Lexikon der Arbeitswelt Die Raumnovelle
Es gibt Phänomene, die sind in allen Berufen gleich. Der ZEIT-Feuilletonchef Jens Jessen beschreibt sie für uns. Diesmal: Das Büro als Zeichen von Status und Ego.
Angestellte leben nicht nur von ihrem Gehalt. Sie leben auch von der Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird, und wenn es einmal so weit gekommen ist, dass ihr Anerkennungsbedürfnis nicht mehr vom Lob des Vorgesetzten befriedigt werden kann, entsteht jenes Riesenproblem, das auch als Zimmerfrage bezeichnet wird. Wie groß, wie schön, wie sonnig ist mein Zimmer, beginnen die Angestellten zu fragen, und warum ist es nicht größer, schöner, sonniger als das Zimmer des deutlich fauleren Kollegen? Die Frage verschärft sich noch einmal, wenn ein Umzug ansteht und die Zimmerverteilung nicht mehr mit dem Hinweis auf das historisch Gewachsene und Ungerechtigkeiten aus grauer Vorzeit erklärt werden kann.
In großen Firmen gibt es wenig Spielraum, darüber zu streiten. Das Verhältnis zwischen der Position des Mitarbeiters, der Größe seines Büros sowie der erlaubten Menge von Zimmerpflanzen ist genau geregelt, meist entsprechend dem Hubraum des Dienstwagens und der zugestandenen Spesen. In großen Konzernen werden leitende Angestellte mitunter sogar zu repräsentativen Zimmern gezwungen, die ihnen ungemütlich sind. Oder zu größeren Dienstwagen, die sie davon abhalten sollen, den angerosteten Zweitwagen auf dem Firmenparkplatz abzustellen, der nur von einem Dienstmercedes befahren werden darf. Der Hierarchie müssen in diesem Fall Opfer gebracht werden, die das genaue Gegenteil der Opfer sind, die kleinere Firmen ihren Mitarbeitern auferlegen.

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Kleinere Firmen neigen nämlich dazu, die Größe der Zimmer an den darin zu erledigenden Aufgaben auszurichten – nicht an der Position, und schon gar nicht am Ego des Mitarbeiters. Da kann es dann passieren, dass die Sekretärin, die eine umfängliche Ablage zu betreuen hat, über mehr Platz als ihr Chef verfügt. Oder, schlimmer noch, der Ingenieur für seine Zeichentische ein doppelt so großes Büro erhält wie der Firmenjurist, der ihm hierarchisch gleichgestellt ist. Solche Verteilungen lassen sich zwar gut begründen, die Begründung hilft aber nichts gegen das böse Blut, das hinter den geschwollenen Schläfen pocht.
Noch ärger wird es, wenn einem Schwung gleichgestellter Mitarbeiter eine Handvoll höchst unterschiedlich geschnittener Zimmer gegenübersteht. Hier ist jede Zuteilung Willkür und legt den Grundstock zu jahrzehntelangen Feindschaften, die sich bis zur Arbeitsverweigerung steigern können.
Es hilft auch wenig, wenn ein Chef nach einiger Zeit anregt, die Zimmer zu tauschen, um dem Kollegen, der ehemals das kleinere Zimmer bekommen hatte, nun das größere zu geben. Dieser Kollege wird gleichwohl niemals die Zeit vergessen, da er sich eingezwängt fühlte, und weiter mosern. Der Kollege aber, der das größere Zimmer wieder verliert, wird vor den Betriebsrat ziehen.
Zimmerfragen sind keine Machtfragen, sondern Eitelkeitsfragen. Der Mitarbeiter indes, der einsieht, dass seine Bedeutung nicht am Zimmer hängt, muss erst gezüchtet werden.
- Datum 04.06.2010 - 07:04 Uhr
- Serie Lexikon der Arbeitswelt
- Quelle ZEIT Campus 3/2010
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Die Frage nach der Größe hat schon Freud bewegt.
Open Space ist wieder das Neueste, aber auch bei dieser Form gibt es ein paar ganz wenige Glaskästen für die obere Führungsebene, die Neiderei in der mittleren/unteren Führungsebene ist somit eliminiert
Insbesondere der letzte Satz erklärt pauschal alle Angestellten zu Vollidioten. Für den Urheber dieses Artikels kann ich nur hoffen, dass er zwecks Vermeidung von durch verletzte Eitelkeit verursachter Magengeschwüre im Großraumbüro sitzt.
dass "Zimmerfragen ... keine Machtfragen, sondern Eitelkeitsfragen" sind: Haben Sie sich schon mal in anderen Industrienationen die Büros angeschaut?
Sind denn dann nur wir Deutschen "eitel"?
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