Studium hier, Praktikum da – niemand zieht so oft um wie Studenten. Was tun, damit die Beziehung nicht auf der Strecke bleibt?

Es ist eine Nacht im März, Maximiliane Koschyk, 23, liegt auf ihrem Bett in Zhuhai, einer Stadt im Süden von China. Vor dem Fenster brüllen die Ochsenmaulfrösche wie immer nach Einbruch der Dunkelheit, die Luft in der Küstenstadt schmeckt nach Algen, und Maximilianes Computer macht leise ein Geräusch, das sich anhört, als ziehe jemand den Korken aus einer Weinflasche. Roel Coppen hat ihr auf Skype geschrieben:

hey :-)

Roel Coppen, 27, ist Maximilianes Freund. Während sie in der Provinz Guangdong zwei Auslandssemester macht, wohnt Roel im niederländischen Utrecht und betreibt dort eine Musikagentur. Zwischen Utrecht und Zhuhai liegen 9247 Kilometer und sieben Zeitzonen, und diese Zahlen beschreiben gut, welches Problem die beiden miteinander haben:

Maximiliane: hej... wo warst du denn??

Roel: telefon, moment!

M.: hast du nicht mal fünf minuten?? ich will schlafen gehen, es ist halb zwei, ich muss morgen früh in die uni!!

R.: sorry :-( morgen hab ich mehr zeit. bist du noch da?

maximiliane is offline.

Dass Maximiliane mitten im Chat offline geht, kommt in letzter Zeit häufiger vor. Daheim wäre sie aus dem Zimmer gestürmt, hätte die Tür zugeknallt, ein paarmal tief durchgeatmet – und hätte dann Roel umarmt. Zwischen Utrecht und Zhuhai ist das mit dem Umarmen schwierig. Auch als Maximiliane nach Europa zurückkehrt, ändert sich an der Situation nichts. Sie studiert Regionalwissenschaften in Köln, er bleibt in Utrecht, beim Skypen ist die Sehnsucht groß und die Unzufriedenheit auch. Manchmal überlegt Maximiliane, ob ihr die Credit Points im Studium wirklich wichtiger sein sollten als Abende zu zweit mit Roel. Ob sie nicht einfach nach Utrecht ziehen sollte. Oder ob Roel in Zukunft nicht öfter in den Zug nach Deutschland steigen könnte.

Die Liebe hat es schwer, wenn der Lebenslauf vorgeht. Besonders wenn der Lebenslauf für beide mehr ist als ein Stück Papier, mehr als eine nüchterne Chronologie oder eine Hochglanzbroschüre, mit der man Unternehmen beeindrucken möchte. Der Lebenslauf ist nicht selten ein Dokument der persönlichen Träume. Zum Beispiel des Traums, einmal in China zu leben – oder ein Praktikum in einer anderen Stadt zu machen, mit dem man dem Lieblingsberuf ein Stück näher kommt. Das Problem entsteht, wenn solche Träume ein Dilemma auslösen: Kann ich noch ein Wochenendseminar belegen, wenn ich sowieso schon wenig Zeit für meinen Freund habe? Soll ich den Masterplatz in Berlin annehmen, obwohl ich gerade in Stuttgart eine Frau kennengelernt habe? Darf ich auf Partys gehen, während meine Freundin nächtelang lernt?

Der Wunsch, ein Auslandssemester zu machen , bringt einem leicht den Vorwurf der Herzlosigkeit ein, wenn in der Heimat ein Partner wartet und sich verstoßen fühlt. Dabei ist es ja dasselbe Herz, das für das Studium in Zhuhai schlägt und für den Freund in Utrecht. Einen Konflikt zwischen ihrem Lebenslauf und ihrer Liebe empfinden nicht nur Karrieristen, die später mal im Vorstand sitzen wollen – sondern auch Romantiker, die sich ein Auslandssemester in Paris wünschen, mit einer Mansardenwohnung im 13. Arrondissement, Baguette am Morgen und einer Vespa vor der Tür.

Egal, ob man zu den 43 Prozent der Singles unter den Studenten gehört oder zu den 57 Prozent in einer festen Beziehung; egal, ob der Partner Tausende Kilometer entfernt in China lebt oder in derselben Stadt, vielleicht sogar in derselben WG: Liebe und Lebenslauf sind immer zwei Pole in einem Spannungsfeld. Manche fühlen sich stärker zum einen, manche mehr zum anderen hingezogen. Gemeinsam aber haben alle das Gefühl, einen wichtigen Teil ihres Lebens zu verpassen.

Man kann diese Zerrissenheit gut verstehen. Von allen Seiten prasseln Anforderungen auf einen ein, und schon nach dem ersten Semester merken die meisten, wie sehr sich die Erwartungen der Gesellschaft widersprechen: "Geh doch mal ins Ausland", sagen die Eltern. "Wir stellen nur Absolventen mit Praxiserfahrung ein", sagen die Chefs. "Das Tutorium ist aber Pflicht", sagt der Professor. Und: "Warum hast du eigentlich keinen Freund?", fragen die Kommilitonen beim Pausenkaffee auf dem Campus, als schließe das eine nicht oft das andere aus.