Masterstudium Nicht zu empfehlen

Wer sich für einen Masterplatz bewirbt, muss bei vielen Unis Empfehlungsschreiben beilegen. Nur: Wer soll die alle schreiben?

Viele Unis verlangen von ihren Bewerbern mittlerweile Empfehlungschreiben. Für Professoren bedeutet das in erster Linie eine Menge Schreibarbeit

Viele Unis verlangen von ihren Bewerbern mittlerweile Empfehlungschreiben. Für Professoren bedeutet das in erster Linie eine Menge Schreibarbeit

Lara Meier studiert VWL und Politik in Göttingen, und dass sie gerade die Abschlussarbeit für ihren Bachelor schreiben muss, ist stressig genug. Dass sie sich aber gleichzeitig um einen Masterstudienplatz bewerben muss, bereitet der 21-Jährigen wirklich Kopfzerbrechen. Einige Unis verlangen neben den üblichen Zeugnissen mittlerweile Empfehlungsschreiben, ausgestellt von den Professoren.

Der Wunsch klingt harmlos, bedeutet aber für alle Beteiligten einen Marathon. Bei zwei Schreiben pro Uni und etwa fünf Bewerbungen pro Student kommt einiges zusammen. Das Dekanat der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Göttingen hat deswegen entschieden, den Studenten keine Empfehlungsschreiben auszustellen.

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"Der Aufwand ist nicht zu leisten", sagt VWL-Professor Robert Schwager. Überhaupt hätten solche Schreiben kaum einen Wert: "Die Bachelorzeugnisse enthalten Angaben zu Noten und zu den gewählten Spezialisierungen. Die Lebensläufe geben Auskunft über das Engagement außerhalb der Uni. Diese Informationen können wir nur neu verpacken, aber nichts hinzufügen."

Zeit Campus 3/2010
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Laras Wunsch-Unis sehen das anders. Die Professorin Anke Gerber von der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Uni Hamburg etwa: "Gerade weil es zeitaufwendig ist, schreiben Professoren natürlich nicht jedem Studenten ein Empfehlungsschreiben – sondern nur den wirklich Guten. Das führt zu der Selektion, die wir uns wünschen." Robert Schwager allerdings teilt diese Auffassung nicht: Vor allem in großen Fachbereichen könne die Frage nach der Persönlichkeit des Kandidaten nicht hinreichend beantwortet werden. Die Professoren würden ja selbst die sehr guten Studenten kaum kennen.

Im Schreiben der Fakultät, das Lara ihren Bewerbungen anstelle des Empfehlungsschreibens beilegen wird, heißt es, man hoffe, dass den Göttinger Studenten keine Nachteile aus der Weigerung des Dekanats entstünden. Lara Meier hofft das auch.

 
Leser-Kommentare
  1. ...ein "Selektionsmechanismus" der schlimmen Art. Eigenartige Einstellung der Frau Prof.Gerber, deren eigene Kinder wohl kaum Mangel an Bewerbungsschreiben befürchten muüüsten.

    • Ranjit
    • 22.04.2010 um 10:42 Uhr

    Genau wie das Bachelor- und Mastersystem sind die Empfehlungen abgeschaut im englischsprachigen Raum, insbesondere von Unis in den USA. Und genau wie Bachelor und Master sind die Empfehlungen einfach unpassend für die deutsche Situation und Kultur.

    1. In den USA sind solche Empfehlungen gang und gäbe, nicht nur an Unis sondern auch im gesamten Berufsleben. In Deutschland hingegen sind Empfehlungen nicht derart verankert.

    2. In den USA kommen viel weniger Studenten auf einen Professor. An den deutschen Massenunis hingegen bekommt der Student mit Spezialisierung in Kommunikationswissenschaften wohl eine Empfehlung, der in Marketing spezialisierte nicht.

    3. Das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten ist in den USA persönlicher und näher. An deutschen Unis liegt häufig bereits zwischen dem Herrn Professor und seinen Lehrstuhlmitarbeitern ein unüberwindlicher Graben. Mit den Studenten geben sich einige Professoren erst gar nicht ab. Wie soll es da zu Empfehlungen kommen?

    Das deutsche Unisystem ist nicht perfekt, aber es kann nicht die Lösung sein Formalia aus anderen Kulturkreisen zu klauen ohne auf die deutschen Eigenheiten zu achten. Ganz davon abgesehen, dass Empfehlungsschreiben auch nicht als Maße für zukünftigen Studienerfolg valide sind. Eher für soziale Verknüpfungen, Status und die Personale Situation der Unis.

    • lepkeb
    • 22.04.2010 um 12:11 Uhr

    VWL in 3 Jahren. Man da wundert es nicht das die Volkswirte mit einer Regelmäßigkeit daneben liegen. Naja jedes Land zieht sich seine Eliten selbst heran.

    "Gerade weil es zeitaufwendig ist, schreiben Professoren natürlich nicht jedem Studenten ein Empfehlungsschreiben – sondern nur den wirklich Guten. Das führt zu der Selektion, die wir uns wünschen."

    Vitamin B pur, krieche dem Prof. in den A... und du qualifizierst dich für den Master einfach nur lachhaft.
    Bin froh, dass ich meinen MSc (Much of the Same) und PhD (Piled higher und Deeper) an einer renomierten Uni im Anglosystem machen konnte. Da zählten Leistung und Innovation, Empfehlungsschreiben von irgendeinem Prof. waren, da nicht so wichtig. Wenn die dt. akademischen Eliten sich dort mal schlau machen würden, würden sie die Sache vielleicht besser auf die Reihe kriegen.
    Es muss aber auch gesagt werden, das die Zahlen an Master und PhD Studenten dort deutlich niedriger sind, denn nicht jeder braucht so einen Abschluss und die Unis regulieren damit auch den Arbeitsmarkt für ihre Absolventen, somit kommt es auch nicht, wie in D-land, zu einer wie von der Wirtschaft gewünschten Prekarisierung von Akademikerarbeitsverhältnissen.

    • Burak
    • 22.04.2010 um 12:38 Uhr

    Dass man an den Unis in Deutschland nicht für Leistung und Innovation belohnt wird und unter solchen Umständen nicht das Denken, sondern das Denken lassen lernt, das zeigt dieser Artikel in einer besonders peinlichen Weise. Wer einen Empfehlungsschreiben des Profs haben möchte, um sich für einen Masterplatz zu bewerben, der wird sich davor hüten, unangenehme Fragen zu stellen. Gerade aber die Freiheit Fragen stellen zu dürfen macht die Qualität eines Studiums aus. Für ein Land ohne natürliche Ressourcen ist dieses Innovationspotenzial Fortschrittsbedingung.

  2. Als Koorinator eines solchen Auswahlverfahrens für internationale Bewerber habe ich einige Erfahrung mit den Emphelungsschreiben. Das Einsammeln von Empfehlungsschreiben kann für die Asolventen zu einem Lotteriespiel werden. Aus Ländern mit Gutachter-Tradition kommen regelmässig aussagelose 'Serienbriefe' zuweilen identisch für eine Reihe Bewerber. Weniger erfahrene Schreiber liefern erratische Zufallsprodukte, aus denen selten oder nie etwas Substantielles über die Bewerber zu erfahren ist, nicht wenige Gutachter verweigern sich gänzlich.

    Der vermeintliche Gewinn an Beurteilungskriterien ist in Wirklichkeit nur die Angst der Auswahlkommissionen vor der eigenen (Fehl-)Entscheidung. Das blauäugig kopierte angelsächsische System führt nur zu einer Gängelung der Bewerber und aberwitzigen Bürokratie. Die Studierenden haben ein gerechteres Verfahren verdient.

  3. Studenten bekommen Zeugnisse, in denen Professoren ihre Leistungen beurteilen. Der Arbeitsaufwand, jetzt für die breite Masse der Studenten zusätzlich Empfehlungsschreiben auszustellen, führt doch höchstens zu Standardformularen und administrativem Mehraufwand.

  4. ist doch eher, dass man für jeden Schwachsinn Empfehlungsschreiben braucht, tw. selbst für "Summer Schools". Wenn mich nicht alles täuscht, ist es in den Usa normal, dass man den jeweiligen Prof. (oder Chef...) anruft, wenn ein Menschlein in Frage kommt. Das ist wünschenswert - und im Vergleich zum allgemeinen Empfehlen effektiver und zeitsparender.

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    Leider ist eine solche Lösung auch nur dann durchführbar, wenn sich die Anzahl der Studenten im Studiengang in Grenzen hält.

    Wie bereits in einem früheren Kommentar bemerkt wurde, kennen oftmals die Professoren die Studierenden nicht und können daher keine wirkliche Aussage machen.

    Und letztlich ist der Aufwand einfach nicht tragbar. Hierzulande wird doch -- gerade in den technischen Studiengängen, die meist sehr gut frequentiert sind -- keiner nach dem Bachelor aufhören wollen, denn an der Eignung des Bachelors als berufsqualifizierender Abschluss bestehen (berechtigt oder nicht) erhebliche Zweifel. Eine Bewerbung für einen Masterstudiengang ist also eher die Regel als die Ausnahme.

    Leider ist eine solche Lösung auch nur dann durchführbar, wenn sich die Anzahl der Studenten im Studiengang in Grenzen hält.

    Wie bereits in einem früheren Kommentar bemerkt wurde, kennen oftmals die Professoren die Studierenden nicht und können daher keine wirkliche Aussage machen.

    Und letztlich ist der Aufwand einfach nicht tragbar. Hierzulande wird doch -- gerade in den technischen Studiengängen, die meist sehr gut frequentiert sind -- keiner nach dem Bachelor aufhören wollen, denn an der Eignung des Bachelors als berufsqualifizierender Abschluss bestehen (berechtigt oder nicht) erhebliche Zweifel. Eine Bewerbung für einen Masterstudiengang ist also eher die Regel als die Ausnahme.

  5. Leider ist eine solche Lösung auch nur dann durchführbar, wenn sich die Anzahl der Studenten im Studiengang in Grenzen hält.

    Wie bereits in einem früheren Kommentar bemerkt wurde, kennen oftmals die Professoren die Studierenden nicht und können daher keine wirkliche Aussage machen.

    Und letztlich ist der Aufwand einfach nicht tragbar. Hierzulande wird doch -- gerade in den technischen Studiengängen, die meist sehr gut frequentiert sind -- keiner nach dem Bachelor aufhören wollen, denn an der Eignung des Bachelors als berufsqualifizierender Abschluss bestehen (berechtigt oder nicht) erhebliche Zweifel. Eine Bewerbung für einen Masterstudiengang ist also eher die Regel als die Ausnahme.

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