An einem Donnerstagnachmittag im Sommersemester vor zwei Jahren bin ich aus der Fakultätsratssitzung geflohen. Ich habe mitten in meinem Vortrag abgebrochen und bin davongelaufen. Vor den Kollegen, die mich erwartungsvoll ansahen – und vor dem Druck, den ich mir selbst gemacht hatte.

Die Panikattacke kam plötzlich; überraschend kam sie nicht. Heute ist mir klar, dass es vorher viele Warnsignale gegeben hat, die ich heruntergespielt habe. Ich habe eine Professur auf Probe an einer großen Uni in Baden-Württemberg. Wenn mich Freunde fragten, wie es mir mit dem neuen Job gehe, habe ich geantwortet, dass ich mir nicht vorstellen könne, diese Belastung ein Leben lang auszuhalten. Und dann habe ich gelacht, haha, natürlich sei das nur ironisch gemeint! Mit Anfang 30 schon Professor, das ist doch eine erfolgreiche Laufbahn, davon träumen viele. Ich habe es geschafft, da darf ich mich doch nicht beklagen!

Wenigen habe ich von meinen Ängsten erzählt, von meinen schlaflosen Nächten, in denen ich um vier Uhr schon einmal meine E-Mails lese – ich bin ja eh wach.

Was, wenn die Professur nicht entfristet wird?, fragte ich mich in diesen Nächten. Wenn irgendwann herauskommt, dass ich gar nichts kann? Als ich einen Ruf an eine andere Uni bekam, hätte ich beruhigt sein müssen – die Zukunft war gesichert. Stattdessen aber sah ich neue Konflikte: Wenn ich in eine andere Stadt ginge, müsste mein Kind die Schule wechseln, meine Frau eine neue Stelle suchen...

Nach der Panikattacke hat mich mein Arzt erst einmal krankgeschrieben und mir eine Aufgabe gegeben: Zwei Wochen lang sollte ich nichts tun, nur spazieren gehen. Dass ein Arzt ganz offiziell meine Belastung als Krankheit bezeichnete, war wie eine Befreiung. Es lag nicht an mir, ich war nicht faul, ich war krank. Ich fühlte mich beflügelt! Die folgenden Wochen waren wohl die produktivsten meiner Karriere – anstatt in der Natur verbrachte ich sie am Schreibtisch. Danach war meine Publikationsliste um zwei Aufsätze länger, und auch mein Buch war ein gutes Stück vorangekommen.

Aber an meinem ersten Tag zurück an der Uni war auch die Angst wieder da. Es war, als führte ich zwei getrennte Leben: Täglich hatte ich stundenweise Angstzustände, in denen ich nur weglaufen und mich verkriechen wollte. Ich fühlte mich nicht in der Lage, andere Menschen zu treffen, ein Gespräch zu führen. In den Phasen, in denen ich klar denken konnte, habe ich dann sofort wieder begonnen, zu arbeiten wie bisher. Dabei hätte mir längst klar sein müssen, dass die nächste Angstphase nur wenige Stunden entfernt ist. Irgendwann war die Verzweiflung so groß, dass ich mir Hilfe geholt und mit einer Therapie begonnen habe. Zum Glück. Seitdem lerne ich mühsam, meine Ansprüche an mich selbst zurückzuschrauben, die mich fast kaputtgemacht hätten.

Der anonyme Autor ist Anfang 30 und hat inzwischen Angebote von weiteren Unis bekommen. Die Selbstzweifel bleiben