Nautikstudium Auge in Auge mit Piraten
Als Zweiter Offizier auf der »Hansa Stavanger« muss Frederik Euskirchen, 28, hilflos miterleben, wie sein Schiff entführt wird. Es dauert Monate, bis die Mannschaft freikommt.
Als die Piraten kamen, waren wir auf dem Weg nach Mombasa, mit Containern voller Kleidung und Medizin. Der Alarm ging los, ich hatte keinen Dienst, und für eine Sekunde dachte ich, das sei nur eine Übung. Als ich auf der Kommandobrücke ankam, waren sie schon hinter uns und beschossen uns mit Raketen. Es waren drei Angriffe, zweimal konnten wir sie abhängen. Beim letzten Angriff schafften sie es jedoch, mit Leitern und Haken an Bord zu kommen. Dann ging das ganze Prozedere los: Die Mannschaft musste sich auf der Brücke versammeln, auf den Boden legen und stillhalten.
Als ich klein war, sind meine Freunde zu Karneval gern als Piraten gegangen. Ich wollte nie Pirat sein. Ich war Kapitän, Matrose, aber nie Pirat. Zur See zu fahren war schon immer mein Traum. Ich habe auch mal ein Praktikum bei einem Rechtsanwalt gemacht, mich für Medizin und BWL interessiert, all diese Standardfächer – aber das hat mir nie richtig zugesagt.
Zum Zeitpunkt des Überfalls war ich schon sechs Jahre zur See gefahren und war inzwischen Zweiter Offizier auf der Hansa Stavanger. Ich habe Nautik an der Seefahrtschule in Elsfleth studiert. Das liegt in der Nähe von Oldenburg direkt an der Unterweser. Dort lernt man nicht nur das Navigieren und die physikalischen Grundlagen der Seefahrt, sondern auch ganz praktische Abwehrmaßnahmen gegen Piraten, wie etwa Stacheldraht an der Reling zu befestigen. Außerdem wurden wir darauf vorbereitet, wie man auf Situationen reagiert, die außerhalb der Norm liegen. Es gibt einen richtigen Kodex, wie man sich bei Piratenangriffen zu verhalten hat.
Am meisten hat mich die Hilflosigkeit belastet. In die Lösegeldverhandlungen konnte ich nicht eingreifen, das lief allein zwischen den Unterhändlern der Piraten und der Reederei. Es war schwer, als Offizier seine Mannschaft leiden zu sehen. Ich habe versucht, mit den Piraten zu reden und um ein paar Gefallen zu bitten: dass jemand mal duschen darf oder im eigenen Bett schlafen.
Erst nach einigen Tagen konnten wir mit unseren Familien telefonieren. Die wussten ja inzwischen aus den Nachrichten, dass unser Schiff entführt worden war, und machten sich natürlich Sorgen. Mein Vater war zum Glück ganz besonnen am Telefon, das hat mir geholfen. Ich habe ihm erzählt, wie uns die Piraten behandeln: Manchmal unterhielten wir uns und tranken Tee zusammen. Aber ich konnte mich nie entspannen. Denn nur ein Befehl ihres Anführers, und sie hätten uns getötet. Es blieb immer ein dumpfes Gefühl von Gefahr.
- Datum 30.11.2010 - 10:10 Uhr
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- Serie Das erste Mal
- Quelle ZEIT Campus 06/2010
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niemals solchen Gefahren ausgesetzt, das hätte schon das Prädikat eines "Ehrbaren Kaufmanns" nicht zugelassen und seine Verantwortung für sein Schiff und seine Besatzung.
Heute haben die Geschäftsführenden Reeder diese Verantwortung nicht mehr, ihnen gehört auch nichts mehr.
Sie verwalten die Vermögen der Anleger und werden dafür bezahlt.
Verantwortung haben sie eigentlich für nichts, wenn es schief geht, macht nur der Anleger eine lange Nase.
Deshalb ist es unverständlich, warum solange um die Lösegeld Summe gefeilscht wurde,
Verluste für die Anleger hätten sich durch die Abschreibung in Grenzen gehalten.
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