ZEIT CAMPUS: Guten Tag, Professor Scanlon. Wir sind ein wenig zu spät, haben aber eine gute Entschuldigung.

Thomas Scanlon: Da bin ich aber gespannt.

ZEIT CAMPUS: Die Newtonsche Physik besagt, dass alle Ereignisse seit dem Urknall vorbestimmt sind. Dass wir uns um einige Minuten verspäten würden, stand also schon fest, bevor wir geboren wurden. Und weil wir für das eine nichts können, trifft uns auch für das andere keine Schuld. Richtig?

Scanlon: Nicht ganz. Es stimmt, wir bestehen aus Atomen und Molekülen, aus demselben Stoff wie der Rest des Universums, und diese Atome folgen denselben Gesetzen wie bei allen Tieren. Wir sind nicht anders als ein sehr komplizierter Roboter. Insofern ist der freie Wille eine Illusion. Verantwortlich sind wir aber trotzdem.

ZEIT CAMPUS: Das sehen wir anders: Gerade weil der freie Wille eine Illusion ist, sind wir eben nicht verantwortlich!

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Scanlon: Sie definieren andere Bedingungen für Verantwortlichkeit als ich. Sie behaupten, Sie wären nur verantwortlich, wenn Sie einen freien Willen hätten. Ich sage, wir Menschen benutzen den Begriff der Verantwortung anders. Wir machen Sie für Ihre Taten auch verantwortlich, wenn Ihr Wille nicht frei ist.

ZEIT CAMPUS: Mit welcher Begründung?

Scanlon: Das ist einfach die Art, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Nur wenn Sie etwa von einem Räuber aufgehalten wurden – nur dann würde niemand Sie verantwortlich machen!

ZEIT CAMPUS: Da war kein Räuber, wir haben einfach getrödelt. Weil unser Wille nicht frei ist, war das aber nicht unsere Entscheidung!

Scanlon: Auch wenn Ihre Entscheidungen nicht frei sind, sind es dennoch Ihre Entscheidungen! Überlegen Sie mal, wann Sie Menschen verantwortlich machen. Ob jemand Willensfreiheit hat oder nicht, ist uns egal. Wir machen Menschen für die Einstellung verantwortlich, die Sie uns gegenüber zeigen.

ZEIT CAMPUS: Was wäre dann eine gute Entschuldigung?

Scanlon: Sie müssten argumentieren, dass Ihr Zuspätkommen nicht Ihre Einstellung mir gegenüber reflektiert. Heute hat mich zum Beispiel ein Student versetzt, er wollte um 3 Uhr hier sein, jetzt ist es 4 Uhr, und er war bisher nicht da.

ZEIT CAMPUS: Welche Einstellung zeigt das?

Scanlon: Nun, dieser Student geht offenbar leichtfertig mit meiner Zeit um, und ich bin deshalb ein bisschen böse auf ihn. Aber wenn herauskommt, dass ihn jemand als Geisel genommen hat, dann wäre ich nicht böse, denn das Zuspätkommen wäre dann nicht Ausdruck seiner Einstellung. Verstehen Sie?

ZEIT CAMPUS: Unsere Einstellung war offenbar nachlässig, wir haben uns nicht genug beeilt.

Scanlon: So kann man es sehen. Wenn Ihre Entschuldigung lautet: Die Naturgesetze, beginnend mit dem Urknall, haben uns determiniert, dann bedeutet das nur: Die Natur hat Sie zu dem Menschen gemacht, der Sie sind, jemand, der leichtfertig mit meiner Zeit umgeht. Dass Sie also bestimmt worden sind, dieser Mensch zu sein, ändert nichts an dem Faktum, dass Sie dieser Mensch sind. Und es ist eine völlig angemessene Reaktion für mich, ein bisschen böse auf einen solchen Menschen zu sein. Aber bitte, das sind nur prinzipielle Erwägungen: Nach meiner Uhr waren Sie kaum zu spät.