PraxiserfahrungMuss ich mir das gefallen lassen?
Seite 2/3:

Der gesetzliche Status von Praktikanten ist unklar

Am schmerzlichsten spürbar ist sie wohl für jene, die nach dem Studienabschluss noch keine Stelle gefunden haben. Alle Hoffnung richtet sich dann auf dieses Praktikum. Und manchmal auch aufs nächste. Und aufs übernächste. Vielleicht werde ich ja übernommen? Vielleicht lerne ich genau die Menschen kennen, die mich weiterbringen? Vielleicht bekomme ich ein Zeugnis, das mich aus der Masse hervorhebt? Hoffnungen treiben an. Zu Überstunden. Dazu, auch noch den unsinnigsten Auftrag lächelnd zu akzeptieren. Immer engagiert zu sein, stets freundlich, nie müde. "Die Aussicht auf Übernahme ist wie eine Möhre, die man dem Praktikantenesel hinhält, um immer noch ein bisschen mehr aus ihm herauszuholen", sagt Markus Henrik, der Autor von Copy Man . Es ist ein einfacher Mechanismus: Wer hofft, hält den Mund.

Und wer unsicher ist, erst recht. Die meisten von uns haben wenig vom einsamen Helden an sich. Aufbegehren ist schwer genug; es fällt ein wenig leichter, wenn man allgemein anerkannte Regeln hinter sich weiß. Und da kommt der zweite Faktor ins Spiel: Es herrscht große Ratlosigkeit darüber, was Unternehmen denn nun eigentlich dürfen und was nicht. Dass das Gesetz den Status von Praktikanten nicht einheitlich regelt, macht die Sache nicht leichter. Zwar hat die DGB-Jugend zu Grundsätzlichem wie Urlaubsanspruch und dem Recht auf ein Zeugnis einen Überblick zusammengestellt ( bit.ly/ZCpraktirechte ) . Doch viele Fragen bleiben offen. Hat ein Praktikant einen Anspruch auf einen Betreuer? Muss er auch Arbeiten ausführen, bei denen er nichts lernt, und falls ja, in welchem Maße? Wer hat ihm etwas zu sagen?

Bei Praktika ist es oft schwer, eindeutige Prinzipien zu formulieren. Denn der Wunsch nach Klarheit kollidiert mit der Absicht, nicht weltfremd zu sein und allen Fällen gerecht zu werden. "Eigentlich raten wir von Praktika nach dem Studium grundsätzlich ab", sagt zum Beispiel Susanne Schneider von der Praktikanteninitiative fairwork. Eigentlich. Aber wenn jemand für sich wirklich keine andere Möglichkeit sähe, solle er wenigstens eine angemessene Vergütung verlangen. Und Jessica Heyser vom Deutschen Gewerkschaftsbund schiebt dem Prinzip – kein Praktikum als Absolvent – eine Ausnahme hinterher. Wolle sich jemand fachlich in eine völlig andere Richtung orientieren, könne dies bisweilen sinnvoll sein, sagt die Gewerkschaftsfrau.

Wenn es schon Schneider und Heyser manchmal schwerfällt, eindeutige Grenzen zu ziehen, so gilt das für den einzelnen Praktikanten erst recht. Denn Praktika sind ja nur in Extremfällen von vorne bis hinten fürchterlich – und genau das löst eine Fülle von Zweifeln aus. Ist ein Praktikum zum Nulltarif nicht doch okay, wenn es spannend und klasse betreut ist? Muss man einen cholerischen Chef nicht einfach mal ertragen, wenn der Rest stimmt? Sind zwei Wochen Aktensortieren wirklich so schlimm, wenn dann Besseres auf einen wartet? Klar, auf die Mischung kommt es an. Aber ob die noch gerade so stimmt oder ob die Grenze überschritten ist, ist manchmal verdammt schwer zu entscheiden.

Leserkommentare
  1. Die "Subjektivierung der Verantwortung", wird in diesem Artikel als Teil des Problems beschrieben. Gleichzeitig aber, werden am Ende des Artikels individuelle Lösungsstragien (die sicherlich sinnvoll sind) angeboten. Diese wiederum können eine Hinnahme des fragwürdigen Umgangs mit Praktikanten implizieren.

  2. Die "Subjektivierung der Verantwortung", wird als eine Ursache für Ausbeutung im Praktikum genannt. Allerdings werden im Artikel auch nur individuelle Lösungsansätze angeboten (die sicherlich sinnvoll sind). Dadurch kann aber der Eindruck entstehen, dass impliziert wird die Ausbeutung von Praktikanten hinzunehmen, anstatt zu hiunterfragen.

    • Chrina
    • 08. Februar 2011 12:26 Uhr

    Es ist ja schön, dass Praktika mittlerweile kritisch diskutiert werden, was jedoch oft (und auch hier zu kurz) kommt: die ganze Debatte über ausgebeutete Praktikanten ist doch wegen Absolventen (nicht Studenten) entstanden, die statt richtiger Jobs nur Praktika finden und sich jahrelang elternfinanziert durchs Leben hangeln. Während des Studiums gegen wenig oder null Bezahlung Praktikum zu machen, finde ich weniger schlimm, da die Belohnung da ja das Lernen ist (und man sich erfahrungsgemäß eher langweilt als totarbeitet). Dass aber Leute mit abgeschlossenem Studium statt fest zu arbeiten Praktika machen, finde ich skandalös - wobei es mich aber auch immer wundert, wie wenige dazu nein sagen. Denn es scheint mir sinnvoller, einen bezahlten Job zu finden, der vielleicht nicht ganz dem angestrebten entspricht (irgendeinen Bürokram sollte man als Akademiker bekommen können), statt unbezahlt den Traumjob zu machen. Dieses Ausbeutersystem funktioniert doch auch deshalb so gut, weil keiner das Praktikum ablehnt...

    • nihao80
    • 08. Februar 2011 12:56 Uhr

    Leut', studiert einfach was Gescheites. Oder warum lese ich immer nur über miese Praktika in Medienagenturen, beim Film oder im Verlag? Liegt's daran, dass es dort nichts zu verschenken gibt (auch keine angemessene Praktikumsvergütung), weil es zuviel Konkurrenz gibt, weil es einfach zu viele Leute gibt, die das machen?
    Kann mich da einem Vorkommentierenden nur anschließen. Wenn es ein Uniabsolvent in der Regel nötig hat, nach erflogreichem Abschluss ein Praktikum zu machen, ist schon vorher was falsch gelaufen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mooony
    • 09. Februar 2011 9:39 Uhr

    Man soll doch auch ein Fach studieren, das einem liegt, oder? Klar, irgendwelche Wirtschaftsstudiengänge sind besser als Ethnologie etc - wenn man sich aber nun mal sehr für Kulturen/Gesellschaften interessiert und ein Mathe Loser ist?

    "Was gescheites studieren" ist meiner Ansicht nach ein total
    unzeitgemäßer Tip. Dieser Ansicht ist sogar meine Großmutter.

    Ich habe das Grundstudium in Jura hinter mir und studiere nun Politische Ökonomik. Jura hatte zwar mehr Prestige - ist aber absolut nicht mein Fall. Hätte ich trotzdem dabei bleiben sollen?

    ...oder in der Entwicklungszusammenarbeit. Oder in der oeffentlichen Verwaltung. Oder in Bundesministerien. Oder in der Wissenschaft. Ueberall geringe bis keine Bezahlung, breite Praktikanteneinbringung, geringe Vollzeitquote.

    Der Fehler liegt im System, und Ihr Argument ist ein gutes Beispiel fuer Subjektivierung der Verantwortung.

    • Afa81
    • 08. Februar 2011 13:54 Uhr

    Also, habe das jetzt mal gelesen und habe ein paar Anmerkungen dazu:

    1. Man kann ein Praktikum hinschmeißen. Die Zeit kann man nutzen um andere Prüfungen vorzuziehen. Damit wird man auch nicht viel Zeit verlieren.

    2. Wenn man so ein mieses Praktikum bekommen hat, muss man mit dem Professor darüber sprechen. Pflichpraktika im Rahmen eines Hochschulstudiums werden immer in Absprache mit dem Professor durchgeführt. Ich habe in Regensburg studiert. Dort ist auch ein Werk von BMW. Unser Professor hat uns gewarnt. Dort werdet ihr gut bezahlt, aber ihr dürft halt nur Excel Tabellen machen. Er kann jedoch nur warnen, wenn er auch ein Feedback von den Studenten bekommt. Die Studenten müssen in der Regel am Ende auch einen Vortrag über ihr Praktikum halten. Mein Professor und auch der meiner Freundin sind damals sogar in die Firma gekommen. Also, man muss sich beschweren. Dann bekommt diese Firma von dieser Hochschule keine Praktikanten mehr.

    3. Viele Studenten sind auch noch sehr illusioniert. Man denkt, man darf ganz tolle, wichtige und spannende Projekte bearbeiten. Das ist aber oft einfach nicht möglich. Wenn sie als Ingenieur bei BMW (also schon fertig) anfangen kann es sein, dass sie der Spezialist für die linke, hintere Bremsbackenhalterung werden - und das ist ein anspruchsvoller Job. Sie können glauben, jede Rundung, jede Form dort hat ihren Sinn.

    4. Es kann auch hilfreich sein im Praktikum zu sehen, was man später nicht machen möchte (siehe Pkt. 3).

  3. Die Praktikanten lassen es eben mit sich machen. Es ist in der Tat traurig, aber wenn es viel zu viele junge MEnschen in einem Bereich gibt, der von Krisen sehr schnell betroffen ist und es kein unbegrenztes Wachstum gibt, dann ist das doch logisch.

    Schaut zu den Architekten. Sie sind die am schlecht bezahltesten Akademiker. In Niedersachsen wurden in einem Zeitraum von 10 Jahren (1996 bis 2005 meine ich) mehr als doppelt soviele Architekten wie Maurer ausgebildet. Wer erwartet da bei jedem kleinen Büro die Kußhand, wenn es unzählige Bewerber gibt und der Konkurrenzdruck die Anforderungen erstmal runterschraubt, weil man vermutet, später wird's schon besser?

    Selbiges in der Medienbranche. Festanstellung gibt es kaum. Ausnahme sind wenige Techniker beim Rundfunk und manch ein Graphiker einer Werbeagentur vielleicht. Aber wenn sich auf einen halbjährigen, unbezahlten Praktikumsplatz über 50 (!) Absolventen bewerben, die sich den Arsch aufreißen und danach vom nächsten Praktikanten abgelöst werden, dann ist es bei solch "wackeligen" Branchen, wo nicht nur bei den Bewerbern, sondern auch den Betrieben eine riesige Konkurrenz herrscht, nicht verwunderlich.

    Natürlich ist es bedauerlich, aber könnten sich die 18jährigen "Irgendwas mit Medien"-Studenten nicht auch vorher informieren statt anzunehmen, gutbezahlte Arbeit wüchse überall auf den Bäumen? Die Rechnung geht nicht auf, wenn jeder in diesen Bereich will, während anderswo die Bewerber fehlen.

  4. Platz etwas Knapp, deshalb hier noch ein Kommentar.

    Zufällig sind es gerade die Architekten und "Medienmenschen" in diesem Beitrag, wovon die einen nach (!) dem Studium ein zweijähriges Praktikum absolvieren dürfen, um in die Architektenkammer zu kommen, während die anderen für gewöhnlich ein ein- bis zweijähriges Volontariat machen.

    Wer da mit den Arbeitsbedingungen auch nicht zufrieden ist, hat sich halt vielleicht für die falsche Branche entschieden. Denn es sie dort machen, ist nun einmal Teil ihres Jobs, auch wenn Einzelfälle (wie aufräumen) dann gerne hervorgehoben werden.

    Wollen sie lieber nicht eingestellt werden? Sollen nur noch die Betriebe Praktika anbieten, die die Kapazitäten haben, ständig einen festangestellten Betreuer zum Praktikanten zu schicken? Dann werden aus den 50 Bewerbern ganz schnell 500 und alle jammern darüber, daß sie ja nicht einmal einen Praktikumsplatz finden.

    Und es hindert niemanden daran, beim Arbeitgeber im Einstellungsgespräch genau zu fragen, wo er [Praktikant] mit seinen QUalifikationen eingesetzt wird und was ihn genau erwartet. Wer da nicht überzeugen kann oder lieber zu allem Ja und Amen sagt, der ist -- so bitter es natürlich auch für ihn ist -- auch etwas selbst schuld an seiner Misere.

    Da hilft es vielleicht ,wenn man vor dem Studium ein Praktikum macht. Nicht der Qualifikation wegen, sondern um Einblicke zu erhalten und mit Menschen zu reden, die lange in der Branche sind. Ich hab's getan.

  5. "Denn im vergangenen Jahrzehnt hat das Land eine Wende hin zu dem erlebt, was Soziologen als "Subjektivierung von Verantwortung" bezeichnen."

    Verantwortung wird gerne an das Individuum übertragen - die Macht aber nicht.

    Da sollte man ganz bewußt gegensteuern. Man kann nur über die Dinge die Verantwortung übernehmen, bei denen man auch die Macht hat etwas zu ändern.

    Ich war auch schon selbstausbeuterisch tätig. Davon bin ich geheilt. Der Volksmund hat recht.

    "Ohne Moos nix los" und "Vom gehätteten hab' ich nix"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Deutscher Gewerkschaftsbund | Hochschule
Service