Professoren-Kolumne Professorales Mitgefühl

Können Studenten Mitgefühl von einem Professor erwarten, wenn sie auch privat Stress haben? Unser Kolumnist hat Verständnis, will aber kein netter Onkel sein

Darf auf Verständnis des Profs hoffen, wer privaten Kummer hat? Unser Kolumnist hält das für schwierig

Darf auf Verständnis des Profs hoffen, wer privaten Kummer hat? Unser Kolumnist hält das für schwierig

Mitgefühl ist nicht immer gut, Ärzte wissen das. Wenn ein Arzt einem Patienten voller Mitgefühl eröffnet, dass der nur noch eine begrenzte Zeit zu leben hat, reißt offenbar gerade das Mitgefühl des Arztes den Patienten oft in eine tiefe depressionsartige Krise, das zeigen Studien. Wenn der Arzt dagegen sachlich die Fakten referiert, reagiert der Patient meist gefasster und kann seine verbleibende Zeit mit größerer Entschlusskraft selber gestalten. Ähnlich sollten auch Profs ihr Mitgefühl regulieren und den Studenten klar eröffnen, dass sie nur eine begrenzte Zeit zum Studium haben. Vielleicht machen die dann das Beste aus dieser Zeit.

ZEIT CAMPUS 4/2010
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Mitgefühl hat seinen Preis. So wichtig es als soziale Kompetenz sein mag, so schädlich kann es zugleich sein. Wenn der Prof beginnt, die Fehler der Studenten aus deren Lebenssituation heraus zu verstehen, dann geht der Ernst der Lehre verloren. Statt des Fachs geht es dann schon um etwas anderes.

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Natürlich wünschen wir uns alle mehr Mitgefühl. Aber ein Professor muss etwas ganz anderes vertreten als die Freundlichkeit, nämlich einen Denkstil und eine Wissenskultur. Er muss herausfordern.

Am meisten habe ich selbst von dem Prof gelernt, der am wenigsten Mitgefühl zeigte und mir meine Schwächen direkt und unverblümt vor den Kopf stieß. Da hieß es dann: »Was soll denn der Quatsch? Der ganze Ansatz ist falsch«, und eben nicht: »Eine gute erste Annäherung. Ich freue mich, dass Sie sich auf Ihnen so fremdes Material eingelassen haben. Und dabei haben Sie noch so viele Nebenjobs. Wie schaffen Sie das bloß?«

Es herrscht ein pseudopädagogischer Ton an vielen Unis, der den Prof zum netten Onkel verklärt. Da herrscht Mitgefühl, da gibt es Entschuldigungen für alles und jedes, nur der echte Ansporn fehlt. Man gehört ja bereits, das beweist das Mitgefühl des Profs, zur Familie.

Ohne Mitgefühl geht es aber auch nicht. Wenn man etwa Sarah Blaffer Hrdy oder Michael Tomasello folgt, besteht die Kerndifferenz zwischen behaarten und haarlosen Affen in dem hohen Grad des Mitgefühls der Letzteren (also der Menschen). Man stelle sich vor, 30 Affen wären in einen Raum gesperrt, und es dürfte immer nur einer von ihnen agieren, willkürlich ausgewählt. Vermutlich wäre der am Ende tot. Der Mensch aber verkneift es sich, Kommilitonen zu massakrieren oder mit Bananen zu bewerfen, selbst wenn stupide Referate danach schreien. Er weiß ja selbst, wie es ist, da vorn zu stehen.

Am besten wäre also weder der Affe ohne Mitgefühl noch ein warmherziger Prof, der all die Irrwege und Ausreden der Studenten irgendwie menschlich findet. Ideal wäre ein Prof, der durchaus Mitgefühl hat, es aber gut zu kontrollieren weiß und sich die Affenmaske aufsetzen kann. 

Professor Fritz Breithaupt, 42, erklärt in ZEIT CAMPUS regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt derzeit an der Indiana University in Bloomington, USA. Haben Sie auch eine Frage? Dann schreiben Sie eine E-Mail an fritz@zeit.de

 
Leser-Kommentare
  1. Menschlichkeit hat keine Grenzen, allerdings sind Noten eben Noten. Ein Nachreiben, von Klausuren nach persönlichen Tiefs,
    zeigen von der Größe des betreffenden Notengebers.

  2. Interessanter Artikel zum Thema Mitgefühl von Professoren oder anderen Übergeordneten stellen, denn das ganze kann man natürlich auch übertragen auf Mitgefühl von Vorgesetzten...

    Allerdings ist der Vergleich mit den Affen schlicht falsch. Das beweisen Beobachtungen der Tiere und, ausgerechnet, Tierversuche.

    Um nur ein Beispiel zu nennen, man hat jeweils 2 Affen (es gab mehrere Versuche mit unterschiedlichen Tieren)in unterschiedliche Käfige gesteckt, wobei sichergestellt war, dass beide sich sehen können. Ein Affe hatte einen Hebel in seinem Käfig, immer wenn er diesen betätigte hat er etwas zu essen bekommen.. ... und der anderere Affe einen starken, schmerzhaften Stromschlag. Die Mehrheit der Tiere zog es vor tagelang zu hungern....

    Vergleich hierzu: Tierrechte von Kaplan, Abschnitt 1.1.6 Moral

  3. ist es was uns erst wirklich menschlich macht!

    Leider ist Mitmenschlichkeit eine "Währung" mit der man im heutigen, kapitalistisch geprägten, Wirtschaftsleben keinen Blumentopf gewinnen kann!

    Das es in unserem System vorwiegend auf den rücksichtslosen Gebrauch der Ellenbogen ankommt, je weiter man sich nach Oben laviert hat, kann man im Ergebnis beobachten an den zunehmend verrohenden Sitten und den vielen psychisch erkrankten Arbeitnehmern; An der wachsenden Anzahl von ausgebrannten, frustrierten, oder ausgebeuteten, gedemütigten "Mitarbeitern", die längst resigniert und innerlich gekündigt haben.

    Trotz hoher Bonifikation und allen möglichen in Aussicht gestellten, schillernden Incentives, solange man die Rennlisten seines Arbeitgebers anführt, verkümmern die Seelen von Menschen, denen niemals ehrliche Anerkennung, Lob und eben auch Mitgefühl zuteil wird.

    Auch wenn das System unsere Schalen noch so sehr schmiedet und zu härten sucht, unser Geist primär auf nackte Zahlen, Effizienz, Optimierung und maximalen Gewinn programmiert wird, so bleiben wir doch in unseren Herzen Menschen. Menschen mit Gefühlen und dem unauslöschlichen Verlangen nach positiver, aufrichtiger Zuwendung durch ein anderes mitfühlendes menschliches Wesen.

  4. "Mitgefühl ist nicht immer gut, Ärzte wissen das. Wenn ein Arzt einem Patienten voller Mitgefühl eröffnet, dass der nur noch eine begrenzte Zeit zu leben hat, reißt offenbar gerade das Mitgefühl des Arztes den Patienten oft in eine tiefe depressionsartige Krise, das zeigen Studien."

    Steile Thesen. Wäre es ein wiss. Beitrag, was er natürlich nicht ist, wäre er - ohne Literaturangaben - allerdings nichts wert. Kann ich diese Studien einmal sehen? Ich bin interessiert. Links?

    Andernfalls muss ich annehmen, hierbei handelt es sich am ehesten um eine rhetorische Aussage in der Form von "Das ist wissenschaftlich erwiesen". Umso dramatischer, dass der Artikel auf einer Prämisse, die eventuell nur eine Behauptung ist, baut.

  5. Ich finde es eigentlich nicht unbedingt schwer, eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage zu finden:

    Ich erwarte von meinem Prof Mitgefühl, Freundlichkeit und eine faire, objektive Benotung, die sich nicht nach meinen momentanen Lebensumständen richtet. ...was denn sonst?
    Das ist in Praxis sicher alles andere als leicht umzusetzen.

    Wenn man "Mitleidsnoten" verteilt bedeutet das, dass man Studierende in guten Situationen im Vergleich schlechter bewertet und das ist absurd.

    Ebenso erwarte ich doch eine ehrliche Kritik meiner Leistung. Man darf mir gern sagen, dass etwas falsch ist, solange man dabei nicht persönlich wird. Was soll ein Student denn mit der oben als Beispiel angegebenen, beschönigten Kritik anfangen? Die sagt ihm nicht, was er besser machen muss. Genausowenig übrigens die Kritik "Alles Quatsch".

    Zu diesem Kommentar reizt mich das Beispiel für Mitgefühl.

    ...sehr charmant ausgedrückt. Das höchste Zeichen des Mitgefühls ist also, dass man uns Studenten bei unserer Prüfung zuhört? Komisch, ich dachte bisher, das gehöre zum Job eines Profs... ?!

    Denken Sie bei Ihren Vorträgen oder Kolumnen eigentlich auch manchmal an eventuelle ...Affen im Publikum? ...bzw. daran, was wohl passieren würde, wenn dort welche säßen?

    Ich glaube, bei meinem nächsten Referat werde ich mir einen tobenden Affen im Bauche des mir zuhörenden (oder auch nicht?), hochzivilisierten Professors vorstellen. Das wird ein Spaß und dämpft die Nervosität:-)

  6. müssen Professoren erst recht.
    Das letzte Referat meines Studiums war peinlich, die Hausarbeit dazu spät, wenn gut. Der Dozent hat es noch angenommen und regulär bewertet.
    Er hatte schlicht und einfach Verständnis für mein überbordendes Liebeskummer, und gewusst damit geht keiner freiwillig hausieren.

    Er hat common sense bewiesen - und gezeigt dass er als Dozent souverän Mensch sein kann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ="Vernunft" auf Deutsch (war der Anglizismus wirklich nötig..?). Ich glaube mit Vernunft hat das aber rein gar nichts zu tun. Sondern mit normaler Mitmenschlichkeit.

    Dass es hierüber überhaupt einen Artikel geben muss wundert mich schon. Einfach normal miteinander umgehen, dazu braucht es doch keine Erörterung.

    ="Vernunft" auf Deutsch (war der Anglizismus wirklich nötig..?). Ich glaube mit Vernunft hat das aber rein gar nichts zu tun. Sondern mit normaler Mitmenschlichkeit.

    Dass es hierüber überhaupt einen Artikel geben muss wundert mich schon. Einfach normal miteinander umgehen, dazu braucht es doch keine Erörterung.

    • Krizzz
    • 20.06.2010 um 23:51 Uhr

    Der Vergleich mit den Affen hinkt. Immernoch dem alten Menschenbild verhaftet, Herr Breithaupt?
    Ich empfehle die Literatur von Bruno Latour und Michel Callon: Die Demontage des großen Leviathans.
    Wie Paviane für menschliche Projektionen herhalten müssen...

  7. ... aus mehreren Gründen:

    1) Wie oft kommen Profs ihren Studenten noch nahe genug, bzw. kennen diese gut genug, um etwas über deren persönliche Probleme zu erfahren? Die meisten Profs. von mir kannten nicht mal meinen Namen.

    2) Mitgefühl: Ist die Frage was der Prof will. Will er das Studium benutzen um Menschen zu bilden oder um sie zu selektieren? Letzteres ist besonders in D sehr beliebt. Bei einer Selektion lässt man keine Gnade walten, warum auch? Will er Menschen hingegen bilden, zählt nur das Ergebnis und sowohl Noten wie auch Dauer der Bildung sind letztlich zweitrangig. Das wäre der Optimalzustand, in unserem Zeugnis-und-Nachweis-geilen Land unter Dauersparzwang und Leistungsfetischismus, leider unrealistisch.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dem kann ich nur zu stimmen. Wer den Luxus genießt, von seiten des Profs namentlich gekannt zu werden, der kann auf das Mitgefühl auch verzichent, denn alles Nötige stellt sich dann wie von selbst ein.

    Aber ich finde auch Studenten sollten sich das Thema Mitgefühl auf ihre Fahnen schreiben. Denn es gibt auch mal Profs, die eine Lebenskrise durchmachen, die von Fragen überfordert sind und im Seminar nicht die richtigen Worte finden.

    Dem kann ich nur zu stimmen. Wer den Luxus genießt, von seiten des Profs namentlich gekannt zu werden, der kann auf das Mitgefühl auch verzichent, denn alles Nötige stellt sich dann wie von selbst ein.

    Aber ich finde auch Studenten sollten sich das Thema Mitgefühl auf ihre Fahnen schreiben. Denn es gibt auch mal Profs, die eine Lebenskrise durchmachen, die von Fragen überfordert sind und im Seminar nicht die richtigen Worte finden.

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  • Quelle ZEIT Campus 04/2010
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  • Schlagworte Sozialpolitik | Hochschule | USA | Affe
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