GeisteswissenschaftenNicht nur was mit Medien!

Von wegen wenig Lohn und viel Idealismus! Fünf Klischees über Geisteswissenschaftler, die nicht mehr ganz stimmen. von 

Geisteswissenschaftler arbeiten nur in der Kultur, den Medien und an Hochschulen!

Die Hälfte der Absolventen ist immer noch in den klassischen geisteswissenschaftlichen Bereichen beschäftigt. Seit einigen Jahren erkennen aber auch Unternehmen in der privaten Wirtschaft die Qualitäten der Geisteswissenschaftler, erklärt der Absolventenforscher Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS). Querdenker sind gefragt. Dieser Trend hat sich schon vor der Wirtschaftskrise abgezeichnet und setzt sich nun weiter fort. Überall, wo es um Kommunikation, Kreativität und Management geht, haben Geisteswissenschaftler Perspektiven. Filmwissenschaftler arbeiten so beispielsweise im Marketing oder Historiker in der Beratung.

ZEIT Campus 2/2011
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Die Inhalte im Studium sind egal. Geisteswissenschaftler qualifizieren sich außerhalb!

Tatsächlich steht die reine Abschlussnote in keinem Zusammenhang zu den Berufschancen, wie die Statistikerinnen Caroll Haak und Anika Rasner aus der Forschungsabteilung der Deutschen Rentenversicherung herausgefunden haben. Entscheidend ist das individuelle Profil, also das Zusammenspiel aus Studieninhalten, Kompetenzen und Praktika. Aus der Biografie sollten klare Schwerpunkte und Ziele hervorgehen.

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Geisteswissenschaftler sind die typischen arbeitslosen Akademiker!

»Verlierer auf dem Arbeitsmarkt sind die gering Qualifizierten, nicht die Akademiker«, sagt der Soziologe Jan-Paul Heisig vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung. Dennoch: Die Arbeitslosenquote von Geisteswissenschaftlern ist etwa doppelt so hoch wie bei Absolventen anderer Fachrichtungen – trotzdem liegt sie nur bei circa fünf Prozent. Wer im ersten Jahr nach dem Abschluss keinen festen Job findet, kann aber entspannt bleiben. Denn nur rund die Hälfte der Absolventen findet gleich eine Festanstellung. Weitere 10 bis 20 Prozent arbeiten in dieser Zeit mit befristeten Werkverträgen. Nach zwei bis drei Jahren sieht es erheblich besser aus. Gut 80 Prozent sind dann fest angestellt.

Bis in die Führungsetagen schaffen es nur Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure!

Wer in der Privatwirtschaft bis in die Chefetage aufsteigen möchte, sollte auch wirtschaftliche Vorgänge verstehen, sagt Kolja Briedis vom HIS. Hier bieten sich ein Master mit Wirtschaftsanteil oder eine Weiterbildung an. In den Führungsebenen sind dann die Qualitäten der Geisteswissenschaftler gefragt, da dort vor allem Personalleitung und Organisation wichtig sind.

Geht es der Wirtschaft schlecht, werden Geisteswissenschaftler als Erste entlassen!

Ja, das werden sie. Wenn abgebaut wird, sind Geisteswissenschaftler oft als Erste betroffen. »Aber jetzt im Aufschwung haben sie besonders gute Chancen, weil Firmen über ihr Fach hinaus suchen«, sagt Judith Wüllerich, Arbeitsmarktexpertin der Agentur für Arbeit. »Die Lage wird sich in diesem Jahr noch einmal sichtlich verbessern.«

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Leserkommentare
  1. aber eben doch fast, so möge man hinzufügen.

    3 Leserempfehlungen
  2. Das ist ja alles so schön optimistisch, jedenfalls für 25jährige Uniabsolventen. Fragen sie aber mal ältere Geisteswissenschaftler, die mit spätestens 50 auf der Straße stehen, weil das überregulierte deutsche System der Leerstühle, Zeitverträge, des Hochschulrahmengesetzes und der Tarifverträge einerseits und die Einstellungspraxis der Wirtschaft (>40 = altes Eisen) andererseits jede Beschäftigung außerhalb von Selbständigkeit unmöglich machen. Und diese ist auch immer weniger praktikabel, weil sich unter den (insbesondere öffentlichen) Auftraggebern die Schnäppchenmentalität immer stärker durchsetzt und sogar Stundenlöhne unter Hartz IV- Niveau als besondere Wohltat angeboten werden und wo Werkverträge aufgezwungen werden, die einem jegliche Rechte am geistigen Eigentum nehmen und in denen zugleich unbezahlte Zusatzleistungen durch verklausulierte Formulierungen untergejubelt werden. Gleichzeitig wird exzellente Qualität erwartet.

    Und als 50+ fällt es auch schwerer, sich im Ausland eine Anstellung zu suchen, was ich jedem jungen Absolventen empfehlen würde. Vielleicht wacht die deutsche Forschungslandschaft ja endlich aus ihrem bräsigen Dornröschenschlaf aus, wenn dadurch keine guten Wissenschaftler mehr zur Verfügung stehen.

    Also ich kann Ihren Optimismus leider absolut nicht teilen, weil meine Perspektive nach über 300 Bewerbungen aus Altersgründen schlicht Hartz IV heißt und zwar über das Rentenalter hinaus.

    5 Leserempfehlungen
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    Dem kann ich nur zustimmen. Hinzu kommt, dass der 50+ prekär beschäftigte Mensch mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund keinerlei Unterstützung von Gewerkschaften (und damit auch nicht bei arbeitsgerichtlichen Klagen) erhält, nach wie vor einen gewissen kostenträchtigen Aufwand für Fachliteratur, Weiterbildung, Kontaktaktivitäten-Fachmessen zu betreiben hat, ihm als Nichttechnikmenschen die laufenden ´up dates´ für die technische Infrastruktur (PC, Handy, Internet) schwer fallen und deswegen überdurchschnittlich kostenträchtig sind usw.

    wie in jungen Jahren, aber 50+ ist oft nur eine Ausrede. Wir sind mit 55 gegangen, sehr erfolgreich! (Und nein, keiner von uns ist Banker & Co.) Man muss nur wollen und nicht erwarten, dass einem alles auf dem silbernen Tablett und so wie zuhause geboten wird. Vielleicht faellt aber das Anpassen an eine andere Kultur vielen Aelteren schwerer.

    "Und als 50+ fällt es auch schwerer, sich im Ausland eine Anstellung zu suchen, was ich jedem jungen Absolventen empfehlen würde."

    Das mit dem Ausland gilt auch für Naturwissenschaftler und Ingenieure, da die Diskussion über den Fachkräftemangel in Deutschland lediglich dreistes Lobbyisten-Geschwafel ist. Fachkräftemangel gibt es in der Schweiz, Österreich, Grossbritannien, USA, aber definitiv nicht in Deutschland. Warum sind eigentlich so viele hochqualifizierte Deutsche (ich auch) in der Schweiz?

  3. Im Detail zeigt der Artikel doch, das jedes Klischee stimmt. Überschrift und inhalt differieren nur beim ersten Punkt - den ich aber wieder für ein Gerücht halte. In Jobbörsen, Stellenausschreibungen, bei der BA usw. usf. sind Stellenprofile, die sich ausdrücklich an Geisteswissenschaftler wenden, die totale Ausnahmne.

    3 Leserempfehlungen
  4. Dem kann ich nur zustimmen. Hinzu kommt, dass der 50+ prekär beschäftigte Mensch mit geisteswissenschaftlichem Hintergrund keinerlei Unterstützung von Gewerkschaften (und damit auch nicht bei arbeitsgerichtlichen Klagen) erhält, nach wie vor einen gewissen kostenträchtigen Aufwand für Fachliteratur, Weiterbildung, Kontaktaktivitäten-Fachmessen zu betreiben hat, ihm als Nichttechnikmenschen die laufenden ´up dates´ für die technische Infrastruktur (PC, Handy, Internet) schwer fallen und deswegen überdurchschnittlich kostenträchtig sind usw.

    Antwort auf "Nur was für Junge"
  5. wie in jungen Jahren, aber 50+ ist oft nur eine Ausrede. Wir sind mit 55 gegangen, sehr erfolgreich! (Und nein, keiner von uns ist Banker & Co.) Man muss nur wollen und nicht erwarten, dass einem alles auf dem silbernen Tablett und so wie zuhause geboten wird. Vielleicht faellt aber das Anpassen an eine andere Kultur vielen Aelteren schwerer.

    Antwort auf "Nur was für Junge"
  6. Meine Damen und Herren, bitte bedenken Sie, dass dieser Studiengang mit Sicherheit derjenige ist, der die meisten von Ihnen zuverlässig in eine spätere Gelegenheitstätigkeit als Taxifahrer eintreten lässt.

    Der Mann hat Recht behalten. Weil ich ihm schon damals geglaubt habe, habe ich mich auf die Wirtschaftswissenschaften verlegt und habe es nicht bereut.

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    • M.v.L.
    • 01. April 2011 18:19 Uhr

    Ich bin mir sicher, Herr Palamedes, dass Sie über ausreichende Belege für Ihre Feststellung verfügen? Mir ist nicht bekannt, dass Philosophen die ihr Studienfach nicht aus Langeweile belegt haben, keine größeren Probleme haben, eine Anstellung zu finden.

    Ich frage mich also ernsthaft, woher diese Gewissheit über die Korrelation von Philosoph und Taxifahrer stammt. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen!

  7. Man darf es sich bei diesem Thema nicht zu leicht machen, und schon gar nicht von individuellen Merkmalen auf strukturelle Merkmale schließen.
    So ein Artikel sollte mehr auf die Rahmenbedingungen eingehen - falsche Form!
    Ich stand vor zwanzig Jahren vor der Entscheidung, ob ich mein Glück in der Welt da draußen suche, oder lieber meine Zukunft dem Unibetrieb anvertrauen sollte.
    Das war eine schwere Entscheidung, zumal die Unilaufbahn als HiWi durch ihre heimelige Nähe zum Lehrkörper und der gefühlten Nähe zu Wissenschaft pur dem jungen Menschen in diesem patriarchalischen System suggerierte, das würde ewig so weiter gehen können. Denn: Erwachsen werden lernte man zumindest damals - an der Uni nicht. Eher wie die Kinder auf die machtvolle Figur des Ordinarius fixiert buhlte man um Gefallen, und dieses System endete erst damit, selbst in entfristete Pfründe gelangt zu sein - also meist ziemlich spät.
    Ich habe erlebt, wie seinerzeit die Arrivierten im System die Bedingungen für die nachfolgenden Generationen immer weiter erschwerten. Und natürlich war das den leeren Kassen geschuldet, und nicht dem Versuch, ein überholtes System von Grund auf zu reformieren.
    Jeder, der auf ein Weiterkommen innerhalb der Uni vertraute, lief Gefahr, auf der Strecke zu bleiben. Das ist kein nützlicher 'Wettbewerb', sondern Menschenverachtung innerhalb eines entmündigenden Systems im Gesamt einer Gesellschaft, die verstärkt auf 'Wettbewerb' setzt und das 'gesund' nennt.
    Ich bin gegangen.

    Eine Leserempfehlung
  8. Jedenfalls meine ich, dass das berufliche Restrisiko solcher Absolventen recht hoch ist. Gewiss, ich kenne etliche Geisteswissenschaftler in der Industrie und bei Unternehmen. Aber davon verdanken wiederum nicht wenige Vitamin B ihren Job.

    Wären "Arbeitsberater" für Ihre Empfehlung im Falle beruflicher Erfolglosigkeit/Arbeitslosigkeit/Niedrigverdienst haftbar, würden sich die Empfehlungen begrenzen. Ich neige dazu etwas provokant zur formulieren: so eine Fachrichtung muss man sich leisten können, von Ausnahmen natürlich abgesehen.

    Im Zweifel lieber den schmerzhaften Weg, z.B. Zahnarzt als Geisteswissenschaften, würde ich jedenfalls meinen Kindern empfehlen.

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    • pereus
    • 01. April 2011 22:27 Uhr

    die geistes- und sozialwissenschaften sind meiner erfahrung nach ein sammelbecken für pseudophilosophen und andere freizeitdenker, die froh über zulassungsfreie studiengänge sind und gerne reden.

    in allen anderen studienrichtungen ist das arbeitspensum gut doppelt so hoch. deshalb schaffen auch so viele gesiteswissenschaftler trotz jahrelangem nichtstun den abschluss.

    wer auch nur annähernd so diszipliniert und hart arbeitet wie die studenten anderer fachrichtungen, lässt die kommilitonen in solchen fächern schnell weit hinter sich.

    ich sehe deshalb den grund für die probleme auf dem arbeitsmarkt nicht im inhalt des studiums, sondern in der herangehensweise an die schönsten fächer, die eine universität zu bieten hat.

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