Junge StudentengenerationVolle Kraft in die Optimierungsfalle

Die Generation Lebenslauf richtet sich ganz auf die Bedürfnisse der Unternehmen aus. Dadurch verliert sie ihre Kreativität – und ihr Profil. von Klaus Werle

Optimierungsfalle

Anpassung als Weg der jungen Studentengeneration?  |  © g-mikee/photocase.de

Nina, aufgeweckt und Einserkandidatin, ist unsicher. Sie weiß nicht, ob sie lieber Wirtschaftsingenieurin werden soll oder Juristin, welches die besten Unis und die vielversprechendsten Praktika sind. Nur eines weiß sie ganz genau: Sie will alles richtig machen. Keine Chance vergeben, kein Talent vergeuden. »Ich will mitnehmen, was ich kann, da bin ich bekennender Egoist.«

Nina spielt gern Klavier, früher wollte sie Musik studieren. Doch das Zerrbild des arbeitslosen Künstlers schreckte sie ab. Später will sie ein großes Haus, sie braucht Platz für den Flügel. Deshalb wird sie wahrscheinlich Jura wählen. Sie sieht sich und ihre Generation ganz nüchtern: »Wir fragen: Was will der Markt? Und dann liefern wir das.«

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Allein ist Nina mit dieser Einstellung nicht, im Gegenteil. Pragmatisch bis in die Knochen arbeiten sich die Post-Bologna-Studenten so effizient und fokussiert durch ihr Pensum wie kaum eine Generation vor ihnen. Die Antennen stets auf die vermeintlichen Erwartungen der Wirtschaft, die Tipps der Karriere-Ratgeber und die eigene employability ausgerichtet. Kühlen Blicks haben die Jungrealisten das Erst-mal-Drauflosstudieren entsorgt und – zum Teil mehr als bereitwillig – die straffen Strukturen des Bologna-Studiums angenommen.

Sicher, es gab einen Aufstand, Zehntausende gingen auf die Straße. Doch der Frust entzündete sich nicht an den Grundideen der Bachelorreform, sondern an der Angst, im neuen System nicht mehr mithalten zu können. Der Bildungsexperte Konrad Schily fasst diese Einstellung so zusammen: »Von vielgesichtigen Ängsten getrieben, in irgendeiner Form den Anschluss zu verpassen, beschränkt sich die aktuelle Studentengeneration darauf, sich systemkonform zu verhalten.«

Zeit Campus 2/2010
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Fast neunzig Prozent der Studenten sagen in Umfragen, der Leistungsdruck, der auf ihrer Generation laste, sei »enorm hoch«. Er ist das Resultat eines apokalyptischen Trommelfeuers von Wirtschaftsverbänden, Politikern und Jobexperten. »Du kannst alles schaffen«, lautet ihre Botschaft, »aber es wird verdammt hart!« Die Konkurrenz kommt nicht mehr aus Bielefeld und Nürnberg, sondern aus Kapstadt und Shanghai. 33 Millionen Absolventen aus Schwellen- und Entwicklungsländern stehen halb so viele »Hochqualifizierte« aus der Ersten und Zweiten Welt gegenüber. Einfach nur gut zu sein, das scheint da längst nicht mehr gut genug. Du brauchst »passion to perform«, um »Leistung aus Leidenschaft zu bringen« (so formuliert es die Deutsche Bank), musst »das Spiel gestalten, anstatt nur mitzumachen« (so lautet die Version von McKinsey).

Leserkommentare
  1. Das ist das Ergbnis, das wir alle bwundern dürfen. So gut wie jetzt ging es uns noch nie!
    Naja davon bin ich nicht wirklich überzeugt, vor allem dann nicht, wenn das Wohlbefinden am Kapital gemessen wird.

    • clubby
    • 11. März 2010 16:45 Uhr

    Wenn sie wüssten wie dringend ich Leute suche (Informatik), aber keine finde , weil oftmals absolut essentielle Dinge (Fähigkeit zur Abstraktion, UML2, OO, MDA) einfach fehlen.....

    Man stellt sich dann nur noch die Frage: WER legt eigentlich diese Lehrpläne fest...was lernen die da????

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hallo Clubby,

    eventuell hängen Sie die Ansprüche zu hoch. Universitäten können keine Berufserfahrung vermitteln, vor allem nicht in einem (aus meiner unqualifizierten Sicht - Physiker -) relativ speziellen Bereich.

    Ziel der Ausbildung besteht darin, den Abgängern Grundlagen zu vermitteln, die ihnen ein schnelles Erlernen neuen Wissens zu erlaubt. Mehr lässt die Studienzeit nicht zu und nach der Bachelor/Master-Reform können es die Studenten auch Weiterbildung durch Jobben vergessen.

    Sie werden als Arbeitgeber nicht umhinkommen, einen Teil der Ausbildung selbst zu leisten. Das nervt mich ebenfalls täglich, aber Fortschritte sind erkennbar und es geht auch nicht anders.

    Denn: Wenn Universitäten wirklich jeden auf alles vorbereiten sollten, wäre das Studium drei Mal so lang und die Steuern deutlich höher.

    Und der Deal "Höhere Steuern für bessere Absolventen" dürfte mit der Mehrzahl der Arbeitgeber nicht laufen.

  2. Bildung ist gar nicht nötig: Die Firmen brauchen Akademiker, um ihre Produkte zu produzieren. Aber dazu braucht es keine Innovation. Diese würde nur Arbeiter und alteingesessene leitende Angestellte arbeitslos machen.

    Der Staat braucht Akademiker für die Verwaltung und für die Gerichte. Aber da geht es darum bestehende Arbeitsabläufe einzuhalten und nicht um Innovation.

    Die Leute wollen einen Job - und das bis 65. (Das heisst aber nicht, dass sie bis 65 fleissig sein wollen.)

  3. innovation und kreative ideen würde das derzeitige geschäftsmodell in frage stellen. querdenken ist ausdrücklich nicht erwünscht und stellt die führungs- und erfolgslogik der gut eingesesser führungskräfte in frage.
    wer einmal einen posten hat, verteidigt ihn aufs blut, auch gegen vermutlich bessere ideen/konzepte etc..

    dieses einnisten im ursprünglichen erfolg kann für deutschland schnell ein nachteil werden.

  4. Hallo Clubby,

    eventuell hängen Sie die Ansprüche zu hoch. Universitäten können keine Berufserfahrung vermitteln, vor allem nicht in einem (aus meiner unqualifizierten Sicht - Physiker -) relativ speziellen Bereich.

    Ziel der Ausbildung besteht darin, den Abgängern Grundlagen zu vermitteln, die ihnen ein schnelles Erlernen neuen Wissens zu erlaubt. Mehr lässt die Studienzeit nicht zu und nach der Bachelor/Master-Reform können es die Studenten auch Weiterbildung durch Jobben vergessen.

    Sie werden als Arbeitgeber nicht umhinkommen, einen Teil der Ausbildung selbst zu leisten. Das nervt mich ebenfalls täglich, aber Fortschritte sind erkennbar und es geht auch nicht anders.

    Denn: Wenn Universitäten wirklich jeden auf alles vorbereiten sollten, wäre das Studium drei Mal so lang und die Steuern deutlich höher.

    Und der Deal "Höhere Steuern für bessere Absolventen" dürfte mit der Mehrzahl der Arbeitgeber nicht laufen.

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    • clubby
    • 12. März 2010 10:12 Uhr

    Hi,

    ich kann ihnen versichern, dass dieses Wissen keine Arbeitspraxis voraussetzt. Ich sehe genau wie sie auch den Grund für ein Studium im schaffen von Fähigkeiten Arbeitspraxis effizient zu erwerben. Aber GENAU DA HAPERT ES!

    Themen wie , Softwarearchitektur, Pattern, OOD, OOA, MDA, UML2, DB sind essentielle Dinge. Gemappt auf den Physikbereich vielleicht sowas wie "Aufbau der Elementarteilchen".

    Aber das ist es, was ein Studium von einer Programmierausbildung unterscheidet, nämlich die Fähigkeit, in einem Chaos von Information die Struktur zu finden und u.a. über Abstraktion zu modellieren....und zwar ganz Technologie unabhängig ... Fehlanzeige!

    Dafür sind dann Kurse wie "Gleichberechtigung für Techniker(innen) " besucht worden , oder im Bewerbungsgespräch wird klar, dass das Einmal-Eins des "Wie bewerbe ich mich richtig" schön auswendig gelernt wurde. ;-) Schön nach Standardvorgehensweise. Was wiederum die Sache noch schwieriger macht, da man das relativ schnell merkt , aber zum wahren Kern nicht durchdringt...Absage!

    Blieben noch die Führungsqualitäten bzw. die Fähigkeit "Hebelwirkung" umszusetzen. Systematische Herangehensweise an Projekte, Anforderungsmanagement, Changemanagement, SCRUM (was ist das?), warum iterativ-agil und nicht Wasserfall? ... uhhh auch gaaaanz dünn!

    Tut mir leid.... so ist meine Erfahrung bisher... :-(

  5. Meine Generation erliegt dem Irrglauben, dass alles beeinflussbar sei durch die Zusammenstellung der richtigen Faktoren.

    Dass aber begehrte Jobs durch Vetternwirtschaft vergeben, Zugang zu Internationalen Top-Unis am Geldbeutel und Netzwerk der Eltern haengen, oder auch das beruehmte Quentchen Glueck immer eine Rolle spielen wird ausgeblendet.

    Wir sind nicht aufgeklaerter oder abgeklaerter, sondern vor allem naiver im Glauben alles Beherrschen zu koennen. Das macht uns zu Lebenslauf-Designern und letztlich armseligen Gestalten.

    Die ZEIT traegt aber auch mit Ihrem Uni-Ranking weiter dazu bei. Ich wuerde mir eine enstpannte Einfuehrung in das CHE Ranking wuenschen in der naechsten Ausgabe.

  6. Wie auch anders, bei einem Autor des "manager magazins" (hier vermittelt schon die Orthografie Kreativität!). Die der Studentengeneration - sicher zu Recht - attestierte Zielsetzung, beim "rat race" möglichst weit vorn durchs Ziel zu gehen, wird nicht problematisiert, nur die Wahl der Mittel. Keine eckigen Bauklötze in runde Behältnisse einfügen wollen...und sich gerade deshalb das zulegen, was Managern nach "Ecken und Kanten", vulgo: Profil, aussehen könnte. Geh ein Jahr nach Indien - nur so landest du am Ende im Villenviertel! Herzlichen Glückwunsch; dieser Artikel passt wahrhaftig in die "Zeit"...

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