DoktorarbeitWarum promovieren?

Wer in die Wissenschaft will, braucht den Doktortitel. Aber es gibt auch andere Gründe, ihn anzustreben. von Tina Rohowski

Promotion

Wer mit wirklichem Interesse am Thema promoviert, hat die besten Aussichten auf Erfolg  |  © .marqs / photocase.com

1. Ich promoviere, weil... ich Karriere machen will

Ganz oben ist die Doktordichte tatsächlich noch immer hoch: So hat rund die Hälfte der Dax-Vorstände einen Titel. Trotzdem gibt es auch hier Lebensläufe wie den von René Obermann: einst Studienabbrecher, jetzt Telekom-Chef. »Ein Doktortitel ist kein Muss, um Karriere zu machen«, sagt Gregor Fabian vom Hochschul-Informations-System (HIS), das regelmäßig Akademikerlaufbahnen untersucht. »Und er ist auch keine Garantie für den Aufstieg.«

Das Bild ist gemischt: Laut einer HIS-Studie glauben insgesamt 56 Prozent der Promovierten, der Titel habe ihre Chancen verbessert. »Bei Juristen und Ingenieuren gibt es mit Doktor deutlich mehr Geld«, sagt Fabian. Großkanzleien und Unternehmensberatungen besetzen mit Promovierten gern Posten, denen repräsentative Aufgaben zugeordnet sind. Bei Geisteswissenschaftlern hingegen hat die Promotion kaum Einfluss aufs Einkommen.

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2. Ich promoviere, weil... mein Prof mich gefragt hat

»Klar hat es mir geschmeichelt«, erinnert sich Norman Weiss, Informatikdoktorand und Vorsitzender des Promovierenden-Netzwerks Thesis. Ein Professor frage schließlich nicht jeden. »Aber ich habe nicht sofort zugesagt.« Weiss empfiehlt allen Jungforschern, zu prüfen, unter welchen Bedingungen die Promotion stattfinden soll. Wie frei ist die Themenwahl? Wie gut betreut der Prof?

ZEIT Campus 2/2011
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Ein Professor hat in den seltensten Fällen die reine Nachwuchsförderung im Sinn. Er hat auch ein Eigeninteresse, sucht zum Beispiel jemanden, der ihm die Klausurkorrektur abnimmt oder bei der Datenauswertung seiner nächsten großen Studie hilft. Deshalb sollte man genau abklären, in welchem Maße die wechselseitigen Interessen übereinstimmen. Und man sollte über der Freude angesichts der Anfrage nicht vergessen, das Angebot gegen alternative Pläne wie den Berufsstart in der Wirtschaft abzuwägen.

3. Ich promoviere, weil... ich sonst arbeitslos wäre

Jeder zehnte Promovierte gab in einer HIS-Umfrage an, dass seine Doktorarbeit Arbeitslosigkeit vermeiden und die Zeit für die Berufsfindung verlängern solle. Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit sieht diese Strategie skeptisch: »Heute haben viele mal eine Phase der Arbeitslosigkeit im Lebenslauf. Das ist kein Stigma mehr.« Außerdem fragten Arbeitgeber nach, wenn ein Bewerber seine Doktorarbeit abgebrochen habe: Steckt dahinter vielleicht Mangel an Ehrgeiz oder Fleiß?

Voraussetzungen zur Promotion

1. der Abschluss eines Uni-Studiengangs mit acht Semestern Regelstudienzeit. Für FHler und Bachelor gibt es Ausnahmen.

2. im "eigenen" Studienfach zu promovieren, Ausnahmen nach Extraprüfungen

3. die Abschlussnote "gut"

4. das Latinum in Fächern wie Theologie

5. zwei Semester an der Promotions-Uni studiert zu haben.

Die Entscheidung sei auch eine Frage des Alters. Die Grenze liege bei 30. »Bis dahin kann man studieren und promovieren, wie man will«, so Wüllerich. Danach gilt: »Nicht aus Verlegenheit in die Doktorarbeit stürzen!«

4. Ich promoviere, weil... mich das Thema interessiert

Auf den ersten Blick der beste Grund für eine Promotion! »Studien zeigen, dass diese Motivation die meisten erfolgreichen Doktoranden hervorbringt«, sagt Norman Weiss von Thesis. »Wer sich etwas aufdrücken lässt oder nur halbherzig verfolgt, gibt schneller auf.« Wichtig ist vor allem, dass man sich auch langfristig für das Thema begeistern kann. Ein guter Test ist es, mit Fachfremden darüber zu reden. »Mit meinen Thesen habe ich ständig Leute konfrontiert«, sagt der Philosoph und Journalist Martin Kaluza, der über Gerechtigkeitstheorien promoviert hat. 2009 hat Kaluza sogar den Hamburger Science Slam gewonnen, bei dem Wissenschaftler gegeneinander antreten und versuchen, ihren Forschungsgegenstand einem Laienpublikum in zehn Minuten anschaulich vorzustellen.

5. Ich promoviere, weil... das in meiner Branche üblich ist

Für Mike Neumann war schon in den ersten Semestern an der Universität Potsdam klar: »Der Doktor muss sein.« Neumann, 25, promoviert mittlerweile in Chemie – wie fast alle seiner ehemaligen Kommilitonen.

Kein Doktortitel, das heißt für Chemiker oft: Arbeit als Assistent in einem Labor – wenn überhaupt. »Für diese Jobs nimmt die Industrie sogar lieber Laboranten mit abgeschlossener Lehre, weil die billiger sind und praktisch mehr draufhaben als ein Diplom-Chemiker«, sagt Mike Neumann.

»In den Naturwissenschaften und in der Medizin ist der Doktor der eigentliche Regelabschluss«, sagt Judith Wüllerich von der Bundesagentur für Arbeit. Wichtig ist der Titel zudem für all jene, die in die Forschungsabteilung eines Unternehmens wollen. »Solche Stellen schreiben wir nur für Naturwissenschaftler und Ingenieure mit Promotion aus«, heißt es beispielsweise bei der BASF in Ludwigshafen. Die Personaler geben sich dabei nicht mit irgendeiner Doktorarbeit zufrieden. Sie verlangen von den Nachwuchsforschern, dass diese in ihrer Dissertation eine »umfassende wissenschaftliche Fragestellung gelöst haben«.

6. Ich promoviere, weil... meine Eltern das wollen

In den USA klagen Profs über immer mehr »Helikopter-Parents« auf dem Campus , die das Leben der Kinder lenken. In Deutschland sei das kein Massenphänomen, sagt Bernd Nixdorff, Uni-Psychologe in Hamburg. Trotzdem gebe es immer wieder »Ablöseprobleme«. Wenn ein Mittzwanziger glaube, den Eltern zuliebe promovieren zu müssen, beruhe das meist nicht auf direktem Druck: »Eltern sagen fast immer: Tu, was dich glücklich macht!« Aber die Studenten hören heraus: »Ein Doktor in der Familie wäre schon schön!« Sie setzen sich unter Druck, aus Angst, die Liebe der Eltern zu verlieren – oder die finanzielle Unterstützung. Solche Konflikte könnten oft nur in der Beratung gelöst werden. »Die Studenten müssen ihren eigenen Willen entdecken.«

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Leserkommentare
  1. Es ist halt immer noch so, dass "DR." respekteinflößend ist und automatisch angenommen wird, dass das automatisch etwas mit "Super-Intelligenz" zu tun hat. Deshalb werden auch bei Stellenbesetzungen Akademiker mit Dr.-Titel bevorzugt.

    Meine Erfahrungen sind da etwas anders. Ich habe für viele Firmen unterschiedlicher Branchen im In- und Ausland in beratender Funktion gearbeitet. Pauschal gesagt "Es gab solche und solche". Eben welche mit überragender Fachkompetenz und eben auch welche die nur über Wissensanhäufung verfügten aber über absolut keine Fachkompetenz (bösartig könnte man sie als "Dummschwätzer" bezeichnen).

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    Leider ist es so, dass einem Akademiker ohne Dr.-Titel gerne unterstellt wird, er sei kein Akademiker und habe sich seine beruflichen Kenntnisse nur "angelesen". Dies betrifft in manchen Fachgebieten v.a. Frauen - sie werden da dann ganz einfach nicht ernst genommen.

    Durch die inzwischen bekannten enormen Schwächen der Bologna-Reform ist davon auszugehen, dass der "Dr."-Titel nahezu überall erwartet wird. Diese par ordere de mufti angeordnete Reform hat die akademische Ausbildung in D letztendlich zerstört. Nach dem Regelstudium kommen auf Stromlinie getrimmte "Hochschulabsolventen" heraus, die danach erst einmal mühsam das wissenschaftliche und selbständige Arbeiten lernen müssen. Und das geht ganz einfach nur über eine Dissertation. Denn der "Master" und erst recht der "Bachelor" sind faktisch gar nichts wert. Sie beruhen nur auf Auswendig-Gelerntem.

  2. Leider ist es so, dass einem Akademiker ohne Dr.-Titel gerne unterstellt wird, er sei kein Akademiker und habe sich seine beruflichen Kenntnisse nur "angelesen". Dies betrifft in manchen Fachgebieten v.a. Frauen - sie werden da dann ganz einfach nicht ernst genommen.

    Durch die inzwischen bekannten enormen Schwächen der Bologna-Reform ist davon auszugehen, dass der "Dr."-Titel nahezu überall erwartet wird. Diese par ordere de mufti angeordnete Reform hat die akademische Ausbildung in D letztendlich zerstört. Nach dem Regelstudium kommen auf Stromlinie getrimmte "Hochschulabsolventen" heraus, die danach erst einmal mühsam das wissenschaftliche und selbständige Arbeiten lernen müssen. Und das geht ganz einfach nur über eine Dissertation. Denn der "Master" und erst recht der "Bachelor" sind faktisch gar nichts wert. Sie beruhen nur auf Auswendig-Gelerntem.

    • MaDDoC
    • 05. April 2011 11:25 Uhr

    Sehr interessanter Artikel!
    Würde ihn noch um den Punkt "Ich promoviere, weil ein Dr. vor dem Namen wahnsinnig gut aussieht". Menschen sind nunmal zu einem gewissen Punkt recht eitel.

    • Enjo
    • 05. April 2011 11:39 Uhr

    wenn es doch so viel einfacher geht? - siehe Anzeige auf dieser Seite: Dr. h.c. | Die Ehrendoktorwürde unkompliziert zum begehrten Titel | www.ehrendoktorwuerde.de.
    Vielen Dank für diesen kleinen subversiven Einschub.

    • hmber
    • 05. April 2011 11:46 Uhr

    Ich weiss nicht, was diese Schaumschlägerei um die Gründe für eine Promotion soll. Wer will den Stab über jemanden brechen, der sich anschliesend voller Stolz mit seinem erreichten Akdemischen Grad schückt? Das Wühlen im Dunkeln will nur negative Gründe offen legen, die es so gar nicht gibt. Promotion ist eine Leistung! Wer will andere am Wunsch diese Leistung zu erbringen hindern? Fragt jemand warum einer oder eine Spitzensportler/in werden will? Oder warum jemand in der ersten Liage singen will? Langsam wird vieles in dieser Gesellschft mit dem Malus "albern" belegt.

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    @hmber
    Ich gebe Ihnen vollkommen recht: Die Diskussion um den Erwerb einen Dr.-Titels wird immer mehr auf "wozu-denn-das-ganze?" reduziert.
    Aber das ist auch ein Resultat der adeligen Plagiats-Affäre: Plötzlich wird die Promotion nur noch als strategisches Planspiel für den späteren Broterwerb und/oder politischen Einfluss gesehen.

  3. Die Voraussetzungen für eine Promotion sind je nach Universität und Studiengang unterschiedlich geregelt. Völlig falsch ist indes die Behauptung, es sei stes die Abschlussnote "gut" gefordert. Wenn dem so wäre, gäbe es z.B. kaum juristische Doktoren, da gut/sehr gut von kaum einem Prozent der Absolventen des 1. Staatsexamens erreicht wird; im 2. Staatsexamen wären es noch weniger. Vielmehr genügt bei der Juristen an den meisten Unis "vollbefriedigend" (womit man im traditionell streng benotenden Bayern meist schon bei den besten 20% ist), an einigen sogar befriedigend - ggf. müssen dann weitere Leistungsnachweise wie Seminarscheine beigebracht werden.

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    • AMD
    • 05. April 2011 12:02 Uhr

    ...Ihre 'Voraussetzungen zur Promotion' stimmen nicht vollständig:
    So hängt es in der Tat vom Insitut und Fach ab, mit welcher Abschlussnote sie zur Promotion zugelassen werden.
    Im übrigen obliegt es der Universität ob Sie Ihr Studium in Regelstudienzeit abgeschlossen haben müssen - in einigen Fächern ist dies vollkommen egal.
    Und das Latinum benötigen Sie in Fächern wie Theologie sowieso für Studium, nicht nur für die Promotion.

  4. die genannten Vorraussetzungen sind ungenau: 1. meist ist ein 10-semestriges Studium nötig (sprich Master, Magister oder Diplom), 2. das mit dem "eigenen" Studienfach wird meist sehr weit ausgelegt: von Geschichte zu Politikwissenschaft ist kaum ein Problem, von Geschichte zu Physik schon... und 3. zwei Semester an der Promotions-Uni studiert zu haben... stimmt nicht. In jedem Fall: bei der jeweiligen Uni die Promotionsordnung angucken, die Bedingungen sind recht unterschiedlich.

  5. Im Osten war der Dipl.-med. weitaus mehr Wert als ein Dr.-Titel!

    Es kommt immer auf den Inhalt an, aber nicht auf die Fassade.

    Leider sieht man das in Deutschland (West) seit je her anders!

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    Im Osten waren auch Stalin und Ulbricht mehr wert als Kennedy und Adenauer. Der Trabi mehr als der BMW und wahrscheinlich auch die Niethose aus dem Konsument-Kaufhaus mehr als das Original von Levi's & Co. Was wollen Sie uns damit sagen?

    Das Parteiabzeichen war sicher auch mehr wert als irgendeine "nutzlose" Promotion von so einem "Intellektuellen". [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Provokationen. Danke. Die Redaktion/ag

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