Es ist noch hell draußen, als die Onlinearbeiter die Bierflaschen heben und sich über ihre MacBooks hinweg zuprosten. »Auf die Weltherrschaft!«, ruft einer. »Auf die Weltherrschaft«, erwidert der Rest. Genau so habe ich mir Coworking vorgestellt. Junge Menschen sitzen hinter ihren Bildschirmen, tragen Jeans, Sneakers und gelegentlich Hornbrillen, tippen ein bisschen hier, chatten ein bisschen dort, surfen durch die Weltgeschichte und meinen, ihren Lauf dadurch ganz nebenbei beeinflussen zu können. Schließlich haben sie kapiert, wie die Zukunft der Arbeit aussieht: bunt wie die Zweige, von denen hier die Glühbirnen herabhängen, improvisiert wie die alten aufgebockten Siebdruckplatten, an denen sie sitzen, und entspannt wie die elektronische Musik, die gegen Abend aus den Boxen rieselt. Ist das noch Arbeit oder schon Freizeit, wenn ich in neun Schritten an der Theke bin, um mir Cappuccino oder Limonade zu holen? Mit den groben Holzbalken würde sie als Strandbar durchgehen, steht aber in einem von zwei Großraumbüros, in denen 44 Menschen dicht aneinandergereiht sitzen können. Von meinem Platz aus schaue ich auf eine Palme, die fast so groß ist wie ich. Jemand hat sie an die Hauswand gegenüber gesprayt, rundherum blättert der Putz ab.

Das Betahaus liegt in Hamburg zwischen den Szenevierteln Sankt Pauli und Schanze und ist einer dieser Coworking-Spaces, die in vielen deutschen Großstädten aufmachen – mal in ehemaligen Läden, mal auf Fabriketagen. Selbstständige können sich dort für zehn bis zwanzig Euro am Tag einen Schreibtisch mieten, zusammen Mittagspause machen und so tun, als seien sie Kollegen. Während die einen im Coworking das Arbeitsmodell der Zukunft sehen, halten die anderen es bloß für einen weiteren Pseudotrend, den sich ein paar vermeintlich kreative Berliner ausgedacht haben, um Arbeit zu simulieren.

Der Grund, warum ich bisher selbst noch nie versucht habe, von einem Coworking-Space aus zu arbeiten, sind die Leute, die das Bier trinken. In den Berichten, die ich übers Coworking gelesen hatte, klangen sie furchtbar hip, fast so, als würden sie nur über den neuesten heißen Scheiß im Netz reden.

Klicken Sie auf das Bild, um auf die Magazin-Seite zu gelangen © ZEIT CAMPUS

Der Grund, warum ich mich jetzt doch dort einmiete, ist: Ich brauche soziale Kontrolle, jemanden, der mir »Guten Morgen« sagt, und Abstand zu meinem Fernseher, der schmutzigen Wäsche im Bad und allem, was mich sonst ablenkt. WLAN, Drucker, Kopierer und Konferenzraum sind auch nicht schlecht. Und wenn ich mir schon ein Tages-, Wochen- oder Monatsticket fürs Betahaus kaufe, werde ich hoffentlich nicht mehr so viel Zeit mit Blödsinn verplempern. Zunächst bezahle ich also, damit ich arbeite, statt zu arbeiten, damit ich bezahlt werde.

Das kann passieren, wenn man eine von fast 4,5 Millionen Selbstständigen in Deutschland ist. Natürlich gehören dazu nicht nur Leute, die allein am Laptop arbeiten, sondern auch Ladenbesitzer, Maler oder Versicherungsvertreter. Alle zusammen machen rund elf Prozent der Erwerbstätigen aus. Als meine Eltern Anfang der Achtziger ihre erste Stelle antraten, gab es noch nicht mal halb so viele Selbstständige. Für die meisten meiner Tanten und Onkel war die Festanstellung das wichtigste Ziel, meinen Cousins und Cousinen geht es eher um Selbstverwirklichung. Nicht aus reinem Egoismus, sondern auch weil wir uns neue Ziele suchen müssen, wenn unbefristete, sozial abgesicherte Arbeitsverhältnisse zurückgehen, während zeitlich begrenzte Verträge, Projekt- und Auftragsarbeiten zunehmen. Ich bin nach dem Studium nie davon ausgegangen, die nächsten 20 Jahre morgens in denselben Büroaufzug zu steigen– wäre ja auch eine furchtbare Vorstellung. Nicht minder abschreckend erscheint mir jedoch die Aussicht, die nächsten Jahre mit dem Laptop auf den Knien von meinem Bett aus Arbeitsmails zu verschicken.

Stattdessen stehe ich jetzt in diesem Coworking-Space vor ein paar Holzbrettern und lese die Zettel, die darangepinnt sind. Wer sich hier einen Arbeitsplatz mietet, wird zum »User« und füllt einen solchen Zettel aus. Wenn er reinkommt, hängt er ihn an die obersten Bretter: So kann jeder sehen, wer gerade da ist. Es ist dasselbe Prinzip wie in einem Internetchat, auch die Selbstbeschreibungen hören sich an wie Statuszeilen.

Ich bin: Web-Entwickler 2.0, IT-Dödel, Softwareentwickler, Onlineberater, Marketingberater, Trendberater, Gründer, Designerin, Journalist, Projektmanager...

Ich suche: Gleichgesinnte, das Gespräch, den Arbeitsplatz der Zukunft, Herausforderungen, Konzentration+Spaß, Unterstützung, Rock’n’Roll, Zusammenarbeit, Leute, die interessante Sachen machen, die Moderne...