Professoren-Kolumne Lieber Fritz, kann man im Seminar durch viel Reden beim Prof punkten?
Das haben Studenten unseren Kolumnisten Professor Fritz gefragt. Der findet Vielredner gut, aber nur, wenn sie aus Fehlern lernen.

Wer sich zu Wort meldet, sollte vorher darüber nachdenken, was er sagen will
Klar werden Vielredner belohnt. Im besten Fall mit einer lehrreichen Erfahrung. Wer den Mund auftut, der hat die Chance, einen glorreichen Patzer zu begehen. Ich erinnere mich noch sehr genau: In einem meiner ersten Hauptseminare zitierte ich großspurig aus dem Kopf. Dann richtete der Professor schmunzelnd das Wort an mich – er wusste, dass ich mich im Zitat geirrt hatte. Das war nicht nur peinlich, sondern widerlegte dann auch meine darauf aufbauende steile These. Der Prof war freundlich genug, dies Schritt für Schritt allen vorzuführen. Daraus habe ich gelernt, vor einer Wortmeldung zumindest meine Quellen genauer zu studieren.
Wer redet, merkt, wo er Fehler macht. Die macht man nicht ein zweites Mal. Das ist ein großes Geschenk. Aus nichts lernt man so sehr wie aus einem öffentlich begangenen Fehler. (Am Mangel dieser Erfahrung kranken die Fernkurse.) Dazu gehören natürlich Profs und Kommilitonen, die die Fehler einerseits klar korrigieren, einen aber andererseits nicht für immer abstempeln. Also rate ich jedem, viel zu reden – um Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen.
So war die Frage natürlich nicht gemeint. Ihr wolltet wissen, ob man beim Prof durch viel Gerede Eindruck schindet. Nun ja, wir alle kennen den Vielredner, dem immer was einfällt. »Mein Onkel, der nach Dresden, also in den Osten, übergesiedelt ist, der sagt auch immer...« Oder die fleißige künftige Lateinlehrerin des Typs Hermine Granger. Ein totaler Ausfall an Selbstkritik nervt auch die Profs. Ob diese Studenten aus ihren Fehlern lernen, ist zumindest fraglich.
Das ist die Kunst: zum einen Hemmungen abbauen und den Mund aufmachen. Sich gleichzeitig aber genug Schamgefühl bewahren, um zu merken, wenn man nervt.
Trotz allem sind Vielredner am Ende häufig die Gewinner. Denn sie retten den Prof vor der Masse schweigender Gesichter. Wer da vorne steht, hat immer auch Angst, dass er in ein schwarzes Loch fällt. Solange auch nur einer redet – und sei es nur der Laberer aus der ersten Reihe –, glaubt der Prof, dass sein Kurs funktioniert. Und das belohnen Professoren. Es gibt eine Allianz aus Profs, die sich ihrer Sache nicht so sicher sind, und einigen Studenten, die ohne Hemmungen einfach drauflosreden. Deshalb werden Vielredner tendenziell bei schlechteren oder unerfahrenen Lehrern gezüchtet, aber es gibt sie überall. Wer schon einmal in einem Tutorium unterrichten durfte, kennt diese Dynamik vielleicht (aber dazu ein andermal mehr). Deshalb sollte jeder Dozent Strategien finden, den Kreis der Sprechenden zu vergrößern, selbst wenn die Vielredner wirklich schlau sind.
Wenn ein Kurs mies läuft, gebt also nicht dem Vielredner allein die Schuld. Es ist die Aufgabe des Professors, ihn zu stoppen.
Professor Fritz Breithaupt, 43, erklärt in ZEIT CAMPUS regelmäßig das Innenleben der Profs. Er lehrt an der Indiana University in Bloomington, USA.
- Datum 25.08.2010 - 09:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 17.08.2010 Nr. 05
- Kommentare 6
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... bzgl. des Fehlermachens ist einer der besten, den man geben kann. Aber nicht nur "Reden" sollte man sich trauen, sondern schlicht auch Fragen stellen, wenn man etwas nicht verstanden hat, denn häufig glaubt man selbst nur, man sei der einzige (oder einer von wenigen) die etwas nicht begriffen haben, weil die anderen auch nichts fragen; häufig ist es aber mEn. so, dass die schweigende Mehrheit auch kaum schlauer ist als man selbst und man diesen durch die eigene Nachfrage noch einen Gefallen getan hat.
Diese Chancen sollte man sich mMn. nicht entgehen lassen. :-)
Wer nichts kann verliert immer. Wer was kann und nicht redet aber auch.
Mir fiel es zu Studiumszeiten auch anfangs schwer etwas zu sagen, das legte sich dann. Ich habe immer nur positive Erfahrungen gemacht, wenn man bei Seminaren aktiv mitmachte. In diesem Text wird ein bisschen der Eindruck erweckt, dass man als Student schon alles wissen müsste. Diesen Eindruck haben manche Studenten, das ist aber Quatsch. Es gibt nicht nur Schaulaufen, es geht um ehrliches Interesse am Fach.
Nachdem ich in den Vereinigten Staaten die aktive Diskussionskultur gesehen habe, habe ich in Deutschland auch munter darauf losgeschossen. Es ist okay den Professor zu unterbrechen mit: "Das versteh ich nicht, wie kommen sie zu der Hypothese?". Es ist auch okay Mitstudierende kritisch zu ihrem Vortrag zu fragen (es sei denn sie stehen komplett auf dem Schlauch).
Wer sich schon mal bei der Studienstiftung des deutschen Volkes beworben hat, weiß wie schrecklich Vorträge und Diskussionen sind zu denen niemand kritisch Stellung bezieht und wo sich alle nur zunicken.
Ich war in jedem Vortrag als Dozent dankbar über Wortmeldungen, am liebsten mag ich es, wenn sich jemand auch mal getraut advocatus diaboli zu spielen. Wenn er es auch noch kann, dann fängt es an Spaß zu machen.
"Panik davor einen Fehler zu machen, ist der groesste Feind des Fortschritts", schrieb Alfred North Whitehead.
Die deutsche Universitaets- und Forschungslandschaft ist, leider, durchtraenkt mit dieser Panik. Lob daher, in der Tat, jedem und jeder die sich trauen dieser Panik und ihren Folgen nicht nachzugeben, und die verscheidenste Stigmatisierungen in Kauf nehmen, denn Teilnahmebereitschaft ist in der deutschen Gesellschaft eben negativ belegt. Das hat damit zu tun, dass sich hier nie eine Zivilgesellschaft herausgebildet hat, auch wenn die Kommunikationstheoretiker der dritten und vierten Generation Frankfuter Couleur davon ausgehen, dass es diese gaebe. Stattdessen ist Deutschland eine post-soziale Gesellschaft geworden, in der nur Individualinteressen zaehlen und Reden in der Oeffentlichkeit nur als geplante Performance stattfinden kann, die dem Interesse dient, weshalb das Reden eines anderen auch sofort unter diesen Verdacht faellt, nur der Imagepflege zu dienen. Dies hat schon auf der Schule Einzug gehalten und macht Schule im Uni-Seminar. Wer also Diskurs will mus ihn befoerdern und damit auch die Grundlagen von Zivilgesellschaft befoerdern. Der Fehler heute liegt in der Annahme der Existenz von Demokratie und Zivilitaet. Aber wir leben eben nicht einem aufgeklaerten,demokratischen Zeitalter, wie wir schon von Kant haetten lernen koennen, sondern in einem Zeitalter der Aufklaerung und Demokratisierung.
Nein, mir bringt das ganze Mitarbeiten nix und daher habe ich es irgendwann gänzlich eingestellt - wegen den 'Vielrednern' (beschwichtigender Ausdruck!), mit denen ich nicht diskutieren mag (bla bla soll mich lehren?)und Profs, die sich fast gänzlich als Koordinatoren des Austausches unter Studierenden sehen. Was soll ich da lernen bitteschön? Tatsächlich schade, denn privat diskutiere ich sehr sehr gerne und fachlich bin ich auch sehr interessiert. Irgendwie ist diese ganze Seminaridee, dieser Einfall extravertierter 68er, das, was mir das Studium vergällt.
wohl eher nicht. Das ist schon so ein Mythos. Die 68er, wenn schon, sind fuer die Kultur der thesenpapiere verantwortlich und die Illusion man koenne aus dem Asuwendiglernen von Zusammenfassungen auf ein paar kernige Saetze tatsaechlich auch noch den letzen Hilfsarbeiter auf professorales wissensniveau heben und sein Genie hervorkehren, besonders wenn es um Freud oder Marx ginge.
Kognitionswissenschaftlich armselig war das schon damals.
Das Seminar ist eine gute einrichtung, studieren sollte man aber nicht, wenn man nur ein Zertifikat aber nix tun will. Privat ueber eine Meinung plappern ist auch nicht konstruktives diskutieren, das ist dann in der Tat so eine 68er Idee. Vielleicht ist da die Banklehre dann eher etwas fuer Sie.
wohl eher nicht. Das ist schon so ein Mythos. Die 68er, wenn schon, sind fuer die Kultur der thesenpapiere verantwortlich und die Illusion man koenne aus dem Asuwendiglernen von Zusammenfassungen auf ein paar kernige Saetze tatsaechlich auch noch den letzen Hilfsarbeiter auf professorales wissensniveau heben und sein Genie hervorkehren, besonders wenn es um Freud oder Marx ginge.
Kognitionswissenschaftlich armselig war das schon damals.
Das Seminar ist eine gute einrichtung, studieren sollte man aber nicht, wenn man nur ein Zertifikat aber nix tun will. Privat ueber eine Meinung plappern ist auch nicht konstruktives diskutieren, das ist dann in der Tat so eine 68er Idee. Vielleicht ist da die Banklehre dann eher etwas fuer Sie.
wohl eher nicht. Das ist schon so ein Mythos. Die 68er, wenn schon, sind fuer die Kultur der thesenpapiere verantwortlich und die Illusion man koenne aus dem Asuwendiglernen von Zusammenfassungen auf ein paar kernige Saetze tatsaechlich auch noch den letzen Hilfsarbeiter auf professorales wissensniveau heben und sein Genie hervorkehren, besonders wenn es um Freud oder Marx ginge.
Kognitionswissenschaftlich armselig war das schon damals.
Das Seminar ist eine gute einrichtung, studieren sollte man aber nicht, wenn man nur ein Zertifikat aber nix tun will. Privat ueber eine Meinung plappern ist auch nicht konstruktives diskutieren, das ist dann in der Tat so eine 68er Idee. Vielleicht ist da die Banklehre dann eher etwas fuer Sie.
Ich habe das Gefühl, dass es durchaus gut ist sich viel zu melden und seine Gedanken laut zu äußern. Vielleicht ist es aber auch Studienabhängig, in Fächern wie Politik und Geschichte, aber auch Philosphie ist das Gespräch mit einem Dozenten als Kommentator notwendig und nützlich. Der Gedankenaustauscht mit den Kommilitonen zeigt - mir jedenfalls- immer neue und facettenreiche Sichtweisen. In meinem ersten Semester wurde ich von Freunden mehr oder weniger gezwungen mich zu melden und zu äußern. Als höhere Semester hatten sie meine ständigen Fragen Leid und hielten mich an, sie doch dem Dozenten zu stellen. Was ich seit dem auch gemacht habe und was sich als gut herausgestellt hat.
Obwohl nur 2 Semester bisher studiert, wissen die Dozenten aus meinen Seminaren schon etwas mit mir, und meinem Namen, anzufangen und das kann nur und immer wieder förderlich sein. (Ich betone dabei, positiv anzufangen )
Auch bei der Notenvergabe kann es sich durchaus vorteilhaft darstellen. So waren schon Mitarbeit im Seminar ausschlaggebend für Referatsnoten, und so kenne ich viele "stille" Fälle, wo den Kommilitonen die sich nie äußerten, in ihren Arbeiten, weil so gut, Plagiatsvorwürfe unterstellt wurden, einfach weil man nicht damit rechnete. Ich glaube daher das es sich lohnt, will man sich einen Namen machen, durchdachte Kommentare im Seminar zu äußern und die Debatte mit den Kommilitonen zu suchen.
Aber das ist nur die Einschätzung eines Vielredners.
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