Fotostudium Countdown
ZEIT CAMPUS zeigt in jeder Ausgabe Fotoarbeiten von Studenten. Diesmal: Timo Klos. Er hat den Abschied von seiner Exfreundin fotografiert und jeden Moment so lange belichtet, wie er dauerte.
ZEIT CAMPUS: Herr Klos, warum sind Ihre Bilder eigentlich so hell und so verschwommen?
Timo Klos: Ich habe ganz besondere Momente mit meiner Freundin fotografiert und die Bilder immer so lange belichtet, wie diese Momente dauerten. Je länger man ein Foto belichtet, desto mehr Licht trifft auf den Film, umso heller wird das Bild. Weil sich alles weiterbewegt in dieser Zeit, verschwimmen die Motive. So möchte ich die Kostbarkeit des Augenblicks zeigen.
ZEIT CAMPUS: Es geht also um Vergänglichkeit.
27, studiert Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach. Sein Diplom macht er im Mai mit einer Arbeit über das Nichtsichtbare in der Fotografie.
Klos: Ja, ich habe versucht, das festzuhalten, was man nicht festhalten kann: Situationen, die vergehen. Je länger man im Leben an Vergänglichem festhält, desto mehr tut es weh, wenn man es verliert. Beim Fotografieren ist es ähnlich: Je länger man belichtet, desto stärker verschwimmt alles, und desto weniger hat man am Ende davon. Das ist das Paradoxe.
ZEIT CAMPUS: Was waren das für Situationen, die Sie fotografiert haben?
Klos: Es waren die letzten Tage mit meiner Freundin, bevor wir uns voneinander verabschieden mussten. Ich habe zwei Semester an der Kunstakademie in Helsinki studiert und sie dort kennengelernt.
ZEIT CAMPUS: Sind Sie heute noch zusammen?
Klos: Nein, nach zehn Monaten musste ich wieder nach Deutschland. Sie kommt aus Israel und musste dorthin zurück. Wir haben uns noch einmal gesehen, aber wir wollten die Beziehung nicht über die Entfernung aufrechterhalten.
ZEIT CAMPUS: Sind das also Erinnerungsbilder?
Klos: Ja, ich habe das Gefühl, sie entsprechen immer mehr den Erinnerungen, die ich jetzt an diese Zeit habe. Kurz nachdem man sich verabschiedet, hat man noch deutliche Bilder im Kopf, aber die verlieren mit der Zeit ihre klaren Konturen und sind am Ende nur noch verschwommene Momente.
ZEIT CAMPUS: Das klingt traurig.
Klos: Ohne diesen Abschied wäre die Serie aber nicht entstanden. Wenn wir nicht in verschiedenen Ländern wohnen würden, hätten wir uns nicht verabschieden müssen, und ich hätte uns nicht fotografiert.
ZEIT CAMPUS: Was bedeutet der Name der Serie: »Orr«?
Klos: So heißt meine Exfreundin. Das ist hebräisch und bedeutet auf Deutsch »Licht«.
ZEIT CAMPUS: Hat die Kamera nicht manchmal gestört?
Klos: Nein, nach dem Aufstellen und Einrichten vergisst man sie schnell. Man ist ja abgelenkt, wenn man zum Beispiel über 90 Minuten einen Film schaut. Ich wollte, dass wir uns ganz normal verhalten und bewegen. Beim ersten Bild haben wir geschlafen, da haben wir die Kamera gar nicht wahrgenommen. Man schläft ein und wacht auf, und währenddessen ist ein Bild entstanden. Die Kamera hatte also wenig Einfluss auf unser Handeln.
ZEIT CAMPUS: Was hat Ihre Freundin dazu gesagt, dass Sie die ganze Zeit fotografiert haben?
Klos: Sie fand es interessant und hat mir vertraut. Am Ende fand sie die Bilder sehr schön.
ZEIT CAMPUS: Hat Ihnen das Fotografieren beim Abschiednehmen geholfen?
Klos: Es hat gutgetan. Ich konnte damit ausdrücken, was ich fühlte. Ich wollte an der Gemeinsamkeit festhalten, aber es ging nicht. Die Kamera hat genau das Gleiche versucht: festzuhalten. Die Motive gleiten einem aber trotzdem aus den Händen, und es bleiben keine Informationen hängen, genauso wie die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit.
ZEIT CAMPUS: Wir reden hier viel über die Liebe. Geht es in der Serie eigentlich auch um Finnland?
Klos: Es ist natürlich unsere Geschichte an diesem Ort. Aber man erfährt nur im Titel eines einzigen Bildes, auf welche Insel wir mit der Fähre fahren, nämlich Suomenlinna, sonst erwähne ich den Ort nicht, und damit ist er austauschbar. Und so eine Bootsfahrt könnte ebensogut irgendwo in Südeuropa stattfinden.
ZEIT CAMPUS: Die Serie umfasst mehr Bilder, als Sie hier zeigen. Wie wählten Sie die Momente aus?
Klos: Alle Bilder sind in den letzten zehn Tagen entstanden. Es sind alltägliche Tätigkeiten, sozusagen ein typischer Tagesablauf: schlafen, Ausflug, Abendessen, duschen, Film schauen.
ZEIT CAMPUS: Typisch für Ihre Beziehung?
Klos: Typisch für uns, aber andere Leute können sich damit auch identifizieren.
ZEIT CAMPUS: Weil man Sie nicht richtig erkennt?
Klos: Ja, die Serie ist einerseits persönlich, weil ich unsere Geschichte erzähle, andererseits bleibt sie aber offen, weil wir durch die Überbelichtung nur schemenhaft zu erkennen sind. Dadurch haben andere die Möglichkeit, sich mit den Bildern zu identifizieren, zum Beispiel weil ihre eigene Beziehung auch an der Distanz gescheitert ist.
Interview: Kathrin Spirk
- Datum 24.05.2011 - 11:17 Uhr
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- Quelle ZEIT Campus
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...ein schönes Bild. Ich wünschte, Bilder von intensiven Beziehungen könnten so schnell verblassen wie seine Fotos - damit es nicht so weh tut.
echt ne tolle idee. die meisten fotoarbeiten hier sind ziemlich einfallsloser käse aber das hier ist schön und einzigartig, glückwunsch.
Ganz toll, wirklich sehr schön : )
Auch die Idee dahinter
Das ist eine sehr schöne Arbeit mit einer tollen Metaphorik.
Mich hätten ergänzend ein paar technische Details interessiert, wie zB die Blende und Belichtung. Es macht ja einen Unterschied, ob man 20 Minuten im hellen Cafe sitzt oder 90 Minuten TwinPeaks in der dunklen Kammer anschaut.
Mich erinnern die Arbeiten an Gerhard Richter, der mit dem "Verwischen der Spuren" ja ganz groß geworden ist (wenn auch mit einer anderen Technik).
Wer an dem Einfangen der Zeit in den Gesichtern von Menschen grundsätzlich interessiert ist und "die dunkle Ansicht" bevorzugt, der mag gerne einen Blick auf meine Portrait-Arbeiten werfen.
Ronald "Daedalus" Vogel
http://www.daedalus-v.de
Wie kann es sein, dass auf einem Foto, das 20 Minuten (!) auf einem Flughafen belichtet wurde, nicht Hunderte Leute durchs Bild huschen?? Gut, sicher könnte man 12 Min. relativ bewegungslos an einer Reling stehen, das ist noch nachvollziehbar, aber die restlichen Bilder sind -sofern, wie behauptet, die ganze Zeit belichtet wurde- nicht zu glauben.
Das schöne an Langzeitbelichtung ist, dass nur die Dinge auf dem Foto erscheinen, die eben lange in der Szene vorhanden sind. Vorbeihuschende Menschen auf dem Flughafen gehören nicht dazu. Deswegen sieht man sie auch nicht. Die Masse der Passagiere sorgt höchstens für ein verschwommenes Rauschen. Da die Fotos aber sehr hell sind und man zudem den realen Ort nicht kennt, fällt es dem Betrachter schwer zwischen Flughafenkulisse und diesem Rauschen zu unterscheiden.
Vielleicht war auf einem der größeren Flughäfen eines 6-Millionen-Einwohner-Landes auch gerade nichts los.
Das schöne an Langzeitbelichtung ist, dass nur die Dinge auf dem Foto erscheinen, die eben lange in der Szene vorhanden sind. Vorbeihuschende Menschen auf dem Flughafen gehören nicht dazu. Deswegen sieht man sie auch nicht. Die Masse der Passagiere sorgt höchstens für ein verschwommenes Rauschen. Da die Fotos aber sehr hell sind und man zudem den realen Ort nicht kennt, fällt es dem Betrachter schwer zwischen Flughafenkulisse und diesem Rauschen zu unterscheiden.
Vielleicht war auf einem der größeren Flughäfen eines 6-Millionen-Einwohner-Landes auch gerade nichts los.
Das schöne an Langzeitbelichtung ist, dass nur die Dinge auf dem Foto erscheinen, die eben lange in der Szene vorhanden sind. Vorbeihuschende Menschen auf dem Flughafen gehören nicht dazu. Deswegen sieht man sie auch nicht. Die Masse der Passagiere sorgt höchstens für ein verschwommenes Rauschen. Da die Fotos aber sehr hell sind und man zudem den realen Ort nicht kennt, fällt es dem Betrachter schwer zwischen Flughafenkulisse und diesem Rauschen zu unterscheiden.
Vielleicht war auf einem der größeren Flughäfen eines 6-Millionen-Einwohner-Landes auch gerade nichts los.
dass man sich so trennt, so einvernehmlich, wegen der Entfernung. Als ob die Liebe eine Sache wäre, die man so einfach beschließt und wieder aufgibt. Wie soll man mit dieser Weltsicht ein Leben lang treu sein?
Abschied von der "Ex-Freundin". Ex war sie doch erst nach dem Abschied. Oder vielleicht doch schon vorher? Komische Idee, Intimität vor laufender Kamera. Aus den jungen Leuten kann noch was werden.
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