Professoren-Kolumne Lob der Langeweile

Ina Kettemann, 27, aus Berlin will von Kolumnist Professor Fritz wissen, warum viele Profs zwar spannende Bücher schreiben, aber langweilige Vorlesungen halten.

Manche Vorlesungen sind so langweilig, dass man sie am liebsten verschlafen würde

Manche Vorlesungen sind so langweilig, dass man sie am liebsten verschlafen würde

Leider ist die Antwort ganz einfach: Gerade weil jemand gute Bücher schreibt, sind seine Seminare manchmal eher flau. Denn gute Bücher zu schreiben kostet Zeit, und die fehlt dann für die Vorbereitung des Unterrichts. Und ein guter Text als Vorlage hilft dem Prof im Seminar nicht viel.

Vor zweihundert Jahren, zu Zeiten Hegels und Schellings, war das noch anders. Das Modell Schweinchen Schlau regierte: Der Professor betritt den Saal, alles schweigt und spitzt die Federn, um am Ende möglichst mit einer vollständigen Mitschrift den Saal wieder zu verlassen. Verstehen konnten Hegel sicher auch damals die wenigsten, aber man war dabei gewesen, um die Intelligenz der Geistesheroen zu feiern. Je mehr Bücher unter ihrem Denker-Sockel steckten, desto besser.

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Heute ist das anders. Den meisten Studenten fehlt das Sitzfleisch, um zwei Stunden still zuzuhören. Da hilft auch kein Ritalin. Die Juristen sind wie immer die Letzten, die sich in dieser Kunst noch üben. Und die Heiligenscheine der Professoren leuchten auch nicht mehr so hell.

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Das neue Leitbild des Profs ist der Showmaster. Gefragt sind nun klug gestellte Aufgaben, raffinierte Laboranweisungen und intelligente Rollenspiele. Der Prof muss die Spielanweisungen geben, und das unterhaltend und motivierend. Offiziell heißt das: studentenzentrierte und aufgabenorientierte Lehre.

Und dabei helfen nun mal keine Bücher. Am Ende des modernen Seminars steht nicht die richtige Antwort, die der Schlaukopf Professor zu Hause ausgetüftelt und elegant aufs Blatt geworfen hat, sondern die Motivation der vielen Kursteilnehmer, weiter an den Aufgaben zu basteln. Um dahin zu kommen, muss sich der Prof schon etwas ausdenken – aber eben keine Bücher. Vom Ansatz her ist das auch gut so. Schließlich sollen Studenten nicht fremde Gedanken nachbeten, sondern Nachdenken lernen und eigene Ideen entwickeln. Wir brauchen viele Zauberlehrlinge!

Trotzdem würde ich weiter zu den Profs gehen, die gute Bücher schreiben, aber nicht inspirieren können. Denn irgendwie muss man schlussendlich doch lernen, sich selbst zu inspirieren. Und gute Bücher sind da immer noch der beste Anstoß.

Apropos gute Bücher: Offenbar liest Du (ich erlaube mir das Du in aller Gegenseitigkeit) akademische Bücher und hast Spaß daran. Damit gehörst Du zu der kleinen Minderheit von Studenten, die das erschwingliche akademische Taschenbuch am Leben erhalten – danke!

Professor Fritz Breithaupt, 42, erklärt in ZEIT CAMPUS regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrte Germanistik in Hamburg, Mannheim und an der FU Berlin und arbeitet nun an der Indiana University in Bloomington, USA

 
Leser-Kommentare
    • cabrow
    • 17.12.2009 um 0:18 Uhr

    Sehr geehrter Prof. Breithaupt,

    mir stellt sich die Frage wieso das denken mit den Studenten, denn das ist es was bei den von vielen geforderten, von einigen schon umgesetzen studentenorientierten Seminaren ja wohl im Vordergrund steht, umbedingt gegen das Denken am eigenen Buch hindert?
    Klar guter Unterricht, intelligent gestellte Fragen und kosten Zeit. Allerdings geben Studenten dem Dozenten dabei auch etwas zurück, nämlich Anregung und neue Gedanken.
    Ich selbst habe in Schweden erlebt, dass Professoren mit uns ihre aktuellen Forschungen und auch Veröffentlichungsideen diskutiert haben und dann mit neuen Ideen und weiteren Anregungen zu ihren noch nicht publizierten Aufsätzen nach Hause fuhren. Das mag vielleicht nicht ganz so effektiv sein wie die reine Forschungsarbeit und das schreiben von Büchern, aber es ist doch sicher eine Idee die beiden Ansätze zu kombinieren.

  1. "Ina Kettemann, 27, aus Berlin will von Kolumnist Professor Fritz wissen, warum viele Profs zwar spannende Bücher schreiben, aber langweilige Vorlesungen halten."

    --> weil sie nerds sind? :-)))

    (so war es jedenfalls bei meinen profs, die diesem thema entsprechen)

    • Puzi
    • 17.12.2009 um 10:01 Uhr

    Professoren werden nach Forschungsfähigkeit ausgewählt, nicht nach Lehrfähigkeit. In unseren Auswahlkommissionen sitzen zwar auch 2 Studenten, jedoch is deren Votum gegen 12-15 Professoren bedeutungslos.

    Motivation. Grade die Anfängervorlesungen sind häufig Pflichtprogramm für Professoren, eher Belästigung als Bereicherung.

  2. Ich studiere Architektur an einer Technischen Hochschule. Wir müssen nebst Anderem eine bestimmte Anzahl Entwürfe machen (die Hauptarbeiten des Semesters sozusagen), die von verschiedenen Lehrstühlen betreut werden. In einem Semesters habe ich einen Professor gewählt, der einen sehr guten Ruf in der Architektur genießt, und ein äußerst interessantes Sondergebiet für sich erschlossen hat. Das Thema wurde außerdem aus der Realität gegriffen; es ist gekoppelt an eine Firma und deren Vorstellungen. Klasse(!) dachte ich mir. Realitätsnähe bedeutet auch, daß man über den Tellerrand schauen kann.
    Doch Realitätsnähe kann auch so aussehen:
    Der Prof. ist mit der Firma geschäftlich verbunden und steht scheinbar unter dem Druck, bestimmte Ergebnisse erzielen zu müssen. Das er diesen Druck wie selbstverständlich nach unten weiter gibt, wird an dem Lehrstuhl nicht einmal ansatzweise zu verschleiern versucht. Im Gegenteil: es wird offen - mündlich wie schriftlich - artikuliert. Bei Leistungen, die nicht zum Image passen wollen, wird ein extrem rauer Ton angeschlagen. Und es wird auch nicht verhehlt, daß es hier allein um die Leistungsfähigkeit des Profs. geht. Wir sind keine Studenten, wir sind Angestellte. Freude entsteht so leider nicht.
    Mit ist egal, wie gut er als Fachmann ist. Und selbst seine Fähigkeiten als Prof. sind mir unklar, Immerhin habe ich ihn in den letzten zehn Wochen ca. 20 min. am Stück gesprochen. Bravo!

  3. Ich studiere Vervahrenstechnik und ich habe einen Prof. der genauso langweilige Vorlesungen hält, oder in dem sinne laue Vorlesungen hält, in denen wir einfach nur beschäftigt sein sollen und wir garnix bis wenig aus dieser Vorlesung dann mitnehmen können (Tabellen und Formeln abschreiben). Ich komm mir vor wie in der 10. Klasse. Den Stoff den er uns dort vorträgt kann ich auch problemlos in jedem buch nachlesen. Nochdazu bietet er keine skripte an. Begründung: Er schreibt gerade auch an einem Buch und möchte nicht das wir den inhalt weitergeben können. Hab sowas noch nie gehört!
    Als ich davon erfahren habe ist mir dann auch klar geworden warum er so laue Vorlesungen hält.

  4. kann ich nach neuen Semestern Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie sagen. Gute politiologische, soziologische und philosophische Bücher kommen fast ausschließlich aus dem angelsächs. Raum. Ich habe in den letzten Jahren kein einziges Buch eines deutschen Geisteswissenschaftlers gelesen, das sowohl wissenschaftlich als auch allgemeinverständlich war. Keines davon würde ich freiwillig in die Hand genommen haben. Wo bleiben die deutschen Huntingtons, Fukuyamas, Rortys, Hobsbawms, Leute, mit denen man nciht unbedingt einer Meinung ist, die man aber interessant genug für eine abendliche Kneipendiskussion findet? In den deutschen Hörsälen sind sie sicher nicht.

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