Lexikon der Arbeitswelt Enttarnung nach Feierabend
Es gibt Phänomene, die sind in allen Berufen gleich. Der ZEIT-Feuilletonchef Jens Jessen beschreibt sie für uns. Diesmal: Private Begegnungen mit Kollegen
© hey paul/photocase

Kollege im Anmarsch? Manchmal ist es besser, sich zu verstecken
Kollegen privat zu treffen kann heikel sein oder auch sehr schön, in jedem Fall ist es ein Glücksspiel mit hohem Risiko. Allein schon der Ehepartner ist meist eine Entdeckung, die das Kollegenbild dramatisch ins Positive oder Negative verschieben kann. Häusliche Einladungen kommen Enttarnungen gleich – die Möbel, der Inhalt der Bücherregale, die Erzogenheit (oder eben nicht) der Kinder, das Porzellan, all das erzählt Entwicklungs- und Bildungsromane, die vielleicht besser nicht oder nicht von jedem gelesen werden sollten.
Im sparsamen Stuttgart habe ich einmal den Fehler begangen, zur angemessenen Feier meines 30. Geburtstags ein Sparbuch aufzulösen, was die – nur unter anderen – anwesenden Kollegen zu der irrigen Meinung brachte, dass ich auf mein kärgliches Gehalt nicht angewiesen, sondern von Haus aus vermögend sei. Der fatale Eindruck verschlechterte sich noch durch die Ungezwungenheit, mit der sich meine angereisten Münchner Freunde amüsierten.

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Aber mit dem größten Schrecken von allen erinnere ich mich an den Sonntagmorgen in einer sonnendurchfluteten Parkaue, in der ich auf eine weithin gefürchtete und somit wenig geschätzte Kollegin stieß. Wir versuchten ein überaus höfliches und vorsichtiges Gespräch, währenddessen mein Hund, sonst jedermanns Freund, unablässig leise, aber hörbar knurrte. Offensichtlich hatte sich meine Antipathie übertragen. Als wir das zunehmend haklige Gespräch schließlich abbrachen, bellte der Hund, in der gespannten Leine aufsteigend, zu allem Überfluss noch einen Hasslaut hinterher. Ich streichelte ihn beruhigend, aber er schnaufte nur rechthaberisch, als wollte er sagen: »Die falsche Schlange, na, ist doch wahr!«
Naheliegenderweise verbesserte sich das Verhältnis zu der Kollegin nicht. Meine Furcht wuchs in den folgenden Wochen noch, und manches Mal hätte ich gewünscht, dass mein Hund, nachdem er zur Eskalation beigetragen hatte, mich nun auch im Büro beschützte und der Dame den Zutritt zu meinem Zimmer verwehrte.
Sollte man also Kollegenkontakte außerhalb des Büros eher meiden? Wenn nicht eine übergroße Sympathie schon in der gemeinsamen Arbeit entstanden ist, neige ich zu der Antwort Ja. Es sei denn, es gibt ohnehin die Sitte ausufernder Betriebsfeiern. Denn kein Hausbesuch, kein gemeinsamer Sport oder Spaziergang kann so decouvrierend sein wie das Feier-, das Trink- und Essverhalten. Haben Sie einmal gesehen, wie der Kollege Messer und Gabel hält (zum Beispiel das Messer wie einen Bleistift), kommt sowieso jeder Wunsch nach der Gnade des Nichtwissens zu spät. Es hilft dann nur noch äußerste Rationalität, die unbestechlich zwischen Leistung und Sozialcharakter unterscheidet; oder hilfsweise die demokratische Toleranz, die das Gemischte unserer Gesellschaft zum Ideal erhebt. Auch ohne Migrationshintergrund von Kollegen verlangt ein jedes Büro nun einmal die Bereitschaft zu lässig praktiziertem Multikulti.
- Datum 04.08.2010 - 14:59 Uhr
- Serie Lexikon der Arbeitswelt
- Quelle ZEIT Campus 04/2010
- Kommentare 28
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lieber Herr Jessen, werden Sie womöglich jemanden treffen, der noch kultivierter ist als Sie. Das wird dann auf jeden Fall eine tief einschneidende Erfahrung, denn hier liegt die wahre Bewährungsprobe, oder etwa nicht? Könnte ja auch jemand ganz Unscheinbares sein, der beispielsweise eine Niere gespendet hat, um einem anderen das Leben zu retten. Das Leben ist voller Überraschungen.
Liebe(r) Modernski, ich glaube, da liegt ein Missverständnis vor: Um Nächstenliebe zu üben, können Sie komplett unkultiviert sein. Nächstenliebe (wie ihr Gegenteil) ist etwas zutiefst Menschliches und kommt in allen Kulturen vor. Kultiviert wird man hingegen in einer bestimmten Kultur. Herr Jessen kommt aus einer kultivierten Familie, er hat Benimmregeln sozusagen mit der Muttermilch eingesogen, und das allein sagt überhaupt nichts über seine sonstigen Qualitäten aus. Was der Artikel zeigt, ist, dass Herr Jessen - wie wir leider alle - gar nicht anders kann, als die ganze Zeit einzuordnen und zu beurteilen, immer nach den Maßstäben seiner Kultur. Der sehr deutsch bzw. mitteleuropäisch kultivierte Herr Jessen wäre wahrscheinlich in einem entsprechend kultivierten chinesischen oder japanischen Haus total aufgeschmissen und würde sich permanent daneben benehmen.
Übrigens, was wissen Sie, vielleicht hat er sogar schon eine Niere gespendet, das machen sogar Leute, die ihr Messer "korrekt" halten.
Wie hält man denn ein Messer im Unterschied zu einem Stift richtig? Geht es nur um die beim Stifthalten üblichere Wölbung des Zeigefingers (ansonsten fällt mir nichts ein) oder habe ich hier eine Kultiviertheitslücke?
Lieber Robin 123, es ist mir eigentlich hoch wie breit, wie Sie Ihr Messer halten, aber mir hat man es als Kind so beigebracht: Das Messer wird zwischen Mittel- und Zeigefinger gehalten, der Ringfinger stützt noch etwas mit. Der Zeigefinger liegt locker auf dem Messerrücken, macht beim Schneiden den Druck, und hat nichts, aber auch gar nichts auf der Klinge zu suchen. Der kleine Finger wird auf keinen Fall abgespreizt :=) das wirkt geziert und deshalb ein bisschen albern.
Ein Stift hingegen ruht auf dem vordersten Glied des Mittelfingers und wird von Daumen und Zeigefinger stabilisiert.
Die erstaunlichsten Besteckhaltungen habe ich allerdings immer bei Gabeln gesehen.
Am Ende geht es ja um ästhetische Fragen. Essen ist eine merkwürdige, und eigentlich ziemlich intime Tätigkeit. Da wir sie in Gesellschaft ausüben, gibt es halt ein paar Regeln. Man schaut nicht so gern in offene Münder, schon gar nicht, wenn sich Halbzerkautes darin befindet. In Asien darf man schlürfen, in unseren Breiten findet man das unappetitlich. Aber letztendlich sind Tischmanieren Sekundärtugenden - es gibt wahrlich Relevanteres.
Ich musste herzlich lachen, danke.
Geht wohl tatsächlich um die Position des Zeigefingers, der nicht auf der Klinge sein soll.
so mache ich es auch immer, wenn ich Knäckebrot und Zwieback in mundgerechte Stücke zerschneiden will.
Ich musste herzlich lachen, danke.
Geht wohl tatsächlich um die Position des Zeigefingers, der nicht auf der Klinge sein soll.
so mache ich es auch immer, wenn ich Knäckebrot und Zwieback in mundgerechte Stücke zerschneiden will.
...aus welchen langweiligen Banalitäten im "Lexikon der Arbeitswelt" spannende Artikel geschrieben werden. Ich freue mich auf einen Artikel zum Thema "Wie grüße ich den Pförtner morgens richtig", "Gerade einparken auf dem Firmenparkplatz" oder "Richtiges Verhalten im Aufzug".
Ein Glück, dass bei der Zeit nicht die Praktikanten die Artikel schreiben dürfen. Qualität ist natürlich Chefsache.
Ähnlich aufgeschreckt wie Robin123, wie denn ein Messer richtig zu halten sei, hat mich die Erklärung von Hagmar nun völlig aus der Bahn geworfen. Zwischen Mittel- und Zeigefinger? Könnten Sie freundlicherweise eine Graphik oder ein Foto anfügen, wie das gemeint ist? Was macht beispielsweise der Daumen? Spreizen Sie ihn ab?
Über eine rasche Antwort wäre ich hoch erfreut, da das Abendessen (Filet) schon fast auf dem Tisch steht; andernfalls müßte ich die Bleistifthaltung - die mich immerhin bis heute vor dem Hungertod bewahrt hat - beibehalten.
... möchte ich niemals enden. Danke also für diesen nett gemeinten Hinweis an junge Menschen wie mich.
Wenn Messerhaltung, Weinkenntnisse und gut sichtbar vor sich hergetragener klassischer Bildungskanon die einzigen Gründe für den Umgang mit anderen Menschen sein werden, damit ich meine eigene Arriviertheit in deren Spiegel betrachten kann... und wenn ich dieses Bild dann betrachte, mit einem gönnerhaften, leicht selbstzufriedenen Lächeln auf den Lippen... dann, genau dann werde ich wissen, dass es Zeit ist, mir mit dem Schierlingsbecher das Ohr abzuschneiden. Oder so ähnlich.
Tiefer betrachtet ist das ganze nur eine reine theatraliche Komödie, wie ebenso im Reich der Tiere. Die von oben (Elite) geben den Ton an, und das Bürgertum und die kleinen Leute sehen sich indirekt gezwungen, diese Normen zu verinnerlichen.
Ich sage das als jemand der auch andere kulturelle Gegebenheiten kennt und gelebt hat. Meistens sind es Abgrenzungsversuche, um sich von der breiten Masse abzuheben. Komischerweise sind die, die viel Wert auf diese Kleinigkeiten und Banalitäten setzen, meistens am heuchlerichsten, von Machtgefühlen besessen oder ein Bedürfnis zur Autorität und Führung haben, oder sie machen das Spiel mit, weil sie eben wissen, dass das der unvermeidliche Weg ist (dies gilt vor allem in konservativen Gesellschaften) um sich nach oben zu boxen. Es gibt wirklich viel wichtigeres im Leben, als mit gespreitztem Finger eine Gabel und Messer zu halten.
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