Professoren im Gespräch"Ich bin Philosoph, kein Orakel"

Zum Gespräch mit dem Harvard-Philosophen Thomas Scanlon kamen unsere Autoren zu spät. Über die Frage, wer daran Schuld hat, entwickelte sich eine Diskussion über Freiheit, Verantwortung und Freundschaft. von Justus Bender und Manuel J. Hartung

ZEIT CAMPUS: Guten Tag, Professor Scanlon. Wir sind ein wenig zu spät, haben aber eine gute Entschuldigung.

Thomas Scanlon: Da bin ich aber gespannt.

Anzeige

ZEIT CAMPUS: Die Newtonsche Physik besagt, dass alle Ereignisse seit dem Urknall vorbestimmt sind. Dass wir uns um einige Minuten verspäten würden, stand also schon fest, bevor wir geboren wurden. Und weil wir für das eine nichts können, trifft uns auch für das andere keine Schuld. Richtig?

Thomas Scalon

70, ist Professor für Philosophie an der Harvard-Universität in Cambridge. Er gilt als einer der einflussreichsten Moralphilosophen und Logiker des späten 20. Jahrhunderts.

Scanlon: Nicht ganz. Es stimmt, wir bestehen aus Atomen und Molekülen, aus demselben Stoff wie der Rest des Universums, und diese Atome folgen denselben Gesetzen wie bei allen Tieren. Wir sind nicht anders als ein sehr komplizierter Roboter. Insofern ist der freie Wille eine Illusion. Verantwortlich sind wir aber trotzdem.

ZEIT CAMPUS: Das sehen wir anders: Gerade weil der freie Wille eine Illusion ist, sind wir eben nicht verantwortlich!

ZEIT Campus 2/2011
Klicken Sie auf das Bild, um auf die Magazin-Seite zu gelangen

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Magazin-Seite zu gelangen  |  © ZEIT CAMPUS

Scanlon: Sie definieren andere Bedingungen für Verantwortlichkeit als ich. Sie behaupten, Sie wären nur verantwortlich, wenn Sie einen freien Willen hätten. Ich sage, wir Menschen benutzen den Begriff der Verantwortung anders. Wir machen Sie für Ihre Taten auch verantwortlich, wenn Ihr Wille nicht frei ist.

ZEIT CAMPUS: Mit welcher Begründung?

Scanlon: Das ist einfach die Art, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Nur wenn Sie etwa von einem Räuber aufgehalten wurden – nur dann würde niemand Sie verantwortlich machen!

ZEIT CAMPUS: Da war kein Räuber, wir haben einfach getrödelt. Weil unser Wille nicht frei ist, war das aber nicht unsere Entscheidung!

Scanlon: Auch wenn Ihre Entscheidungen nicht frei sind, sind es dennoch Ihre Entscheidungen! Überlegen Sie mal, wann Sie Menschen verantwortlich machen. Ob jemand Willensfreiheit hat oder nicht, ist uns egal. Wir machen Menschen für die Einstellung verantwortlich, die Sie uns gegenüber zeigen.

ZEIT CAMPUS: Was wäre dann eine gute Entschuldigung?

Scanlon: Sie müssten argumentieren, dass Ihr Zuspätkommen nicht Ihre Einstellung mir gegenüber reflektiert. Heute hat mich zum Beispiel ein Student versetzt, er wollte um 3 Uhr hier sein, jetzt ist es 4 Uhr, und er war bisher nicht da.

ZEIT CAMPUS: Welche Einstellung zeigt das?

Scanlon: Nun, dieser Student geht offenbar leichtfertig mit meiner Zeit um, und ich bin deshalb ein bisschen böse auf ihn. Aber wenn herauskommt, dass ihn jemand als Geisel genommen hat, dann wäre ich nicht böse, denn das Zuspätkommen wäre dann nicht Ausdruck seiner Einstellung. Verstehen Sie?

ZEIT CAMPUS: Unsere Einstellung war offenbar nachlässig, wir haben uns nicht genug beeilt.

Scanlon: So kann man es sehen. Wenn Ihre Entschuldigung lautet: Die Naturgesetze, beginnend mit dem Urknall, haben uns determiniert, dann bedeutet das nur: Die Natur hat Sie zu dem Menschen gemacht, der Sie sind, jemand, der leichtfertig mit meiner Zeit umgeht. Dass Sie also bestimmt worden sind, dieser Mensch zu sein, ändert nichts an dem Faktum, dass Sie dieser Mensch sind. Und es ist eine völlig angemessene Reaktion für mich, ein bisschen böse auf einen solchen Menschen zu sein. Aber bitte, das sind nur prinzipielle Erwägungen: Nach meiner Uhr waren Sie kaum zu spät.

Leserkommentare
  1. Was für ein spannendes Thema - und was für ein enttäuchender Artikel. Im netten Plauderton ist dieses Thema nicht seriös zu behandeln. Was verstehen die Beteiligten überhaupt unter freiem Willen, was unter Verantwortung? Im Interview bleibt allein die die banale Feststellung übrig, dass es eine gesellschaftliche Konvention ist, Menschen für das verantwortlich zu machen, was sie tun. Ein philosophisches Argument für die Begründbarkeit dieser Konvention fehlt völlig. Ebenso wird ein Determinismus zugrundegelegt, der sich mit philosophischen Argumenten durchaus hinterfragen lässt. Menschen sind eben keine trivialen Maschinen und mehr als die Summe ihrer Atome und Moleküle. Nirgends wird plausibel begründet, warum die Autoren zwingend zu spät kommen mussten und trotzdem erscheint es als schlichtes unbezweifelbares Faktum im Interview. Wenn's kein vorgezogener Aprilscherz ist, ist es einfach ärgerlich!

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dieser Kommentar schließt sich der Meinung mit dem Titel "Thema verschenkt" an und zieht die beiden Autoren nicht für ihr konstruiertes Zuspätkommen zur Verantwortung, sondern für ihr Frage- und Antwortspiel. Von Zeit-Autoren im Allgemeinen, die sich mit einem philosophischen Thema im Besonderen befassen, ist zu erwarten, dass sie ihren Artikeln fundiertere Fragen zugrunde legen. Zwar begrüße ich einen heiteren Zugang zu philosophischen Fragen, aber dann bitte mit Sinn für Humor.

    Für diese Zeilen kann ich - um mich in die Diskussion einzureihen - zur Rechenschaft gezogen werden, weil ich froh bin, dass ich mich in meiner Entwicklung seit dem Urknall an einem Punkt befinde, an dem ich meine Determiniertheit zum freien Willen ausleben kann, indem ich die volle Verantwortung für mein Tun und Lassen übernehme.

    • TottiZ
    • 30. März 2011 13:19 Uhr

    Freier Wille ist real, so real wie die ausgesprochene Entschuldigung, falls man sich verspätet.

  2. ...wenn auch etwas flach. Allerdings bieten die guten Beispiele etwas.

    Das Determinismus-Problem für die Handlungsfreiheit oder Schuldfrage ist jedoch ohnehin nur eines aufgrund der Selbstherrlichkeit des Menschen. Den Nachweis, dass eine konkrete Folge vorbestimmt war, ließe sich nur durch völlige Kenntnis aller Elemente führen, die einen Einfluss hätten nehmen können. Die Unentscheidbarkeit des Problems ergibt sich daraus nicht nur, sondern auch seine Belanglosigkeit.

    Genau genommen ist jedoch jede konkrete Herleitung der Idee an sich schon durch Unwissenheit behaftet. Das sieht man auch an diesem Text, in dem von einer Determination seit dem Urknall gesprochen wird. Das gilt aber nicht nur unter einem zugeordneten Wahrheitsgehalt dieser Theorie erst, sondern setzt sogar voraus, dass alles bekannt ist und sich der Newtonschen Physik mit Einstein-Korrektur gemäß verhält. Den Beweis dafür kann man aber wiederum nicht antreten. Mehr noch, es genügt als Gegenbeweis die Idee eines "Freien Willen"- oder "Chaos"-Teilchen, das schlicht nicht diesen Gesetzmäßigkeiten folgt.

    So ergibt sich ein Problem aus dem Determinismus nur für jene, die ohnehin glauben, bereits alles zu wissen, die also, gewissermaßen, Determiniertheit als ihre eigene Omnipräsenz deuten möchten.

    2 Leserempfehlungen
    • berndb
    • 30. März 2011 13:34 Uhr

    Ich muss Kommentar Nr. 1 zustimmen:
    Schade. Schade. Das ist Philosophie zum Abgewöhnen.

    Ich kann nur um Entschuldigung bitten, dass hier geschrieben zu haben. Ich kann ja nicht anders - wegem dem Urknall.

    Stünde das so nicht im Artikel, würde mein Beitrag wahrscheinlich gelöscht mit dem Hinweis "Bitte argumentieren sie sachlich..."

    Da ich ja trotzdem verantwortlich für mein Geschreibsel bleibe, hilft das hoffentlich, das mein Teil zum Lauf der Folgen dieser ersten kosmischen Explosion in rationalen Bahnen bleibt.

    2 Leserempfehlungen
  3. Wenn alles vorbestimmt ist, können wir uns ja auch hinlegen und nichts tun - und letztlich wäre das dann ja auch schon vorherbestimmt.

    Sämtliches Streben, jegliche Kampf für eine Verbesserung, jegliche Bemühung ist damit absolut sinnlos. Denn entweder ist die Verbesserung sowieso vorherbestimmt oder der Kampf darum ist ohnehin sinnlos.

    Eine Philosophie, die das Leben noch sinnloser macht, als es rein biologisch eh schon wäre, braucht nun wirklich keiner.

    2 Leserempfehlungen
  4. leider ohne Tiefgang. Nach der Newtonschen Weltordnung könnte man wirklich auf die Idee kommen, dass, wenn unser Wissen über alle Dinge vollständig wäre, jede vergangene und zukünftige Entwicklung vorhersehbar ist. Wüsste man um alle Elementarteilchenbewegungen seit dem Urknall, so wäre, Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel, alles vorherbestimmt.
    Aber so läuft es nicht. Nur makroskopisch. Erstaunlicherweise sind alle Körper im Newtonschen Weltbild aus Teilchen zusammengesetzt, die sich höchst unvorhersehbar verhalten. Unschärfe, chaotische Bewegung, statistischer Zerfall bei Isotopen, Zeit-Raum-Krümmungen...
    Dazu noch die Sache mit der Gravitation, warum erzeugen eigentlich alle unterschiedlichen chem. Elemente die gleiche messbare Gravitation, wenn man die Masse einer Substanz betrachtet? Ein Kilo Helium verzerrt die Raum-Zeit genauso wie ein Kilo Blei. Das ist doch eigentlich nicht zu erwarten? Und was ist das eigentlich, Gravitation? Welle, Strahlung, Teilchen, String oder Einbildung? Grundsätzliche Ingidenzien der Newtonschen Weltbild sind noch nicht durchdrungen, meiner Meinung nach, weil es mehr als 3 Raum und 1 Zeitdimension gibt. Newton eignet sich prima als Modell für unsere makroskopische Lebewelt, ob sich das Zeit-Team verspäten würde, dafür gab es nur wahrscheinlichkeiten. Ein 5- oder höcher-dimensionaler Betrachter hätte es vielleicht morgen schon gestern vorhergesehen... :-)
    Der Prof aber zum Glück nicht. Dann hätte er mir Angst gemacht.

    3 Leserempfehlungen
  5. In dem Artikel wird immer nur über die Verantwortlichkeit gegenüber anderen Menschen gesprochen.
    Aber: Ist der Mensch etwa nach dem Ableben hier dem Polizeiobermeister, dem Deutschen Bundestag oder dem Bundesverfassungsgericht Rechenschaft schuldig?

    Nein, der Mensch ist zuletzt seinem Schöpfer Rechenschaft schuldig, wenn ihm alle seine Taten vorgelesen werden.

    Um dann von Schuld sprechen zu können, muss der Mensch einen freien Willen gehabt haben, denn sonst wäre die Zuweisung ins Paradies und in das Leiden ein übles, zynisches Spiel.

    Alles kommt auf das richtige Handeln in der Welt an, das ist das Entscheidende.

    Frage an den Philosophen: Ist wirklich die Vernunft der Quell der Ethik? Nein der Quell der Ethik ist das Gewissen und die Vernunft kann nur ein System von guten Gründen aufzufinden versuchen, die ein "schlechtes Gewissen" vermeiden. Jeder Mensch hat ein Gewissen und Kant hat richtig erkannt, dass das moralische Gesetz in jedem Menschen von Geburt an vorliegt. Dieses aber ist im Gewissen enthalten, nicht in der Vernunft.

    Das Gewissen, das jeder Mensch hat, ist der Sinn, das Gute vom Bösen zu scheiden, den der mensch in dieser Welt nötig hat. Wer auf das Gute hört, fährt sicher nach Hause. Wer sich zum Schlechten überreden lässt, wird verworfen.

    Das ist die ganze Wissenschaft, das ist der Bücher tiefster Sinn.

    Eine Leserempfehlung
    • hmber
    • 30. März 2011 14:28 Uhr

    Ich finde den Artikel sehr gut und spannend. Dass er etwas weniger ernst daher kommt finde ich, hat etwas. In so weit sind einige der Kommentarschreiber anderer Meinung als ich.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Gespräch | Einstellung | Räuber | Urknall | Freundschaft | Natur
Service