Adolf von Harnack Zechbruder wider WillenSeite 2/2
In Leipzig angekommen, vergräbt sich der junge Harnack in Studien, der Tag und die halbe Nacht drehen sich um die Theologie. Harnack versenkt sich in die Quellen zur Geschichte des antiken Christentums, die historische Forschung wird sein Lebenselixier. Geld hat er nur ganz wenig. Etwas verdient er durch Religionsunterricht an Mädchenschulen. Aber die finanzielle Kargheit trübt seine Laune nicht. Dass es außerhalb seiner Gesprächszirkel in der Stadt Leipzig wenig intellektuell zugeht, weil es »in Sachsen nicht Styl ist, durch aufregende prinzipielle Gespräche die Gemütlichkeit zu stören oder die Damen zu langweilen«, notiert er mit Gelassenheit.
In Windeseile promoviert Harnack, mit 23 Jahren wird er habilitiert. Im Wintersemester 1874/75 hält er seine erste Vorlesung, seine Thesen sind revolutionär: Nicht Christus steht für ihn im Mittelpunkt des Glaubens, sondern die Beziehung zwischen Gott und dem Individuum. Die Studierenden strömen dem fast gleichaltrigen jungen Dozenten zu. Ein Jahr später überträgt ihm die Universität eine außerordentliche Professur, drei Jahre später erhält er in Gießen seine erste ordentliche Professur. Zu diesem Zeitpunkt hat der Jungstar in der Gelehrtenwelt bereits 90 Veröffentlichungen vorgelegt. Längst überragt er den Vater an Bedeutung. Über Marburg führt seine akademische Karriere an die Humboldt-Universität zu Berlin und in die Umgebung von Kaiser Wilhelm II., der im Wintersemester 1899/1900 seine Vorlesung besucht. Harnack avanciert zum bedeutendsten Theologen der wilhelminischen Monarchie. 1914 adelt ihn der Kaiser für seine Verdienste um die Wissenschaft. Er wird Generaldirektor der Preußischen Staatsbibliothek, Gründungspräsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, des heutigen Max-Planck-Instituts, Rektor der Humboldt-Universität.
Was heute aus ihm geworden wäre? Aus einem Mann mit direktem Draht zum Staatsoberhaupt? Vielleicht Wissenschaftsminister, vielleicht Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Vielleicht wäre der junge Harnack im 21. Jahrhundert aber auch bei den Wiesenblumen stehen geblieben, und man hätte nie von ihm gehört.
- Datum 02.01.2010 - 18:46 Uhr
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- Serie Ehemaligenverein
- Quelle ZEIT CAMPUS 01/2010
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Er kaeme wohl aus dem Suff nicht mehr heraus, selbst wenn er nach Leipzig umzoege. Ueberall der gleicher Mief, in dieser weitgehend gleichgeschalteteten linkisch-linken Krummenrepublik!
Den Artikel in Ehren, zeichnet er doch in hochinteressanter Weise den Lebensweg eines Mannes nach, der mir - Schande über mich! - zuvor noch nie über den Weg gelaufen war. Aber die in der Artikelübersicht angekündigte Fragestellung "Was wäre heute aus ihm geworden?" kommt meines Erachtens nicht nur zu kurz, sondern wird ohne erkennbare Anzeichen einer Argumentation beantwortet und in so oberflächlicher Fasson gestreift, dass selbst ich nach Lektüre des Artikels ebenso vage Theorien über die Rolle des Herrn Harnack im 21. Jahrhundert hätte aufstellen können.
Wissenschaftsminister? Forschungsgemeinschaft? Wiesenblumen? Durchaus nicht ausgeschlossen. Aber bevor Sie im letzten Absatz noch einmal hektisch über die angekündigte These hinweghuschen, lassen Sie besagte Fragestellung doch lieber gleich ganz weg.
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