Medizinstudium : Blutige Anfänger

In Kapstadt versorgen deutsche Medizinstudenten Patienten mit Verletzungen, die man hierzulande nur aus dem Fernsehen kennt.

Jetzt weiß Effi Eisele auch, wie es aussieht, wenn jemand die halbe Straße in einer Wunde mitschleppt. Der Mann auf der Liege vor ihr rührt sich nicht. Unter einem abgelederten Hautlappen am Oberschenkel glänzt das Fleisch rosa. Dazwischen Schmutz, was man halt so mitnimmt, wenn man über die Straße geschleift wird. "Kannst du mir mal die Kompressen aufmachen?", sagt Effi. Sie und ihre Kommilitonin Carolin Petri, beide 24, haben weiße Gummihandschuhe übergezogen, außer ihnen ist niemand im Raum. Es ist halb eins in der Nacht. "Ich würde noch mal spülen", sagt Carolin. Ihre Stimme klingt müde.

Der Patient vor ihnen auf der Liege war zu Fuß unterwegs, wurde angefahren und liegt jetzt im Schockraum des Tygerberg-Krankenhauses bei Kapstadt, dem Lehrkrankenhaus der Universität Stellenbosch. Effi und Carolin sind noch keine Ärztinnen. Sie verbringen hier einen Teil ihres Praktischen Jahres (PJ) am Ende des Medizinstudiums.

Die beiden Deutschen können in Südafrika Aufgaben übernehmen, mit denen sie während eines Praktischen Jahres in Deutschland kaum in Berührung kommen würden. Wenn man so will, profitieren die PJler in Südafrika von der Not der meist schwarzen Patienten– aber die Patienten profitieren eben auch von den Studenten. Denn die nähen zum Beispiel eine Wunde zu, während sich die Ärzte um die schwierigen Fälle kümmern. "Hier traut man uns viel mehr zu als daheim in Deutschland", sagt Effi. Ganz am Anfang ihres Aufenthaltes am Kap fanden sie und Carolin im Krankenhaus einen Zettel, auf dem stand: "Dies ist ein Lehrkrankenhaus" und dass Patienten auch von Studenten untersucht würden. Wer hierherkommt, hat nicht unbedingt die Wahl, ob er von einem Arzt oder von einem Studenten versorgt wird.

Der Blick des Mannes auf der Liege ist starr. Eine Pupille ist weit, die andere eng – vermutlich eine Hirnblutung. Effi greift die Nadel mit dem Nadelhalter, um sie durch die Haut zu stechen. Es ist viel Kraft notwendig, um alle Schichten zu durchbohren. Zuletzt nimmt Effi die Nadel direkt zwischen ihre Finger und drückt sie durch die Haut, obwohl man das eigentlich nicht machen soll. Zu groß ist die Gefahr, sich zu stechen. Von zwei Seiten der dreieckigen Wunde nähen Effi und Carolin, so wie der Arzt es ihnen erklärt hat. Wie ihr Patient heißt, wissen sie nicht, er sieht nicht älter aus als 30. Wahrscheinlich wird er nie wieder richtig zu sich kommen. "Dafür, wie schlimm das aussah, wird das jetzt richtig gut", sagt Effi irgendwann. "Eins-a- Qualitätsarbeit."

Seit fast vier Monaten sind die beiden Studentinnen in Kapstadt, ein Drittel des PJ verbringen sie hier, ein sogenanntes Tertial. Wenn sie zurückkommen nach Tübingen, geht es an der Uni weiter. Effi muss noch ihr Tertial in innerer Medizin absolvieren, danach beginnt das Lernen für das Staatsexamen.

Trauma-Station nennt sich die chirurgische Abteilung für Unfallheilkunde, eine Notaufnahme für Opfer von Autounfällen, Schießereien, Messerstechereien – Fälle, die Mediziner in Kapstadt einfach häufiger zu sehen bekommen als zum Beispiel in Kiel. Im Tygerberg-Krankenhaus ist die Notaufnahme ein langer Flur, in dem Schmerzen auch für diejenigen spürbar werden, die selbst keine haben. In einzelnen Buchten stehen die Betten direkt nebeneinander. Vor einer Behandlung ziehen die Ärzte einen der grünen Vorhänge zu. Ansonsten ist hier alles für Patienten und Besucher sichtbar: der Mann mit dem blutigen Speichelfluss und dem geschwollenen Auge, eine Mutter, die ihr Kind stillt, um es zu beruhigen. An der Wand hängt ein Poster, das eine Bahre zeigt und den Schriftzug: " Drink and drive? Your table is ready.«

Effis erster Patient an diesem Abend war ein Junge mit zwei Schnittwunden am Hinterkopf. Verstört lag er auf der Seite, während ihm eine Schwester die Haare rund um die Verletzungen wegrasierte. Effi musste sich ihr Besteck erst zusammensuchen, bevor sie sich daranmachen konnte, die fingerlange Wunde zu nähen. Eine chirurgische Pinzette, um die klaffende Wunde zusammenzuhalten, fand sie zwar. Aber zum Nähen hätte die Pinzette eigentlich glatt sein müssen. Es ging auch so. Die Studentinnen mögen das Gefühl, trotz der Widrigkeiten alles hinzubekommen, zur Not müssen sie eben improvisieren. Ab und zu kommt ein Arzt vorbei, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist.

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Respekt

vor denen, die das auf sich nehmen.
"... dass sie die Armut ausnutzt, wenn sie als Studentin an den Patienten in Südafrika übt?"
Das dagegen ist eine typische "Gutmenschenfrage", von Leuten, die noch ethische Probleme suchen, wo andere schon an einer Lösung von Alltagproblemen arbeiten.
Wenn die Absolventen (keine Erstsemester übrigens) dort nicht "üben", dann verrecken die Kranken - aber schön vorzutragende ethische Bedenken würde das dann wohl nicht mehr auslösen ....

Kann ich auch jedem nur empfehlen.

Habe selber mein PJ im Ausland (Thailand, Bangkok) gemacht und kann das jedem nur empfehlen. Es ist zwar mit recht viel Bürokratie verbunden, aber die Erfahrung die man bekommt ist einfach nicht zu ersetzten.

Das Wort "üben" ist auch total falsch im Zusammenhang mit der Arbeit die man da macht. Es hilft den Menschen und diese sind dankbar. Ich glaube viele eigenes Wissen und das Können unterschätzen, das man in Deutschland sich aneignet. Und IMHO es ist ethisch sehr vertretbar, da man den Menschen mit diesem Können hilft und dabei auch selber lernt.