Betrug an der HochschuleTatort Uni

Kopierte Hausarbeiten, frisierte Laborwerte, gekaufte Doktortitel: Wie Studenten und Professoren auf die schiefe Bahn geraten von 

Wie ehrlich geht es an der Uni zu?

Wie ehrlich geht es an der Uni zu?  |  © Markus Burke

Fast jedes Seminar beginnt heute mit einem Verdacht. Er hat die Größe eines DIN-A4-Zettels und wandert von vorne nach hinten durch die Hörsaalreihen – per Anwesenheitsliste wird kontrolliert, ob auch ja niemand im Bett geblieben ist. Die Verdächtigungen ziehen sich weiter durchs Semester: Die Hausarbeit scannt nicht nur ein scharfer Professorenblick, sondern inzwischen auch eine Software, die prüft, ob sich nicht Passagen aus dem Internet oder der Arbeit eines Kommilitonen darin finden. Während der Klausur begleitet den Studenten an manchen Fakultäten sogar ein Aufpasser zur Toilette – er könnte dort ja Literatur versteckt haben oder einen Freund anrufen, der ihm die Ergebnisse einflüstert.

Studenten scheinen an den Unis kein sonderlich großes Vertrauen zu genießen. Auf der anderen Seite des Hörsaals stehen dagegen die Hüter der Wahrheit – kaum eine Berufsgruppe ist mit so viel Prestige gesegnet wie die Hochschulprofessoren.

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Doch gerade in den letzten Monaten häuften sich Nachrichten, die einen Schatten auf die hehre Welt der Wissenschaft werfen. Da hat ein ehemaliger Professor der Uni Frankfurt versucht, eine wertvolle Sammlung prähistorischer Affenschädel auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Um an Fördergelder zu gelangen, sollen Mitarbeiter der Uni Göttingen die Anträge mit falschen Angaben aufgeppt haben. Und die Staatsanwaltschaft Köln wirft Professoren vor, sie hätten gegen Bestechungsgeld Doktoranden angenommen und mäßige Promotionen durchgewinkt. Die Ermittlungen laufen. Es geht dabei nicht um einige wenige, sondern um über hundert Dozenten. Aus Tübingen , Leipzig, Rostock . Aus Jena, Bayreuth , Ingolstadt. Aus Hamburg, Hannover , Köln und weiteren Uni-Städten. Und die Studenten, die selbst bis zur Peinlichkeit kontrolliert werden, fragen sich: Wo bin ich hier bloß gelandet?

Wer sich an deutschen Unis umsieht, stößt nicht nur auf akademische Wahrheitssuche, sondern auch auf Mauscheleien und auf Betrug. Woran liegt das? Woher kommt diese Unehrlichkeit? Sorgt das System Uni dafür, dass alle kriminell werden? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, kann die Uni für einen Moment als das betrachten, was sie zuweilen ist – als Kulisse für Kriminalfälle. Der erste Schritt: eine Tatortbegehung.

Leserkommentare
    • heco
    • 17. Februar 2010 16:27 Uhr

    an hochschulen werden ergebnisse frisiert,
    in Arbeitsmarktinstituten Durchschnittsgehälter nach oben fantasiert,
    in Unternehmen Geschäftspartner über die eigene Leistung getäuscht (Stichwort: Prinzipal-Agent),
    in Kliniken unsinnige Knieoperationen durchgeführt,
    von "schönheitskonzernen" kleinstmengen an billigen Inhaltsstoffen als wundermittel verkauft,
    in Banken Berater unter Druck gesetzt, den Kunden Finanzprodukte zu verkaufen, die sie absolut nicht brauchen,

    Die "Notlüge" als Grundlage unserer Selbstbetrugs-Gesellschaft.
    Was an den Unis geschieht, ist Teil einer Gesamtsystematik.

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    • Peter70
    • 17. Februar 2010 16:39 Uhr

    wenn es nur ausdruck der gesellschaft insgesamt ist, wie mein vorredener im grunde treffend analysiert dann sollte es schnellstens heißen "Tatort Politik"!

    • Peter70
    • 17. Februar 2010 16:39 Uhr
    2. ...

    wenn es nur ausdruck der gesellschaft insgesamt ist, wie mein vorredener im grunde treffend analysiert dann sollte es schnellstens heißen "Tatort Politik"!

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    • heco
    • 17. Februar 2010 16:59 Uhr

    Sicher ist Politik eine Seite des Problems.
    So wäre es möglich bspw. gesetzlich festzulegen, dass Löhne nicht mehr geheim, sondern in der Stellenausschreibung und auch bei besetzten Stellen öffentlich sichtbar sein müssen
    der das Gesundheitssystem so zu gestalten, dass Kliniken zur Deckung ihrer Kosten nicht zu solchen Maßnahmen greifen müssen (leichter gesagt als getan)
    Kurz: die Politik sollte, wenn es umsetzbar ist, Regeln schaffen, damit sich der Ehrliche im Zweifelsfall nicht für den krummen Weg entscheidet.
    Die andere Seite ist aber noch wichtiger: nämlich, dass jeder Einzelne auch eine Aufrichtigkeit zu sich selbst entwickelt, nicht zu betrügen, auch wenn dies in seinem Umfeld der offensichtliche Regelfall ist und andere dadurch Vorteile erzielen.
    Es geht also um den "aufrechten Gang" jedes Einzelnen.

    • heco
    • 17. Februar 2010 16:59 Uhr

    Sicher ist Politik eine Seite des Problems.
    So wäre es möglich bspw. gesetzlich festzulegen, dass Löhne nicht mehr geheim, sondern in der Stellenausschreibung und auch bei besetzten Stellen öffentlich sichtbar sein müssen
    der das Gesundheitssystem so zu gestalten, dass Kliniken zur Deckung ihrer Kosten nicht zu solchen Maßnahmen greifen müssen (leichter gesagt als getan)
    Kurz: die Politik sollte, wenn es umsetzbar ist, Regeln schaffen, damit sich der Ehrliche im Zweifelsfall nicht für den krummen Weg entscheidet.
    Die andere Seite ist aber noch wichtiger: nämlich, dass jeder Einzelne auch eine Aufrichtigkeit zu sich selbst entwickelt, nicht zu betrügen, auch wenn dies in seinem Umfeld der offensichtliche Regelfall ist und andere dadurch Vorteile erzielen.
    Es geht also um den "aufrechten Gang" jedes Einzelnen.

    Antwort auf "..."
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    • Ete2
    • 18. Februar 2010 15:09 Uhr

    "Es geht also um den "aufrechten Gang" jedes Einzelnen."

    Ja, genau!
    "Stolz ist der unsichtbare Knochen, der den Hals gerade hält." (Stephen King → Zitat und kein Plagiat ;) )

    Ich will damit nur sagen, dass sich die Ehrlichen gegenüber den Unehrlichen immer zurecht wohl fühlen können. Sie können stolz auf sich sein, was dem Betrüger wahrscheinlich nicht gelingt. Es ist ein verdammt gutes Gefühl, zu wissen, dass man immer aufrecht durchs Leben gegangen ist.

    • Aexl21
    • 17. Februar 2010 17:05 Uhr

    Tatort Gesellschaft würde es wohl eher treffen. Denn mehr oder weniger große Betrügereien trifft man ja in jedem bereich der Gesellschaft an. In der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik, der Religion und wenn man mal ins Kleinste geht, findet auch jeder "Lügen" in seinem ganz privatem Umkreis.
    Allerdings reicht es nicht aus nur festzustellen, was falsch ist, sondern es ist auch wichtig die Ursachen zu ergründen. wie im Artikel beschrieben, trägt zum Beispiel der Leistungsdruck seinen ganz eigenen Anteil an den unlauteren Methoden.
    Das die note einer prüfung in einem der ersten Semester imensen Einfluss auf die Gesamtnote des Studiums haben soll, dass für diese Einzelnote unzählige Definitionen, Skripte usw. einfach nur auswendig gelernt werden müssen (etwas anderes wird ja mit [mulitple-choice] Klausuren nicht erwart- und auch nicht umsetzbar), verführt nunmal viele Studenten dazu, sich unerlaubter Hilfsmittel zu bedienen. wenn mann mehrere Prüfungen pro Woche schreibt, hat man garnicht die Möglichkeit, die Stoffmasse auswendig zu lernen. Da aber in den Prüfungen teilweise nahezu exakte Formulierungen aus einem Buch oder einem Skript verlangt werden, erfordert es ja fast schon den Betrug um bestehen zu können. (deswegen glaube ich aber auch, dass gerade die Prüfung im Hörsaal besonders von Betrug betroffen ist / mehr als Hausarbeiten etc.)
    Wenn man etwas an diesen Umständen ändern will, dann muss man am Fundament des Studiums, der Uni und der Gesellschaft anfangen.

    • Peter70
    • 17. Februar 2010 17:10 Uhr

    ...können wir "Tatort Mainstream Medien" gleich hinzufügen...

    Werter heco, ich stimme selbstverständlich mit Ihnen überein und ich denke es gibt sehr viele Lösungsansätze die aus irgendwelchen Gründen (Hauptsächlich Geld) nicht verfolgt werden... für den erstrebenswerten "aufrechten Gang" benötigt es einer grundlegenden Bewußtseinsänderung... Zu empfehlen ist an dieser Stelle die Botschaft des Songs "Michael Jackson - Man in the Mirror"

  1. Um in einer Klausur zu betrügen, ist wesentlich mehr Geist und Geschick notwendig, als Seitenweise wertlose Daten auswendig zu lernen, die eh nach wenigen Tagen wieder vergessen werden. Was spricht also dagegen? Ich habe mehr Hochachtung vor demjenigen, der mit einem gewitzten Betrug seine 1 im Abi erreicht hat als vor dem, der sie mit strebsamem Auswendiglernen erarbeitet hat.

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    • heco
    • 17. Februar 2010 17:42 Uhr

    Auswendiglernen ist eben nicht etwas erstrebenswertes, sondern führt meiner Meinung nach eben in die entgegengesetze Richtung.
    Zum einen ist es nicht "Verstehen" - also wenn jemand beim Physikabi sich aus Interesse wirklich mit dem Stoff auseinandergesetzt hat (und dann auch wirklich selbst kreativ Dinge weiter denken kann), anstatt Lösungschema auswendig runterzubeten. Wem es egal ist, ob es etwas versteht oder nicht, der ist, wenn das auswendiglernen nicht mehr reicht, eben auch zu Betrug bereit. Später ist es dann auch Alles OK, solange die Kohle für einen selbst stimmt.
    Zum zweiten wird in Schule und Uni jemand natürlich durch Noten bestraft, wenn er nicht den "Stoff" noch zusätzlich blind paukt. Wenn Prüfungen nur multiple choice sind oder auswendiglernen von Power-Point-Phrasen bedeutet, dann sagt das ersten, dass das Bildungsystem leider zu sehr Anpassung belohnt, statt eigenem Denken. Wenn der Stoff unsinnig ist, dann wird man ihn auch nur pauken und schnell wieder vergessen - eindeutiges Versagen der Lehrkräfte.
    Je mehr überzogener Leistungsdruck, also Prüfungen die kein Mensch ohne Betrug oder Absterben seines Soziallebens bewältigen kann, desto mehr wird leider Betrug zur Notwendigkeit, wenn man das nicht Studium komplett abbechen will.
    Diesen Druck würde ich nicht nur "Leistungsgesellschaft" nennen, sondern auch "Scheinleistungsgesellschaft" - Hauptsache das Ergebnis erscheint anderen als gut und bekommt dafür Belohnung - Noten,Geld

    • heco
    • 17. Februar 2010 17:42 Uhr

    Auswendiglernen ist eben nicht etwas erstrebenswertes, sondern führt meiner Meinung nach eben in die entgegengesetze Richtung.
    Zum einen ist es nicht "Verstehen" - also wenn jemand beim Physikabi sich aus Interesse wirklich mit dem Stoff auseinandergesetzt hat (und dann auch wirklich selbst kreativ Dinge weiter denken kann), anstatt Lösungschema auswendig runterzubeten. Wem es egal ist, ob es etwas versteht oder nicht, der ist, wenn das auswendiglernen nicht mehr reicht, eben auch zu Betrug bereit. Später ist es dann auch Alles OK, solange die Kohle für einen selbst stimmt.
    Zum zweiten wird in Schule und Uni jemand natürlich durch Noten bestraft, wenn er nicht den "Stoff" noch zusätzlich blind paukt. Wenn Prüfungen nur multiple choice sind oder auswendiglernen von Power-Point-Phrasen bedeutet, dann sagt das ersten, dass das Bildungsystem leider zu sehr Anpassung belohnt, statt eigenem Denken. Wenn der Stoff unsinnig ist, dann wird man ihn auch nur pauken und schnell wieder vergessen - eindeutiges Versagen der Lehrkräfte.
    Je mehr überzogener Leistungsdruck, also Prüfungen die kein Mensch ohne Betrug oder Absterben seines Soziallebens bewältigen kann, desto mehr wird leider Betrug zur Notwendigkeit, wenn man das nicht Studium komplett abbechen will.
    Diesen Druck würde ich nicht nur "Leistungsgesellschaft" nennen, sondern auch "Scheinleistungsgesellschaft" - Hauptsache das Ergebnis erscheint anderen als gut und bekommt dafür Belohnung - Noten,Geld

    Antwort auf "Betrug = gut"
    • wowman
    • 17. Februar 2010 17:54 Uhr

    ...in Fällen wie dem von H. Schön besteht darin, dass anscheinend keine Prüfung seiner Veröffentlichungen erfolgte. Gerade von Magazinen wie "Nature" oder "Science" ist zu erwarten gewesen, dass sie Artikel nicht einfach durchwinken, nur weil sie "vom Schön" stammen.

    Davon abgesehen: wieso soll die Uni der einzige Sektor sein, in dem nicht betrogen wird?

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