Adolf von Harnack Zechbruder wider Willen

Aus dem Einzelgänger Adolf von Harnack wird der wichtigste Theologe des Kaiserreichs. Was wäre heute aus ihm geworden? Teil 20 einer Serie über Studenten von früher.

Adolf von Harnack

Adolf von Harnack

»Weitergehen!«, schallt die Stimme des Vaters. Der kleine Adolf steht versonnen am Wegrand und betrachtet die verblühenden Wiesenblumen der Fränkischen Schweiz. Aber selbst im Wanderurlaub duldet der Vater keine Verzögerung. »Weiter jetzt!« Streng überwacht er den schulischen Fortschritt seiner drei Söhne, sorgt für Ordnung in ihrer Freizeit. Noch weiß niemand, dass der zarte Blumenfreund vier Jahrzehnte später einer der führenden Wissenschaftler des deutschen Kaiserreichs sein wird. Der Junge schaut auf die Blumen, schaut zum Vater, murmelt etwas und geht weiter.

In dieser Episode schildert ein Dreivierteljahrhundert später Harnacks Tochter Agnes den jungen Adolf als feinfühliges Kind unter dem Pantoffel des Vaters Theodosius, eines lutherischen Theologieprofessors in Erlangen. Ordnung, Pünktlichkeit und das Erledigen von Aufgaben sind seine Erziehungsmaximen. Vielleicht wird sein Sohn in seinem Leben so viel Wert auf liberale theologische Positionen legen, weil er diese Freiheit im Elternhaus vermisste.

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Adolf durchläuft mit seinen Brüdern eine sensationell erfolgreiche Schullaufbahn. Stets sind die drei um Längen Klassenbeste. Noch Generationen später wird man an den Gymnasien in Erlangen und im baltischen Dorpat, dem heutigen Tartu in Estland, wo die Familie später wohnte, von der »Harnackschen Zeit« schwärmen.

Adolf von Harnack

Name: Adolf von Harnack (1851–1930)
Studium: Evangelische Theologie in Dorpat und Leipzig
 Abschluss: Habilitation im Fach  Kirchengeschichte
 Nebenjob: Religionslehrer an  Mädchenschulen
 Beruf: Wissenschaftler und  Wissenschaftsmanager
 Wichtigste Auszeichnung: Verleihung  des Ordens »Pour le mérite«; Erhebung in den Adelsstand durch Kaiser Wilhelm II.

Als Studienfach wählt Harnack das Aschenputtel der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts, die Evangelische Theologie. Er schreibt sich an der Universität von Dorpat ein, an der Fakultät des Vaters, der plötzlich Milde zeigt. Mit dem Erreichen des Abiturs sieht er seine Erziehungsaufgabe als beendet an und gibt den Sohn frei.

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Harnack studiert mit Hingabe. Aber er ist kein Streber. In der akademischen Verbindung Livonia teilt er das Leben seiner Verbindungsbrüder. Er nimmt die Rolle des Korporierten ein, samt reichlichem Alkoholkonsum und Unfugtreiben. Seinem Naturell nach ist er jedoch ein theologiebesessener Vollstudent. Der Spagat zerreißt ihn fast, und seine Bundesbrüder ziehen ihn wegen dieser Widersprüche auf. Wie kann ein braver Theologiestudent nur so liederlich mitzechen, lästern sie. Dass er als junger Theologe mehr Ernsthaftigkeit von seinen Verbindungsbrüdern fordert, reicht, um ihn als sauren Moralisten zu verspotten. Harnack leidet unter der Spannung und atmet auf, als er 1872 den Studienort wechseln und an die Universität Leipzig übersiedeln kann. Die vielen Verwandten und Bekannten in Dorpat, die ständigen Hänseleien der Verbindungsbrüder – die Enge seiner Heimatstadt hatten ihn bedrückt.

In Leipzig angekommen, vergräbt sich der junge Harnack in Studien, der Tag und die halbe Nacht drehen sich um die Theologie. Harnack versenkt sich in die Quellen zur Geschichte des antiken Christentums, die historische Forschung wird sein Lebenselixier. Geld hat er nur ganz wenig. Etwas verdient er durch Religionsunterricht an Mädchenschulen. Aber die finanzielle Kargheit trübt seine Laune nicht. Dass es außerhalb seiner Gesprächszirkel in der Stadt Leipzig wenig intellektuell zugeht, weil es »in Sachsen nicht Styl ist, durch aufregende prinzipielle Gespräche die Gemütlichkeit zu stören oder die Damen zu langweilen«, notiert er mit Gelassenheit.

In Windeseile promoviert Harnack, mit 23 Jahren wird er habilitiert. Im Wintersemester 1874/75 hält er seine erste Vorlesung, seine Thesen sind revolutionär: Nicht Christus steht für ihn im Mittelpunkt des Glaubens, sondern die Beziehung zwischen Gott und dem Individuum. Die Studierenden strömen dem fast gleichaltrigen jungen Dozenten zu. Ein Jahr später überträgt ihm die Universität eine außerordentliche Professur, drei Jahre später erhält er in Gießen seine erste ordentliche Professur. Zu diesem Zeitpunkt hat der Jungstar in der Gelehrtenwelt bereits 90 Veröffentlichungen vorgelegt. Längst überragt er den Vater an Bedeutung. Über Marburg führt seine akademische Karriere an die Humboldt-Universität zu Berlin und in die Umgebung von Kaiser Wilhelm II., der im Wintersemester 1899/1900 seine Vorlesung besucht. Harnack avanciert zum bedeutendsten Theologen der wilhelminischen Monarchie. 1914 adelt ihn der Kaiser für seine Verdienste um die Wissenschaft. Er wird Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek, Gründungspräsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, des heutigen Max-Planck-Instituts, Rektor der Humboldt-Universität.

Was heute aus ihm geworden wäre? Aus einem Mann mit direktem Draht zum Staatsoberhaupt? Vielleicht Wissenschaftsminister, vielleicht Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Vielleicht wäre der junge Harnack im 21. Jahrhundert aber auch bei den Wiesenblumen stehen geblieben, und man hätte nie von ihm gehört.

 
Leser-Kommentare
  1. Er kaeme wohl aus dem Suff nicht mehr heraus, selbst wenn er nach Leipzig umzoege. Ueberall der gleicher Mief, in dieser weitgehend gleichgeschalteteten linkisch-linken Krummenrepublik!

  2. Den Artikel in Ehren, zeichnet er doch in hochinteressanter Weise den Lebensweg eines Mannes nach, der mir - Schande über mich! - zuvor noch nie über den Weg gelaufen war. Aber die in der Artikelübersicht angekündigte Fragestellung "Was wäre heute aus ihm geworden?" kommt meines Erachtens nicht nur zu kurz, sondern wird ohne erkennbare Anzeichen einer Argumentation beantwortet und in so oberflächlicher Fasson gestreift, dass selbst ich nach Lektüre des Artikels ebenso vage Theorien über die Rolle des Herrn Harnack im 21. Jahrhundert hätte aufstellen können.

    Wissenschaftsminister? Forschungsgemeinschaft? Wiesenblumen? Durchaus nicht ausgeschlossen. Aber bevor Sie im letzten Absatz noch einmal hektisch über die angekündigte These hinweghuschen, lassen Sie besagte Fragestellung doch lieber gleich ganz weg.

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