Radikalisierung »Ich denke, dass es meine Bestimmung ist, hier zu sein«

Die niederländische Studentin Tanja Nijmeijer schließt sich in Kolumbien der Guerilla an. Ihre Spur verliert sich im Urwald. Jetzt vermutet der kolumbianische Geheimdienst: Tanja ist die rechte Hand eines Farc-Führers

Im Süden Kolumbiens attackiert am 18. Juni 2007 eine Spezialeinheit des Militärs ein Lager der Farc. Ein Großteil der Guerilleros badet gerade im Fluss, der Kampf ist kurz, die meisten von ihnen fliehen nackt in den Dschungel. Zurück bleiben nur drei tote Farc-Mitglieder, ein unberührtes Frühstück und ein brisanter Fund: Neben der noch glimmenden Feuerstelle entdecken die Soldaten zwei linierte Spiralblöcke, die von der Feuchtigkeit Wellen schlagen – handgeschriebene Notizen, die meisten davon in einer Sprache, die sie nicht verstehen. Niederländisch. Es ist das Tagebuch einer Farc-Kämpferin, die sich in ihren Aufzeichnungen selbst Eillen nennt. Ein paar Tage zuvor schrieb sie:

»Hier bewege ich mich wie ein Fisch im Wasser. Der Dschungel ist meine Heimat. Die Farc ist mein Leben, meine Familie.« [13. Juni 2007]

Kolumbien und die Farc

Das Kürzel Farc steht für Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens). Ihre angeblichen Ziele sind die Errichtung einer marxistischen Gesellschaft und der Schutz der kolumbianischen Bauern vor Ausbeutung und Unterdrückung. Die Farc finanziert sich über Lösegelder aus Geiselnahmen und das Eintreiben illegaler Steuern auf den Drogenhandel. Zeitweise kontrollierte die Gruppe fast die Hälfte der Fläche Kolumbiens, vor allem die wenig besiedelten Waldgebiete. Wer mehr über Tanja erfahren will, kann den Dokumentarfilm von Leo de Boer schauen: bit.ly/ZCTanjaN

Einige Wochen danach meldet sich das Ehepaar Nijmeijer aus der niederländischen Gemeinde Dinkelland bei den Behörden. Eillen sei ihre älteste Tochter. Ihr bürgerlicher Name: Tanja Nijmeijer, geboren 1978, aufgewachsen in Denekamp, nur zehn Kilometer von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt. In Groningen hat sie Romanistik studiert, jetzt ist sie Guerillera in Kolumbien, in einem der längsten und blutigsten Konflikte Südamerikas, in dem Gut und Böse, Politik und Drogenhandel, Militärs und Kriminelle oft nicht mehr zu unterscheiden sind. 200.000 Menschen starben seit den sechziger Jahren im Kampf zwischen der Guerilla und dem Militär. Es sind Jahre vergangen, seitdem Tanjas Eltern ihre Tochter das letzte Mal gesehen haben.

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»Manchmal träume ich von Mama und Ellen, und danach wache ich weinend auf. Es ist stets die gleiche Frage: Habe ich das Richtige gemacht? Wäre ich glücklich geworden, wenn ich als normale Bürgerin zu Hause geblieben wäre? Was würde ich machen? Unterricht geben, übersetzen, in der Uni arbeiten? Oder in einer Firma? Verlobt, verheiratet, mit Kindern?« [13. Juni 2007]

Denekamp heute, eine Spurensuche. Im Garten von Tanjas Eltern sind die Buchsbäumchen akkurat gestutzt, ein silberner Mittelklassewagen steht im Carport, nur das Klingelschild fehlt. Hannie und Gerrit Nijmeijer haben es abmontiert. Auf Anrufe reagieren sie nicht. Sie haben sich nur einmal, kurz nach dem Fund des Tagebuchs, mit einem Fax an die Öffentlichkeit gewandt: »Tanja ist immer schon sehr sensibel für die Armut in der Welt gewesen, sie hatte große Probleme mit den Unterschieden zwischen Arm und Reich.« Indem sie sich der Farc angeschlossen habe, sei sie »sehr weit in ihrem Idealismus fortgeschritten«.

ZEIT CAMPUS 4/2010
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Tanja wächst in Denekamp in einer normalen Mittelstandsfamilie auf, nach dem Abitur zieht sie zum Studium nach Groningen, in die kleine Universitätsstadt im Norden. »Sie war nicht wie die anderen Studenten«, sagt Hub Hermans, einer ihrer ehemaligen Professoren, »sie interessierte sich für Politik.« Ihm sei schnell klar geworden, dass sie links sei. »Keine linke Extremistin, aber sehr weit links.« Kurze Zeit ist sie Mitglied der Internationalen Sozialisten. »Sie hat immer die Diskussion gesucht.«

»Ich war dumm genug, einen der Kommandanten zu kritisieren, und gestern wurde ich dafür gedemütigt. Mir ist es egal. Ich bin die Scheinheiligkeit der Farc gewöhnt. Ich werde sie auch weiterhin kritisieren.« [12. Juni, keine Jahreszahl] 

Tanja entscheidet sich 2000, nach Kolumbien zu gehen. Dass in dem südamerikanischen Land seit Jahrzehnten Krieg herrscht, dass die 20.000 Mann starke Farc bereits Vororte der Hauptstadt erobert hat, dass die Rebellen fast die Hälfte des Landes unter ihrer Kontrolle haben und mit durchschnittlich zehn Entführungen pro Tag die Nachrichten bestimmen, hält sie nicht von ihrer Reise ab.

Über die Studentenorganisation Aiesec kommt die 22-jährige Tanja im Sommer 2000 nach Pereira, in eine schwül-warme Stadt in der kolumbianischen Kaffeezone. Nur wenige Schritte hinter den mit Stacheldraht umzäunten Wohngebieten der Reichen beginnen die Slums aus Brettern und Wellblech. Tanjas Praktikumsplatz, die Privatschule Liceo Pino Verde, ist das Gegenteil: ein herrschaftliches Anwesen an einer Straße zu den Fincas der reichen Vorstädter. Hier unterrichtet sie die Söhne und Töchter von wohlhabenden Anwälten, Ärzten und Unternehmern. Sebastián Ramírez Aristizábal, einer ihrer ehemaligen Schüler, erinnert sich, dass Tanja das ganze Schuljahr die gleiche Hose getragen habe. »Dabei hat das grüne Ding schrecklich ausgesehen«, sagt er und muss grinsen. »Das wollte sie aber so – aus Solidarität mit den Menschen, die auf der Straße leben und auch nur eine Hose haben.« Tanja macht das nichts aus, sie wirkt anspruchslos.

»Es regnet. Gestern mussten ich und andere ein Fass, das 60 Kilo gewogen hat, auf dem Rücken tragen. Er tat mir weh, genauso wie mein Hals. Wir sind zehn Tage im gleichen Camp geblieben. Heute bunkerten wir zehn Kilo Essen, um es in unseren Taschen mitzunehmen. Ich glaub, dass wir bald, sehr bald an der Front sein werden.« [17. Juni 2007] 

In Pereira, so vermuten Freunde und Kollegen, begegnet Tanja das erste Mal den Anhängern der Farc. Sie verliebt sich in einen Studenten der Universität Manizales. Die Uni gilt als linksradikal, möglicherweise hat er den ersten Kontakt zur Farc hergestellt.

Auf Einladung oder zumindest mit Erlaubnis der Farc reist Tanja nach San Vicente del Caguán. Das kleine 15.000-Einwohner-Städtchen im Südosten Kolumbiens, am Tor zum Amazonas, ist damals die Hauptstadt von Farclandia einer entmilitarisierten Zone, aus der sich der Staat zurückgezogen hatte, um mit der Guerilla Waffenstillstandsverhandlungen zu führen. Hier hatten die Guerilleros das Sagen. Tanja hört wohl die öffentlichen Vorträge der Rebellen, die gezielt Europäer für den bewaffneten Kampf anwerben wollen, einen Kampf gegen die »ausbeuterische Oligarchie«, gegen die Amerikaner, gegen den Staat. Einen Kampf, für den die jungen Zuhörer in ihren Heimatländern werben sollen.

»Gelangweilt und hungrig. Kein Feind in Sicht, und deswegen muss ich die Dokumente der Farc zum zigsten Mal studieren. Das wiederholen, was sie schon 30 Mal wiederholt haben. Was ist eine Formation? Warum die Disziplin? Warum darf man während seiner Wache nicht schlafen? Ich muss die Konsequenzen der Entscheidung, hier zu sein, ertragen. Von Anfang an wusste ich, dass es keine intellektuelle Herausforderung ist. Aber um ehrlich zu sein, ist es besser, als ich es mir vorgestellt habe.« [9. Juni 2007]

Eine veränderte Tanja kehrt Ende 2000 in die Niederlande zurück. »Kolumbien war der Wendepunkt«, sagt ein ehemaliger Kommilitone, der zusammen mit ihr in Pereira gearbeitet hat. »Sie war so schockiert vom Unterschied zwischen Reich und Arm, dass sie entschlossen war, etwas dagegen zu tun.« In Groningen zieht sie in ein besetztes Haus. In der kleinen Seitenstraße Eerste Drift, nicht weit von der Uni, treffen sich Anarchisten und Antiimperialisten, Bush-Gegner und Punks, Kaffeehausrevolutionäre und Guerillaromantiker. Manchmal lagen Propagandabroschüren der Farc hier. Vielleicht hat Tanja sie verteilt. 

Der Groninger Journalist Remco in’t Hof trifft sich im Juli 2001 mit Tanja im Erdgeschoss des besetzten Hauses. Er hat von ihrem Plan gehört – der Rückkehr nach Kolumbien. In’t Hof plant einen Artikel über das zierliche Mädchen mit den großen Idealen, das Hilfsgüter an die Landbevölkerung verteilen will. In einem abgesessenen Ohrensessel spricht er mit Tanja. »Sie war ein sehr, sehr attraktives, aber irgendwie mysteriöses Mädchen«, erinnert sich der heute 44-jährige Journalist. »Sie wollte ihren Namen erst nicht nennen.« Fragen wollte sie auch nicht beantworten, nur ein Statement abgeben: »Viele Leute in meinem Alter sind so individualistisch. Ich sehe mich selbst als Teil eines größeren Ganzen, und dieser Teil kann vielleicht in der Welt etwas verändern.«

»Heute Nacht gab es ein Fest. Selbstverständlich hatten die Kommandanten und ihre Frauen eine eigene Privatparty, was meiner Meinung nach total korrupt ist. Die anderen, die Truppe, die regulären Guerilleros niedrigen Ranges, dürfen nun das trinken, was die anderen gestern nicht saufen konnten.« [15. April 2007]

»Ich weiß nicht, wohin dieses Projekt führt. Wie wird es sein, wenn wir an der Macht sind? Die Frauen der Kommandanten in Ferrari Testarossas, mit Brustimplantaten, Kaviar speisend? So scheint es...« [28. April 2007]

Von Amsterdam fliegt Tanja im August 2001 nach Bogotá. Mit der Caravana Internacional por la Vida, einer linksgerichteten Hilfsaktion europäischer und kolumbianischer NGOs, bricht sie auf nach Barrancabermeja im Norden Kolumbiens. In der Gewerkschaftsschule Instituto Pablo Neruda, unter dem entschlossenen Graffiti-Blick Che Guevaras, trifft Tanja dort Bauern, Bürger der Stadt, Mitglieder von Zivilorganisationen und Lokalpolitiker, um deren Geschichten zu hören. Später will sie in einem Vortrag davon berichten. Davon, wie die Para- militärs 1999 die Stadt und ihre Umgebung besetzten, um gegen die Farc zu kämpfen. Wie sie Regeln aufstellten ähnlich wie die Taliban in Afghanistan – keine Drogen, keine Mini-röcke. Und wie der Magdalenafluss fast täglich Leichenteile anschwemmte – von den Todesschwadronen der Paramilitärs abgeschlachtete und zerstückelte Menschen. 800 Tote in nicht einmal zwei Jahren.

Mit dem Boot geht es weiter – den sumpfig-braunen Magdalena hinunter. Doch bereits nach einigen Stunden, im Hafen von San Pablo, versperren mehrere Hundert Menschen den Friedensaktivisten den Weg. Die Paramilitärs haben sie geschickt. Mit kleinen Fischerbooten umkreisen sie sie, machen Fotos, schreien die jungen Leute an. »Wir hatten alle Angst«, erzählt Jaqueline Downing, die mit an Bord war. Alle hatten Angst, nur Tanja nicht. »Sie war sehr gefasst und hat die anderen beruhigt.« Später greift die 23-jährige Niederländerin zur Gitarre. Sie spielt One von U2.

Nach einer kalten, bangen Nacht können die Aktivisten schließlich weiterreisen. Dutzende Kilometer flussabwärts treffen sie Guerilleros der ELN, Kolumbiens zweitgrößter Guerillagruppe nach der Farc. 

Was genau Tanja und die Guerilleros der ELN miteinander zu tun haben, worüber sie sprechen, ob Tanja bereits ihren Eintritt in eine der beiden Guerillas plant, bleibt ein Geheimnis. Sicher ist nur, dass sie nach vier Wochen noch einmal nach Groningen zurückkehrt. Ihren Freunden wird erst später klar, dass Tanja schon jetzt nur noch ein Ziel hat: sich von ihrem bisherigen Leben zu verabschieden. Sie regelt alles Nötige für ihre Abschlussarbeit, die sie im Januar abgeben wird. Jan Blauuw, einem Reporter der Groninger Universitätszeitung, erzählt sie vom »Dreck unseres Wohlstands, unseres kapitalistischen Systems«, der in Kolumbien liegen bleibe. Nichts dagegen zu tun sei für sie keine Option, sagt sie. Dann verlässt sie das Land. Die Bitten ihrer Eltern, doch daheim zu bleiben, ignoriert Tanja. 

Mit zwei befreundeten Norwegern fliegt sie nach Kolumbien. Anfang 2003 schreibt sie einem Freund in den Niederlanden, sie wolle in den Dschungel gehen, um Indios zu unterrichten. Für ein halbes Jahr sei sie deshalb weder per Mail noch per Telefon zu erreichen. Dasselbe schreibt sie auch ihren Eltern. Ein Kommilitone sagt heute: »Ich hatte eine Ahnung, aber keine sicheren Beweise, dass sie verschwunden ist, um sich den Rebellen anzuschließen.«

Ende 2004 bestätigt ein eingescannter Brief in Tanjas Handschrift das, was ihre Eltern schon ahnten: Sie erklärt der Familie, dass sie Mitglied der Farc ist. »Diese E-Mail sorgte für Erleichterung insofern, als sie am Leben war, aber gleichzeitig auch für viel Verdruss und ein Gefühl von Ohnmacht und Wut über ihre Mitgliedschaft«, erklären die Eltern später in ihrem Statement vor der Presse.

Bei ihren Eltern und ihren Schwestern meldet sich die 27-Jährige nur noch sporadisch. In einer E-Mail lädt sie ihre Familie ein, sie im kolumbianischen Dschungel zu besuchen. Um ihre Sicherheit würde sich die Farc kümmern, schreibt sie. Die Eltern zögern. In ein Gebiet, in dem gekämpft wird? In ein Guerillacamp?

Im November 2005 fliegt Tanjas Mutter schließlich allein nach Kolumbien. Eine Woche bleibt sie bei Tanja. Sie ist beruhigt, ihre Tochter gesund zu sehen, aber sie fleht sie an, das Guerilla-Leben im Dschungel aufzugeben. »Sie war aber nicht davon abzubringen.« Ein Erinnerungsfoto noch, dann fliegt Tanjas Mutter wieder in die Niederlande. Die Nachrichten Tanjas werden von Monat zu Monat seltener und kürzer.

»Ich fühle mich erbärmlich, mir fehlt meine Familie. (...) Ich würde gerne daheim anrufen, aber ich habe keine Möglichkeit dazu. Die Armee ist gerade im Dorf.« [23. Juli 2006]

Als ihre Mutter sie besucht, ist Tanja schon seit Monaten eine Guerillera. Ihre Tagwache beginnt um halb fünf morgens. Danach prasseln pausenlos Befehle auf sie ein. Holz sammeln, Gräben ausheben, Unterstände bauen, kochen. Ihr Geburtstag wird bei der Guerilla bedeutungslos, ihr Name auch. Aus Tanja wird Eillen oder schlicht la holandesa. Sie bleibt die Exotin in den Reihen der Guerilleros; eine von rund 20 Ausländern unter Tausenden Einheimischen, die meist schon als Jugendliche rekrutiert wurden – gelockt von der Aussicht auf eine Uniform und drei Mahlzeiten pro Tag. Immer mehr sondert sich die junge Europäerin ab, spricht nicht viel mit ihren Kameraden, nur selten lässt sie sich auf eine Liebschaft mit einem der Rebellen ein.

»Der Freund, den ich habe, ist ein Schwarzer. Ein guter Bursche. Als wäre er direkt einem amerikanischen Film entsprungen. Er schickt mir Nachrichten in Zigarettenpapier, und ich habe ihn noch nicht geküsst, weil er in einer anderen Einheit ist und circa 30 Kilometer von hier entfernt wohnt. Wir werden die Möglichkeit haben, uns zu treffen. Ich bin begierig nach Sex. Die letzten zwei Male haben sich nicht rentiert. Ich habe das Recht auf etwas, was der Mühe wert ist.« 

[17. Juni 2007]

»Ich dachte zuerst, dass sie gelangweilt oder demoralisiert sei. Aber das war einfach ihre Art«, erinnert sich der desertierte Exguerillero Arnold, der seinen Nachnamen aus Angst vor Rache nicht nennen will. Gemeinsam mit Tanja hat er mehrere Tage lang in einem Dschungelcamp das Funken gelernt. Die junge Frau, die stets ein Bild ihrer Schwestern in einem Medaillon bei sich trug, sei äußerst talentiert gewesen. Und sehr attraktiv. »Aber ich habe niemals etwas bei ihr versucht, weil das laut den Regeln der Farc verboten ist.« Von dem Verbot schreibt auch Tanja in ihren Tagebüchern – und davon, dass sich nicht jeder daran hält. 

»Hier gibt es zwei Kameraden, die Aids haben. Vielleicht sind es auch mehr. Hier benutzt niemand Kondome. Soweit ich verstanden habe, kapiert das Mädchen nicht, was das heißt. Sie erzählte mir davon lachend, und auch ihr Freund scheint nicht sehr besorgt zu sein.«[21. Juli 2006]

»Der Chef hat sich in ein Mädchen mit großen Titten verliebt. Aber sie hat offenbar irgendeine Geschlechtskrankheit mitgebracht. Der Chef sagt, dass die Regierung sie geschickt habe, um die Rebellenführer zu infizieren und zu schwächen.« [2. November 2006]

Arnold, der Exguerillero, erzählte einer Zeitung, er habe Tanja oft gefragt, warum sie in den kolumbianischen Dschungel gekommen sei – während ihr in Europa eine Zukunft ohne Hunger und Gewalt offengestanden hätte. Eine Antwort blieb sie ihm schuldig. »Wir haben nicht verstanden, was sie dort tat, und ich verstehe es auch heute noch nicht«, sagt er. 

»Vier Jahre bin ich hier schon in der gleichen Situation. Wache schieben, Sport, reden, zwischenmenschliche Probleme, faule Kommandanten etc. Außerdem fühle ich mich nutzlos. Hier habe ich keine Zukunft. Aber ich will nicht gehen, ich will einfach wandern, lachen, kämpfen, kochen, ohne Komplikationen.« [24. November 2006]

Im Mai 2007 bricht der Kontakt zu ihren Eltern ganz ab. Es gibt keine Anrufe mehr, keine Mails, nichts. Dann sorgt kurz danach plötzlich das Tagebuch einer niederländischen Guerillakämpferin für Schlagzeilen. Tanjas Aufzeichnungen. Das kolumbianische Verteidigungsministerium erklärt sie zur Geheimsache. Nur wenige Ausschnitte werden veröffentlicht. Im Fernsehen tauchen kurz danach Aufnahmen auf, die Tanja im Dschungel zeigen. Offiziell weiß niemand, woher sie stammen.

Die Rebellen gehen in die PR-Offensive. Mit dem Versprechen, Tanja treffen zu können, lockt Farc-Sprecher Raúl Reyes ein TV-Team in den Dschungel. Den Journalisten diktiert er: »Wenn Tanja sagt: ›Ich will in die Niederlande, ich will einen Monat mit meiner Familie verbringen, meine Cousinen treffen‹, dann kann sie gehen und fertig.« Ein Monat, das sei kein Problem. Sie müsse nur zurückkommen.

Während des Interviews ist Tanja nicht im Camp. Sie habe an einer mysteriösen Krankheit gelitten, erklären später zwei 17-jährige desertierte Leibwächter eines Anführers der Farc. Tanja musste ihre Waffen abgegeben – damit sie nicht flieht. Danach: Schweigen. Keine Lebenszeichen mehr von ihr. Der kolumbianische Geheimdienst behauptet zu wissen, dass sie sich im März 2008 vor einem Volkstribunal der Guerilla verantworten musste. Denn Kritik duldet die Farc nicht – auch nicht, wenn sie nur in einem Tagebuch geäußert wird.

»Manchmal erscheinen mir hier alle sehr einfältig und kindisch. Manchmal möchte ich aufhören, Befehlen zu gehorchen.« [ohne Datum] 

»Was ist das für eine Organisation, in der einige wenige Geld haben, Zigaretten und Süßigkeiten, und in der die anderen betteln müssen, nur um zurückgewiesen oder von den Oberen angeknurrt zu werden? Wer weiß, ob ich jemals diesen Dschungel verlassen werde. Ich möchte hier weg.« [24. November 2006]

Bis zu ihrem Prozess solle Tanja an einem Propagandafilm mitwirken, um das angekratzte Image der Farc wiederherzustellen, schreibt die Wochenzeitschrift Semana. Die Zeitung El Tiempo meldet hingegen, dass Tanja sich mit 54 anderen Guerilleros in Universitäten eingeschlichen habe, um Mitglieder zu rekrutieren. 

Zu dem geplanten Volkstribunal kommt es nicht. Der März 2008 wird zum schwärzesten Monat der Rebellengruppe: Drei hochrangige Anführer der Farc sterben innerhalb eines Monats, die Guerilla ist geschwächt. Doch was ist mit Tanja Nijmeijer? Kolumbiens Präsident Uribe verkündet im Radio: »Wir sehen sie als Sklavin der Farc an. Sie kann nicht ihre eigenen Entscheidungen fällen.« Es gibt keine Lebenszeichen von ihr, aber auch keine Nachricht, dass sie tot sei. Zumindest noch nicht. Denn Beobachter sind sich einig: Sollte sie nicht fliehen, wird sie getötet – entweder vom Militär oder von ihren Kameraden.

»Ich möchte von hier weg, zumindest in eine andere Einheit. Aber gleichzeitig weiß man, dass man nicht mehr ist als ein Gefangener.« [24. November 2006]

Anfang 2009 dann die Überraschung: Tanja wird in Abwesenheit angeklagt. Der Geheimdienst hält sie für die rechte Hand von Farc-Vize Mono Jojoy. Sie soll Bombenanschläge auf eine Polizeistation, einen Supermarkt und eine Buslinie in Bogotá verübt haben. Sie wird per Steckbrief gesucht. Tot oder lebendig.

Aufgeschreckt von dieser Nachricht, fliegt Tanjas Mutter erneut nach Kolumbien. Sie reist tief in den Dschungel, direkt ins Rebellengebiet. Über einen Radiosender der Armee schickt sie ihrer Tochter eine verzweifelte Nachricht: »Liebes Mädel! Wir vermissen dich sehr. Komm bitte zurück zu uns! Melde dich!«

Am 15. März 2010 erklärt Tanjas Vater in der niederländischen Presse, dass seine Tochter noch lebe. Ob sie immer noch freiwillig bei der Farc sei, sagt er nicht.

 
Leser-Kommentare
  1. Das Scheitern steht zwischen den Zeilen und so sehr man mit Tanja mitfühlen mag, es macht sich bei mir auch Wut breit:

    "Warum muss sie den Kampf anderer Leute führen?"
    "Warum muss sie ihr Leben und damit das Leben ihrer Eltern aufs Spiel setzen?"
    "Warum so etwas auswegloses?"
    "Wie kann man so naiv sein mit Mord und Terror noch immer eine tote Idee zu verfolgen?"

    Geh nach Hause kleines, bürgerliches Mädchen. Geh zu deinen Eltern und entschuldige dich? Das kleine Mädchen wirst du nicht mehr sein, Mord und Totschlag verjährt nicht, auch nicht wenn man denkt, dass die Mordopfer sinnvoll gestorben sind.

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    Genau das habe ich auch gedacht, als ich den Artikel gelesen habe.

    Wut über ihre schein-überlegene Arroganz, mit der sie über die Entscheidung dieser Frau urteilen.

    Diese Entscheidung wurde beinflusst von Umständen, die wir uns nicht einmal vorstellen können.

    Die beschriebene frau ist keine geistig Zurückgebliebene oder ein kleines Mädchen, ich möchte ihnen in keinster Weise ihr Recht diese Frau zu kritisieren absprechen, aber bitte wahren sie doch den nötigen Respekt.

    ... an jemanden der all die Annehmlichkeiten aufgibt, kommt schon ein bißchen sehr klebrig und hochnäsig daher.

    Erinnert so ein bißchen an das berühmte "Dann sollen sie halt Kuchen essen" Zitat.

    Genau das habe ich auch gedacht, als ich den Artikel gelesen habe.

    Wut über ihre schein-überlegene Arroganz, mit der sie über die Entscheidung dieser Frau urteilen.

    Diese Entscheidung wurde beinflusst von Umständen, die wir uns nicht einmal vorstellen können.

    Die beschriebene frau ist keine geistig Zurückgebliebene oder ein kleines Mädchen, ich möchte ihnen in keinster Weise ihr Recht diese Frau zu kritisieren absprechen, aber bitte wahren sie doch den nötigen Respekt.

    ... an jemanden der all die Annehmlichkeiten aufgibt, kommt schon ein bißchen sehr klebrig und hochnäsig daher.

    Erinnert so ein bißchen an das berühmte "Dann sollen sie halt Kuchen essen" Zitat.

  2. Genau das habe ich auch gedacht, als ich den Artikel gelesen habe.

  3. und wuetentend absolut, denn googelt biiet mal Sarko und Roma oder Roms...
    was kann man hier machen..
    heute die, wer morgen, wann kommt die Fremdempolizei wieder,
    arbeiten bis 70...WAS, WO

    • Liphe
    • 13.08.2010 um 13:10 Uhr

    Ich schließe mich den ersten beiden Kommentaren. Idealismus kann auf seltsame Pfadeführen.
    Zum Artikel: Ich halte es für wirklich schlechten Stil, die kritischen Auszüge aus dem Tagebuch chronologisch an den Anfang des Artikels und im zweiten Teil dann die resignieten zu stellen, obwohl diese chronologisch vor die kritischen gehören. Damit wird ein falsches Bild gebastelt, welches zwar zur Geschichte passt, welches das Tagebuch so aber nich hergibt. Es kommt meiner Meinung nach nur den zu erwartenen Empfindungen der Leser entgegen!

    Eine Leser-Empfehlung
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    Interessant zu wissen!

    Und was auch zu sagen ist: Ob RAF oder Farc - immer nach außen hin die Moral und mit der Moral Leute mobilisieren und drinnen geht`s zu wie Sau: Machtkämpfe, Unterdrückung kapital. Ausbeutung! Eine Sauerei, wenn Menschen wie Tanja mit ihrem Idealismus auf der Suche nach Mögl. zu helfen in so eine Bande geraten!

    Interessant zu wissen!

    Und was auch zu sagen ist: Ob RAF oder Farc - immer nach außen hin die Moral und mit der Moral Leute mobilisieren und drinnen geht`s zu wie Sau: Machtkämpfe, Unterdrückung kapital. Ausbeutung! Eine Sauerei, wenn Menschen wie Tanja mit ihrem Idealismus auf der Suche nach Mögl. zu helfen in so eine Bande geraten!

  4. Eine spannende Geschichte ist das. Bewundernswert ist der Mut und die Entschlossenheit, mit denen diese Frau sich ins Unbekannte wagt...um ihren Idealen sowas wie "Hand und Fuss" zu geben; jedenfalls sitzt sie nicht hintern Sofa und palavert von linker "Revolution" und "Kampf". Dass sie dabei bemerkt, dass diese "kommunistischen" Kämpfer nichts anderes wollen, als die "Armen" (oder nur sich selbst) dahin zu führen, wo die Reichen jetzt sind - die Herrschaft der "Arbeiter- und Bauern" quasi als umgepolte Kapitalisten-Machenschaften-Diktatur - ist zwar nicht neu..., aber da muss sie halt durch jetzt. Dieses "Man muss was tun für die Befreiung", anarchistische Bestrebungen, die unbedingt aktionistische Eingriffe herbeitsehnen und proben, hatten wir so vor knapp 100 Jahren schonmal kollektiv: die ganze Intelligenz plus Bevölkerung wollte - romantisch wie auch die Dame hier - ein aufbruchsvolles Wir-Gefühl beleben...im Kampf...der in den Ersten Weltkrieg führte. Dass das dann alles andere als die romantische Erneuerung der "Volksgemeinschaft" wurde, sahen wenige vorher...nicht mal Thomas Mann.

  5. 6. Aha --

    Interessant zu wissen!

    Und was auch zu sagen ist: Ob RAF oder Farc - immer nach außen hin die Moral und mit der Moral Leute mobilisieren und drinnen geht`s zu wie Sau: Machtkämpfe, Unterdrückung kapital. Ausbeutung! Eine Sauerei, wenn Menschen wie Tanja mit ihrem Idealismus auf der Suche nach Mögl. zu helfen in so eine Bande geraten!

  6. "Heute Nacht gab es ein Fest. Selbstverständlich hatten die Kommandanten und ihre Frauen eine eigene Privatparty, was meiner Meinung nach total korrupt ist. Die anderen, die Truppe, die regulären Guerilleros niedrigen Ranges, dürfen nun das trinken, was die anderen gestern nicht saufen konnten.« [15. April 2007]"

    so sieht gelebter Kommunismus aus.

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