Lexikon der Arbeitswelt Die Geologie der Schreibtische
Der ZEIT-Feuilletonchef Jens Jessen beschreibt Phänomene des Büroalltags für uns. Diesmal: Ordnung
© Xurxo Lobato/Getty Images

Sehr unaufgeräumte Schreibtische können den Eindruck von Konfusion erzeugen
Wie viel Ordnung sollte ein Arbeitsplatz erkennen lassen? Sehr unaufgeräumte Schreibtische können den Eindruck von Konfusion erzeugen, sehr aufgeräumte den Eindruck von Fantasielosigkeit und seelischer Leere.
Tatsächlich lässt weder das eine noch das andere Rückschlüsse zu. Konfuse Menschen suchen oft im Aufräumen ihr Heil (selbstverständlich vergeblich), und innerlich aufgeräumte Persönlichkeiten brauchen meist wenig äußere Ordnung.
Das ist indes noch kein Plädoyer für Schlamperei, sondern nur eine Warnung vor vulgärer Betriebspsychologie. Schreibtische, die selten aufgeräumt werden, dokumentieren kein Versagen – denn aufräumen heißt ja, machen wir uns nichts vor, meistens doch nur wegwerfen.
Diese Schreibtische ähneln vielmehr Flussbetten, in denen der Strom über die Jahre ablagert, was er an Sand und Geröll mit sich führt.
Sedimentierung nennen die Geologen den Vorgang, und so sedimentiert sich im Büro, womit der Kollege über die Zeiten befasst war – beziehungsweise natürlich auch, womit er sich nicht befassen wollte, weil es wichtige Arbeiten nur blockiert hätte. Wenn also ein unordentlicher Arbeitsplatz überhaupt etwas aussagt, dann: dass sein Inhaber zur Setzung starker Prioritäten in der Lage ist.
- Datum 25.10.2010 - 13:49 Uhr
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- Serie Lexikon der Arbeitswelt
- Quelle ZEIT Campus 06/2010
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und deshalb, Herr Jessen, würde ich Ihnen gerne zustimmen. Aber, dass äußere Unordnung die innere Ordnung kontrastiert, dass ist bauernschlau, unbeweissbar und ein Gemeinplatz noch dazu. Wahrscheinlich ist Ihr Schreibtisch das wunderbarste Chaos und Sie haben gerade einen Anpfiff vom Chef, Wie siehts denn hier aus?, hinter sich. Machen wir uns nichts vor: Sie sind befangen.
Ich habe mit der Radiokohlenstoffdatierung gute Erfahrungen gemacht.
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