Mensagespräch mit Rainer Langhans "Ich war vollkommen verklemmt"
Seite 3/3:

 "Ich bin ein Spinner. Aber die anderen Leute spinnen noch mehr"

ZEIT Campus: Werden Sie oft angesprochen?

Langhans: Es geht. Neulich kam ich in München aus dem Supermarkt, da sagte ein Mann zu seiner Frau: »Guck mal, der Mann da – der hat noch nie in seinem Leben gearbeitet!«

Anzeige

ZEIT Campus: Verletzt Sie so was?

Langhans: Nein, das sagen die Leute seit 40 Jahren. Aber ich lebe nicht von Sozialhilfe und schulde niemandem etwas. Aus meiner Zeit als Soldat bekomme ich 197 Euro Rente, und ein bisschen verdiene ich mit Vorträgen und Büchern. Ich lebe sehr bescheiden, kein Kino, keine Restaurants.

ZEIT Campus: Sie waren beim Militär?

Langhans: Ja, ich habe Wehrdienst geleistet und danach eine Offiziersausbildung gemacht. Ich war Truppenführer. Wir haben im Gelände den Dritten Weltkrieg geprobt, mit Rauchbomben, die Pilze machten wie kleine Atombömbchen.

ZEIT Campus: Was für ein Bild: der Kommunarde mit Maschinengewehr vor einem Atompilz.

Langhans: Das hat mich gelehrt, dass Krieg nicht geht. Ansonsten war die Soldatenzeit aber kein Widerspruch. Ich habe mein ganzes Leben in Kommunen gelebt. Erst mit drei Geschwistern daheim, dann im Internat, bei der Bundeswehr und schließlich in der Kommune.

ZEIT Campus: Angeblich leben Sie heute mit einem Harem von fünf Frauen in München.

Langhans: Ich wohne alleine, in einer kleinen Wohnung mit weißen Wänden und einer Matratze auf dem Boden. Was die Leute »Harem« nennen, ist seit 35 Jahren meine Wahlfamilie, ein sehr intimer Kreis von Menschen. Das geht über körperliche Liebe weit hinaus.

ZEIT Campus: Sie haben immer provoziert mit Ihrer Lebensform. Was sagen Sie eigentlich Leuten, die Sie für einen Spinner halten?

Langhans: Ich bin ein Spinner!

ZEIT Campus: Jetzt kokettieren Sie aber.

Langhans: Nein! Ich bin wirklich ein Spinner! Aber wenn Sie mich fragen, dann spinnen die anderen Leute noch viel mehr. Vor 1968 dachte ich immer, ich wäre krank, dann habe ich gemerkt: Die anderen sind es.

Mit ZEIT Campus kehren Prominente an ihre alte Uni zurück. Alle Gespräche zum Nachlesen, etwa mit Eckart von Hirschhausen, gibt es in unserer Serie

 
Leser-Kommentare
  1. »Guck mal, der Mann da – der hat noch nie in seinem Leben gearbeitet!«
    Das ist doch ein durchaus erstrebenswertes Lebensmodell.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dojon
    • 18.10.2011 um 8:20 Uhr

    Ds wäre erstrebenswert, wenn mn ohne Arbit leben könnte. Ich kenne aber niemanden mit dieser Enstellung, der nicht von der Arbeit anderer lebt, und das ist für mich verächtlich.

    • dojon
    • 18.10.2011 um 8:20 Uhr

    Ds wäre erstrebenswert, wenn mn ohne Arbit leben könnte. Ich kenne aber niemanden mit dieser Enstellung, der nicht von der Arbeit anderer lebt, und das ist für mich verächtlich.

  2. 2. Frisch

    nicht fromm und ein bißchen frei.

    Das gefällt.

    Prima Artikel.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. ...von einem dämlichen Kommentar von Herrn Langhans zum Skandal in der Odenwaldschule ist dieser Mann vernünftig, charakterlich gefestigt, und sozial bewußt. Merkwürdig, daß sich bis heute noch manche Geisteszwerge an ihm stoßen und damit nur ihren desolaten Zustand beweisen.

    Eine Leser-Empfehlung
    • maxton
    • 25.05.2010 um 12:12 Uhr

    Rainer Langhans kommentiert die heutige Protestkultur in einer Bilderstrecke: http://theeuropean.de/rai...

    • dacapo
    • 25.05.2010 um 12:59 Uhr

    Ich kenne genug Spießer, die heute genauso aussehen wie Herr Langhans, so braun, so schön grau-langhaarig.
    Außerdem muss er betr. Kommune I korrigiert werden, es gab durchaus schon vor der Kommune I eine Wohngemeinschaft. Ich hatte eine in Berlin gegen 1964 kennen gelernt, sie befand sich in einer typischen Manufaktur-Etage eines Berliner Hinterhofs. Die einzelnen Wohnbereiche waren getrennt durch Stoffe. Es waren Künstler, Musiker und Möchtegern-Schriftsteller, vergleichbar mit den Hipstern. Im Großen und Ganzen war die Kommune I, die ich auch kennengelernt hatte dagegen "spießig".

  4. .. sein Pläsierchen :-D

  5. Mir gefällt es, dass er die unvermeidlichen Gegensätze akzeptiert, aber nicht überbetont, dass er Respekt hat und entspannt ist. Seine Zeit war seine Zeit, er war einer der Helden, und er sieht es wohltuend anders als die meisten seiner Altersgenossen - wir sollen froh sein, dass wir solche Helden nicht brauchen, nicht produzieren und nicht haben.

    Viele Alt-68er kommen aus dem Kritisieren gar nicht mehr raus - die Jugend sei zu angepasst benehme sich asozial. Was für ein Widerspruch. Wir gehen einfach anders, und zwar selbstverständlicher mit dem Generationenkonflikt um: Wir protestieren nicht gegen die Regeln, wir unterlaufen und ignorieren sie einfach.

    Nur Langhans' Meinung über die Kleidung muss ich auch widersprechen. Die alten Normen gelten für Studenten nicht mehr, also ist es auch nicht revolutionär, sich jugendlich zu kleiden. Revolutionär wäre es eher, wieder in Anzug und Krawatte zur Uni zu gehen und sich damit zum Außenseiter zu machen - es könnte doch durchaus sein, dass man den Style einfach gut findet.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Mich interessiert dieser Mann nicht. Mich interessiert aber eine Frage: Warum werden in Lettland ehemalige Nationalsozialisten verherrlicht?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service