Studium Soziale Arbeit Eltern ihr Kind wegnehmen

Stefanie Bause, 27, muss im Jugendamt Gelsenkirchen Entscheidungen treffen, die das Leben ganzer Familien verändern.

Als der Anruf kam, war ich erst seit einem Monat im Sozialen Dienst des Jugendamtes. Viel Erfahrung hatte ich also nicht. Ich hatte schon Familien besucht und Gespräche mit Eltern geführt, aber die Entscheidung, ein Kind in Obhut zu nehmen, hatte ich noch nie fällen müssen. Es war kurz nach neun, ich nahm den Hörer ab. Am Apparat war eine Grundschullehrerin, ihre Stimme zitterte. "Einer meiner Schüler hat einen blauen Fleck auf dem Oberschenkel, der aussieht wie eine Gürtelschnalle", sagte sie. "Ich bin sofort da", sagte ich und legte auf. Plötzlich war mir flau im Magen.

Ich wusste, wenn ein Kind von seinen Eltern geschlagen wird, muss ich handeln. Oft muss ich dann innerhalb kürzester Zeit entscheiden, ob ich das Kind den Eltern wegnehme oder nicht. Bei dieser Entscheidung gibt es kein richtig oder falsch, das weiß ich. Trotzdem habe ich auch heute noch jedes Mal Angst, einen Fehler zu machen. Wenn ich ein Kind vorübergehend in die Obhut der Behörde nehme, kann das theoretisch schlimme Folgen haben. Zerstöre ich damit nicht eine ganze Familie? Muss das Kind nach seiner Rückkehr in die Familie darunter leiden? Wird es durch meine Entscheidung womöglich für den Rest seines Lebens traumatisiert? Wie kann ich sicher sein, dass es dem Kind in einem Heim wirklich besser geht als bei seinen Eltern?

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Ich arbeite in einem Jugendamt, wir Sozialarbeiter sind in den letzten Jahren häufig in den Schlagzeilen gewesen: Kevin, Lea-Sophie und andere bis zum Tod vernachlässigte Kinder, für die das Jugendamt zuständig war. An diese Fälle muss ich oft denken. Den Fehler, nicht schnell genug zu reagieren, möchte ich auf keinen Fall machen. Einfacher wird meine Entscheidung dadurch aber nicht.

Zeit Campus 3/2010
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Ich bin an dem Morgen sofort zur Schule gefahren, um mit der Lehrerin zu sprechen und den Jungen zum Arzt zu fahren. Der Kleine, ein schmächtiger Junge mit Sommersprossen und Bürstenhaarschnitt, hat am Tor zusammen mit seiner Lehrerin gewartet. Der Vater war auch dort, er lief die ganze Zeit auf und ab. Wie ein Tiger im Käfig. Ich hatte eigentlich gehofft, dass die Mutter mitkommen würde, ich hatte sie angerufen, aber sie schickte ihren Mann. Ich habe den Arm um den Jungen gelegt und mit fester Stimme zum Vater gesagt: "Der Junge fährt mit mir im Auto."

In solchen Momenten darf man sich keine Schwäche anmerken lassen, auch wenn einem die Knie zittern. Ich wollte nicht, dass er bei seinem Vater mitfährt. Ich hatte Bedenken, dass der ihn einschüchtert, damit er nicht sagt, was passiert ist. Der Junge war ganz aufgeregt und hat viel erzählt. Dass sein Vater ihn häufiger schlägt. Dass er seinem kleinen Bruder ein Bein gestellt hat und dass der Papa ihn dann mit seinem Gürtel verprügelt hat. Er war ganz tapfer. Es ist ja ein Zeichen von Stärke, dass er sich überhaupt traut, die Geschichte zu erzählen. Eigentlich habe ich mich total schrecklich gefühlt, aber das durfte ich nicht zeigen. Ich habe versucht, ihm den Rücken zu stärken und ihm das Gefühl zu vermitteln, dass er alles richtig gemacht hat.

Die Ärztin hat Fotos von dem Oberschenkel des Jungen aufgenommen. Das Hämatom war etwa so groß wie eine Handinnenfläche und dunkellila. Zum Glück war nichts gebrochen. Während der Untersuchung ist der Vater immer aggressiver geworden und hat mich und den Jungen beschimpft. Der Junge hat irgendwann fast nichts mehr gesagt. Außer: "Es tut gar nicht mehr so weh", und: "So schlimm ist es ja nicht." Er war völlig verunsichert. Plötzlich hat der Vater sich seine Jacke geschnappt und ist rausgerannt. Und ich stand da mit dem Jungen.

Leser-Kommentare
  1. ...so eine Entscheidung kann auch voll in die Hose gehen, wir 2 Brüder 4&5 Jahre alt kamen von unseren Hippieeltern weg und dann zu einer absoluten brutalen und perversen Plegefamilie, die uns wie Vieh gehalten hat, umd uns mit allem erdenklichen Arten gefoltert und gequält hat und das Jugendamt bemerkte nix und hat fleißig immer mehr Kinder gebracht...

    • Quarax
    • 31.05.2010 um 12:51 Uhr

    Ich bekam die blauen Flecken noch von der Lehrerin.
    Wenn ich das meinen Eltern erzählt hätte, hätte ich noch eine Watschen obendrein bekommen. Vom Jugendamt hatte ich nie gehört.

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    schlimm zu hören, aber zum Glück ändern sich die Zeiten und Kinderschlagen gehört nicht mehr in den angemessenen Erziehungskanon. Toller Artikel! Das Jugendamt hat auch mal P.R. verdient, denn dort arbeiten auch Menschen, die sich wirklich einsetzen. Wahrscheinlich wurde der Vater auch mal geschlagen, darum ist es beeindruckend, wenn sich eine junge Frau einsetzt und den Teufelskreis durchbrechen möchte. Weiter so, großen Respekt :)

    schlimm zu hören, aber zum Glück ändern sich die Zeiten und Kinderschlagen gehört nicht mehr in den angemessenen Erziehungskanon. Toller Artikel! Das Jugendamt hat auch mal P.R. verdient, denn dort arbeiten auch Menschen, die sich wirklich einsetzen. Wahrscheinlich wurde der Vater auch mal geschlagen, darum ist es beeindruckend, wenn sich eine junge Frau einsetzt und den Teufelskreis durchbrechen möchte. Weiter so, großen Respekt :)

    • wise
    • 31.05.2010 um 16:42 Uhr

    wie wär's denn mal, wenn man nicht das Kind dafür bestraft, dass es mißhandelt wird, sondern die Eltern, also die Täter...warum werden nicht schlagende Elternteile aus der Familie 'geholt', sondern die Kinder 'in die Obhut der Behörde'...?

    • naej
    • 31.05.2010 um 17:19 Uhr

    Der neue Grundrechte-Report 2010 zeigt auf, dass wenn Jugendamt und Gerichte eine Familie einmal als gefährlich für das Kindeswohl identifiziert haben, nicht mehr mit der Familie, sondern gegen die Familie gearbeitet wird…

    Willkommen im George Orwells totalitären Überwachungs- und Präventionsstaat…

  2. Auch wenn hier kostenlose Werbung für das Jugendamt gemacht wird; diese Behörde ist in keinem Fall angemessen evaluiert und besticht vor allem durch eine Vielzahl von Fehlern das Bild öffentlicher Meinung. Und soweit man dies aus den veröffentlichten Fallstudien ablesen kann, hat das Jugendamt zurecht ein schlechtes Ansehen. Entweder man handelt zu spät, wie auch oben beschrieben; man handelt einseitig nicht für die Interessen der Kinder, sondern der Mutter - was sich dann Engagement für das Kindeswohl nennt, also Mutter- und Kindesinteressen sind kongruent. Da ist es eine Behörde, die oft radikalfeministisch daherkommt, Männer dämonisiert und benachteiligt. Wo also, lt.Volk Kinderklaubehörde, soll das Vertrauen gegenüber den Jugendämtern herkommen? Bestimmt nicht daher, dass sich die Autorin des Artikels oben sicher bemüht und die offensichtlichen Fälle zur Legitimation des eigenen Wirkens heranzieht. Das Jugendamt in der jetzigen Form gehört abgeschafft und neu geordnet in eine überprüfte Form der Kindes- und Elternbetreuung überführt. Der momentane Zustand ist vor allem für die Opfer der Jugendämter unerträglich. Gleichzeitig ist Sorge zu tragen, dass das neu zu schaffende Amt nicht unter dem Deckmantel der Ideologie arbeitet, sondern sich tatsächlich als Anwalt der Schwächsten versteht. Allein auf die Überprüfung der Entscheidungen innerhalb deutscher Normgrenzen wird ein jeder warten können - im Gegenteil, die Richter kungeln mehr mit den Jugendämtern, als sie dürften.

  3. schlimm zu hören, aber zum Glück ändern sich die Zeiten und Kinderschlagen gehört nicht mehr in den angemessenen Erziehungskanon. Toller Artikel! Das Jugendamt hat auch mal P.R. verdient, denn dort arbeiten auch Menschen, die sich wirklich einsetzen. Wahrscheinlich wurde der Vater auch mal geschlagen, darum ist es beeindruckend, wenn sich eine junge Frau einsetzt und den Teufelskreis durchbrechen möchte. Weiter so, großen Respekt :)

    Eine Leser-Empfehlung
  4. geht absolut gar nicht, und das muss in unserer Gesellschaft endlich den Weg ins Massenbewusstsein finden.

    Wenn ich Streit mit einem Erwachsenen habe, gehe ich doch auch nicht einfach zu ihm hin, und schlage ihn....wie kommt es dann, dass weite Teile der erwachsenen Bevölkerung bei Kindern keine Hemmungen haben, einfach mal Ohrfeigen zu verteilen?
    Ich finde, sowas sollte definitiv hart bestraft werden, und auch eine Ohrfeige ist nicht einfach zu entschuldigen. Das ist Körperverletzung und erniedrigt den anderen Menschen. Und es läuft §1 im Grundgesetz zuwider: Es nimmt dem Kind seine Würde, wenn ein anderer Mensch, zu dem es in einer natürlichen Abhängigkeit steht, einfach die Grenze der körperlichen Unversehrtheit überschreitet. Kein Wunder, wenn es dann den Erwachenen überhaupt nicht mehr vertraut.

    Also: Aufklärung für werdende Eltern und regelmäßige Begleitung der Familie in größeren Abständen zur Pflicht gemacht. Würde ich auch für meine Familie akzeptieren, zum wohle meines Kindes.....

  5. Es ist ein unerträglicher Gedanke, daß überforderte Mittelschichtstrutschen wie diese Stefanie Bause, geprägt durch völlig weltfremde Erziehungsideale, von Behörden mit solchen Befugnissen ausgestattet werden.

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    ...aber mit überforderten Unterschichtseltern, die ihren Kindern handtellergroße Hämatome mit Gürteln zufügen, können Sie offenbar gut leben, oder wie?

    Und was genau bezeichnen Sie als "völlig weltfremde Erziehungsideale" dieser Jugendamtsmitarbeiterin? Kinder nicht zu schlagen?

    Ihr Kommentar ist unerträglich.

    Ich finde den Artikel sehr gut, denn er zeigt, daß es Menschen gibt, die sich mit diesem schwierigen Thema verantwortungsvoll und mit dem nötigen Zweifel auseinandersetzen. Das macht Mut.

    ...aber mit überforderten Unterschichtseltern, die ihren Kindern handtellergroße Hämatome mit Gürteln zufügen, können Sie offenbar gut leben, oder wie?

    Und was genau bezeichnen Sie als "völlig weltfremde Erziehungsideale" dieser Jugendamtsmitarbeiterin? Kinder nicht zu schlagen?

    Ihr Kommentar ist unerträglich.

    Ich finde den Artikel sehr gut, denn er zeigt, daß es Menschen gibt, die sich mit diesem schwierigen Thema verantwortungsvoll und mit dem nötigen Zweifel auseinandersetzen. Das macht Mut.

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