Dem Uni-Psychologen muss das alles recht absurd erscheinen. Wilfried Schumann sitzt in seinem Beratungszimmer; er trägt eine schwarze Lederröhre und bunte Stricksocken, und man glaubt ihm förmlich anzusehen, wie er damals in den Siebzigern sein Psychologiestudium absolviert hat: frei von Leistungsdruck, mit viel Muße, um Freud zu lesen oder einfach auf der Wiese zu liegen. Jetzt kommen Studenten in seine Sprechstunde, die bereits im ersten Semester ihres Studiums nicht mehr können. Sie sind schon am Morgen müde, sie haben Angst vor der nächsten Seminarstunde, sie fühlen sich zermürbt und leer.

Als man für dieses Ausgebranntsein zum ersten Mal einen Begriff suchte, ungefähr zu der Zeit, als Schumann studierte, ging es um die Frustration von Ärzten, die sich für ihre Patienten verausgabten, aber nie alle retten konnten. Später galt Burn-out als Syndrom einiger weniger stressgeplagter Manager. Jetzt ist es normal geworden, sich schon aufzureiben, bevor man überhaupt ins Berufsleben eingetreten ist.

Natürlich muss Schumann nicht jeden Studenten, der die Psychosoziale Beratungsstelle von Studentenwerk und Uni aufsucht, gleich in die Klinik schicken, weil er sich anders nicht mehr erholen könnte. Aber das passiert immer- hin vier-, fünfmal pro Jahr. Die anderen leiden oft "nur" unter momentanen Erschöpfungserscheinungen. Wohlgemerkt: Schumann arbeitet in Oldenburg, an einer ganz durchschnittlichen deutschen Uni, die weder die größten Studentenmassen beherbergt noch ein Elitesiegel wahren muss. Deutschlandweit ist die Zahl der Beratungskontakte an den Unis nach der neuesten Statistik im Jahr 2008 um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, auf inzwischen 80.000. Am häufigsten ging es dabei um Lernstörungen, Leistungsprobleme und Prüfungsangst – typische Vorboten eines Burn-outs.

Als Student hat man den akuten Stressor allzu schnell gefunden: Schuld ist "der Bachelor". Kaum ist die eine Prüfung geschrieben, droht schon die nächste am Horizont. Der Stoff lässt sich nicht entzerren, weil man in der Regelstudienzeit fertig werden muss, und Bummelstudenten, heißt es, kommen in den Personalabteilungen gar nicht gut an. Dazu kommt der Notendruck, denn wer weiß schon, wie hoch die Hürden für den Masterplatz liegen.

Tatsächlich fällt der starke Anstieg der Beratungskontakte mit der Einführung des Bachelors zusammen. Zum einen sind viele Lehrpläne nachbesserungsbedürftig, zum anderen kommen viele Studenten mit dem neuen System nicht zurecht, begreifen die Zeitvorgabe oft nicht als Soll, sondern als Muss, und die Möglichkeit, einen Master zu machen, nicht als Freiheit, sondern als Zwang. Dadurch fühlen sie sich überfordert. Gleichwohl sind es nicht die Studenten allein, die Überlastungserscheinungen zeigen. In den Kliniken nimmt die Zahl der jungen Patienten zwischen 30 und 35 zu, die schon am Anfang ihres Berufslebens so ausgebrannt sind wie ihre Vorgänger an dessen Ende. Ganz zu schweigen von den Schülern, von denen knapp die Hälfte unter psychosomatischen Beschwerden leidet, wie eine neue Studie der Deutschen Angestellten-Krankenkasse zeigt. Und gerade beschrieb die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel in dem Buch Brief an mein Leben, wie sie nach zu vielen Terminen und Geschäftsreisen einfach zusammenbrach.

Ist es also der Einzelne, der sich selbst zu viel aufbürdet, der übereifrige Streber, der die gesamte Literaturliste von vorn bis hinten auswendig lernt, die verbissene Karrieristin, die mit 30 schon einen Chefposten haben will? Tatsächlich landen überdurchschnittlich oft Perfektionisten in der Therapie. "Burn-out-Patienten sind sehr leistungsfähige Menschen", sagt der Arzt Gernot Langs, der die Psychosomatische Klinik Bad Bramstedt leitet. "Nur wer sich für etwas begeistert engagiert, kann ausbrennen." Doch während zu Schumanns Studienzeit kaum einer an seiner Leistungsbereitschaft zugrunde ging, scheint heute ein großer Teil des Landes aus Perfektionisten zu bestehen. Über chronischen Stress klagt zumindest jeder dritte Deutsche, das ergab eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse.