Radikalisierung »Ich denke, dass es meine Bestimmung ist, hier zu sein«

Die niederländische Studentin Tanja Nijmeijer schließt sich in Kolumbien der Guerilla an. Ihre Spur verliert sich im Urwald. Jetzt vermutet der kolumbianische Geheimdienst: Tanja ist die rechte Hand eines Farc-Führers

Im Süden Kolumbiens attackiert am 18. Juni 2007 eine Spezialeinheit des Militärs ein Lager der Farc. Ein Großteil der Guerilleros badet gerade im Fluss, der Kampf ist kurz, die meisten von ihnen fliehen nackt in den Dschungel. Zurück bleiben nur drei tote Farc-Mitglieder, ein unberührtes Frühstück und ein brisanter Fund: Neben der noch glimmenden Feuerstelle entdecken die Soldaten zwei linierte Spiralblöcke, die von der Feuchtigkeit Wellen schlagen – handgeschriebene Notizen, die meisten davon in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Niederländisch. Es ist das Tagebuch einer Farc-Kämpferin, die sich in ihren Aufzeichnungen selbst Eillen nennt. Ein paar Tage zuvor schrieb sie:

»Hier bewege ich mich wie ein Fisch im Wasser. Der Dschungel ist meine Heimat. Die Farc ist mein Leben, meine Familie.« [13. Juni 2007]

Kolumbien und die Farc

Das Kürzel Farc steht für Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens). Ihre angeblichen Ziele sind die Errichtung einer marxistischen Gesellschaft und der Schutz der kolumbianischen Bauern vor Ausbeutung und Unterdrückung. Die Farc finanziert sich über Lösegelder aus Geiselnahmen und das Eintreiben illegaler Steuern auf den Drogenhandel. Zeitweise kontrollierte die Gruppe fast die Hälfte der Fläche Kolumbiens, vor allem die wenig besiedelten Waldgebiete. Wer mehr über Tanja erfahren will, kann den Dokumentarfilm von Leo de Boer schauen: bit.ly/ZCTanjaN

Einige Wochen danach meldet sich das Ehepaar Nijmeijer aus der niederländischen Gemeinde Dinkelland bei den Behörden. Eillen sei ihre älteste Tochter. Ihr bürgerlicher Name: Tanja Nijmeijer, geboren 1978, aufgewachsen in Denekamp, nur zehn Kilometer von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt. In Groningen hat sie Romanistik studiert, jetzt ist sie Guerillera in Kolumbien, in einem der längsten und blutigsten Konflikte Südamerikas, in dem Gut und Böse, Politik und Drogenhandel, Militärs und Kriminelle oft nicht mehr zu unterscheiden sind. 200.000 Menschen starben seit den sechziger Jahren im Kampf zwischen der Guerilla und dem Militär. Es sind Jahre vergangen, seitdem Tanjas Eltern ihre Tochter das letzte Mal gesehen haben.

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»Manchmal träume ich von Mama und Ellen, und danach wache ich weinend auf. Es ist stets die gleiche Frage: Habe ich das Richtige gemacht? Wäre ich glücklich geworden, wenn ich als normale Bürgerin zu Hause geblieben wäre? Was würde ich machen? Unterricht geben, übersetzen, in der Uni arbeiten? Oder in einer Firma? Verlobt, verheiratet, mit Kindern?« [13. Juni 2007]

Denekamp heute, eine Spurensuche. Im Garten von Tanjas Eltern sind die Buchsbäumchen akkurat gestutzt, ein silberner Mittelklassewagen steht im Carport, nur das Klingelschild fehlt. Hannie und Gerrit Nijmeijer haben es abmontiert. Auf Anrufe reagieren sie nicht. Sie haben sich nur einmal, kurz nach dem Fund des Tagebuchs, mit einem Fax an die Öffentlichkeit gewandt: »Tanja ist immer schon sehr sensibel für die Armut in der Welt gewesen, sie hatte große Probleme mit den Unterschieden zwischen Arm und Reich.« Indem sie sich der Farc angeschlossen habe, sei sie »sehr weit in ihrem Idealismus fortgeschritten«.

ZEIT CAMPUS 4/2010
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Tanja wächst in Denekamp in einer normalen Mittelstandsfamilie auf, nach dem Abitur zieht sie zum Studium nach Groningen, in die kleine Universitätsstadt im Norden. »Sie war nicht wie die anderen Studenten«, sagt Hub Hermans, einer ihrer ehemaligen Professoren, »sie interessierte sich für Politik.« Ihm sei schnell klar geworden, dass sie links sei. »Keine linke Extremistin, aber sehr weit links.« Kurze Zeit ist sie Mitglied der Internationalen Sozialisten. »Sie hat immer die Diskussion gesucht.«

»Ich war dumm genug, einen der Kommandanten zu kritisieren, und gestern wurde ich dafür gedemütigt. Mir ist es egal. Ich bin die Scheinheiligkeit der Farc gewöhnt. Ich werde sie auch weiterhin kritisieren.« [12. Juni, keine Jahreszahl] 

Tanja entscheidet sich 2000, nach Kolumbien zu gehen. Dass in dem südamerikanischen Land seit Jahrzehnten Krieg herrscht, dass die 20.000 Mann starke Farc bereits Vororte der Hauptstadt erobert hat, dass die Rebellen fast die Hälfte des Landes unter ihrer Kontrolle haben und mit durchschnittlich zehn Entführungen pro Tag die Nachrichten bestimmen, hält sie nicht von ihrer Reise ab.

Über die Studentenorganisation Aiesec kommt die 22-jährige Tanja im Sommer 2000 nach Pereira, in eine schwül-warme Stadt in der kolumbianischen Kaffeezone. Nur wenige Schritte hinter den mit Stacheldraht umzäunten Wohngebieten der Reichen beginnen die Slums aus Brettern und Wellblech. Tanjas Praktikumsplatz, die Privatschule Liceo Pino Verde, ist das Gegenteil: ein herrschaftliches Anwesen an einer Straße zu den Fincas der reichen Vorstädter. Hier unterrichtet sie die Söhne und Töchter von wohlhabenden Anwälten, Ärzten und Unternehmern. Sebastián Ramírez Aristizábal, einer ihrer ehemaligen Schüler, erinnert sich, dass Tanja das ganze Schuljahr die gleiche Hose getragen habe. »Dabei hat das grüne Ding schrecklich ausgesehen«, sagt er und muss grinsen. »Das wollte sie aber so – aus Solidarität mit den Menschen, die auf der Straße leben und auch nur eine Hose haben.« Tanja macht das nichts aus, sie wirkt anspruchslos.

»Es regnet. Gestern mussten ich und andere ein Fass, das 60 Kilo gewogen hat, auf dem Rücken tragen. Er tat mir weh, genauso wie mein Hals. Wir sind zehn Tage im gleichen Camp geblieben. Heute bunkerten wir zehn Kilo Essen, um es in unseren Taschen mitzunehmen. Ich glaub, dass wir bald, sehr bald an der Front sein werden.« [17. Juni 2007] 

Leser-Kommentare
  1. Das Scheitern steht zwischen den Zeilen und so sehr man mit Tanja mitfühlen mag, es macht sich bei mir auch Wut breit:

    "Warum muss sie den Kampf anderer Leute führen?"
    "Warum muss sie ihr Leben und damit das Leben ihrer Eltern aufs Spiel setzen?"
    "Warum so etwas auswegloses?"
    "Wie kann man so naiv sein mit Mord und Terror noch immer eine tote Idee zu verfolgen?"

    Geh nach Hause kleines, bürgerliches Mädchen. Geh zu deinen Eltern und entschuldige dich? Das kleine Mädchen wirst du nicht mehr sein, Mord und Totschlag verjährt nicht, auch nicht wenn man denkt, dass die Mordopfer sinnvoll gestorben sind.

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    Genau das habe ich auch gedacht, als ich den Artikel gelesen habe.

    Wut über ihre schein-überlegene Arroganz, mit der sie über die Entscheidung dieser Frau urteilen.

    Diese Entscheidung wurde beinflusst von Umständen, die wir uns nicht einmal vorstellen können.

    Die beschriebene frau ist keine geistig Zurückgebliebene oder ein kleines Mädchen, ich möchte ihnen in keinster Weise ihr Recht diese Frau zu kritisieren absprechen, aber bitte wahren sie doch den nötigen Respekt.

    ... an jemanden der all die Annehmlichkeiten aufgibt, kommt schon ein bißchen sehr klebrig und hochnäsig daher.

    Erinnert so ein bißchen an das berühmte "Dann sollen sie halt Kuchen essen" Zitat.

    Genau das habe ich auch gedacht, als ich den Artikel gelesen habe.

    Wut über ihre schein-überlegene Arroganz, mit der sie über die Entscheidung dieser Frau urteilen.

    Diese Entscheidung wurde beinflusst von Umständen, die wir uns nicht einmal vorstellen können.

    Die beschriebene frau ist keine geistig Zurückgebliebene oder ein kleines Mädchen, ich möchte ihnen in keinster Weise ihr Recht diese Frau zu kritisieren absprechen, aber bitte wahren sie doch den nötigen Respekt.

    ... an jemanden der all die Annehmlichkeiten aufgibt, kommt schon ein bißchen sehr klebrig und hochnäsig daher.

    Erinnert so ein bißchen an das berühmte "Dann sollen sie halt Kuchen essen" Zitat.

  2. Genau das habe ich auch gedacht, als ich den Artikel gelesen habe.

  3. und wuetentend absolut, denn googelt biiet mal Sarko und Roma oder Roms...
    was kann man hier machen..
    heute die, wer morgen, wann kommt die Fremdempolizei wieder,
    arbeiten bis 70...WAS, WO

    • Liphe
    • 13.08.2010 um 13:10 Uhr

    Ich schließe mich den ersten beiden Kommentaren. Idealismus kann auf seltsame Pfadeführen.
    Zum Artikel: Ich halte es für wirklich schlechten Stil, die kritischen Auszüge aus dem Tagebuch chronologisch an den Anfang des Artikels und im zweiten Teil dann die resignieten zu stellen, obwohl diese chronologisch vor die kritischen gehören. Damit wird ein falsches Bild gebastelt, welches zwar zur Geschichte passt, welches das Tagebuch so aber nich hergibt. Es kommt meiner Meinung nach nur den zu erwartenen Empfindungen der Leser entgegen!

    Eine Leser-Empfehlung
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    Interessant zu wissen!

    Und was auch zu sagen ist: Ob RAF oder Farc - immer nach außen hin die Moral und mit der Moral Leute mobilisieren und drinnen geht`s zu wie Sau: Machtkämpfe, Unterdrückung kapital. Ausbeutung! Eine Sauerei, wenn Menschen wie Tanja mit ihrem Idealismus auf der Suche nach Mögl. zu helfen in so eine Bande geraten!

    Interessant zu wissen!

    Und was auch zu sagen ist: Ob RAF oder Farc - immer nach außen hin die Moral und mit der Moral Leute mobilisieren und drinnen geht`s zu wie Sau: Machtkämpfe, Unterdrückung kapital. Ausbeutung! Eine Sauerei, wenn Menschen wie Tanja mit ihrem Idealismus auf der Suche nach Mögl. zu helfen in so eine Bande geraten!

  4. Eine spannende Geschichte ist das. Bewundernswert ist der Mut und die Entschlossenheit, mit denen diese Frau sich ins Unbekannte wagt...um ihren Idealen sowas wie "Hand und Fuss" zu geben; jedenfalls sitzt sie nicht hintern Sofa und palavert von linker "Revolution" und "Kampf". Dass sie dabei bemerkt, dass diese "kommunistischen" Kämpfer nichts anderes wollen, als die "Armen" (oder nur sich selbst) dahin zu führen, wo die Reichen jetzt sind - die Herrschaft der "Arbeiter- und Bauern" quasi als umgepolte Kapitalisten-Machenschaften-Diktatur - ist zwar nicht neu..., aber da muss sie halt durch jetzt. Dieses "Man muss was tun für die Befreiung", anarchistische Bestrebungen, die unbedingt aktionistische Eingriffe herbeitsehnen und proben, hatten wir so vor knapp 100 Jahren schonmal kollektiv: die ganze Intelligenz plus Bevölkerung wollte - romantisch wie auch die Dame hier - ein aufbruchsvolles Wir-Gefühl beleben...im Kampf...der in den Ersten Weltkrieg führte. Dass das dann alles andere als die romantische Erneuerung der "Volksgemeinschaft" wurde, sahen wenige vorher...nicht mal Thomas Mann.

  5. 6. Aha --

    Interessant zu wissen!

    Und was auch zu sagen ist: Ob RAF oder Farc - immer nach außen hin die Moral und mit der Moral Leute mobilisieren und drinnen geht`s zu wie Sau: Machtkämpfe, Unterdrückung kapital. Ausbeutung! Eine Sauerei, wenn Menschen wie Tanja mit ihrem Idealismus auf der Suche nach Mögl. zu helfen in so eine Bande geraten!

  6. "Heute Nacht gab es ein Fest. Selbstverständlich hatten die Kommandanten und ihre Frauen eine eigene Privatparty, was meiner Meinung nach total korrupt ist. Die anderen, die Truppe, die regulären Guerilleros niedrigen Ranges, dürfen nun das trinken, was die anderen gestern nicht saufen konnten.« [15. April 2007]"

    so sieht gelebter Kommunismus aus.

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