Praxiserfahrung : Muss ich mir das gefallen lassen?

Warum Praktikanten immer wieder ausgebeutet werden – und was man dagegen tun kann.
Akten ordnen und kopieren - manche Praktikanten tun wochenlang nichts anderes © shape/photocase

Praxiserfahrung ist ein schönes Wort. Studenten suchen sie, Unternehmen werben mit ihr, und immer klingt es irgendwie verheißungsvoll. Bis das Praktikum beginnt . Und es manchem dämmert, dass es auch Praxiserfahrungen gibt, die man lieber niemals gemacht hätte. Ein Student berichtet, wie ihn die Filmregisseurin bei einem Praktikum am Set als "minderbemittelt" beschimpfte , ein anderer, wie er in einer Medienagentur tagelang private CDs katalogisieren musste, eine dritte, wie sie als Praktikantin einer Sprachschule regelmäßig das Toilettenpapier überprüfte, die Spülmaschine leer räumte und die Wäsche in die Reinigung brachte.

Um Vorfreude in Enttäuschung zu wandeln, reicht aber schon weniger. Dauerlangeweile zum Beispiel. Sie kennzeichnet das eine Extrem auf der Skala misslungener Praktika. Am anderen Ende steht der als Praktikum getarnte, mies bezahlte Vollzeitjob.

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Seite des Magazins zu gelangen © ZEIT Campus

Das Risiko, ein übles Praktikum zu erwischen , scheint in manchen Branchen besonders hoch zu sein. In Internetforen gibt es besonders viele schlechte Bewertungen für Praktika bei Medien, in der Öffentlichkeitsarbeit und in Architekturbüros. Vielleicht sind Medienmenschen ja nur überdurchschnittlich mitteilsam und Architekten kritischer als andere? Wahrscheinlicher aber ist angesichts der schlechten Arbeitsmarktlage und der hoch motivierten Bewerber in diesen Branchen eine simple Gleichung: Je begehrter die Jobs, desto leichter die Ausbeutung – und desto schneller wird sie zur Selbstverständlichkeit.

Da arbeitet dann schon mal ein Praktikant den nächsten ein. Oder es kommt zu paradoxen Situationen, wie die, von der Markus Henrik berichtet. Der 28-Jährige hat den Roman Copy Man geschrieben, eine Rachefantasie über Praktikanten, die zurückschlagen. Henrik gab damals viele Interviews zum Thema – danach, so erzählt er, habe er mehrfach private Mails von Journalisten erhalten, die ihn zuvor interviewt hatten. "Die outeten sich selbst als ausgebeutete Praktikanten und wollten ihrer Wut über diese Heuchelei Luft machen."

Was also tun, wenn man in der Praktikumsfalle sitzt? Wenn die Wut wächst, weil man 50 Stunden die Woche ackert und die Eltern um 200 Euro bitten muss, um die Miete zu zahlen? Wenn mit jedem Tag zwischen Excel-Tabelle und Ablage die Hoffnung, doch noch etwas zu lernen, ein bisschen mehr zustaubt? Wenn sich der Chef als Choleriker entpuppt, und die Kollegen unfähig sind, den Unterschied zwischen "Praktikant" und "Depp vom Dienst" zu begreifen?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. Lass dir das nicht gefallen! Wehr dich, oder schmeiß hin! In Wirklichkeit aber ist gar nichts einfach. Gleich drei Faktoren machen es schwer, einen Schnitt zu machen. Manches hat dabei mit äußeren Bedingungen wie der Wirtschaftslage zu tun. Anderes aber verweist auf unser Innenleben, auf Hoffnungen, Ängste und unser Bild von uns selbst.

Der erste Faktor ist der Offensichtlichste: Wer ein gutes Zeugnis will, ist abhängig vom Wohlwollen seines Chefs. Je weniger eine Branche Wert auf formale Qualifikationen wie einen bestimmten Studienabschluss legt, je höher sie praktische Erfahrung wertet und je angespannter die Arbeitsmarktlage ist, desto größer wird diese Abhängigkeit.

Anzeige

Forschende Fachhochschulen

Die deutschen Fachhochschulen entwickeln sich von reinen Lehranstalten zu Schmieden der anwendungsbezogenen Forschung - unterstützt von Politik und Wissenschaftsrat.

Mehr erfahren >>

Kommentare

16 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Subjektivierung der Verantwortung

Die "Subjektivierung der Verantwortung", wird in diesem Artikel als Teil des Problems beschrieben. Gleichzeitig aber, werden am Ende des Artikels individuelle Lösungsstragien (die sicherlich sinnvoll sind) angeboten. Diese wiederum können eine Hinnahme des fragwürdigen Umgangs mit Praktikanten implizieren.

Subjektivierung der Verantwortung

Die "Subjektivierung der Verantwortung", wird als eine Ursache für Ausbeutung im Praktikum genannt. Allerdings werden im Artikel auch nur individuelle Lösungsansätze angeboten (die sicherlich sinnvoll sind). Dadurch kann aber der Eindruck entstehen, dass impliziert wird die Ausbeutung von Praktikanten hinzunehmen, anstatt zu hiunterfragen.

falsche Perspektive

Es ist ja schön, dass Praktika mittlerweile kritisch diskutiert werden, was jedoch oft (und auch hier zu kurz) kommt: die ganze Debatte über ausgebeutete Praktikanten ist doch wegen Absolventen (nicht Studenten) entstanden, die statt richtiger Jobs nur Praktika finden und sich jahrelang elternfinanziert durchs Leben hangeln. Während des Studiums gegen wenig oder null Bezahlung Praktikum zu machen, finde ich weniger schlimm, da die Belohnung da ja das Lernen ist (und man sich erfahrungsgemäß eher langweilt als totarbeitet). Dass aber Leute mit abgeschlossenem Studium statt fest zu arbeiten Praktika machen, finde ich skandalös - wobei es mich aber auch immer wundert, wie wenige dazu nein sagen. Denn es scheint mir sinnvoller, einen bezahlten Job zu finden, der vielleicht nicht ganz dem angestrebten entspricht (irgendeinen Bürokram sollte man als Akademiker bekommen können), statt unbezahlt den Traumjob zu machen. Dieses Ausbeutersystem funktioniert doch auch deshalb so gut, weil keiner das Praktikum ablehnt...

Der beste Tipp fehlt:

Leut', studiert einfach was Gescheites. Oder warum lese ich immer nur über miese Praktika in Medienagenturen, beim Film oder im Verlag? Liegt's daran, dass es dort nichts zu verschenken gibt (auch keine angemessene Praktikumsvergütung), weil es zuviel Konkurrenz gibt, weil es einfach zu viele Leute gibt, die das machen?
Kann mich da einem Vorkommentierenden nur anschließen. Wenn es ein Uniabsolvent in der Regel nötig hat, nach erflogreichem Abschluss ein Praktikum zu machen, ist schon vorher was falsch gelaufen.

Problem:

Man soll doch auch ein Fach studieren, das einem liegt, oder? Klar, irgendwelche Wirtschaftsstudiengänge sind besser als Ethnologie etc - wenn man sich aber nun mal sehr für Kulturen/Gesellschaften interessiert und ein Mathe Loser ist?

"Was gescheites studieren" ist meiner Ansicht nach ein total
unzeitgemäßer Tip. Dieser Ansicht ist sogar meine Großmutter.

Ich habe das Grundstudium in Jura hinter mir und studiere nun Politische Ökonomik. Jura hatte zwar mehr Prestige - ist aber absolut nicht mein Fall. Hätte ich trotzdem dabei bleiben sollen?

Natürlich...

...soll man AUCH nach Neigung studieren. Nur wenn das eben Graphikdesign, Romanistik oder Medienwissenschaft ist, bite nicht über fehlende Pespektiven oder das dritte Praktikum nach dem Studium wundern. Letzendlich ist es natürlich eine individuelle Entscheidung, ob man sich im Studium für seine Vorliebe oder für etwas Pragmatisches mit Zukunft entscheidet. Beides hat Vorteile und Nachteile. Es kommt eben darauf an sich, die Folgen seiner Wahl bewusst zu machen. ISt mir schon klar, dass das etwas neunmalklug ist, nur: Haben Sie eine Alternative?