Biologie"Wir brauchen embryonale Stammzellen"

In jeder Ausgabe trifft ZEIT CAMPUS eine Koryphäe ihres Fachs. Diesmal: Hans Robert Schöler, der Erfinder künstlicher Stammzellen. Ein Gespräch über Ethik. von 

ZEIT CAMPUS: Herr Schöler, was ist für Sie ethisch einwandfreie Forschung?

Hans Robert Schöler : Ein leerer Begriff. Ich weiß damit nichts anzufangen.

Anzeige

ZEIT CAMPUS: Das sagen ausgerechnet Sie? Ihre Arbeit gilt doch als die ethisch einwandfreie Alternative zur umstrittenen Forschung mit embryonalen Stammzellen!

Schöler: Trotzdem halte ich die Arbeit mit embryonalen Stammzellen nicht nur für richtig, sondern nach meinen Grundsätzen sogar für geboten. Ich habe eben, wie jeder Mensch, ein eigenes Verständnis von Ethik.

ZEIT CAMPUS: Ihr Labor war an der Entwicklung von künstlichen Stammzellen beteiligt. Diese Entdeckung wurde weltweit als Sensation gefeiert. Teilen Sie die Euphorie der Öffentlichkeit?

Schöler: Nicht in allen Aspekten. Viele denken, wir könnten in Zukunft auf embryonale Stammzellen verzichten. Als Forscher sage ich: Das kann man nicht wissen. Embryonale und künstliche Stammzellen sind nicht identisch. Und wir benötigen embryonale Stammzellen auch, um diese Unterschiede zu erforschen.

ZEIT CAMPUS:  Dann lassen Sie uns zunächst über Biologie reden. Was ist das überhaupt, eine Stammzelle?

Hans Robert Schöler

57, ist Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. Er lehrt an der Universität Münster sowie in Hannover und Philadelphia. Für seine Forschung erhielt er 2008 den Robert-Koch-Preis.

Schöler: Unsere Körperzellen tragen alle das gleiche Erbgut, aber eine Muskelzelle übernimmt ganz andere Aufgaben und nutzt andere Gene als eine Hautzelle. Bei einer Stammzelle ist die Aufgabe noch nicht festgelegt, aus einer neuralen Stammzelle können zum Beispiel verschiedene Arten von Nervenzellen entstehen. Stammzellen in frühen Embryos können sogar jeden beliebigen Zelltyp bilden, ihr Schicksal entscheidet sich erst im Laufe der Entwicklung. Inzwischen wissen wir, dass man dieses Programm auch künstlich anstoßen kann. Wenn man eine Kombination von Genen etwa in eine Hautzelle einschleust, gibt sie die alte Aufgabe auf und wird wieder zu einer Stammzelle wie im frühen Embryo.

Stammzellen: Was sind sie?

In den ersten Tagen seiner Entwicklung ist ein Embryo noch nicht ausdifferenziert – das heißt, aus seinen Zellen können sich noch alle möglichen Organe entwickeln. Diese Tatsache will die Forschung sich zu Nutze machen, und aus solchen embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe züchten. Erstmals wurden 1981 embryonale Stammzellen aus Mäusen isoliert. Im Jahr 1998 gelang es dem amerikanischen Forscher James Thomson von der Universität Wisconsin die ersten Zell-Linien aus menschlichen Embryonen zu züchten.

Doch auch Erwachsene können noch Stammzellen bilden, zum Beispiel im Knochenmark, wo daraus immer neue Blutzellen entstehen. Diese adulten Stammzellen, auf die Gegner der Forschung an embryonalen Zellen hoffen, können ebenfalls Gewebe nachbilden. Allerdings sind sie nicht so wandlungs- und vermehrungsfähig. Bei Querschnittgelähmten, die sich in den USA freiwillig einer Stammzelltherapie unterziehen wollen, hofft man, zerstörtes Nervengewebe regenerieren zu können.

Zur Behandlung von Hirnschäden – etwa durch Parkinson oder nach einem Schlaganfall – setzten Forscher auf fötale (oder fetale) Stammzellen. Diese werden fünf bis zwölf Wochen alten Föten entnommen, deren Körper nach einer Abtreibung für die Forschung freigegeben wurde.

Was können sie?

Ob Alzheimer, Parkinson, Diabetes, Querschnittlähmung oder Herzinfarkt – bei diesen Krankheiten stirbt Gewebe ab oder wird geschädigt, sodass die Organe nicht mehr richtig funktionieren. Forscher hoffen, aus embryonalen Stammzellen Ersatzgewebe zu züchten. Zudem könnte man an so hergestelltem Gewebe Medikamente testen.

Umstrittene Forschung

In Deutschland ist die Herstellung von Embryonen zur Stammzellgewinnung verboten. Damit soll das ungeborene Leben geschützt werden. Zwar befinden sich die Embryonen bei der Zellentnahme in einem frühen Entwicklungsstadium und bestehen erst aus wenigen Zellen, doch theoretisch könnte aus ihnen ein Mensch heranwachsen, würden sie in die Gebärmutter einer Frau eingepflanzt.

In anderen Ländern, zum Beispiel in den USA, werden Embryonen für die Forschung genutzt, die bei der künstlichen Befruchtung "übrig" geblieben sind. Bis April 2008 war in Deutschland nur die Forschung an embryonalen Stammzellen erlaubt, die aus dem Ausland stammen und vor dem 1. Januar 2002 gewonnen wurden. Da diese alten Zelllinien durch die häufige Vervielfältigung verunreinigt und genetisch verändert sind, wurde dieser Stichtag im April 2008 auf den 1. Mai 2007 verlegt.

Viele Wissenschaftler fordern eine weitere Lockerung der Gesetzgebung in Deutschland, um international konkurrenzfähig zu sein. Einige Gegner wollen ein generelles Verbot der Forschung an embryonalen Stammzellen.

iPS

Das Kürzel steht für induzierte pluripotente Stammzelle. Sie entstehen, wenn man die ausgereiften Körperzellen eines Erwachsenen mithilfe der Biochemie auf einen sehr frühen, quasiembryonalen Zustand zurückprogrammiert. Dann entwickeln etwa Hautzellen Eigenschaften von Embryozellen: Aus ihnen kann praktisch jeder Zelltyp des Körpers entstehen.

Die iPS sind genetisch identisch mit den ursprünglichen Hautzellen. Ein entscheidender Vorteil: Daraus gezüchtetes Gewebe würde nach einer Transplantation vom Immunsystem des Zellspenders nicht abgestoßen werden. Die iPS könnten zudem in Zukunft ein ethisches Problem lösen: Um sie zu gewinnen, muss kein Embryo sterben.

Erstmals gelang die Reprogrammierung 2006 dem Team des japanischen Stammzellforschers Shinya Yamanaka mit Mauszellen. 2008 verwandelte Kevin Eggan von der Universität in Harvard menschliche Hautzellen zunächst in Stammzellen und anschließend in Nervenzellen

Möglich wurden die iPS, weil die Forschung an echten embryonalen Stammzellen zuvor vier Erbfaktoren identifiziert hatte, die für den jungfräulichen Status der Zelle entscheidend sind.

ZEIT CAMPUS: Man könnte also einem Menschen eine Hautzelle entnehmen, sie in eine Stammzelle verwandeln und daraus eine Leberzelle machen, um Teile der kranken Leber bei einem Patienten zu ersetzen?

Schöler: Das ist Zukunftsmusik. Ein großes Problem besteht im Moment darin, dass die neuen Stammzellen sich sozusagen an ihre Vergangenheit erinnern, nämlich daran, dass sie einmal Hautzellen waren. Außerdem ist ihre DNA in ihrem früheren Leben gealtert, sie hat sich über die Zeit an vielen Stellen verändert und diese Veränderungen im Erbgut können zu Problemen führen.

Leserkommentare
    • _bla_
    • 12. Februar 2011 16:12 Uhr

    "Manche Menschen entwickeln erst dann Empathie gegenüber Kranken, wenn es eine nahestehende Person betrifft. Viele haben leider sehr grundsätzliche Vorbehalte gegen embryonale Stammzellforschung."

    Ein meiner Meinung nach perfider Vorwurf: Derzeit kann praktisch keinem Kranken mit embryonalen Stammzellen tatsächlich geholfen werden. Dass eine große Ungewissheit besteht, ob und wann aus der Forschung erfolgreiche Therapien abgeleitet werden, räumt Herr Schöler selber ein.

    Wie man zur Frage der Stammzellenforschung steht ist daher keine Frage der (mangelnden) Empathie mit Kranken sondern eher eine Frage danach, wie man die Chancen und Risiken dieser Forschung einschätzt. Also auch die Frage danach, wie weit man den Forschern vertrauen kann, das sie ihre Handlungen auch nach ethischen Gesichtspunkten ausrichten und nicht bloss auf Machbarkeit und wissenschaftlichen Neuheitswert abzielen.

    Meiner Meinung nach wird von beiden Seiten der Debatte unseriös argumentiert. Die eine Seite möchte die ethische Beurteilung ihres Handelns innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen Zirkel halten und empfindet jede ethische Beurteilungen und Grenzziehung von Außerhalb als unzulässige Einmischung, die andere Seite nutzt das Thema oft zur Polarisierung der eigenen Anhänger. Beides nützt der notwendigen Debatte nicht und führt dazu das sowohl die Chancen als auch die Risiken übertrieben dargestellt werden, wodurch übertriebene Hoffnungen und Ängste geweckt werden.

    • HMRothe
    • 12. Februar 2011 17:19 Uhr

    "Ein leerer Begriff. Ich weiß damit nichts anzufangen." - kann durchaus mit technisch überdurchschnittlicher Intelligenz einhergehen

  1. Ich denke nicht, dass es in der gegenwärtigen Gesellschaft einen Konsens geben wird - im Allgemeinen nicht und erst recht nicht in einem Fachgebiet, dessen Studium sich schwer allein mit der Lektüre der ZEIT oder anderen Medien der allgemeinen Tagespresse bewältigen lässt.

    via ZEIT ONLINE plus App

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein Fachidiot, der - mit Verlaub - nicht nur tumbe, sondern auch gefährliche Antworten gibt. Jeder strickt sich seine eigene Ethik?! Den Mann möchte ich nicht auf dem Lehrstuhl einer deutschen Universität sehen.

    Furchtbare Mediziner, Juristen usw., die keine Ehrfurcht vor dem Leben haben, brauchen wir nicht noch einmal. 12 Jahre waren genug!

    Und, wahrer Demokrat, für das längere Leben kann man noch vieles andere tun, z.B. einen anderen Gesundheitsminister wählen. ;)
    Andere Gesetze , die der Lebensmittelindustrie, Pharmaindustrie und dem Geldbeutel der Ärztekaste weniger auf den Leib gestrickt sind...Da kann man wochenlang diskutieren.

    Das schreibe ich als Wissenschaftsfreund. Die Krebsforschung brauchte auch einen drittmittelunabhängigen Schub. Die Wirtschaft lässt nur dort forschen, wo hohe Renditen zu erwarten sind.

  2. In Deutschland werden überzählige Stammzellen ( gewinnbar aus dem Achtzellstadium der in vitro befruchteten Eizelle) NICHT
    "in den Ausguss" geschüttet! Jedenfalls nicht, wenn sich die Mediziner an die deutschen GESETZE halten...
    Sie werden konserviert.

    Die in Israel verhandenen Stammzelllinien reichen für alle Forschung der Welt. Es wäre auch nicht die vom Bundestag beschlossene einmalige Verlängerung der Stichtagsregelung nötig gewesen.

    Um die Hintergründe sollten sich unsere hiesigen Kapitalismuskritiker einmal kümmern. WISSENSCHALTLICHE Notwendigkeiten, die vorhandenen Stammzellinien NICHT zu nutzen, liegen jedenfalls nicht vor.

  3. Brauchen tun wir sie nicht.
    Aber wenn die Menschen immer älter werden wollen +100 und mehr, dann besteht dafür natürlich ein Bedarf.
    Am Ende wird es nur eine frage des Geldes sein , wie lang ein Mensch leben darf auf der Erde.

    • HMRothe
    • 12. Februar 2011 23:53 Uhr

    findet in einem ethischen Rahmen statt - warum sollte ausgerechnet die Forschung davon ausgenommen sein?

    Antwort auf
  4. Die Finanziers und die Kunden derartiger Medizin stellen ihre egoistischen Interessen über die anderer Lebewesen und auch anderer Menschen. Sie gehen buchstäblich über Leichen. Früher hat man dieses Verhalten im Nationalsozialismus, im Stalinismus und sonstigen faschistoiden Gesellschaften gefunden. Heute kleidet man dies in das scheinbar lupenreine Gewand einer sauberen Wissenschaft. Das ekelt mich an.

    • _bla_
    • 13. Februar 2011 0:01 Uhr

    "Alle diese Wissensverhinderer stehen in der Tradition des Umgangs der kath. kirche mit Galileo Galilei!"

    Vielleicht sollten Sie sich etwas genauer mit dem Umgang der katholischen Kirche mit Galilei und auch dessen Verhalten beschäftigen. Der Papst Urban VIII war ein großer Förderer von Galilei. Nach damaligen auf Aristoteles zurückgehendem Verständnis der Physik gab es einige Argumente, die stark gegen eine bewegte Erde sprachen, Galilei versuchte sein heliozentrisches Weltbild zu beweisen, indem er behauptete die Gezeiten gingen auf die Bewegung der Erde um die Sonne zurück. Auch nach damaligem Kenntnisstand Unfug. Zudem war Galilei fest von Kreisbahnen (anstatt Elipsen) überzeugt, obwohl dadurch seine Vorhersagen deutlich schlechter waren als die Vorhersagen des geozentrischen Modells von Brahe.
    Kurzum: Es gab aus der damaligen Sichtweise heraus durchaus viele vernünftige Gründe, den Behauptungen des Galilei ziemlich skeptisch gegenüber zu stehen. Der damalige Hinweis der Kirche er solle seine Modell doch bitte als Hypothese und nicht als erwiesene Tatsache darstellen war also durchaus sinnvoll. Galilei wollte aber viel mehr und erhoffte sich von der Kirche ein offizielle Zustimmung zu seiner Theorie und als er sie nicht bekam, stellte er den Papst in einem seiner Bücher als Idiot da. Verurteilt wurde er trotzdem nur zu Hausarrest in seiner Villa.

    Antwort auf

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Biologie | Katholische Kirche | Alzheimer | Embryo | Erbgut | Forschung
Service