine Brücke baut, damit sie selber reden können.

ZEIT CAMPUS: Gibt es Themen, die Sie auf Partys nicht mehr hören können?

Willemsen: Der politische Diskurs erscheint mir da, wo er zum Kotzen liberal ist, schon aus hygienischen Gründen unerfreulich.

ZEIT CAMPUS: Es gibt auf YouTube ein Video, in dem Sie mit Charlotte Roche »Wahrheit oder Pflicht« spielen. Würden Sie das Spiel für Partys empfehlen?

Willemsen: Sehr. Aber ich empfehle es nur unter der Voraussetzung, dass man sich an die Statuten hält, bei Wahrheit aufrichtig ist und bei Pflicht nicht feige wird. Dann stellt man fest, dass es wenige gibt, die gute Fragen stellen. Und dass es viele windelweiche Wege gibt, sich aus der Verantwortung zu stehlen.»

Roger Willemsen ist Publizist und bekannt für seine ausdauernde Gesprächigkeit