ZEIT CAMPUS: Frau Neuwirth, seit den Anschlägen des 11. September hat die Islamwissenschaft in Europa stark an Bedeutung gewonnen. Ist sie eine Wissenschaft zum besseren Verständnis des Terrors?

Angelika Neuwirth: Sicher nicht. Das Bild des Korans muss von den Schlacken der jahrhundertealten Islampolemik gereinigt werden, um bestehende Vorurteile endlich abzubauen. Der Islam ist Teil unserer Lebenswelt, viele Muslime leben in Europa. Und die islamische Kulturgeschichte hat der Entwicklung Europas entscheidende Impulse gegeben.

ZEIT CAMPUS: Worauf konzentriert sich die Islamwissenschaft denn heute?

Neuwirth: Der Schwerpunkt ist heute sozial-wissenschaftlich. Das heißt, die Islamwissenschaft befasst sich außer mit Geschichte vor allem mit Diskursen der Moderne, wie etwa intellektuellen und ideologischen Strömungen. Nicht zuletzt soll das Studium unsere Absolventen für die Politikberatung qualifizieren.

ZEIT CAMPUS: Sie sind Arabistin, forschen also in einer Teildisziplin der Islamwissenschaft, und beschäftigen sich seit dreißig Jahren mit dem Koran. Aktuell leiten Sie Corpus Coranicum, ein Projekt, das die Genese des Korans rekonstruiert. Das hört sich solide an. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« schrieb trotzdem, Ihre Arbeit »wäre imstande, Reiche zu wenden und Herrscher zu stürzen«.

Neuwirth: Da wünscht sich offenbar der Autor, dass diese erstarrte islamische Religion wie er sie wohl sieht aus ihrem Schlaf erwachen und sich von den Europäern sagen lassen müsste, wo es langgeht. Das trifft aber überhaupt nicht unsere Absicht.

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ZEIT CAMPUS: Und was genau macht dann Corpus Coranicum?

Neuwirth: Forschungslücken füllen. Wir wollen methodische Standards setzen, um eine feste Grundlage für die Diskussion über die Entstehung des Korans zu legen. Wir wollen die Geisteswelt des Korans rekonstruieren und zeichnen deshalb die Interaktion der koranischen Gemeinde mit ihrem spätantiken, christlichen und jüdischen Umfeld nach. Wir wollen herausarbeiten, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen. Das alles tun wir auf unaufgeregte Weise, ebenso frei von Islamophobie wie von romantischer Verklärung.