Berufseinstieg
Für einen Minister dolmetschen
Alexander Drechsel, 28, ist Konferenzdolmetscher bei der EU in Brüssel. Als Jack Straw eine Anekdote erzählt, versteht er plötzlich ein Wort nicht.

Abgeschirmt - durch eine Glasscheibe bleibt Alexander Drechsel bei Konferenzen im Hintergrund
Es war im Februar 2008, als ich für meine erste EU-Ratssitzung eingeteilt wurde, eine Sitzung des Rats für Justiz und Inneres. Ich war seit einem Jahr als Dolmetscher bei der Europäischen Kommission und hatte mir schon eine gewisse Routine erarbeitet. Ich kannte die meisten Fachbegriffe, war mit den Themen der Sitzungen vertraut, ich fühlte mich gut. Aber als ich dann sah, für wen ich dolmetschen sollte, verschwand meine Lockerheit mit einem Schlag: Es war Jack Straw, und vor Jack Straw haben alle Dolmetscher Respekt. Straw war damals britischer Justizminister. Er ist ein anspruchsvoller Redner, weil er zügig spricht und manchmal vom Thema abweicht. Das wusste ich von Kollegen. Ich spürte einen Kloß in meinem Hals.
Der Sitzungstag begann um zehn Uhr. Ich war schon um neun Uhr da. Beim Frühstück zu Hause hatte ich mich noch gewundert, warum ich so ruhig war. Jetzt merkte ich, wie meine Hände kalt und schwitzig wurden. Alles wirkte so groß und wichtig. Die Sicherheitsvorkehrungen waren um einiges strenger als sonst. Ich wurde nicht nur am Einlass kontrolliert, auch vor dem Tagungssaal standen Sicherheitsleute. Fernsehteams und Fotografen machten Bilder der eintreffenden Minister. Über die Ministerratssitzungen wird oft in den Abendnachrichten berichtet. Die Presse darf nur vor der Sitzung und zur anschließenden Pressekonferenz dabei sein, während der Sitzung müssen die Journalisten den Raum verlassen. Wir Dolmetscher sind immer froh, wenn niemand gemerkt hat, dass wir überhaupt da waren. Unsere Dolmetscherkabinen stehen an den Außenwänden der Sitzungssäle, die Minister sitzen in der Mitte. Die Scheiben der Kabinen sind leicht verspiegelt. Wir sehen alle, aber uns sieht niemand. Als Konferenzdolmetscher werde ich auf einer Ratssitzung nur bemerkt, wenn ich einen Fehler mache. Deshalb tue ich alles dafür, nicht aufzufallen.

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen
Ich trug einen schicken Anzug, wie alle an diesem Tag, aber ich fühlte mich trotzdem fehl am Platz. Die anderen, die Journalisten, die Minister und meine Kollegen, wirkten so gelassen, als wäre alles für sie ganz alltäglich. Für mich war es neu. Ich ging in meine Kabine. Dort lag schon eine dicke Mappe mit den Dossiers, über die in der Sitzung diskutiert werden sollte. Die meisten Texte in der Mappe kannte ich beinahe auswendig. Schließlich hatte ich die letzten Tage nichts anderes getan, als mich mit den Themen vertraut zu machen und Vokabeln zu lernen. Aber einige Schriftstücke waren mir völlig unbekannt. Im Gegensatz zu normalen Sitzungen von Arbeitsgruppen sind bei Treffen der Minister viele Dokumente sehr vertraulich, sie sind nur für die Ratssitzung gedacht. Wir Dolmetscher bekommen sie deshalb erst kurz vor Beginn zu Gesicht und müssen sie danach sofort wieder abgeben.
Ich schaltete meinen Laptop an und rief die Tagesordnungspunkte auf, öffnete Vokabellisten und Wörterbücher. Hastig ging ich noch einmal die wichtigsten Fachbegriffe und einige der juristischen Standardformeln durch. Die müssen sitzen, sonst würde ich während der Diskussion ins Trudeln kommen. Durch die Scheibe sah ich, wie Jack Straw sich auf seinen Platz setzte. Er wirkte entspannt. Mein Herz hämmerte. Ständig wischte ich mir die Hände an den Hosenbeinen ab. Wow, dachte ich, jetzt dolmetsche ich gleich für den britischen Justizminister!
Übersicht zu diesem Artikel:
- Seite 1 Für einen Minister dolmetschen
- Seite 2 Beim Dolmetschen reicht es nicht, die Worte zu verstehen
- Datum 27.7.2010 - 15:39 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie Das erste Mal
- Quelle ZEIT Campus 04/2010
- Kommentare 1
- Empfehlen E-Mail verschicken | Facebook, Twitter, Buzz …
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Nur empfohlene Kommentare anzeigen
Ich habe selbst Fremdsprachen studiert, was meine völlig unstudierte Verwandtschaft immer wieder geradezu konsternierte. "Was macht man denn damit?" fragen die, die sich nur unter Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften etwas annähernd konkretes vorstellen können. Die Minderheit sagt aber oft "Dann könntest Du ja Dolmetscher werden!", und das ist der Punkt, wo ich ehrfürchtig und panisch den Kopf schüttele.
Ich bin ein guter Übersetzer, wage ich zu behaupten. Ich komme schnell mit Fachtexten zurecht, von denen ich prinzipiell wenig verstehe. Weil ich Zeit dafür habe. Ich kann überlegen, schreiben, später nochmal ändern.
Aber Dolmetschen? Nee. Wenn ich was nicht kann, dann ist das Multitasking. Gleichzeitig hören, intuitiv richtig in Gedanken übersetzen, und dann auch noch reden, während der weitere Text bereits in Echtzeit in die Ohren strömt - das kriege ich nicht gebacken.
Man sagt, dass zertifizierte Konferenzdolmetscher richtig gut verdienen. Ich glaube, das ist voll und ganz gerechtfertigt. Ein Bekannter arbeitet freiberuflich für Reisegruppen, z.B. während 14tägiger Deutschlandreisen. Der hat weniger Stress als auf einer Konferenz, bekommt aber immer noch vierstellige Beträge für die Zeit.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren