Studienabbruch Soll ich das jetzt durchziehen?
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Viele Studenten erleben an der Uni den ersten Flop ihres Lebens

1. Ist das Studium wirklich das Problem?

Der Weg zu Johanna Wiegand führt durch sanfte Hügel, am Horizont die Alpen; es geht vorbei an Zwiebelturmkapellen und struppigen Ponys, die interessiert mit den Ohren wackeln, wenn ein Auto vorbeifährt. Johanna, graues Longsleeve, Arbeitshose im baggy cut, steht in der Schreinerwerkstatt und klopft mit Hammer und Stecheisen ein Loch in ein Brett. Im Raum hängt der Geruch von Harz, an den Wänden kleben einige Pin-up-Mädchen mit Pin-up-Gesichtsausdrücken. Daneben hat Johanna einen Pin-up-Jungen gehängt, ohne Gesichtsausdruck, man sieht nur seinen Hintern. »Meinem Chef ist der sehr peinlich«, sagt Johanna. Sie schaut kurz auf und lacht. »Aber da muss er durch.« Dann bringt sie wieder mit festen Schlägen die Holzspäne zum Fliegen. Johanna hat sich schnell eingefügt in dieser staubigen Welt aus Hämmern, Holz und Schleifpapier, sie hat hier in der bayerischen Werkstatt ihr Glück gefunden.

Es ist nicht lange her, da bearbeitete die 25-jährige Auszubildende keine Fichtenholzstühle, sondern den Bildungsroman des 18.Jahrhunderts. Johanna studierte Deutsch-Italienische Studien in Bonn; nur 25 Kommilitonen, Germanistik, Italianistik, ein Jahr an der Uni Florenz. »Klang gut«, sagt Johanna. Doch schon in den ersten Seminaren merkt sie, die anderen sind engagierter, schneller, brennen mehr für das Studium. Johanna kann selten etwas beitragen, braucht ewig, um die Texte zu verstehen. »Manchmal habe ich nicht einmal die Frage kapiert.«

Viele Studenten erleben an der Uni den ersten Flop ihres Lebens. Zum ersten Mal sind fast alle um sie herum mindestens genauso leistungsstark wie sie selbst. »Das ist für viele ein Schock, eine Relativierung ihrer Leistungsfähigkeit«, sagt Hans-Werner Rückert. Wenn dazu das Gefühl kommt, es nicht zu packen, stürzen viele Studenten in ihre erste große Krise. »Das können Ängste sein, vor der Zukunft, vor dem Versagen, Probleme mit dem Selbstwertgefühl oder eben der Gedanke: Soll ich einfach hinschmeißen?«

Johanna hat sich die Entscheidung zum Studienabbruch nicht leicht gemacht. Sie tat das, was Psychologen wie Hans-Werner Rückert jedem empfehlen, der in der Entscheidungsklemme steckt: Sie fragte sich, ob das Studium wirklich der Grund für ihre Probleme war. Es kann tausend Gründe geben, warum jemand im Studium unzufrieden ist: eine Krise in der Beziehung, ein Todesfall in der Familie, finanzielle Sorgen. »Dann ist der Wunsch, abzubrechen, eher die Verlagerung eines ganz anderen Problems«, sagt Rückert. Auch Johanna kam ins Grübeln, ob ihre Unzufriedenheit vielleicht andere Ursachen hatte. Aber da war nichts. »Je länger ich nachdachte, umso mehr merkte ich, dass mir das Studium einfach zu abgehoben war. Es war nicht das, was ich brauchte: etwas zum Anfassen.«

Als sie im Fernsehen einen Dokumentarfilm über einen Geigenbauer sieht, kommen ihr die Tränen. Zum ersten Mal denkt sie: »Vielleicht bin ich keine Studentin, sondern etwas ganz anderes!« Schon als Kind hat Johanna ständig gebaut: Miniaturhäuser aus Stöcken, dazu einen Garten. Später Didgeridoos. War etwas am Haus kaputt, half sie ihrem Vater, es zu reparieren. Im Baumarkt blieb sie immer an den Regalen mit den Hämmern und Bohrmaschinen stehen. Ihr Verdacht wird immer stärker, dass sie an der Universität falsch ist. Mit den Zweifeln kommen schlimme Kopfschmerzen, permanent, tagsüber, nachts. Acht Wochen lang quält sich Johanna, dann löst sich die Sinnkrise von einem Moment auf den anderen auf und mit ihr das Kopfweh. Im Rückblick war es ganz einfach: Sie legte sich auf die Schlafcouch und dachte zehn Minuten nach. Dann ging sie vier Schritte zum Telefon, wählte eine Nummer und sagte: »Mama, ich höre auf.«

Ob es um eine Beziehung geht oder den Abbruch des Studiums: Meistens sind es in beiden Fällen dieselben Probleme, die einen davon abhalten, die richtige Entscheidung zu treffen. Man erfüllt Erwartungen, eigene und die von anderen. Für Johanna war immer klar, dass sie auf die Hochschule gehen würde. Ihre Eltern sind beide Musiklehrer, Akademiker. Auch alle ihre Freunde wollten studieren. Ein Studium sei das Vernünftigste, sagten sie, die Zukunftschancen, der Arbeitsmarkt, na klar. Es ist nicht leicht, gegen Vernunftgründe zu argumentieren. Manchmal sollte man das aber. Manchmal ist es das einzig Vernünftige, die Vernunft abzuschalten, auf sein Gefühl zu hören und zu fragen, was man wirklich will. In der Liebe ist es ähnlich: Mit einer netten, unkomplizierten Nachwuchslehrerin zusammen zu sein scheint schlau, aber was, wenn man eigentlich auf irre Malerinnen steht? In Beziehungen leuchtet es schnell ein, warum man mit den Falschen nicht glücklich wird. Bei der Wahl des Studienfachs dauert diese Erkenntnis oft etwas länger.

Leser-Kommentare
  1. ...denn machen wir uns nichts vor, gerade die schwierigen technischen Studiengänge fordern entweder viel Talent oder mehr oder weniger die Aufgabe eines normalen Lebens, zugunsten ständigen Lernstresses und Frustes. Nur wenige halten das über Jahre hinweg aus, die Abbrecherquoten in der Informatik schwankten (hochschulabhängig) zwischen 20 und 50%, angeblich sinken sie durch den Bachelor.

    Gerade bei Frauen kommt dann nicht selten noch ein Kind dazwischen, welches vom Arbeitsaufwand, faktisch immer, unterschätzt wird und auch die Motivationen enorm verschieben kann.

    Die Frage die sich mir daher aufdrängt: gibt es keine gescheiten Lösungen jenseits des Abbruchs? Zehn Jahre umsonst studiert zu haben, ist auch für die Gesellschaft ein riesiger Verlust. Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?

    Der Eindruck den ich habe: das Studium ist gesellschaftlich genauso verkrustet, wie die deutsche Familienpolitik. Alles ausgerichtet auf eine weitgehend homogene traditionsorientierte Männertruppe. Die Unis unfähig mit den Problemen ihrer Mitglieder umzugehen...? Oder täuscht das?

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    • RRan
    • 13.06.2011 um 15:13 Uhr

    "Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?"

    Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan. Und Studenten, die nach zehn Jahren das Studium abbrechen, dürften jetzt wirklich eine verschwindend geringe Minderheit sein. Die meisten brechen- zumindest war das zu Diplomzeiten noch so - innerhalb der ersten vier Semester ihr Studium ab.

    • RRan
    • 13.06.2011 um 15:13 Uhr

    "Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?"

    Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan. Und Studenten, die nach zehn Jahren das Studium abbrechen, dürften jetzt wirklich eine verschwindend geringe Minderheit sein. Die meisten brechen- zumindest war das zu Diplomzeiten noch so - innerhalb der ersten vier Semester ihr Studium ab.

    • RRan
    • 13.06.2011 um 15:13 Uhr

    "Kann so jemand nicht einige Jahre reduziert studieren, die Prüfungen verschieben etc.?"

    Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan. Und Studenten, die nach zehn Jahren das Studium abbrechen, dürften jetzt wirklich eine verschwindend geringe Minderheit sein. Die meisten brechen- zumindest war das zu Diplomzeiten noch so - innerhalb der ersten vier Semester ihr Studium ab.

    Antwort auf "Ja, schwer..."
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    "Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan."

    Ja, wobei du recht hast, sowas ist wohl eine extreme Ausnahmesituation. Andererseits sagt es nichts über die Art der Studiengänge aus, da können ja auch schon frühere Wechsel mit dabei sein.

    Bei die "10 Jahre umsonst" kann man uU auch das Abi mitrechnen, welches man sich dann ebenfalls hätte sparen können. Ich habe mit Abi und Fehlstudiengängen zusammen auch 7 Jahre rumgebracht. Die Zeit ist viel schneller vorbei als man glauben kann, Stress herrschte immer und man bemerkt tendenziell zu spät, wenn was schief läuft. Hab am Ende doch noch einen guten Abschluß gemacht, auch wenn sich der finanziell in diesem Leben nicht mehr rentieren wird.

    Eine riesige Verschwendung die sich Staat und Unis hier leisten. Das Geld wäre viel besser für die Studenten nutzbar. Man kann an fast jedem Studiengang was Interessantes finden, natürlich wird man das umso weniger, je gelangweilter das Personal, je tröger und weltfremder der Lernstoff und je weniger efolgreich man ist. Ich hätte lieber in meinem ersten Studiengang einen Abschluß gemacht (mit meinem heutigen Wissen und Wikipedia könnte ich das vielleicht sogar :-)

    "Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan."

    Ja, wobei du recht hast, sowas ist wohl eine extreme Ausnahmesituation. Andererseits sagt es nichts über die Art der Studiengänge aus, da können ja auch schon frühere Wechsel mit dabei sein.

    Bei die "10 Jahre umsonst" kann man uU auch das Abi mitrechnen, welches man sich dann ebenfalls hätte sparen können. Ich habe mit Abi und Fehlstudiengängen zusammen auch 7 Jahre rumgebracht. Die Zeit ist viel schneller vorbei als man glauben kann, Stress herrschte immer und man bemerkt tendenziell zu spät, wenn was schief läuft. Hab am Ende doch noch einen guten Abschluß gemacht, auch wenn sich der finanziell in diesem Leben nicht mehr rentieren wird.

    Eine riesige Verschwendung die sich Staat und Unis hier leisten. Das Geld wäre viel besser für die Studenten nutzbar. Man kann an fast jedem Studiengang was Interessantes finden, natürlich wird man das umso weniger, je gelangweilter das Personal, je tröger und weltfremder der Lernstoff und je weniger efolgreich man ist. Ich hätte lieber in meinem ersten Studiengang einen Abschluß gemacht (mit meinem heutigen Wissen und Wikipedia könnte ich das vielleicht sogar :-)

  2. Danke

  3. 4. hmm...

    ...naja, X Alternativen auszuprobieren hängt ja auch ein wenig davon ab, ob man es sich leisten kann. Selbst wenn man die Uni verlässt, und einen Job hat, mit dem man sich über Wasser hält, hatt man noch nicht unbedingt das geld, abends Kurse zu machen, oder man hat nicht die Zeit, verschiedene Praktika zu machen, denn die Arge steht hinter einem und zwingt einen in wirklich sehr demotivierende Tätigkeiten.
    Es sei denn, man hat vermögende Eltern, die einem die persönliche Findungsphase bezahlen.Dann geht das.

    Ich denke aber trotzdem, dass die meisten das zweite Studium deshalb anfangen, weil-wie im Artikel beschrieben- ein schlechter Abschluss, den man hasst, besser ist, als gar keiner. Ist doch das gleiche wie mit einer Lehre. Eine Ausbildung bricht man auch nicht gleich ab, da hängt Geld und soziale Ausstiegschancen dran. Dann doch lieber lernen, was einem nicht gefällt, anstatt ins Ungewisse zu fallen. Und in Zeiten von ALG2 ist das definitiv ein Fall.

    • LP
    • 13.06.2011 um 15:59 Uhr

    ...studieren und dann noch 12 bis 20 Stunden in der Woche jobben habe ich jahrelang mitgemacht. Da gab es viele Krisen durch zu stehen.

    Einfach mal wieder Urlaub machen, habe ich immer wieder gedacht. Mal durchatmen können. Nicht immmer dieser Druck, der auf Dauer wirklich an den Nerven zehrt, weil man gerne mehr für das Studium tun würde und dann doch das Gefühl haben muss, nur halbe Sachen zu machen. So was es ja letztlich auch.

    Als dann die Studiengebühren kommen sollten, habe ich im letzten Semester davor einfach noch schnell einen Bachelor gemacht. Eigentlich fehlte mir nur noch ein Schein zum Magister, aber wie finanziere ich das? Meine ganze Lebensplanung war doch eh schon auf Kante genäht.

    Und Bafög?! Keine Chance. Das habe ich am Anfang des Studium zwei Semester lang in Anspruch genommen, da ich aber trozdem noch arbeiten gehen musste, (die Mieten sind in Hamburg sehr hoch) war das mit der Abrechung immer so kompliziert (eine zweite Steuererklärung) dass ich gesagt habe: Ich sorge für ich selbst! Wer diesen Weg aber einmal eingeschlagen hat, bekommt später kein Bafög mehr.

    Eins ist sicher: Demnächst wandere ich in das Heimatland meiner Mutter aus. Da müssen die obersten 10% wenigstens noch vernünftig Steuern bezahlen. Dass man die Wohlhabenden in Deutschland unter Artenschutz stellt kommt einer Dekadenz gleich, die ich nicht länger mittragen will.

    Wenigstens ein Studium könnte man tüchtigen Kindern aus Harz4-Familien noch freistellen. Die Schweden tun das.

  4. es ist auch häufig nicht zu schaffen - Uni (bei mir FH), Kinder, nebenher arbeiten, immer mit dem Pfennig rechnen, Essensmarken so einsetzen, dass sie der ganzen Familie nützen. Auch nach dem Abbruch - nach gut der Hälfte des Betriebswirtschafts-Studiums - war ich noch dauermüde.
    Bereut habe ich eigentlich nur, dass ich nicht die Zeit und Ruhe hatte, ein Fach zu studieren, das mir sehr viel Spaß gemacht hat. Aber drei kleine Kinder, einen Mann, der ebenfalls studiert, lassen nicht sehr viel Raum. Richtiggehend neidisch war ich auf die anderen Studentinnen, die ohne Not, zum Teil mit gut verdienendem Ehemann, ihr Studium durchziehen konnten. Heute allerdings nicht mehr ...
    Die Karriere habe ich trotzdem gemacht, in einem Bereich, der mir noch mehr liegt als Betriebswirtschaft. Informatik ist nicht nur mein Beruf, sie ist auch mein Hobby. Ich habe nie das Gefühl, zu arbeiten, ich mache, was mir Freude bereitet.
    Ich wünsche allen Studierenden und auch den Abbrechern, dass sie dahin kommen. Unsere Tochter hat auch abgebrochen und eine Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen. Sie ist sicherlich beruflich stark beansprucht, aber sie sagt immer noch, dass sie ihren Traumberuf hat. (Und das bei den geringen Gehältern ...)

  5. Ich kann mich so gut in diese Leute hineinversetzen, denn auch ich habe nach 2 Semestern BWL abegebrochen.
    Mich plagten Gewissensbisse und ich konnte nicht mal einmal mehr schlafen vor Sorgen.
    Meine Kommilitonen sagte: Mach doch weiter und schau mal wies dann so läuft.
    Aber ich war sicher, das war nichts für mich.
    Ich finde mich selber in diesem Artikel wieder und finde es gut, dass über soetwas geschrieben wird, was eigentlich so menschlich ist.
    Es ist einfach schwer die richtigen Entscheidungen fürs Leben zu treffen und deswegen eigentlich umso verständlicher wenn man vielleicht Umwege gehen muss, damit man glücklich wird.
    Ich studiere jetzt Deutsch und Englisch und werde meinen Master in Kultur und Medien machen, und ich bin sehr froh diese Entscheidung getroffen zu haben.
    Vielen Dank für diesen tollen Artikel!

    Eine Leser-Empfehlung
  6. 8. Ja...

    "Nunja, jemand der zehn Jahre studiert, hat genau das schon getan."

    Ja, wobei du recht hast, sowas ist wohl eine extreme Ausnahmesituation. Andererseits sagt es nichts über die Art der Studiengänge aus, da können ja auch schon frühere Wechsel mit dabei sein.

    Bei die "10 Jahre umsonst" kann man uU auch das Abi mitrechnen, welches man sich dann ebenfalls hätte sparen können. Ich habe mit Abi und Fehlstudiengängen zusammen auch 7 Jahre rumgebracht. Die Zeit ist viel schneller vorbei als man glauben kann, Stress herrschte immer und man bemerkt tendenziell zu spät, wenn was schief läuft. Hab am Ende doch noch einen guten Abschluß gemacht, auch wenn sich der finanziell in diesem Leben nicht mehr rentieren wird.

    Eine riesige Verschwendung die sich Staat und Unis hier leisten. Das Geld wäre viel besser für die Studenten nutzbar. Man kann an fast jedem Studiengang was Interessantes finden, natürlich wird man das umso weniger, je gelangweilter das Personal, je tröger und weltfremder der Lernstoff und je weniger efolgreich man ist. Ich hätte lieber in meinem ersten Studiengang einen Abschluß gemacht (mit meinem heutigen Wissen und Wikipedia könnte ich das vielleicht sogar :-)

    Antwort auf "@i-urlaub"

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