KriminalitätGeld Her!

Der Student Hasan W. hat einen Supermarkt überfallen. Wie konnte es so weit kommen? Ein Besuch im Gefängnis

Hasan muss insgesamt vier Jahre im Gefängnis absitzen

Hasan muss insgesamt vier Jahre im Gefängnis absitzen

Trübes Licht fällt durch das Lukengitter in die kleine Wabe aus Beton. Hasan W. hängt zusammengesunken auf dem Stuhl, er trägt ein graues T-Shirt und eine ausgeblichene Jeans, seine Augen fixieren die Tischplatte. Hasan ist 28 Jahre alt und Student der Wirtschaftswissenschaften, seine Kommilitonen sitzen an diesem Vormittag im Hörsaal und lauschen einer Vorlesung über Marketing. Marketing ist einer von Hasans Lieblingskursen, aber es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal hingehen wird. Denn seit einem halben Jahr sitzt Hasan in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt Bochum.

Am Mittwoch, den 12. 03. 2010, mietete der Angeklagte einen roten Ford Fiesta, Kennzeichen M-ZU 2134, bei der Firma Sixt. Mit diesem Wagen fuhr er tags darauf zum Bahnhof Wuppertal-Vohwinkel, an dem er auf die anderen wartete. Gemeinsam fuhren der Angeklagte und seine drei Bekannten zur Filiale der Firma Penny.*

Das Leben von Hasan hätte zu einer Mustergeschichte werden können, die all die Debatten der letzten Zeit Lügen straft, die sich darum drehen, dass Migranten an Bildung nicht interessiert seien. Hasan wird im Jahr 1982 in Kabul geboren. Seine Mutter arbeitet als Kindergärtnerin, sein Vater ist Lehrer in der Dorfschule. Als die Mutter schwer herzkrank wird, entschließt sich die Familie, nach Deutschland zu gehen. Ein Bruder des Vaters lebt hier seit Jahren, er schwärmt von der medizinischen Versorgung. Mit sechs Jahren kommt Hasan nach Deutschland.

Anzeige

Während der Fahrt schlug sein Bekannter dem Angeklagten vor, doch mit in das Geschäft zu gehen, da man zu viert mehr Eindruck auf das Personal mache. Der Angeklagte war zunächst unsicher, ob er mit in die Filiale gehen sollte, und erklärte sich nur zögernd bereit. Von der Rückbank wurde eine Plastiktüte nach vorne gereicht, in der sich dünne Strumpfmasken befanden, die der Angeklagte und seine Mittäter, wie bereits zuvor besprochen, bei der Tat verwenden wollten, um nicht entdeckt zu werden.

Das neue Leben ist für alle in der Familie nicht leicht, sie sprechen kein Wort Deutsch, viel Geld haben sie nicht. Der Vater arbeitet als Taxifahrer, die Mutter kümmert sich um Hasan und seine drei Geschwister, ab und zu geht sie putzen. Ihren ursprünglichen Berufen können die Eltern in Deutschland nicht nachgehen – aber sie möchten, dass es ihre Kinder einmal besser haben. Hasan besucht eine Integrationsklasse, um Deutsch zu lernen. Wirklich ernst nimmt er den Unterricht nicht. "Ich habe lieber mit meinen Mitschülern Streiche ausgeheckt", sagt er. "Was man als Achtjähriger eben so macht." Kurz hebt er den Kopf. Würde man ihn im Seminar treffen, man würde gern mit ihm einen Kaffee trinken: Weiche Gesichtszüge hat er, einen Dreitagebart, dunkle Augen. Nach der Grundschule bekommt Hasan eine Hauptschulempfehlung. "Nur", sagen die Eltern.

In der Plastiktüte befanden sich noch drei Spielzeugpistolen. Eine dieser Spielzeugpistolen war mit einer Spraydose schwarz lackiert worden. Diese nahm der Angeklagte an sich. Alle drei Spielzeugwaffen sahen echten Waffen täuschend ähnlich. Der Angeklagte überprüfte das Magazin der Pistole und stellte fest, dass darin kleine gelbe Kügelchen waren. Sein Mittäter machte allen Beteiligten Mut, indem er ihnen einredete, dass die Tat absolut "easy" sei. Man müsse nur einen kühlen Kopf bewahren.

Hasan ist fleißig, er hat gute Noten, schon bald wechselt er auf eine Gesamtschule. "Ich wollte, dass meine Eltern stolz auf mich sind, aber so wirklich begriffen, dass ich das eigentlich für mich mache, habe ich nicht." Nach der zwölften Klasse verlässt er die Schule mit der Fachoberschulreife. Es ist eine feierliche Verabschiedung. Hasan trägt einen Anzug, die Eltern sind voller Freude. "Das war das Wichtigste", sagt er. "Ich hingegen wusste noch gar nicht so genau, was ich mit dem Abschluss machen sollte." Er fühlt sich antriebslos, ohne Ziel im Leben. Seine Eltern haben aber bereits eins für ihn: Er soll an einer Fachhochschule studieren, für sie ist das die Eintrittskarte in das Leben, das sie sich für ihre Kinder wünschen. Hasans älterer Bruder schließt gerade sein Studium der Rechtswissenschaften ab, Hasan entscheidet sich für Betriebswirtschaftslehre. "Ich dachte mir: Wenn ich schon etwas mache, was mich nicht interessiert, dann soll es wenigstens etwas sein, womit ich gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt habe", sagt er. Vielleicht nicht die beste Motivation für ein Studium. Andererseits: Wie viele Studenten wählen ihr Fach nicht nach genau diesem Gesichtspunkt aus?

Leserkommentare
  1. Die Rechnung, die Sie aufmachen, können Sie doch sicherlich mit Zahlen belegen (auch wenn diese nur Ihnen bekannt sind)? Und eine gesetzliche Grundlage hat dieses "erfolgreiche" Sozialverhalten sicherlich auch? Oder interessiert Sie all das am Ende gar nicht, und es geht nur um Ihr Weltbild? Sie geben den Hinweis ja selbst: "missratener" Bruder in Anführung - hat ein wenig über die Stränge geschlagen; muss man wegen schweren Raubes gleich ein Theater machen, ohne an die kranke Mutter zu denken? - Wollten Sie DAS ausdrücken, oder gebe ich Sie falsch wieder?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zahlen. Ja, man nehme Durchschnittsverdienste von Architekten, Juristen und Medizinern. Von mir aus einigen wir uns auf das untere Quartil zur Sicherheit. Dann berechne man die Steuern und Sozialabgaben über ein Arbeitsleben eines Akademikers (ca. 35 Jahre, demnächst wohl mehr). Dem gegenüber stehen die Kosten für die Behandlung der Frau (die tatsächlich unbekannt sind, aber außer bei einer Transplantation maximal im 5-stelligen Bereich liegen), sowie die Kosten für die Gefängniszeit des Bruders (die Kosten pro Insasse werden pro Bundesland unterschiedlich veranschlagt, man kann der Einfachheit halber von ca. 100.000 EUR/Jahr ausgehen).

    Jetzt muss man allerdings nicht gerade Einstein sein um zu erkennen, dass der "Business Case Einwanderung" immer noch positiv ist.

    Und "missraten" so geschrieben, da der Herr natürlich die Chance zur Besserung hat. So unglaublich es klingt, das deutsche Justizsystem basiert auf diesem Gedanken.

    j

    Zahlen. Ja, man nehme Durchschnittsverdienste von Architekten, Juristen und Medizinern. Von mir aus einigen wir uns auf das untere Quartil zur Sicherheit. Dann berechne man die Steuern und Sozialabgaben über ein Arbeitsleben eines Akademikers (ca. 35 Jahre, demnächst wohl mehr). Dem gegenüber stehen die Kosten für die Behandlung der Frau (die tatsächlich unbekannt sind, aber außer bei einer Transplantation maximal im 5-stelligen Bereich liegen), sowie die Kosten für die Gefängniszeit des Bruders (die Kosten pro Insasse werden pro Bundesland unterschiedlich veranschlagt, man kann der Einfachheit halber von ca. 100.000 EUR/Jahr ausgehen).

    Jetzt muss man allerdings nicht gerade Einstein sein um zu erkennen, dass der "Business Case Einwanderung" immer noch positiv ist.

    Und "missraten" so geschrieben, da der Herr natürlich die Chance zur Besserung hat. So unglaublich es klingt, das deutsche Justizsystem basiert auf diesem Gedanken.

    j

  2. 42. BWLer

    wenn ich das so lese, kann er mir schon Leid tun. Ich mein jedenfalls finde ich die Strafe sehr viel zu hoch für ein Geld-Delikt. Für mein Empfinden sollte Gewalt viel stärker bestraft werden.
    Er scheint aber ein Problem zu teilen, das wohl viele Geld-Orientierte Menschen haben: sie wollen viel Geld schnell und einfach verdienen nicht mit Leistung. Ich habe jedenfalls neben dem Studium wirklich gearbeitet und mir ging es gut. Von Zocken halte ich nichts.
    Hasan hatte aber eben Pech, er hätte mit seiner Eigenschaft genauso gut Banker werden können. Die stehlen legal.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gewaltdelikt. Und genau dafuer hat er auch die Strafe bekommen. Jemanden eine Waffe unter die Nase zu halten und zu bedrohen ist ein Gewaltdelikt. Ob sie echt war oder nicht, spielt keine Rolle. Das Opfer geht davon aus, das es eine echte ist und hat sich wahrscheinlich zu Tode gefuerchtet. Ein gerechtes Urteil meiner Meinung nach. Er hat sich sicher keine Gedanken um seine Opfer gemacht, er weint jetzt nur das sein eigenes Leben verpfuscht ist. Die besten Voraussetzungen um nach seiner Entlassung gleich wieder denselben Fehler zu machen und wieder einzusitzen.

    Gewaltdelikt. Und genau dafuer hat er auch die Strafe bekommen. Jemanden eine Waffe unter die Nase zu halten und zu bedrohen ist ein Gewaltdelikt. Ob sie echt war oder nicht, spielt keine Rolle. Das Opfer geht davon aus, das es eine echte ist und hat sich wahrscheinlich zu Tode gefuerchtet. Ein gerechtes Urteil meiner Meinung nach. Er hat sich sicher keine Gedanken um seine Opfer gemacht, er weint jetzt nur das sein eigenes Leben verpfuscht ist. Die besten Voraussetzungen um nach seiner Entlassung gleich wieder denselben Fehler zu machen und wieder einzusitzen.

  3. Zahlen. Ja, man nehme Durchschnittsverdienste von Architekten, Juristen und Medizinern. Von mir aus einigen wir uns auf das untere Quartil zur Sicherheit. Dann berechne man die Steuern und Sozialabgaben über ein Arbeitsleben eines Akademikers (ca. 35 Jahre, demnächst wohl mehr). Dem gegenüber stehen die Kosten für die Behandlung der Frau (die tatsächlich unbekannt sind, aber außer bei einer Transplantation maximal im 5-stelligen Bereich liegen), sowie die Kosten für die Gefängniszeit des Bruders (die Kosten pro Insasse werden pro Bundesland unterschiedlich veranschlagt, man kann der Einfachheit halber von ca. 100.000 EUR/Jahr ausgehen).

    Jetzt muss man allerdings nicht gerade Einstein sein um zu erkennen, dass der "Business Case Einwanderung" immer noch positiv ist.

    Und "missraten" so geschrieben, da der Herr natürlich die Chance zur Besserung hat. So unglaublich es klingt, das deutsche Justizsystem basiert auf diesem Gedanken.

    j

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben's tatsächlich ernstgenommen, dass hier die BWLer unter sich sind; da kann man Ihnen auch nicht helfen. Der "Business Case Einwanderung" leidet nach Ihrer Wahrnehmung auch nicht unter schweren Straftaten - da erübrigt sich jeder Kommentar. Nur zur Diktion noch dieses: als "missraten" bezeichnet man konventionell freche Kinder und pöbelhafte Jugendliche, nicht Kriminelle. Ihre Verniedlichung lässt tief blicken.
    Bitte achten sie auf einen sachlichen Diskussionston. Danke. Die Redaktion/er

    Sie haben's tatsächlich ernstgenommen, dass hier die BWLer unter sich sind; da kann man Ihnen auch nicht helfen. Der "Business Case Einwanderung" leidet nach Ihrer Wahrnehmung auch nicht unter schweren Straftaten - da erübrigt sich jeder Kommentar. Nur zur Diktion noch dieses: als "missraten" bezeichnet man konventionell freche Kinder und pöbelhafte Jugendliche, nicht Kriminelle. Ihre Verniedlichung lässt tief blicken.
    Bitte achten sie auf einen sachlichen Diskussionston. Danke. Die Redaktion/er

  4. 44. Bingo

    Gewaltdelikt. Und genau dafuer hat er auch die Strafe bekommen. Jemanden eine Waffe unter die Nase zu halten und zu bedrohen ist ein Gewaltdelikt. Ob sie echt war oder nicht, spielt keine Rolle. Das Opfer geht davon aus, das es eine echte ist und hat sich wahrscheinlich zu Tode gefuerchtet. Ein gerechtes Urteil meiner Meinung nach. Er hat sich sicher keine Gedanken um seine Opfer gemacht, er weint jetzt nur das sein eigenes Leben verpfuscht ist. Die besten Voraussetzungen um nach seiner Entlassung gleich wieder denselben Fehler zu machen und wieder einzusitzen.

    Antwort auf "BWLer"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • remail
    • 20.04.2011 um 13:00 Uhr

    das Wissen über andere Kulturen. Wer wissen will was weinen in diesen Gesellschaften bedeutet, der kann das im Film "Tal der Wölfe" gut sehen. Wir haben ihn damals mit vielen Mitmenschen im Kino gesehen, die uns etwas fragend angesehen haben, doch ich stelle mich gerne der Herausforderung zu verstehen.

    • remail
    • 20.04.2011 um 13:00 Uhr

    das Wissen über andere Kulturen. Wer wissen will was weinen in diesen Gesellschaften bedeutet, der kann das im Film "Tal der Wölfe" gut sehen. Wir haben ihn damals mit vielen Mitmenschen im Kino gesehen, die uns etwas fragend angesehen haben, doch ich stelle mich gerne der Herausforderung zu verstehen.

    • remail
    • 20.04.2011 um 13:00 Uhr

    das Wissen über andere Kulturen. Wer wissen will was weinen in diesen Gesellschaften bedeutet, der kann das im Film "Tal der Wölfe" gut sehen. Wir haben ihn damals mit vielen Mitmenschen im Kino gesehen, die uns etwas fragend angesehen haben, doch ich stelle mich gerne der Herausforderung zu verstehen.

    Antwort auf "Bingo"
    • SarahA
    • 20.04.2011 um 14:11 Uhr
    46. Aha...

    Es gab keine verletzten... 4 Jahre. Trauma der überfallenen als eines der Argumente.
    Vergewaltigung... Bewährungsstrafe?
    Manchmal ist das Rechtssystem doch etwas wirr liebe Juristen.

    Antwort auf "Angemessene Strafe?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Bastie
    • 26.04.2011 um 20:27 Uhr

    bestraft wird?

    Wenn er eine Frau mit dieser Pistole bedroht und vergewaltigt hätte wäre die Mindeststrafe bereits 5 Jahre...

    http://dejure.org/gesetze...

    Im Übrigen finde ich die Strafe auch angemessen, man sollte nur hoffen, dass er daraus lernt und vielleicht wirklich versucht einen Abschluß zu machen. Mit (absolut gerechtfertigter) Vorstrafe wird die Arbeitssuche sicherlich schon schwer genug.

    • Bastie
    • 26.04.2011 um 20:27 Uhr

    bestraft wird?

    Wenn er eine Frau mit dieser Pistole bedroht und vergewaltigt hätte wäre die Mindeststrafe bereits 5 Jahre...

    http://dejure.org/gesetze...

    Im Übrigen finde ich die Strafe auch angemessen, man sollte nur hoffen, dass er daraus lernt und vielleicht wirklich versucht einen Abschluß zu machen. Mit (absolut gerechtfertigter) Vorstrafe wird die Arbeitssuche sicherlich schon schwer genug.

  5. 47. Fehler

    Nach der zwölften Klasse verlässt er die Schule mit der << Fachoberschulreife >>. Er war vermutlich auf einer Fachoberschule und verließ sie mit einer Fachhochschulreife.

    Eine Leserempfehlung
  6. und ich persönlich glaube auch eigentlich nicht an einen wirklich freien Willen. Doch anstatt sich hier verbal auszutoben und selbstgefällig anderer Leute Horizonte kleinzureden, könnten Sie ja mal etwas mit echtem Inhalt schreiben. Glauben Sie an den freien Willen? Wenn nicht, wie würden Sie dann ein entsprechendes Justizsystem gestalten? Wenn Sie 4 Jahre für überzogen halten, was wäre dann stattdessen eher angemessen? Wenn wir auf das Konzept der Schuld verzichten können und wollen, wie wollen wir dann mit Tätern umgehen?

    Stand der Forschung ist übrigens auch, dass das Gehirn lernfähig ist. Sanktionen können also dazu führen, dass der Täter nicht noch mal Täter wird, nicht unbedingt aus tieferer Einsicht, aber einfach aus Angst, die Konsequenzen (z. B. Gefängnis) noch einmal ertragen zu müssen. Das funktioniert sogar bei Hunden und völlig unabhängig davon, welche Faktoren auf die Entscheidung zur kriminellen Tat Einfluss genommen haben. Deshalb meine ich nicht, dass es die Lösung sein kann, dem Täter einen schlechten Freundeskreis als Entschuldigung zuzubilligen und ihn deshalb milder zu bestrafen und ihn ob der Strafe auch noch öffentlich zu bemitleiden. Denn das suggeriert dem Täter doch nur, dass letztendlich alles erlaubt ist, wenn man nur entsprechende Gründe anführen kann (schwieriges Verhältnis zum Vater, Schulden, falsche Freunde).

    Also wie sehen Ihre konkreten Vorschläge aus, wo Sie doch den Plan von der Realität in der Tasche haben?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service