Tanzwissenschaft Lehre in BewegungSeite 3/3

ZEIT CAMPUS:Warum?

Brandstetter: Weil es eine Empathie gibt: ein Sich-Mitbewegen mit Bewegungen, die andere ausführen. Das ist nicht nur mental, sondern artikuliert sich auch in Muskelspannungen. Derzeit erforsche ich die Emotionen der Zuschauer beim Tango.

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ZEIT CAMPUS:Dem Tanz der Leidenschaft schlechthin.

Brandstetter: Interessant ist: Der Zuschauer kann eine stilisierte Haltung bei einer Tangoshow, wenn etwa die Frau das Bein um den Mann schlingt und er sie weit nach hinten beugt, als Pose der Passion lesen und sie ästhetisch genießen, davon aber seelisch nicht berührt sein. Beobachtet er hingegen ein älteres Paar auf einer Milonga, einem Tanzabend, das ganz versunken ist in eine enge Tangoumarmung, kann es sein, dass er davon viel mehr berührt wird. Das hat nichts mit dem Image des Tanzes zu tun, sondern mit der Übertragung von Emotionen.

ZEIT CAMPUS:Was fühlen denn Tänzer selbst beim Tanzen?

Brandstetter: Zunächst einmal haben sie ein hoch entwickeltes Sensorium, mit dem sie sich auch ohne Musik gleichzeitig mit anderen bewegen können – sogar mit denen, die hinter ihnen stehen. Inwiefern sie auch emotional aufeinander reagieren, versuche ich gerade am Beispiel der Kontaktimprovisation herauszufinden. Das ist eine Improvisationstechnik im zeitgenössischen Tanz, bei der man auf den Berührungsimpuls eines anderen Tänzers anspricht und seine Bewegung davon beeinflussen lässt.

ZEIT CAMPUS: Also: Der andere stößt mich an der Schulter, ich zucke zurück, verlagere mein Gewicht...

Brandstetter: Genau. So entwickeln sich ganz unvorhersehbare Bewegungssequenzen. Aber wie werden sie emotional wahrgenommen? Können sich Tänzer in diesem Moment ihren Gefühlen hingeben? Die Tänzer, die ich bisher dazu befragt habe, sagten, sie seien mehr auf die physische Wahrnehmung konzentriert, als in sich hineinzuhören, welche Gefühle sie empfinden.

ZEIT CAMPUS:Was Sie erzählen, klingt, als gebe es noch viel Forschungsbedarf.

Brandstetter: Ja, das ist das Spannende an der Tanzwissenschaft: Es gibt noch so viele offene Fragen und so viele Felder, in denen Neues zu entdecken ist. Das ist ein Ansporn für junge Wissenschaftler – und auch für mich selbst.

ZEIT CAMPUS:Tanzen Sie eigentlich noch selbst?

Brandstetter: Leider zu selten.

Die Fragen stellte Inge Kutter

 
Leser-Kommentare
    • lepkeb
    • 05.01.2010 um 13:25 Uhr

    Frau Brandstetter, sie haben sich eine Marktlücke im dt. Forschungswesen geschaffen und zeigen dabei gleichzeitig den Stellenwert von Forschung in D-land. Über den Sinn und auch Unsinn des Faches liese sich sicherlich philosophieren. Aber eine Frage beantworten sie nicht, könnten sie ohne staatliche Alimentation inklusive nicht einbezahlter Alterssicherung über Studiengebühren davon leben, glaube nein. Wieviel Studenten BSc, MA und Dr. betreuen sie und wieviel Peer Reviewed Artikel veröffentlichen sie im Jahr?
    Welchen Mehrwert schaffen sie für die Zukunft D-land in unserer globalisierten Gesellschaft?
    Das wären Fragen, die man vielleicht auch mal als ZEIT Reporter stellen könnte.

  1. Zum Beispiel, wie Frau Brandstetter oben sagte, kann die Tanzwissenschaft analysieren und Einfluss darauf nehmen, wie sich Menschen in der Gesellschft bewegen.
    Es koennte unter anderem auch fuer gestresste Manager eine gute Erfahrung sein, in einer Tanztherapie den Stress abzubauen,die Balance wieder zu finden, sich in ein dynamisches Team einzufuegen, bei dem ein "Nein" kein Beinbruch, sondern ein Aufbruch in neue Gefilde bedeutet. Bis in die Fingespitzen. (Bis in die Zehenspitzen ist wahrlich zuviel verlangt fuer alle.) Das wird dann auch der Wirtschaft weiter helfen.In der Hoffnung, dass sich Verspannungen "vertanzen", (wie ein zweischneidiger Slangausdruck in der Theaterbranche heisst) und der Weg aus der Krise mit taenzerischer Leichtigkeit gemeistert wird, wuensche ich alles Gute fuer 2010.

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