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Der Student Hasan W. hat einen Supermarkt überfallen. Wie konnte es so weit kommen? Ein Besuch im Gefängnis von 

Gefängnis

Hasan muss insgesamt vier Jahre im Gefängnis absitzen  |  © AndreasF./photocase

Trübes Licht fällt durch das Lukengitter in die kleine Wabe aus Beton. Hasan W. hängt zusammengesunken auf dem Stuhl, er trägt ein graues T-Shirt und eine ausgeblichene Jeans, seine Augen fixieren die Tischplatte. Hasan ist 28 Jahre alt und Student der Wirtschaftswissenschaften, seine Kommilitonen sitzen an diesem Vormittag im Hörsaal und lauschen einer Vorlesung über Marketing. Marketing ist einer von Hasans Lieblingskursen, aber es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal hingehen wird. Denn seit einem halben Jahr sitzt Hasan in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt Bochum.

Am Mittwoch, den 12. 03. 2010, mietete der Angeklagte einen roten Ford Fiesta, Kennzeichen M-ZU 2134, bei der Firma Sixt. Mit diesem Wagen fuhr er tags darauf zum Bahnhof Wuppertal-Vohwinkel, an dem er auf die anderen wartete. Gemeinsam fuhren der Angeklagte und seine drei Bekannten zur Filiale der Firma Penny.*

Das Leben von Hasan hätte zu einer Mustergeschichte werden können, die all die Debatten der letzten Zeit Lügen straft, die sich darum drehen, dass Migranten an Bildung nicht interessiert seien. Hasan wird im Jahr 1982 in Kabul geboren. Seine Mutter arbeitet als Kindergärtnerin, sein Vater ist Lehrer in der Dorfschule. Als die Mutter schwer herzkrank wird, entschließt sich die Familie, nach Deutschland zu gehen. Ein Bruder des Vaters lebt hier seit Jahren, er schwärmt von der medizinischen Versorgung. Mit sechs Jahren kommt Hasan nach Deutschland.

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Während der Fahrt schlug sein Bekannter dem Angeklagten vor, doch mit in das Geschäft zu gehen, da man zu viert mehr Eindruck auf das Personal mache. Der Angeklagte war zunächst unsicher, ob er mit in die Filiale gehen sollte, und erklärte sich nur zögernd bereit. Von der Rückbank wurde eine Plastiktüte nach vorne gereicht, in der sich dünne Strumpfmasken befanden, die der Angeklagte und seine Mittäter, wie bereits zuvor besprochen, bei der Tat verwenden wollten, um nicht entdeckt zu werden.

Das neue Leben ist für alle in der Familie nicht leicht, sie sprechen kein Wort Deutsch, viel Geld haben sie nicht. Der Vater arbeitet als Taxifahrer, die Mutter kümmert sich um Hasan und seine drei Geschwister, ab und zu geht sie putzen. Ihren ursprünglichen Berufen können die Eltern in Deutschland nicht nachgehen – aber sie möchten, dass es ihre Kinder einmal besser haben. Hasan besucht eine Integrationsklasse, um Deutsch zu lernen. Wirklich ernst nimmt er den Unterricht nicht. "Ich habe lieber mit meinen Mitschülern Streiche ausgeheckt", sagt er. "Was man als Achtjähriger eben so macht." Kurz hebt er den Kopf. Würde man ihn im Seminar treffen, man würde gern mit ihm einen Kaffee trinken: Weiche Gesichtszüge hat er, einen Dreitagebart, dunkle Augen. Nach der Grundschule bekommt Hasan eine Hauptschulempfehlung. "Nur", sagen die Eltern.

In der Plastiktüte befanden sich noch drei Spielzeugpistolen. Eine dieser Spielzeugpistolen war mit einer Spraydose schwarz lackiert worden. Diese nahm der Angeklagte an sich. Alle drei Spielzeugwaffen sahen echten Waffen täuschend ähnlich. Der Angeklagte überprüfte das Magazin der Pistole und stellte fest, dass darin kleine gelbe Kügelchen waren. Sein Mittäter machte allen Beteiligten Mut, indem er ihnen einredete, dass die Tat absolut "easy" sei. Man müsse nur einen kühlen Kopf bewahren.

Hasan ist fleißig, er hat gute Noten, schon bald wechselt er auf eine Gesamtschule. "Ich wollte, dass meine Eltern stolz auf mich sind, aber so wirklich begriffen, dass ich das eigentlich für mich mache, habe ich nicht." Nach der zwölften Klasse verlässt er die Schule mit der Fachoberschulreife. Es ist eine feierliche Verabschiedung. Hasan trägt einen Anzug, die Eltern sind voller Freude. "Das war das Wichtigste", sagt er. "Ich hingegen wusste noch gar nicht so genau, was ich mit dem Abschluss machen sollte." Er fühlt sich antriebslos, ohne Ziel im Leben. Seine Eltern haben aber bereits eins für ihn: Er soll an einer Fachhochschule studieren, für sie ist das die Eintrittskarte in das Leben, das sie sich für ihre Kinder wünschen. Hasans älterer Bruder schließt gerade sein Studium der Rechtswissenschaften ab, Hasan entscheidet sich für Betriebswirtschaftslehre. "Ich dachte mir: Wenn ich schon etwas mache, was mich nicht interessiert, dann soll es wenigstens etwas sein, womit ich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe", sagt er. Vielleicht nicht die beste Motivation für ein Studium. Andererseits: Wie viele Studenten wählen ihr Fach nicht nach genau diesem Gesichtspunkt aus?

Leserkommentare
    • remail
    • 19. April 2011 12:10 Uhr

    Den jungen Menschen in Deutschland geht es nicht gut. Es gibt Lebesmittelklappen von Läden mit Mitgefühl in den Großstädten und sicher gute Straßensozialarbeiter. Jugendlicher zu sein ist nichts im Vergleich dazu, was wir früher erlebt haben. Auch wenn die Warnungen von Kirsten Heisig kaum hörbar sind, die Zeit holt uns auf jeden Fall schneller ein, als wir das heute denken.

    Eine Leserempfehlung
  1. Ich frage mich nur was ist eine angemesssene Strafe?
    Ich habe kein Hintergrundwissen, aber vorbestraft war der Typ bestimmt nicht. Die hatten nicht einmal echte Waffen. Haben niemandem körperlichen Schaden zugefügt. Vielleicht hätte eine Warnung gereicht, Bewährung. Dann wäre sein Leben nicht am Ende, es wird schwer mit einem negativem Führungszeugnis einen Job zu finden. Falls er das Studium noch schafft. Dann sehe ich Urteile, wo Leute fast oder ganz umgebracht werden und die kommen besser weg als er. Seltsame Welt.

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    • kauda8
    • 19. April 2011 21:14 Uhr

    aus juristischer sicht ist das ganz klar. Er hat mit einer Waffe (ob echt oder nicht ist egal) einen Raub begangen (Raub weil bewaffnet). Straftatbestand: Schwerer Raub. Und das ist zwangsläufig Haft. Absolut richtig.

    Es sollte eine Verwarnung geben? Wo ist denn da die abschreckung? Viele von denen die Überfallen werden (wie der angestellte der Filiale) haben ihr leben lang ein Trauma davon.

    Absolut richtig. Wobei ich dafür wäre Straftäter nach der Haft Abzuschieben...

    • kauda8
    • 19. April 2011 21:14 Uhr

    aus juristischer sicht ist das ganz klar. Er hat mit einer Waffe (ob echt oder nicht ist egal) einen Raub begangen (Raub weil bewaffnet). Straftatbestand: Schwerer Raub. Und das ist zwangsläufig Haft. Absolut richtig.

    Es sollte eine Verwarnung geben? Wo ist denn da die abschreckung? Viele von denen die Überfallen werden (wie der angestellte der Filiale) haben ihr leben lang ein Trauma davon.

    Absolut richtig. Wobei ich dafür wäre Straftäter nach der Haft Abzuschieben...

    • SarahA
    • 20. April 2011 14:11 Uhr

    Es gab keine verletzten... 4 Jahre. Trauma der überfallenen als eines der Argumente.
    Vergewaltigung... Bewährungsstrafe?
    Manchmal ist das Rechtssystem doch etwas wirr liebe Juristen.

  2. Die Strafe ist mehr als angemessen. Die deutsche Strafjustiz Opferverachtend. Bewährungsstrafen sind die Regel. Dieses Urteil hebt sich endlich mal positiv davon ab.

    Dass es sich um keine echte Waffe gehandelt hat, ist hierbei unerheblich. § 250 I Nr.1b) STGB umfasst auch Scheinwaffen und hat nebenbei (zurecht) eine Mindesttrafe von 3 Jahren. Von Schäden bei den Opfern kann man ausgehen. Wenn nicht körperlich, dann mindestens seelisch. Mitleid hab ich nicht. Es handelt sich hierbei um einen Schweren Raub und kein Kavaliersdelikt. Der Mann hätte es sich vorher überlegen sollen, ob es sich lohnt für ein paar € sein Leben zu versauen.

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    Offensichtlich ist er in die Sache hinein geschlittert. Ich will hier nicht beschönigen oder verharmlosen aber so eifnach wie Sie hier mit einem lapidaren "hätte er sich vorher überlegen sollen" ist die Sache dann doch wieder nicht.

  3. [...] Über das Strafmass selber kann ich nichts sagen, da kenn ich die üblichen Urteile nicht, aber in Relation zu den "normalen" Verbechen der Nadelstreifenträger finde ich persönlich 4 Jahre recht hart.

    Andererseit hat er sich wirklich sehr dumm verhalten.

    Teil entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg

    3 Leserempfehlungen
  4. Dass er die Supermarkt überfiel? Dass er schnell reich werden wollte? Dass er mit seinem Geld und dann mit seinem Leben pockerte?

  5. Ich verstehe nicht, warum ein plausibler Einwanderungsgrund - vom Standpunkt des Gastlandes her gesehen - sein kann, daß die herzkranke Mutter am hiesigen Gesundheitssystem partizipieren wollte. Daß die einwanderungswillige Familie dies wünschte, ist klar - aber wer trifft denn die Auswahl, der Einwanderer oder wir?

    Die Eltern haben sich nicht mal die Mühe gemacht, Deutsch zu lernen. Nicht mal, als sie hier lebten. Ich begreife nicht, wie diese Einwanderung geschehen konnte.

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    In dem Artikel steht, dass die drei Geschwister Jura, Medizin und Architektur studieren.

    Dazu müssen diese wohl ein nicht zu unterschätzendes Deutschniveau haben, was schonmal für eine gelungene Integration spricht.

    Unter der Annahme, dass diese Geschwister im Anschluss in Deutschland verbleiben, werden sie dank ihrer Steuern und Sozialabgaben die Kosten für die Behandlung der Mutter sowie den "missratenen" Bruder problemlos decken. Und ganz nebenbei hat so die Frau nochmal eine zweite Chance erhalten.

    D.h. selbst einer (in dem Kontext unmenschlichen) Kosten/Nutzen-Betrachtung hält diese Geschichte stand. Dies ist eindeutig ein Fall von gelungener Einwanderung wie sie Deutschland braucht. Mit Sicherheit hat diese Familie trotz aller Widrigkeiten eine bessere volkswirtschaftliche Gesamtbilanz für Deutschland als sehr viele "deutsche" Familien. Denn, werter Herr, irgendjemand muss ja auch Ihre Rente erwirtschaften. Und wie viele Kinder haben Sie denn, die demnächst in Lohn und Brot stehen -- und das hoffentlich nicht als Mindestlohnempfänger?

    Schönen Gruß von jemandem, der Leute nicht danach bewertet, woher sie kommen, sondern danach, was sie für die Gesellschaft bedeuten.

    j

    • self22
    • 19. April 2011 13:09 Uhr

    aber trotzdem für einen ausgesprochen guten Fall von Eingliederung. Die Erziehung der Eltern hat 3 mal bisher gut funktionieren. Da kann man sicher en mass viel schlechtere Beispiele finden.

    Wie das so ist im Leben. Hasan ist einfach ein andere Typ. Wenn ich die Gechichte von ihm so lese, hat er von früher Kindheit an versucht, immer so leicht wie möglich durchzukommen. Bezeichnend ist auch der kreditfinanzierte Ausflug in die Aktiengeschäfte. Auch hier zeigt er schon, dass er im Studium der Wirtschaftswissenschaften entweder keine sozialen Werte gelernt bekommen hat (sollte ein BWLer eigentlích wissen, dass man nicht mit geborgtem Geld zocken darf) oder diese permanent hinten an stellt. Der Überfall ist eigentlich nur der Gipfel bei vorher schon völligem Nichtvorhandensein moralischer Grundwerte außerhalb des Familienkreises.

    Mich hätte noch interessiert, ob er in seiner Familie wirklich so sehr kontrolliert wurde, dass er sich quasi befreien mußte, wie er es mehr oder weniger beschreibt.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/wg

    "sollte ein BWLer eigentlích wissen, dass man nicht mit geborgtem Geld zocken darf"

    Ehm, was? Genau das bekommt man doch beigebracht! Oder meinen Sie, dass die Lehre direkt nach der Finanzkrise eine 180° Kehrtwende vollzogen hat?

    j

  6. Man darf die Menschen (Ausländer wie Inländer) nicht allein daran messen, was sie studieren und wie viel Geld sie verdienen.
    Und erst recht nicht die eigenen Kinder.

    Geld und Karriere dürfen nicht die einzigen Werte in unserer Gesellschaft sein. Wo bleibt der Idealismus? :-)

    Dem armen Jungen kann man jetzt nur noch wünschen, dass er verstanden hat, dass man in der Wirtschaft vor allem lernen muss mit einer Pleite vernünftig umzugehen.

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    • self22
    • 19. April 2011 14:16 Uhr

    sondern der Anspruch seinen Lebensunterhalt durch ehrliche Arbeit (nicht mit Ladendiebstahl bitte) selbst verdienen zu können. Das klappt nicht immer ohne Unterbrechung, aber der Anspruch muß da sein.

    Mir kommen gleich die Tränen ob diesem "armen" Jungen.
    Schön auch, dass solche Elemente - noch besser: die sog. frei herumlaufenden Intensivtäter - fröhlich im Land belassen werden, anstatt sie ratz-fatz auszuweisen.

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