Mensagespräch mit Rainer Langhans "Ich war vollkommen verklemmt"

Die 68er-Ikone Rainer Langhans hat an der FU Berlin studiert. In seiner alten Mensa spricht er über sexuelle Freiheit, seine Zeit als Bundeswehroffizier und ewige Spießbürger.

Rainer Langhans entsteigt dem Taxi wie eine Erscheinung. Braun gebrannte Haut. Wallendes graues Haar. Weiße Baumwollkleidung. Jutebeutel. Langhans, der Mitbegründer der legendären Kommune I, die Ikone der sexuellen Revolution, der ehemalige SDS-Vorstand, ist seit 37 Jahren Veganer, und so dauert es in der Mensa eine Weile, bis er sich für Spargel-Teigtaschen und frisch gepressten Apfelsaft entschieden hat. Langhans wünscht freundlich »Guten Appetit«, faltet unter dem Tisch schweigend die Hände und schaut eine Minute lang verklärt den Vögeln hinterher, die in diesem Moment vor dem Fenster von Baum zu Baum fliegen.

ZEIT Campus: Beten Sie immer vor dem Essen?

Rainer Langhans: Ja. Ich danke dem Universum für diese Nahrung. Ich will Respekt zeigen vor den Lebewesen, die dafür gestorben sind. Auch wenn es nur Pflanzen waren.

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ZEIT Campus: Es heißt immer, Sie mögen Tabubrüche. Würden Sie sich nachher für unser Foto ausziehen, so wie früher?

Langhans: Wie bitte?

ZEIT Campus: Auf alten Bildern sind Sie auch immer nackt. Entweder Sie stehen nackt vor einer Wand oder sitzen ohne Hemd neben der barbusigen Uschi Obermaier.

Zeit Campus 3/2010
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Langhans: Das waren schöne Inszenierungen. Wir wollten den Menschen zeigen, wie frei man sein kann. Den Reportern sagten wir: Bei uns gibt es allgemeine Zärtlichkeit, keine Zweierbeziehungen. Die fragten: Heißt das, dass jeder mit jedem schläft? Wir sagten: Klar, schreibt nur. Und dann haben sie Sachen geschrieben wie: »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.«

ZEIT Campus: Der Satz stammt nicht von Ihnen?

Langhans: Nein, den hat sich, glaube ich, ein Reporter vom stern ausgedacht.

ZEIT Campus: Aber das Image der Sex-Kommune haben Sie immer bewusst gefördert.

Langhans: Klar, sexuelle Freiheit war eine unserer Forderungen. Anders als Rudi Dutschke reichte es uns nicht, den Kapitalismus abzuschaffen. Wir wollten uns selbst neu erfinden. Kein Mensch darf einem anderen Menschen gehören! Wir haben damals zu Rudi gesagt: Du kannst nicht Revolutionär sein und gleichzeitig diese Spießerehe mit Gretchen führen – komm in die Kommune! Er sagte: Nein, nein, da wird Gretchen eifersüchtig, das erlaubt sie mir nicht.

Nach und nach wird es voller in der Mensa, die Vorlesungen sind vorbei. Langhans sitzt vor seinem Tablett und pflegt eine eher bürgerliche Höflichkeit: Beim Essen achtet er merklich darauf, nicht mit vollem Mund zu sprechen.

Leser-Kommentare
  1. »Guck mal, der Mann da – der hat noch nie in seinem Leben gearbeitet!«
    Das ist doch ein durchaus erstrebenswertes Lebensmodell.

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    • dojon
    • 18.10.2011 um 8:20 Uhr

    Ds wäre erstrebenswert, wenn mn ohne Arbit leben könnte. Ich kenne aber niemanden mit dieser Enstellung, der nicht von der Arbeit anderer lebt, und das ist für mich verächtlich.

    • dojon
    • 18.10.2011 um 8:20 Uhr

    Ds wäre erstrebenswert, wenn mn ohne Arbit leben könnte. Ich kenne aber niemanden mit dieser Enstellung, der nicht von der Arbeit anderer lebt, und das ist für mich verächtlich.

  2. 2. Frisch

    nicht fromm und ein bißchen frei.

    Das gefällt.

    Prima Artikel.

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  3. ...von einem dämlichen Kommentar von Herrn Langhans zum Skandal in der Odenwaldschule ist dieser Mann vernünftig, charakterlich gefestigt, und sozial bewußt. Merkwürdig, daß sich bis heute noch manche Geisteszwerge an ihm stoßen und damit nur ihren desolaten Zustand beweisen.

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    • maxton
    • 25.05.2010 um 12:12 Uhr

    Rainer Langhans kommentiert die heutige Protestkultur in einer Bilderstrecke: http://theeuropean.de/rai...

    • dacapo
    • 25.05.2010 um 12:59 Uhr

    Ich kenne genug Spießer, die heute genauso aussehen wie Herr Langhans, so braun, so schön grau-langhaarig.
    Außerdem muss er betr. Kommune I korrigiert werden, es gab durchaus schon vor der Kommune I eine Wohngemeinschaft. Ich hatte eine in Berlin gegen 1964 kennen gelernt, sie befand sich in einer typischen Manufaktur-Etage eines Berliner Hinterhofs. Die einzelnen Wohnbereiche waren getrennt durch Stoffe. Es waren Künstler, Musiker und Möchtegern-Schriftsteller, vergleichbar mit den Hipstern. Im Großen und Ganzen war die Kommune I, die ich auch kennengelernt hatte dagegen "spießig".

  4. .. sein Pläsierchen :-D

  5. Mir gefällt es, dass er die unvermeidlichen Gegensätze akzeptiert, aber nicht überbetont, dass er Respekt hat und entspannt ist. Seine Zeit war seine Zeit, er war einer der Helden, und er sieht es wohltuend anders als die meisten seiner Altersgenossen - wir sollen froh sein, dass wir solche Helden nicht brauchen, nicht produzieren und nicht haben.

    Viele Alt-68er kommen aus dem Kritisieren gar nicht mehr raus - die Jugend sei zu angepasst benehme sich asozial. Was für ein Widerspruch. Wir gehen einfach anders, und zwar selbstverständlicher mit dem Generationenkonflikt um: Wir protestieren nicht gegen die Regeln, wir unterlaufen und ignorieren sie einfach.

    Nur Langhans' Meinung über die Kleidung muss ich auch widersprechen. Die alten Normen gelten für Studenten nicht mehr, also ist es auch nicht revolutionär, sich jugendlich zu kleiden. Revolutionär wäre es eher, wieder in Anzug und Krawatte zur Uni zu gehen und sich damit zum Außenseiter zu machen - es könnte doch durchaus sein, dass man den Style einfach gut findet.

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  6. Mich interessiert dieser Mann nicht. Mich interessiert aber eine Frage: Warum werden in Lettland ehemalige Nationalsozialisten verherrlicht?

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