Studienabbruch Soll ich das jetzt durchziehen?

Wer überlegt, sein Studium abzubrechen, steckt in der Zwickmühle: Ein Neuanfang könnte eine Chance sein. Aber wenn man geht, war alle Mühe umsonst. Wie trifft man die richtige Entscheidung?

Manchmal kommt sich Tanja Böhm-Franke vor, als tobe in ihrem Innersten ein Wettkampf. Es treten an: Tanjas Kopf gegen ihr Bauchgefühl, das Team »Reiß dich zusammen! Studier weiter!« gegen das Team »Gib auf! Es hat keinen Sinn!«. Ein echtes »Kopf-an-Bauch-Rennen«, sagt Tanja. Momentan sei der Spielstand etwa »80 zu 75«, so oft hat sie ans Aufgeben gedacht, so oft hat sie sich einen Ruck gegeben und sich zum Weitermachen getrieben. Jedes Mal sagt der Kopf, es sei Quatsch, das Bauingenieurstudium mit 32 Jahren abzubrechen, im 21. Semester und kurz vor dem Abschluss. Und jedes Mal sagt ihr Bauch, dass sie es trotzdem tun soll: einfach aufhören!

Der Gedanke kommt ihr, wenn sie sich um sieben Uhr morgens einen Kaffee macht. Wenn sie im Supermarkt Möhren in den Einkaufswagen legt. Wenn sie mit ihrer Tochter Emma bunte Krickelbilder malt. Immer wieder stellt sie sich vor, wie entspannt ihre Tage wären, wenn sie das Studium schmeißen und sich einen Dreitagejob suchen würde. Momentan besteht das Leben von Tanja aus großen Fragezeichen. Sie ist durch die Klausur in Holz- und Stahlbau gefallen. Wie soll sie die Zeit finden, um für den nächsten Versuch noch mehr zu lernen? Und wie soll sie danach die Diplomprüfung bestehen? Zusätzlich zu ihrem Nebenjob in einem Planungsbüro, zusätzlich zu der Zeit, die sie mit ihrer Tochter Emma spielt, sie zum Arzt bringt, kocht, wäscht, einkauft. Tanja ist so müde. »Ich kann und will nicht mehr«, sagt sie. »Aber jetzt aufzuhören wäre Wahnsinn. Oder?«

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ZEIT Campus 3/2011

Egal wie Tanja entscheidet, tut sie etwas Falsches. Bricht sie ihr Studium ab, ist die Qual vorbei. Aber zehn Jahre ihres Lebens sind Verschwendung gewesen. Macht sie weiter, ist nicht alles verloren. Aber niemand kann ihr eine Garantie geben, dass sie die Diplomprüfung besteht. Sie hofft, irgendwann die Kraft zu haben, eine Entscheidung zu treffen, egal welche. Bis dahin sitzt sie täglich an ihrem Schreibtisch und lernt. In einem Meer aus Blättern, auf denen Zeichnungen und Formeln stehen, grün, gelb, rot unterstrichen.

Sollte sich Tanja eines Tages für den Abbruch entscheiden, wäre sie keine Außenseiterin. 24Prozent eines Jahrgangs verlassen die Hochschule ohne Abschluss. Allein von den 290000 Erstsemestern des Jahres 2004 haben 70000 ihr Studium abgebrochen, so viele wie alle Studenten der HU Berlin, der TU München und der Uni Rostock zusammen. Die Geschichten dieser 70000 sind auch Antworten auf die immergleichen Fragen: Darf ich die Qualen des Studiums vorzeitig beenden, oder bin ich dann ein Versager? Wann kippt mein Ehrgeiz in Selbstzerstörung? Und wenn ein Abbruch Sinn macht, wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?

Das Beruhigende: Es gibt auf all das eine Antwort. Hans-Werner Rückert ist Psychologe an der Freien Universität Berlin, und geht es um Studienabbruch, ist er, wenn man so will, der Mann mit den Lösungen. Zu Hunderten haben verzweifelte Studenten ihn gefragt, was sie tun sollen, und immer wieder hat Rückert ihnen vier Fragen gestellt. Erste Frage: Ist das Studium wirklich das Problem? Zweite Frage: Haben Sie versucht, die Probleme zu lösen? Dritte Frage: Studieren Sie das, was Sie studieren wollen? Vierte Frage: Haben Sie die Alternativen ausprobiert? Und indem sie Antworten auf diese Fragen gefunden haben, konnten die meisten Abbrecher, mit denen man spricht, eine gute Entscheidung treffen. Zum Beispiel Johanna Wiegand. Für sie war der Abbruch »der beste Entschluss meines Lebens«.

Leser-Kommentare
  1. ...denn machen wir uns nichts vor, gerade die schwierigen technischen Studiengänge fordern entweder viel Talent oder mehr oder weniger die Aufgabe eines normalen Lebens, zugunsten ständigen Lernstresses und Frustes. Nur wenige halten das über Jahre hinweg aus, die Abbrecherquoten in der Informatik schwankten (hochschulabhängig) zwischen 20 und 50%, angeblich sinken sie durch den Bachelor.

    Gerade bei Frauen kommt dann nicht selten noch ein Kind dazwischen, welches vom Arbeitsaufwand, faktisch immer, unterschätzt wird und auch die Motivationen enorm verschieben kann.

    Die Frage die sich mir daher aufdrängt: gibt es keine gescheiten Lösungen jenseits des Abbruchs? Zehn Jahre umsonst studiert zu haben, ist auch für die Gesellschaft ein riesiger Verlust. Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?

    Der Eindruck den ich habe: das Studium ist gesellschaftlich genauso verkrustet, wie die deutsche Familienpolitik. Alles ausgerichtet auf eine weitgehend homogene traditionsorientierte Männertruppe. Die Unis unfähig mit den Problemen ihrer Mitglieder umzugehen...? Oder täuscht das?

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    • RRan
    • 13.06.2011 um 15:13 Uhr

    "Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?"

    Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan. Und Studenten, die nach zehn Jahren das Studium abbrechen, dürften jetzt wirklich eine verschwindend geringe Minderheit sein. Die meisten brechen- zumindest war das zu Diplomzeiten noch so - innerhalb der ersten vier Semester ihr Studium ab.

    • RRan
    • 13.06.2011 um 15:13 Uhr

    "Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?"

    Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan. Und Studenten, die nach zehn Jahren das Studium abbrechen, dürften jetzt wirklich eine verschwindend geringe Minderheit sein. Die meisten brechen- zumindest war das zu Diplomzeiten noch so - innerhalb der ersten vier Semester ihr Studium ab.

    • RRan
    • 13.06.2011 um 15:13 Uhr

    "Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?"

    Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan. Und Studenten, die nach zehn Jahren das Studium abbrechen, dürften jetzt wirklich eine verschwindend geringe Minderheit sein. Die meisten brechen- zumindest war das zu Diplomzeiten noch so - innerhalb der ersten vier Semester ihr Studium ab.

    Antwort auf "Ja, schwer..."
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    "Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan."

    Ja, wobei du recht hast, sowas ist wohl eine extreme Ausnahmesituation. Andererseits sagt es nichts über die Art der Studiengänge aus, da können ja auch schon frühere Wechsel mit dabei sein.

    Bei die "10 Jahre umsonst" kann man uU auch das Abi mitrechnen, welches man sich dann ebenfalls hätte sparen können. Ich habe mit Abi und Fehlstudiengängen zusammen auch 7 Jahre rumgebracht. Die Zeit ist viel schneller vorbei als man glauben kann, Stress herrschte immer und man bemerkt tendenziell zu spät, wenn was schief läuft. Hab am Ende doch noch einen guten Abschluß gemacht, auch wenn sich der finanziell in diesem Leben nicht mehr rentieren wird.

    Eine riesige Verschwendung die sich Staat und Unis hier leisten. Das Geld wäre viel besser für die Studenten nutzbar. Man kann an fast jedem Studiengang was Interessantes finden, natürlich wird man das umso weniger, je gelangweilter das Personal, je tröger und weltfremder der Lernstoff und je weniger efolgreich man ist. Ich hätte lieber in meinem ersten Studiengang einen Abschluß gemacht (mit meinem heutigen Wissen und Wikipedia könnte ich das vielleicht sogar :-)

    "Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan."

    Ja, wobei du recht hast, sowas ist wohl eine extreme Ausnahmesituation. Andererseits sagt es nichts über die Art der Studiengänge aus, da können ja auch schon frühere Wechsel mit dabei sein.

    Bei die "10 Jahre umsonst" kann man uU auch das Abi mitrechnen, welches man sich dann ebenfalls hätte sparen können. Ich habe mit Abi und Fehlstudiengängen zusammen auch 7 Jahre rumgebracht. Die Zeit ist viel schneller vorbei als man glauben kann, Stress herrschte immer und man bemerkt tendenziell zu spät, wenn was schief läuft. Hab am Ende doch noch einen guten Abschluß gemacht, auch wenn sich der finanziell in diesem Leben nicht mehr rentieren wird.

    Eine riesige Verschwendung die sich Staat und Unis hier leisten. Das Geld wäre viel besser für die Studenten nutzbar. Man kann an fast jedem Studiengang was Interessantes finden, natürlich wird man das umso weniger, je gelangweilter das Personal, je tröger und weltfremder der Lernstoff und je weniger efolgreich man ist. Ich hätte lieber in meinem ersten Studiengang einen Abschluß gemacht (mit meinem heutigen Wissen und Wikipedia könnte ich das vielleicht sogar :-)

  2. Danke

  3. 4. hmm...

    ...naja, X Alternativen auszuprobieren hängt ja auch ein wenig davon ab, ob man es sich leisten kann. Selbst wenn man die Uni verlässt, und einen Job hat, mit dem man sich über Wasser hält, hatt man noch nicht unbedingt das geld, abends Kurse zu machen, oder man hat nicht die Zeit, verschiedene Praktika zu machen, denn die Arge steht hinter einem und zwingt einen in wirklich sehr demotivierende Tätigkeiten.
    Es sei denn, man hat vermögende Eltern, die einem die persönliche Findungsphase bezahlen.Dann geht das.

    Ich denke aber trotzdem, dass die meisten das zweite Studium deshalb anfangen, weil-wie im Artikel beschrieben- ein schlechter Abschluss, den man hasst, besser ist, als gar keiner. Ist doch das gleiche wie mit einer Lehre. Eine Ausbildung bricht man auch nicht gleich ab, da hängt Geld und soziale Ausstiegschancen dran. Dann doch lieber lernen, was einem nicht gefällt, anstatt ins Ungewisse zu fallen. Und in Zeiten von ALG2 ist das definitiv ein Fall.

    • LP
    • 13.06.2011 um 15:59 Uhr

    ...studieren und dann noch 12 bis 20 Stunden in der Woche jobben habe ich jahrelang mitgemacht. Da gab es viele Krisen durch zu stehen.

    Einfach mal wieder Urlaub machen, habe ich immer wieder gedacht. Mal durchatmen können. Nicht immmer dieser Druck, der auf Dauer wirklich an den Nerven zehrt, weil man gerne mehr für das Studium tun würde und dann doch das Gefühl haben muss, nur halbe Sachen zu machen. So was es ja letztlich auch.

    Als dann die Studiengebühren kommen sollten, habe ich im letzten Semester davor einfach noch schnell einen Bachelor gemacht. Eigentlich fehlte mir nur noch ein Schein zum Magister, aber wie finanziere ich das? Meine ganze Lebensplanung war doch eh schon auf Kante genäht.

    Und Bafög?! Keine Chance. Das habe ich am Anfang des Studium zwei Semester lang in Anspruch genommen, da ich aber trozdem noch arbeiten gehen musste, (die Mieten sind in Hamburg sehr hoch) war das mit der Abrechung immer so kompliziert (eine zweite Steuererklärung) dass ich gesagt habe: Ich sorge für ich selbst! Wer diesen Weg aber einmal eingeschlagen hat, bekommt später kein Bafög mehr.

    Eins ist sicher: Demnächst wandere ich in das Heimatland meiner Mutter aus. Da müssen die obersten 10% wenigstens noch vernünftig Steuern bezahlen. Dass man die Wohlhabenden in Deutschland unter Artenschutz stellt kommt einer Dekadenz gleich, die ich nicht länger mittragen will.

    Wenigstens ein Studium könnte man tüchtigen Kindern aus Harz4-Familien noch freistellen. Die Schweden tun das.

  4. es ist auch häufig nicht zu schaffen - Uni (bei mir FH), Kinder, nebenher arbeiten, immer mit dem Pfennig rechnen, Essensmarken so einsetzen, dass sie der ganzen Familie nützen. Auch nach dem Abbruch - nach gut der Hälfte des Betriebswirtschafts-Studiums - war ich noch dauermüde.
    Bereut habe ich eigentlich nur, dass ich nicht die Zeit und Ruhe hatte, ein Fach zu studieren, das mir sehr viel Spaß gemacht hat. Aber drei kleine Kinder, einen Mann, der ebenfalls studiert, lassen nicht sehr viel Raum. Richtiggehend neidisch war ich auf die anderen Studentinnen, die ohne Not, zum Teil mit gut verdienendem Ehemann, ihr Studium durchziehen konnten. Heute allerdings nicht mehr ...
    Die Karriere habe ich trotzdem gemacht, in einem Bereich, der mir noch mehr liegt als Betriebswirtschaft. Informatik ist nicht nur mein Beruf, sie ist auch mein Hobby. Ich habe nie das Gefühl, zu arbeiten, ich mache, was mir Freude bereitet.
    Ich wünsche allen Studierenden und auch den Abbrechern, dass sie dahin kommen. Unsere Tochter hat auch abgebrochen und eine Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen. Sie ist sicherlich beruflich stark beansprucht, aber sie sagt immer noch, dass sie ihren Traumberuf hat. (Und das bei den geringen Gehältern ...)

  5. Ich kann mich so gut in diese Leute hineinversetzen, denn auch ich habe nach 2 Semestern BWL abegebrochen.
    Mich plagten Gewissensbisse und ich konnte nicht mal einmal mehr schlafen vor Sorgen.
    Meine Kommilitonen sagte: Mach doch weiter und schau mal wies dann so läuft.
    Aber ich war sicher, das war nichts für mich.
    Ich finde mich selber in diesem Artikel wieder und finde es gut, dass über soetwas geschrieben wird, was eigentlich so menschlich ist.
    Es ist einfach schwer die richtigen Entscheidungen fürs Leben zu treffen und deswegen eigentlich umso verständlicher wenn man vielleicht Umwege gehen muss, damit man glücklich wird.
    Ich studiere jetzt Deutsch und Englisch und werde meinen Master in Kultur und Medien machen, und ich bin sehr froh diese Entscheidung getroffen zu haben.
    Vielen Dank für diesen tollen Artikel!

    Eine Leser-Empfehlung
  6. 8. Ja...

    "Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan."

    Ja, wobei du recht hast, sowas ist wohl eine extreme Ausnahmesituation. Andererseits sagt es nichts über die Art der Studiengänge aus, da können ja auch schon frühere Wechsel mit dabei sein.

    Bei die "10 Jahre umsonst" kann man uU auch das Abi mitrechnen, welches man sich dann ebenfalls hätte sparen können. Ich habe mit Abi und Fehlstudiengängen zusammen auch 7 Jahre rumgebracht. Die Zeit ist viel schneller vorbei als man glauben kann, Stress herrschte immer und man bemerkt tendenziell zu spät, wenn was schief läuft. Hab am Ende doch noch einen guten Abschluß gemacht, auch wenn sich der finanziell in diesem Leben nicht mehr rentieren wird.

    Eine riesige Verschwendung die sich Staat und Unis hier leisten. Das Geld wäre viel besser für die Studenten nutzbar. Man kann an fast jedem Studiengang was Interessantes finden, natürlich wird man das umso weniger, je gelangweilter das Personal, je tröger und weltfremder der Lernstoff und je weniger efolgreich man ist. Ich hätte lieber in meinem ersten Studiengang einen Abschluß gemacht (mit meinem heutigen Wissen und Wikipedia könnte ich das vielleicht sogar :-)

    Antwort auf "@i-urlaub"

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