ZEIT CAMPUS: Herr Schöler, was ist für Sie ethisch einwandfreie Forschung?

Hans Robert Schöler : Ein leerer Begriff. Ich weiß damit nichts anzufangen.

ZEIT CAMPUS: Das sagen ausgerechnet Sie? Ihre Arbeit gilt doch als die ethisch einwandfreie Alternative zur umstrittenen Forschung mit embryonalen Stammzellen!

Schöler: Trotzdem halte ich die Arbeit mit embryonalen Stammzellen nicht nur für richtig, sondern nach meinen Grundsätzen sogar für geboten. Ich habe eben, wie jeder Mensch, ein eigenes Verständnis von Ethik.

ZEIT CAMPUS: Ihr Labor war an der Entwicklung von künstlichen Stammzellen beteiligt. Diese Entdeckung wurde weltweit als Sensation gefeiert. Teilen Sie die Euphorie der Öffentlichkeit?

Schöler: Nicht in allen Aspekten. Viele denken, wir könnten in Zukunft auf embryonale Stammzellen verzichten. Als Forscher sage ich: Das kann man nicht wissen. Embryonale und künstliche Stammzellen sind nicht identisch. Und wir benötigen embryonale Stammzellen auch, um diese Unterschiede zu erforschen.

ZEIT CAMPUS:  Dann lassen Sie uns zunächst über Biologie reden. Was ist das überhaupt, eine Stammzelle?

Schöler: Unsere Körperzellen tragen alle das gleiche Erbgut, aber eine Muskelzelle übernimmt ganz andere Aufgaben und nutzt andere Gene als eine Hautzelle. Bei einer Stammzelle ist die Aufgabe noch nicht festgelegt, aus einer neuralen Stammzelle können zum Beispiel verschiedene Arten von Nervenzellen entstehen. Stammzellen in frühen Embryos können sogar jeden beliebigen Zelltyp bilden, ihr Schicksal entscheidet sich erst im Laufe der Entwicklung. Inzwischen wissen wir, dass man dieses Programm auch künstlich anstoßen kann. Wenn man eine Kombination von Genen etwa in eine Hautzelle einschleust, gibt sie die alte Aufgabe auf und wird wieder zu einer Stammzelle wie im frühen Embryo.

ZEIT CAMPUS: Man könnte also einem Menschen eine Hautzelle entnehmen, sie in eine Stammzelle verwandeln und daraus eine Leberzelle machen, um Teile der kranken Leber bei einem Patienten zu ersetzen?

Schöler: Das ist Zukunftsmusik. Ein großes Problem besteht im Moment darin, dass die neuen Stammzellen sich sozusagen an ihre Vergangenheit erinnern, nämlich daran, dass sie einmal Hautzellen waren. Außerdem ist ihre DNA in ihrem früheren Leben gealtert, sie hat sich über die Zeit an vielen Stellen verändert und diese Veränderungen im Erbgut können zu Problemen führen.