PraxiserfahrungMuss ich mir das gefallen lassen?

Warum Praktikanten immer wieder ausgebeutet werden – und was man dagegen tun kann. von Marvin Oppong

Akten und Kopierer

Akten ordnen und kopieren - manche Praktikanten tun wochenlang nichts anderes  |  © shape/photocase

Praxiserfahrung ist ein schönes Wort. Studenten suchen sie, Unternehmen werben mit ihr, und immer klingt es irgendwie verheißungsvoll. Bis das Praktikum beginnt . Und es manchem dämmert, dass es auch Praxiserfahrungen gibt, die man lieber niemals gemacht hätte. Ein Student berichtet, wie ihn die Filmregisseurin bei einem Praktikum am Set als "minderbemittelt" beschimpfte , ein anderer, wie er in einer Medienagentur tagelang private CDs katalogisieren musste, eine dritte, wie sie als Praktikantin einer Sprachschule regelmäßig das Toilettenpapier überprüfte, die Spülmaschine leer räumte und die Wäsche in die Reinigung brachte.

Um Vorfreude in Enttäuschung zu wandeln, reicht aber schon weniger. Dauerlangeweile zum Beispiel. Sie kennzeichnet das eine Extrem auf der Skala misslungener Praktika. Am anderen Ende steht der als Praktikum getarnte, mies bezahlte Vollzeitjob.

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ZEIT Campus 1/2011

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Das Risiko, ein übles Praktikum zu erwischen , scheint in manchen Branchen besonders hoch zu sein. In Internetforen gibt es besonders viele schlechte Bewertungen für Praktika bei Medien, in der Öffentlichkeitsarbeit und in Architekturbüros. Vielleicht sind Medienmenschen ja nur überdurchschnittlich mitteilsam und Architekten kritischer als andere? Wahrscheinlicher aber ist angesichts der schlechten Arbeitsmarktlage und der hoch motivierten Bewerber in diesen Branchen eine simple Gleichung: Je begehrter die Jobs, desto leichter die Ausbeutung – und desto schneller wird sie zur Selbstverständlichkeit.

Da arbeitet dann schon mal ein Praktikant den nächsten ein. Oder es kommt zu paradoxen Situationen, wie die, von der Markus Henrik berichtet. Der 28-Jährige hat den Roman Copy Man geschrieben, eine Rachefantasie über Praktikanten, die zurückschlagen. Henrik gab damals viele Interviews zum Thema – danach, so erzählt er, habe er mehrfach private Mails von Journalisten erhalten, die ihn zuvor interviewt hatten. "Die outeten sich selbst als ausgebeutete Praktikanten und wollten ihrer Wut über diese Heuchelei Luft machen."

Was also tun, wenn man in der Praktikumsfalle sitzt? Wenn die Wut wächst, weil man 50 Stunden die Woche ackert und die Eltern um 200 Euro bitten muss, um die Miete zu zahlen? Wenn mit jedem Tag zwischen Excel-Tabelle und Ablage die Hoffnung, doch noch etwas zu lernen, ein bisschen mehr zustaubt? Wenn sich der Chef als Choleriker entpuppt, und die Kollegen unfähig sind, den Unterschied zwischen "Praktikant" und "Depp vom Dienst" zu begreifen?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. Lass dir das nicht gefallen! Wehr dich, oder schmeiß hin! In Wirklichkeit aber ist gar nichts einfach. Gleich drei Faktoren machen es schwer, einen Schnitt zu machen. Manches hat dabei mit äußeren Bedingungen wie der Wirtschaftslage zu tun. Anderes aber verweist auf unser Innenleben, auf Hoffnungen, Ängste und unser Bild von uns selbst.

Der erste Faktor ist der Offensichtlichste: Wer ein gutes Zeugnis will, ist abhängig vom Wohlwollen seines Chefs. Je weniger eine Branche Wert auf formale Qualifikationen wie einen bestimmten Studienabschluss legt, je höher sie praktische Erfahrung wertet und je angespannter die Arbeitsmarktlage ist, desto größer wird diese Abhängigkeit.

Leserkommentare
  1. Die "Subjektivierung der Verantwortung", wird in diesem Artikel als Teil des Problems beschrieben. Gleichzeitig aber, werden am Ende des Artikels individuelle Lösungsstragien (die sicherlich sinnvoll sind) angeboten. Diese wiederum können eine Hinnahme des fragwürdigen Umgangs mit Praktikanten implizieren.

  2. Die "Subjektivierung der Verantwortung", wird als eine Ursache für Ausbeutung im Praktikum genannt. Allerdings werden im Artikel auch nur individuelle Lösungsansätze angeboten (die sicherlich sinnvoll sind). Dadurch kann aber der Eindruck entstehen, dass impliziert wird die Ausbeutung von Praktikanten hinzunehmen, anstatt zu hiunterfragen.

    • Chrina
    • 08. Februar 2011 12:26 Uhr

    Es ist ja schön, dass Praktika mittlerweile kritisch diskutiert werden, was jedoch oft (und auch hier zu kurz) kommt: die ganze Debatte über ausgebeutete Praktikanten ist doch wegen Absolventen (nicht Studenten) entstanden, die statt richtiger Jobs nur Praktika finden und sich jahrelang elternfinanziert durchs Leben hangeln. Während des Studiums gegen wenig oder null Bezahlung Praktikum zu machen, finde ich weniger schlimm, da die Belohnung da ja das Lernen ist (und man sich erfahrungsgemäß eher langweilt als totarbeitet). Dass aber Leute mit abgeschlossenem Studium statt fest zu arbeiten Praktika machen, finde ich skandalös - wobei es mich aber auch immer wundert, wie wenige dazu nein sagen. Denn es scheint mir sinnvoller, einen bezahlten Job zu finden, der vielleicht nicht ganz dem angestrebten entspricht (irgendeinen Bürokram sollte man als Akademiker bekommen können), statt unbezahlt den Traumjob zu machen. Dieses Ausbeutersystem funktioniert doch auch deshalb so gut, weil keiner das Praktikum ablehnt...

    Eine Leserempfehlung
    • nihao80
    • 08. Februar 2011 12:56 Uhr

    Leut', studiert einfach was Gescheites. Oder warum lese ich immer nur über miese Praktika in Medienagenturen, beim Film oder im Verlag? Liegt's daran, dass es dort nichts zu verschenken gibt (auch keine angemessene Praktikumsvergütung), weil es zuviel Konkurrenz gibt, weil es einfach zu viele Leute gibt, die das machen?
    Kann mich da einem Vorkommentierenden nur anschließen. Wenn es ein Uniabsolvent in der Regel nötig hat, nach erflogreichem Abschluss ein Praktikum zu machen, ist schon vorher was falsch gelaufen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mooony
    • 09. Februar 2011 9:39 Uhr

    Man soll doch auch ein Fach studieren, das einem liegt, oder? Klar, irgendwelche Wirtschaftsstudiengänge sind besser als Ethnologie etc - wenn man sich aber nun mal sehr für Kulturen/Gesellschaften interessiert und ein Mathe Loser ist?

    "Was gescheites studieren" ist meiner Ansicht nach ein total
    unzeitgemäßer Tip. Dieser Ansicht ist sogar meine Großmutter.

    Ich habe das Grundstudium in Jura hinter mir und studiere nun Politische Ökonomik. Jura hatte zwar mehr Prestige - ist aber absolut nicht mein Fall. Hätte ich trotzdem dabei bleiben sollen?

    ...oder in der Entwicklungszusammenarbeit. Oder in der oeffentlichen Verwaltung. Oder in Bundesministerien. Oder in der Wissenschaft. Ueberall geringe bis keine Bezahlung, breite Praktikanteneinbringung, geringe Vollzeitquote.

    Der Fehler liegt im System, und Ihr Argument ist ein gutes Beispiel fuer Subjektivierung der Verantwortung.

    • Afa81
    • 08. Februar 2011 13:54 Uhr

    Also, habe das jetzt mal gelesen und habe ein paar Anmerkungen dazu:

    1. Man kann ein Praktikum hinschmeißen. Die Zeit kann man nutzen um andere Prüfungen vorzuziehen. Damit wird man auch nicht viel Zeit verlieren.

    2. Wenn man so ein mieses Praktikum bekommen hat, muss man mit dem Professor darüber sprechen. Pflichpraktika im Rahmen eines Hochschulstudiums werden immer in Absprache mit dem Professor durchgeführt. Ich habe in Regensburg studiert. Dort ist auch ein Werk von BMW. Unser Professor hat uns gewarnt. Dort werdet ihr gut bezahlt, aber ihr dürft halt nur Excel Tabellen machen. Er kann jedoch nur warnen, wenn er auch ein Feedback von den Studenten bekommt. Die Studenten müssen in der Regel am Ende auch einen Vortrag über ihr Praktikum halten. Mein Professor und auch der meiner Freundin sind damals sogar in die Firma gekommen. Also, man muss sich beschweren. Dann bekommt diese Firma von dieser Hochschule keine Praktikanten mehr.

    3. Viele Studenten sind auch noch sehr illusioniert. Man denkt, man darf ganz tolle, wichtige und spannende Projekte bearbeiten. Das ist aber oft einfach nicht möglich. Wenn sie als Ingenieur bei BMW (also schon fertig) anfangen kann es sein, dass sie der Spezialist für die linke, hintere Bremsbackenhalterung werden - und das ist ein anspruchsvoller Job. Sie können glauben, jede Rundung, jede Form dort hat ihren Sinn.

    4. Es kann auch hilfreich sein im Praktikum zu sehen, was man später nicht machen möchte (siehe Pkt. 3).

    2 Leserempfehlungen
  3. Die Praktikanten lassen es eben mit sich machen. Es ist in der Tat traurig, aber wenn es viel zu viele junge MEnschen in einem Bereich gibt, der von Krisen sehr schnell betroffen ist und es kein unbegrenztes Wachstum gibt, dann ist das doch logisch.

    Schaut zu den Architekten. Sie sind die am schlecht bezahltesten Akademiker. In Niedersachsen wurden in einem Zeitraum von 10 Jahren (1996 bis 2005 meine ich) mehr als doppelt soviele Architekten wie Maurer ausgebildet. Wer erwartet da bei jedem kleinen Büro die Kußhand, wenn es unzählige Bewerber gibt und der Konkurrenzdruck die Anforderungen erstmal runterschraubt, weil man vermutet, später wird's schon besser?

    Selbiges in der Medienbranche. Festanstellung gibt es kaum. Ausnahme sind wenige Techniker beim Rundfunk und manch ein Graphiker einer Werbeagentur vielleicht. Aber wenn sich auf einen halbjährigen, unbezahlten Praktikumsplatz über 50 (!) Absolventen bewerben, die sich den Arsch aufreißen und danach vom nächsten Praktikanten abgelöst werden, dann ist es bei solch "wackeligen" Branchen, wo nicht nur bei den Bewerbern, sondern auch den Betrieben eine riesige Konkurrenz herrscht, nicht verwunderlich.

    Natürlich ist es bedauerlich, aber könnten sich die 18jährigen "Irgendwas mit Medien"-Studenten nicht auch vorher informieren statt anzunehmen, gutbezahlte Arbeit wüchse überall auf den Bäumen? Die Rechnung geht nicht auf, wenn jeder in diesen Bereich will, während anderswo die Bewerber fehlen.

  4. Platz etwas Knapp, deshalb hier noch ein Kommentar.

    Zufällig sind es gerade die Architekten und "Medienmenschen" in diesem Beitrag, wovon die einen nach (!) dem Studium ein zweijähriges Praktikum absolvieren dürfen, um in die Architektenkammer zu kommen, während die anderen für gewöhnlich ein ein- bis zweijähriges Volontariat machen.

    Wer da mit den Arbeitsbedingungen auch nicht zufrieden ist, hat sich halt vielleicht für die falsche Branche entschieden. Denn es sie dort machen, ist nun einmal Teil ihres Jobs, auch wenn Einzelfälle (wie aufräumen) dann gerne hervorgehoben werden.

    Wollen sie lieber nicht eingestellt werden? Sollen nur noch die Betriebe Praktika anbieten, die die Kapazitäten haben, ständig einen festangestellten Betreuer zum Praktikanten zu schicken? Dann werden aus den 50 Bewerbern ganz schnell 500 und alle jammern darüber, daß sie ja nicht einmal einen Praktikumsplatz finden.

    Und es hindert niemanden daran, beim Arbeitgeber im Einstellungsgespräch genau zu fragen, wo er [Praktikant] mit seinen QUalifikationen eingesetzt wird und was ihn genau erwartet. Wer da nicht überzeugen kann oder lieber zu allem Ja und Amen sagt, der ist -- so bitter es natürlich auch für ihn ist -- auch etwas selbst schuld an seiner Misere.

    Da hilft es vielleicht ,wenn man vor dem Studium ein Praktikum macht. Nicht der Qualifikation wegen, sondern um Einblicke zu erhalten und mit Menschen zu reden, die lange in der Branche sind. Ich hab's getan.

  5. "Denn im vergangenen Jahrzehnt hat das Land eine Wende hin zu dem erlebt, was Soziologen als "Subjektivierung von Verantwortung" bezeichnen."

    Verantwortung wird gerne an das Individuum übertragen - die Macht aber nicht.

    Da sollte man ganz bewußt gegensteuern. Man kann nur über die Dinge die Verantwortung übernehmen, bei denen man auch die Macht hat etwas zu ändern.

    Ich war auch schon selbstausbeuterisch tätig. Davon bin ich geheilt. Der Volksmund hat recht.

    "Ohne Moos nix los" und "Vom gehätteten hab' ich nix"

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