Literaturstudium Die Büchermacher

Wer ein Buch schreibt, lektoriert oder gestaltet, verdient nicht das große Geld. Aber er kann seine Leidenschaft leben

Autorin Lola Arias, 33, inszeniert auch Theaterstücke und schreibt Songs

Autorin Lola Arias, 33, inszeniert auch Theaterstücke und schreibt Songs

Das Mädchen auf dem Pferd hat den Hahn seiner Pistole gespannt. Es zielt schnurgerade über den Pferdekopf, und seine violetten Scherenschnitthaare flattern vor dem blassblauen Coverhimmel. Liebe ist ein Heckenschütze heißt das Buch. Bei der Frankfurter Buchmesse soll es auf den Ausstellungsbrettern platziert werden, ein Cover neben dem anderen, eine ganze Reihe schießender Mädchen.

Dass dieses Buch im Mittelpunkt einer Geschichte steht, in der es um kreative Berufe im Verlagswesen gehen soll, hat mehrere Gründe. Seine Autorin Lola Arias kommt aus dem diesjährigen Buchmessen-Gastland Argentinien und gilt spätestens seit der argentinisch-deutschen Schriftstellerkonferenz »Botenstoffe« als eine seiner spannendsten jungen Vertreterinnen. Das Cover ist aufwendiger gestaltet als die meisten, weshalb man die Grafikerinnen, die daran gearbeitet haben, durchaus als Künstler bezeichnen kann. Und das Beispiel des Blumenbar Verlags, in dem das Buch erscheint, zeigt, wie Kreativität Erfolg haben kann, auch wenn sich mit Kunst meist weniger Geld machen lässt als in anderen Berufen.

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ZEIT CAMPUS 4/2010
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Die fünf Blumenbar-Mitarbeiter sind im letzten Herbst in ein paar Räume des alten Ostberliner Fernmeldeamtes unweit vom Alex gezogen, wo es noch keine Klingel gibt; man wird an der Tür von der Volontärin abgeholt, und wahrscheinlich würde man sich in den schmalen Gängen sonst verlaufen. An der Wand des Lofts hängt das Blumenbar- Logo in goldener Schreibschrift – es ist das alte Schild eines Blumenladens, das der Verleger und Lektor Wolfgang Farkas geschenkt bekam, als er anfing, Literatursalons in seiner Münchner Wohnung zu veranstalten. 2002 gründete er den Verlag. Der ehemalige Kulturjournalist hat sich sein unternehmerisches Wissen angeeignet, während aus einem Titel pro Jahr zwölf wurden und der Berlin Verlag den Vertrieb übernahm. Jetzt hat Blumenbar eine Zwischenstellung zwischen den kleinen Independent-Verlagen und den großen Häusern. Der Umzug in die Hauptstadt ist Folge und Symbol dieses Wachstums zugleich.

Wolfgang Farkas sitzt vor seinem Macbook an dem dunklen Holztisch, auf dem sich Manuskripte und Nachschlagewerke stapeln, und scrollt sich durch die Textbausteine, die erstmals aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt worden sind. Wie stimmig ist es, mit einem Gedicht einzusteigen? Soll es einen eigenen Kurzgeschichtenblock geben, oder muss sich eine Gesamtdramaturgie entwickeln? Liebe ist ein Heckenschütze ist eine Sammlung von Texten rund um ein Theaterstück, in dem sechs Personen über Liebe reden und dabei russisches Roulette spielen. Anders als bei einem Roman muss Farkas daher nicht darauf achten, ob eine Figur sich selbst von der ersten bis zur letzten Seite treu bleibt. Das Lektorat nimmt den größten Teil der Arbeit an einem Buch in Anspruch, in vielen Fällen fast ein Jahr. Sind die letzten Korrekturen im Satz gemacht, dauert es nur noch wenige Wochen, bis die Seiten und der Umschlag gedruckt sind.

In seinem lässig sitzenden Sakko könnte Wolfgang Farkas jedes Alter zwischen 35 und 45 haben, und wenn er über seinen Beruf spricht, ruhig und mit kleinen Pausen zum Gedankensammeln, kann man sich sofort vorstellen, wie er mit seinen Autoren umgeht: behutsam, um sie nicht zu verletzen, und dennoch bestimmt, um die Korrekturen am Text durchzusetzen, die er für wichtig hält. »Als Lektor bin ich ein Zwitterwesen«, sagt er. »Ich muss extrem empathisch sein und mich in unterschiedlichste Autoren hineindenken. Gleichzeitig muss ich manchmal auch so stark sein, einen Text vor seinem Autor zu schützen.« Sein Name steht am Ende allerdings nicht auf dem Buchdeckel. Was Farkas nicht weiter stört. Er hat sich auch einmal an einem Roman versucht, »aber irgendwann kam die Selbsterkenntnis, dass das nicht mein Ding ist.«

Stattdessen spottet er andere Autoren, wie das im Jargon heißt. Er liest Blogs, spricht Künstler an und arbeitet sich durch die Manuskripte, die in seinem Posteingang landen. In der Branche ist das inzwischen eine Seltenheit – Agenturen haben sich als Mittler zwischen Autoren und Verlagen etabliert, und die meisten Lektoren überlassen es ihnen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn: »Es gibt leider eine große Masse an Leuten, die glauben, eine besondere Leidensgeschichte zu haben genüge schon, um einen Roman zu schreiben«, wie es Farkas vorsichtig formuliert.

Mit Lola, wie er seine Autorin nennt, hat ihn ein befreundeter Theatermacher aus Wien zusammengebracht. Eine zierliche Frau mit wilden dunklen Haaren betritt den Verlag; sie trägt einen dicken Strickpulli gegen die deutsche Kälte, an die sie sich noch immer nicht ganz gewöhnt hat, obwohl sie bereits seit sechs Monaten in Berlin lebt. Arias ist eine typische Blumenbar-Autorin – besser gesagt, ein Blumenbar-Mensch, denn hier geht es immer um die Gesamterscheinung: Sie schreibt nicht nur, sondern inszeniert auch Stücke wie gerade The Enemy Within im Berliner Theater Hebbel am Ufer, und sie trägt ihre eigenen Songs zur Gitarre vor. Eine gute Kombination, wie sie findet. Sie könne nicht ausschließlich in der Einsamkeit ihrer Wohnung sitzen und schreiben – die Zusammenarbeit mit den Schauspielern inspiriere sie. Dieser Austausch wirkt auch in ihre Kurzgeschichten hinein. Anfangs kreisten die stark um sie selbst, wie die der Schwimmerin, die kurz davor ist, 30 zu werden, und auf ihren Bahnen ihr Leben passieren lässt. Inzwischen kommen immer mehr neue Charaktere hinzu, eine Putzfrau vielleicht oder eine Friseuse.

Leser-Kommentare
  1. die Verlockungen der Geisteswissenschaften und Verlagsberufe für Absolventen dieser Richtung einlassen will. Erstens gibt es ganz wenig Stellen, zweitens kann man mit keinerlei Beständigkeit mehr rechnen, drittens sind 90 % aller Lektorate vom Gewinnstreben dominiert, sodass die hehren Ziele selten funktionieren und Männer sich dringend überlegen sollten, ob sie tatsächlich in der Situation stehen wollen, eine Familie nicht ernähren zu können. Als freier Lektor ist es dann noch schlechter (!) bestellt, sodass jeder Postbote mehr Sicherheit hat! Also lieber Marketing und Management Print Online angehen und damit angemessenes und gutes Geld verdienen als sich auf die Armut der Lektoren einzulassen. Auch Werbeagenturaufträge reißen das nicht raus. Diese Schimäre sollte nun wirklich vom Tisch sein. Die Textbearbeitung wird in der Mehrzahl aller Fälle sekundär und tertiär, allein die Positionierung und Zielgruppengerechtheit zählt.

  2. "Wer ein Buch schreibt, lektoriert oder gestaltet, verdient nicht das große Geld. Aber er kann seine Leidenschaft leben"

    Den meisten wird das nach 10 Jahren leider nicht mehr reichen. Ich kann jedem jungen Menschen nur raten, dass er auch die Verwertbarkeit seiner Ausbildung miteinbezieht. Ich habe einige Bekannte, die in Film, Mode oder Literatur machen wollten (bei wenigen hat es geklappt). Heute schimpfen sie über die Ökonomisierung der Welt und ärgern sich, dass sie als Klassenprimus vom Schulabgänger mit Handwerkerlehre im BMW überholt werden. Ich sage, dann immer sie sollen, dass doch nicht so ökonomisch sehen.

  3. Von der Leidenschaft kann man leider nicht leben. Geistwissenschaft ist eher ein Luxus, der solide Finanzgundlage vorraussetzt.

    Fast jeder Junge hat mal den Traum der Literatur gehabt. Spaetest bis er vor dem Maedchen steht, das er herzlich liebt, wird er nuechtern, weil er eine Frage unausweichlich konfrontiert:

    " Wie kann ich meine Suess ein komfortabeles Leben anbieten?"

    So erkennt der Junge dass er das Geld benoetigt und aber mit dem Schreiben kaum schaffen kann.

    Das Leben hat ausser Leidenschaft auch viel mehren Inhalt.

    Soziale Status, exotischer Urlaub, Essen in feinem Restaurant,ehrfuerchtige Behandlung durch Servicleute, schliesslich guter Ausbildungschance fuer Kinder, je aelter wird so was desto wichtiger.

    Zu Jungenleute, die sich unbedingt der Literatur widmen moechten werde ich mal vorschalgen, zuerst einen Diplom fuer den Lehramt zu machen.

    Als Lehrer hat man sicheres Leben und auch die Zeit, in der man an dessen Lieraturtraum versuchen kann,

  4. Unsinn, nur Mut!

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, liest solche Beiträge nicht, spricht nicht mit Journalisten - denn die sind oft nur bessere Angestellte, mit erstaunlich ordentlichen Vorstellungen - und riskiert lieber eine dicke Lippe, zieht es durch. Je länger Ihr durchhält, umso wahrscheinlicher, dass Ihr Euch verbrennt - oder aber, dass man auf Euch aufmerksam wird. Es gilt für Kultur wie für Wissenschaft, das ist meine Erfahrung, Charme oder ein gewisses Talent vorausgesetzt.

    Dass die meisten es nicht schaffen, erwarte ich. Als "Leidenschaft" würde ich es nicht bezeichnen. Das klingelt in meinen Ohren zu kindlich. Ich bin nicht der Ansicht, dass die meisten für den Kultur- und Geistesbetrieb richtig sind. Nicht wenige meiner Bekannten gehen zu scheu, zu geordnet heran und wundern sich schließlich, dass keiner Feuer gefangen hat oder, dass sich jemand ob ihrer zu feurigen Auswüchse zurückzog.

    Blumenbar halte ich im übrigen für großen Käse. Andere Beispiele wären vielleicht hilfreicher gewesen. Der Kultur- und Wissenschaftsbetrieb ist sehr groß und ähnelt mehr dem Politikbetrieb als vielen anderen Analogien, die Bekannte, Freunde, Familie oder Nachbarn ziehen. Meine Erfahrung.

  5. "Wer ein Buch schreibt, lektoriert oder gestaltet, verdient nicht das große Geld. Aber er kann seine Leidenschaft leben" - das stimmt.
    Nach zahlreichen Bewerbung, diversen Nebenjobs und falschen Stellen lebe ich nun meinen Traum. Ich arbeite in einem Verlag, betreue Buchprojekte, lektoriere und korrigiere.Es erfüllt mich jeden Tag zur Arbeit zu gehen. Ich komme früher und bleibe länger, weil ich gerne meiner Tätigkeit nachgehe. Doch nach der Arbeit im Verlag gehe ich Geld verdienen. Allein vom Lektorieren und Korrigieren kann man nicht leben, deswegen arbeite ich noch in einem Kundenservicecenter.
    Wer seinen Traum leben will, sollte flexibel sein und sich schnell und fundiert in fremde Arbeitsbereiche einarbeiten können - Rechnungswesen, Buchhaltung, HTML-Programmierung, usw. Ein Literaturstudium ist keine Eintrittskarte in einem Verlag.

  6. ... ist nicht tot, das ist schon klar, aber ihn so massiv ausgerechnet in diesen Kommentarseiten anzutreffen, doch eine Überraschung. Ja - das gilt den Kommentatoren Nr. 1 & 3, wirklich spektakulär, meine Herren.

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