Alfred Kinsey Im Hosenstall der Wissenschaft
Er forschte über Sex, hatte im Studium aber keinen: Alfred Kinsey. Was wohl heute aus ihm geworden wäre? Teil 21 einer Serie über Studenten von früher
© Keystone Features/Getty Images

Der US-amerikanische Biologe und Sexualforscher Alfred Charles Kinsey
Alfred Kinsey fiel nur einmal in seinem Leben durch eine Prüfung, und das muss Absicht gewesen sein. Im Sommer 1912 glänzte Kinsey gerade in seinem letzten Highschool-Jahr, er war ein herausragender Schüler, klug, eloquent und ausgesprochen gewissenhaft. Ein eifriger Pfadfinder, der den Eltern nie widersprach. Und dann – die erste Spur von Aufmüpfigkeit: Kinsey scheitert knapp an der Aufnahmeprüfung fürs College. Was für eine Enttäuschung für seinen Vater!
Kinsey sollte später der wichtigste Sexualforscher des 20. Jahrhunderts werden. Im prüden Amerika der vierziger Jahre untersuchte er die Sexualität des Menschen mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers, schockierte das Land mit seinen Büchern und bereitete der sexuellen Revolution den Weg. Sein Vater war da bereits tot, doch hätte der strenggläubige Methodist, der einmal eine Tante vor die Tür setzte, weil sie es wagte, am Sonntag Klavier zu spielen – hätte dieser Vater geahnt, in welchen moralischen Aufruhr sein Sohn die USA stürzen würde, er hätte ihn aus dem Haus geprügelt.
- Steckbrief
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Name: Alfred Charles Kinsey (1894 bis 1956)
Studium: Biologie
Abschluss: Doktortitel in Harvard
- Lebenswerk
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Beruf: Sexualforscher
Besondere Vorkommnisse: Hat den Blick auf die Sexualität des Menschen revolutioniert.
Wichtigste Auszeichnung: Die ultrakonservative Intercollegiate Review wählte Sexual Behaviour in the Human Male zum drittschlechtesten Buch des 20. Jahrhunderts
Alfred Kinsey wurde 1894 in Hoboken, New Jersey, geboren, einer dreckigen, überfüllten Stadt am Hudson. Die Familie war arm, zumindest in Kinseys ersten Jahren, der Vater aber arbeitete sich vom Laufburschen zum Professor empor. Er hatte seinen Sohn ausersehen, seinen eigenen Weg fortzusetzen: Ingenieur sollte der werden, mit Uni-Abschluss. Alfred hatte zwar schon in der Highschool seine Liebe zur Biologie entdeckt, aber im Sommer 1912 bewarb er sich nur an einem einzigen College: dem Stevens Institute in New Jersey, einer Ingenieurschule, an der auch sein Vater lehrte.

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Die Aufnahmeprüfung, an der er im ersten Versuch scheiterte, bestand er im zweiten dann doch, und die folgenden zwei Jahre beschrieb er als "die größte Zeitverschwendung meines Lebens". So lange dauerte es, bis er genug Wut und Mut zusammengerafft hatte, um sich mit seinem Vater zu überwerfen. Drei Tage nach seinem 20. Geburtstag exmatrikulierte er sich heimlich und schrieb sich neu am Bowdoin College ein, einer Uni in Maine, die bekannt für ihr gutes Biologie-Department war. Sein Vater tobte, strich ihm jede Unterstützung, und Kinsey verließ sein Elternhaus schließlich mit nichts als einem Koffer Kleidung im Wert von 25 Dollar und der Gewissheit, das Richtige zu tun.
In Maine stürzte er sich in sein Biologiestudium, belegte jeden Kurs, der zu belegen war, und vergrub für eine Studie Schlangen, um ihr Überwintern zu untersuchen. Nur zu den Kommilitonen hielt er Distanz. Seine Biografen streiten darüber, ob Kinsey sich damals schon seiner Bisexualität bewusst war. Fest steht: Er, der später Zehntausende Amerikaner zu ihrem Sexualverhalten befragen und sich und seine Hiwis beim Gruppensex filmen sollte, hatte an der Uni keine Rendezvous, geschweige denn eine Freundin.
Alfred Charles Kinsey entdeckte eher zufällig sein Interesse an der menschlichen Sexualität, als er 1936 Eheberatungskurse für Studenten gab. 1947 gründete er an der Universität von Indiana das Institut für Sexualforschung, das heutige Kinsey-Institut für Sexual-, Geschlechts- und Reproduktions-Forschung. Seine in den Fünfziger Jahren veröffentlichen Kinsey Reports riefen eine heftigen Meinungsstreit hervor und sind bis heute vor allem unter religiösen und konservativen Gruppen umstritten.
Fest steht auch: Er hielt sich generell aus dem Campusleben heraus und verbrachte seine Freizeit allein am Klavier. Seine Kommilitonen achteten ihn sehr, aber Freundschaften schloss er kaum. "Er war erwachsener als wir", erinnerte sich später ein Bekannter. Seinen Professoren fiel er auf, sie empfahlen ihn nach Harvard. Dort fand er als junger Doktorand sein Lebensthema. Das erste von zweien jedenfalls – gut 15 Jahre bevor er begann, sich wissenschaftlich für die Sexualität der menschlichen Männchen und Weibchen zu interessieren, faszinierte ihn: die Gallwespe. Seine Besessenheit, Daten zusammenzutragen, bewies er schon hier, den Doktortitel verdiente er sich mit einer wegweisenden Arbeit, für die er Zehntausende Wespen sammelte; er entdeckte Dutzende neuer Arten und ist bis heute einer der wichtigsten Gallwespen-Forscher. Wahrscheinlich brachte ihn auch das komplexe Zeugungsverhalten der Gallwespen – die für die Fortpflanzung nicht unbedingt beide Geschlechter brauchen – auf das Fortpflanzungsverhalten des Menschen.
Was wohl heute aus ihm geworden wäre? Das Gleiche vermutlich, bloß früher. Er hätte sein zweites Lebensthema während der Amtszeit von George W. Bush gefunden: die sexuelle Aufklärung. Gegen staatlich geförderte Enthaltsamkeitsprogramme würde er sich engagieren, die an den Schulen statt Aufklärung lieber Abstinenz und schlechtes Gewissen lehren. Er war außerdem fest überzeugt, dass Darwin mit seiner Evolutionstheorie recht hatte, und so würde er heute immer noch gegen die Kreationisten anforschen. Gott als einziger Schöpfer jeder Spezies auf der Erde? Niemals!
Lesetipps:
James H. Jones: "Alfred C. Kinsey: A Public/Private Life", Norton, 937 Seiten, antiquarisch
T. C. Boyle: "Dr. Sex" (Roman), dtv, 544 Seiten, 9,95 Euro
- Datum 18.04.2010 - 08:56 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie Ehemaligenverein
- Quelle ZEIT Campus 2/2010
- Kommentare 3
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immer darüber wie heterosexueller und homosexueller Sex zu sein hat und dürfte selbst keinen haben, jedenfalls sieht man sie nie mit irgendjemandem oder hört was darüber, dass sie eine Beziehung hat
solche Leute sind dubios, wie man in der Vergangenheit immer wieder sehen konnte
nicht darüber geredet, wie "es" zu sein hat, sondern sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt.
Was ist daran dubios und auf welche Vergangenheit spielen Sie an?
nicht darüber geredet, wie "es" zu sein hat, sondern sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt.
Was ist daran dubios und auf welche Vergangenheit spielen Sie an?
nicht darüber geredet, wie "es" zu sein hat, sondern sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt.
Was ist daran dubios und auf welche Vergangenheit spielen Sie an?
mein letzter Satz bezieht sich nicht auf Kinsey, er bezieht sich viel mehr auf diverse Promis, die über das Privatleben anderer zwar reden, das eigene Privatleben aber unter Verschluss halten und dann kommen ungute Geschichten zu Tage
mein letzter Satz bezieht sich nicht auf Kinsey, er bezieht sich viel mehr auf diverse Promis, die über das Privatleben anderer zwar reden, das eigene Privatleben aber unter Verschluss halten und dann kommen ungute Geschichten zu Tage
mein letzter Satz bezieht sich nicht auf Kinsey, er bezieht sich viel mehr auf diverse Promis, die über das Privatleben anderer zwar reden, das eigene Privatleben aber unter Verschluss halten und dann kommen ungute Geschichten zu Tage
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