Professoren im Gespräch : "Ich bin Philosoph, kein Orakel"

Zum Gespräch mit dem Harvard-Philosophen Thomas Scanlon kamen unsere Autoren zu spät. Über die Frage, wer daran Schuld hat, entwickelte sich eine Diskussion über Freiheit, Verantwortung und Freundschaft.

ZEIT CAMPUS: Guten Tag, Professor Scanlon. Wir sind ein wenig zu spät, haben aber eine gute Entschuldigung.

Thomas Scanlon: Da bin ich aber gespannt.

ZEIT CAMPUS: Die Newtonsche Physik besagt, dass alle Ereignisse seit dem Urknall vorbestimmt sind. Dass wir uns um einige Minuten verspäten würden, stand also schon fest, bevor wir geboren wurden. Und weil wir für das eine nichts können, trifft uns auch für das andere keine Schuld. Richtig?

Thomas Scalon

70, ist Professor für Philosophie an der Harvard-Universität in Cambridge. Er gilt als einer der einflussreichsten Moralphilosophen und Logiker des späten 20. Jahrhunderts.

Scanlon: Nicht ganz. Es stimmt, wir bestehen aus Atomen und Molekülen, aus demselben Stoff wie der Rest des Universums, und diese Atome folgen denselben Gesetzen wie bei allen Tieren. Wir sind nicht anders als ein sehr komplizierter Roboter. Insofern ist der freie Wille eine Illusion. Verantwortlich sind wir aber trotzdem.

ZEIT CAMPUS: Das sehen wir anders: Gerade weil der freie Wille eine Illusion ist, sind wir eben nicht verantwortlich!

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Magazin-Seite zu gelangen © ZEIT CAMPUS

Scanlon: Sie definieren andere Bedingungen für Verantwortlichkeit als ich. Sie behaupten, Sie wären nur verantwortlich, wenn Sie einen freien Willen hätten. Ich sage, wir Menschen benutzen den Begriff der Verantwortung anders. Wir machen Sie für Ihre Taten auch verantwortlich, wenn Ihr Wille nicht frei ist.

ZEIT CAMPUS: Mit welcher Begründung?

Scanlon: Das ist einfach die Art, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Nur wenn Sie etwa von einem Räuber aufgehalten wurden – nur dann würde niemand Sie verantwortlich machen!

ZEIT CAMPUS: Da war kein Räuber, wir haben einfach getrödelt. Weil unser Wille nicht frei ist, war das aber nicht unsere Entscheidung!

Scanlon: Auch wenn Ihre Entscheidungen nicht frei sind, sind es dennoch Ihre Entscheidungen! Überlegen Sie mal, wann Sie Menschen verantwortlich machen. Ob jemand Willensfreiheit hat oder nicht, ist uns egal. Wir machen Menschen für die Einstellung verantwortlich, die Sie uns gegenüber zeigen.

ZEIT CAMPUS: Was wäre dann eine gute Entschuldigung?

Scanlon: Sie müssten argumentieren, dass Ihr Zuspätkommen nicht Ihre Einstellung mir gegenüber reflektiert. Heute hat mich zum Beispiel ein Student versetzt, er wollte um 3 Uhr hier sein, jetzt ist es 4 Uhr, und er war bisher nicht da.

ZEIT CAMPUS: Welche Einstellung zeigt das?

Scanlon: Nun, dieser Student geht offenbar leichtfertig mit meiner Zeit um, und ich bin deshalb ein bisschen böse auf ihn. Aber wenn herauskommt, dass ihn jemand als Geisel genommen hat, dann wäre ich nicht böse, denn das Zuspätkommen wäre dann nicht Ausdruck seiner Einstellung. Verstehen Sie?

ZEIT CAMPUS: Unsere Einstellung war offenbar nachlässig, wir haben uns nicht genug beeilt.

Scanlon: So kann man es sehen. Wenn Ihre Entschuldigung lautet: Die Naturgesetze, beginnend mit dem Urknall, haben uns determiniert, dann bedeutet das nur: Die Natur hat Sie zu dem Menschen gemacht, der Sie sind, jemand, der leichtfertig mit meiner Zeit umgeht. Dass Sie also bestimmt worden sind, dieser Mensch zu sein, ändert nichts an dem Faktum, dass Sie dieser Mensch sind. Und es ist eine völlig angemessene Reaktion für mich, ein bisschen böse auf einen solchen Menschen zu sein. Aber bitte, das sind nur prinzipielle Erwägungen: Nach meiner Uhr waren Sie kaum zu spät.

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Kommentare

43 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Thema verschenkt

Was für ein spannendes Thema - und was für ein enttäuchender Artikel. Im netten Plauderton ist dieses Thema nicht seriös zu behandeln. Was verstehen die Beteiligten überhaupt unter freiem Willen, was unter Verantwortung? Im Interview bleibt allein die die banale Feststellung übrig, dass es eine gesellschaftliche Konvention ist, Menschen für das verantwortlich zu machen, was sie tun. Ein philosophisches Argument für die Begründbarkeit dieser Konvention fehlt völlig. Ebenso wird ein Determinismus zugrundegelegt, der sich mit philosophischen Argumenten durchaus hinterfragen lässt. Menschen sind eben keine trivialen Maschinen und mehr als die Summe ihrer Atome und Moleküle. Nirgends wird plausibel begründet, warum die Autoren zwingend zu spät kommen mussten und trotzdem erscheint es als schlichtes unbezweifelbares Faktum im Interview. Wenn's kein vorgezogener Aprilscherz ist, ist es einfach ärgerlich!

freier Wille zu mehr Verantwortung

Dieser Kommentar schließt sich der Meinung mit dem Titel "Thema verschenkt" an und zieht die beiden Autoren nicht für ihr konstruiertes Zuspätkommen zur Verantwortung, sondern für ihr Frage- und Antwortspiel. Von Zeit-Autoren im Allgemeinen, die sich mit einem philosophischen Thema im Besonderen befassen, ist zu erwarten, dass sie ihren Artikeln fundiertere Fragen zugrunde legen. Zwar begrüße ich einen heiteren Zugang zu philosophischen Fragen, aber dann bitte mit Sinn für Humor.

Für diese Zeilen kann ich - um mich in die Diskussion einzureihen - zur Rechenschaft gezogen werden, weil ich froh bin, dass ich mich in meiner Entwicklung seit dem Urknall an einem Punkt befinde, an dem ich meine Determiniertheit zum freien Willen ausleben kann, indem ich die volle Verantwortung für mein Tun und Lassen übernehme.

Ich finde es amüsant,

...wenn auch etwas flach. Allerdings bieten die guten Beispiele etwas.

Das Determinismus-Problem für die Handlungsfreiheit oder Schuldfrage ist jedoch ohnehin nur eines aufgrund der Selbstherrlichkeit des Menschen. Den Nachweis, dass eine konkrete Folge vorbestimmt war, ließe sich nur durch völlige Kenntnis aller Elemente führen, die einen Einfluss hätten nehmen können. Die Unentscheidbarkeit des Problems ergibt sich daraus nicht nur, sondern auch seine Belanglosigkeit.

Genau genommen ist jedoch jede konkrete Herleitung der Idee an sich schon durch Unwissenheit behaftet. Das sieht man auch an diesem Text, in dem von einer Determination seit dem Urknall gesprochen wird. Das gilt aber nicht nur unter einem zugeordneten Wahrheitsgehalt dieser Theorie erst, sondern setzt sogar voraus, dass alles bekannt ist und sich der Newtonschen Physik mit Einstein-Korrektur gemäß verhält. Den Beweis dafür kann man aber wiederum nicht antreten. Mehr noch, es genügt als Gegenbeweis die Idee eines "Freien Willen"- oder "Chaos"-Teilchen, das schlicht nicht diesen Gesetzmäßigkeiten folgt.

So ergibt sich ein Problem aus dem Determinismus nur für jene, die ohnehin glauben, bereits alles zu wissen, die also, gewissermaßen, Determiniertheit als ihre eigene Omnipräsenz deuten möchten.

unfreie Zustimmung

Ich muss Kommentar Nr. 1 zustimmen:
Schade. Schade. Das ist Philosophie zum Abgewöhnen.

Ich kann nur um Entschuldigung bitten, dass hier geschrieben zu haben. Ich kann ja nicht anders - wegem dem Urknall.

Stünde das so nicht im Artikel, würde mein Beitrag wahrscheinlich gelöscht mit dem Hinweis "Bitte argumentieren sie sachlich..."

Da ich ja trotzdem verantwortlich für mein Geschreibsel bleibe, hilft das hoffentlich, das mein Teil zum Lauf der Folgen dieser ersten kosmischen Explosion in rationalen Bahnen bleibt.